Nicht nur humanitäre Dienste

ADZ-Interview mit Dr. Heinz Günther Hüsch, dem deutschen Verhandlungsführer in der Familienzusammenführung (II)

Mittwoch, 03. Oktober 2012

Symbolfoto: sxc.hu

Das Buch „Acţiunea ‚Recuperarea’“ umfasst nicht nur Urkunden aus rumänischen Archiven über die Art und Weise, wie die Securitate im Auftrag der höchsten Staats- und Parteiführung Rumäniens von der Bundesrepublik Deutschland zunehmend mehr Devisen erpresste, um Deutsche aus Rumänien ausreisen zu lassen, sondern auch solche über einzelne Spionagefälle.

Der Anwalt Dr. Heinz Günther Hüsch war von 1968 bis 1989 Deutschlands Verhandlungsführer in der Frage der Familienzusammenführung von Rumäniendeutschen. Die Verhandlungen erfolgten mit Vertretern der Securitate. Rumänien hat sich das Erteilen von Ausreisegenehmigungen mit Millionen DM bezahlen lassen. Im Folgenden Teil 2 des von Hannelore Baier Anfang September geführten Interviews, in dem es jedoch vorwiegend um Nebenaspekte der Familienzusammenführungsverhandlungen geht.

Ab wann wusste man in der Bundesrepublik, aus welchen „Diensten“ ihre rumänischen Verhandlungspartner kamen?

Von Anfang an, vom ersten Tag an.

Haben Ihre Verhandlungspartner jemals vertraulich Andeutungen über den einen oder anderen von der Landsmannschaft, von sonstigen Verbänden oder der evangelischen Kirche gemacht, dass sie in ihren „Diensten“, d. h. jener der Securitate, stehen?

Landmannschaft nein, sonstige Verbände nein, evangelische Kirche in Deutschland nein, evangelische Kirche in Rumänien ja. Es war ein evangelischer Pfarrer, der Beziehungen hinein in die deutsche Botschaft pflegte, darüber bin ich unterrichtet worden. Mir wurde mitgeteilt, man werde demnächst den Fall öffentlich machen. Es war ein klassischer Erpressungsfall und nicht die einzige Andeutung, die ich erhielt.

Ab welchen Jahren herrschte die Ansicht, man müsse alles versuchen, möglichst viele Rumäniendeutsche freizukaufen, und welche Faktoren haben zu dieser Ansicht geführt?

Der Auftrag an mich 1968 lautete: Zu versuchen, möglichst viele Rumäniendeutsche nach Deutschland zu holen. Die Frage müsste ich also beantworten: 1968. Wenn Sie nun aber die Frage stellen, wann die Überlegungen stattfanden, das gesamte „deutsche Problem“ zu lösen, dann ist das aus meiner Sicht 1983. Im November 1982 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler und er war von Anfang an der einzige Kanzler, der sich um diese Frage bemüht hat. Also, das Problem insgesamt zu lösen, daran begann man 1983 zu denken. Kohl ist Historiker und wuchs viel mehr in den historischen Gegebenheiten auf als Willy Brandt oder Helmut Schmidt.

Zur Zeit von Willy Brandt als Bundeskanzler erging an mich die Bitte des Kanzleramtes, auch in den in „Recuperarea“ erwähnen Spionagefällen tätig zu werden. Diese Bitte erging wohl, weil es sich um ein SPD-Mitglied handelte, das bei Thyssen Stahlgeschäfte machte und sich bei dieser Gelegenheit in die Spionage in Rumänien hat verwickeln lassen. Der Mann wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt und normalerweise übersteht ein Westler acht Jahre in einem rumänischen Gefängnis nicht. Er hatte sich unablässig mit Petitionen an Brandt gewandt und der ließ mich eines Tages durch Staatssekretär Manfred Lahnstein bitten, ob ich bereit wäre, diesen Fall zu regeln. Wir haben ihn geregelt.

Ist das der Fall Willy?

Ja, das war Willy I. Es kommen dann auch ein Fall Willy II und III vor.

Hießen sie Willy nach Willy Brandt?

Das kann durchaus sein. Mir sind die Decknamen Willy erst aus „Recuperarea“ bekannt geworden. Diese Fälle sind aber nicht mit den Gesprächspartnern in der Frage der Familienzusammenführung verhandelt worden, sondern mit Gheorghe Vasile, der Chefermittler in Staatsschutzsachen war. Mit ihm habe ich etwa zehnmal verhandelt. Er war später dann in einen typischen Geheimdienst-„Unfall“ verwickelt: ein Lastwagen fuhr in seinen Kleinwagen rein und er wurde schwer verletzt. Ich hatte ihn noch besuchen wollen, um ihm eventuell zu helfen, aber man hat mich wissen lassen, es sei untunlich nach ihm zu fragen.

Vor Willy hatte es den Fall Nanu gegeben ...

Ja, der Fall Nanu begann am 26. Juni 1975. Am 19. Juni hatte ich in Köln verhandelt und Geld übergeben, und fünf Tage später rief einer der rumänischen Verhandlungspartner vom Flughafen Frankfurt an, er müsse mich in einer sehr wichtigen Angelegenheit unverzüglich in der rumänischen Botschaft in Köln sprechen. Da traf ich die Herren Adalbert Bucur und Gheorghe Marcu an, und letzterer teilte mit, er handle im ausdrücklichen Auftrag von „Herrn Minister Drăgan“ – das war Nicolae Doicaru, der Chef des Außenspionagedienstes. Es handle sich um eine wichtige Sache, die die deutsch-rumänischen Beziehungen berühre, und man sehe große Gefahr, dass Verärgerung auftritt, und möchte, dass Innenminister Maihofer sofort unterrichtet werde, wurde mir gesagt.

Am 25. Juni sei ein rumänischer Staatsbürger ohne Grund verhaftet worden. Es handle sich um einen harmlosen Menschen, der nur kaufmännisch tätig ist. Ich erwiderte, dagegen spreche, dass Minister Drăgan ihn, Marcu, zu einer sofortigen Reise nach Köln beordert habe und ich könne mir nicht vorstellen, dass eine Verhaftung ohne Grund erfolgt sei. Marcu gab zu verstehen, dass in Rumänien sechs bis acht Personen verhaftet werden könnten, gegen die Verdachtsmaterial vorliege, man täte das aber nicht, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. Man habe sich an mich gewendet, weil man mich kenne und ich über Jahre eine wichtige Sache abgewickelt habe und zwar so, wie es nun wiederum als notwendig erachtet werde, also inoffiziell und vertraulich.

Ich zog Erkundungen ein und die ergaben, dass ein Ion Nanu, Direktor in der gemischten Gesellschaft Viktoria-Reifen in Stuttgart, von der Bundesanwaltschaft verhaftet worden war. Es lag ein Haftbefehl wegen des Verdachtes der Spionagetätigkeit vor und zwar soll er über den Raketentreibstoff, der in Deutschland hergestellt wurde, „recherchiert“ haben. Ich teilte den beiden rumänischen Verhandlungspartnern, die inzwischen wiederholt ungeduldig in meiner Wohnung erschienen waren, mit, dass nicht Minister Maihofer zuständig sei, die Angelegenheit in Händen der Bundesanwaltschaft und des Bundesgerichtshofes liegt und kein deutscher Minister da eingreifen könne. Marcu glaubte das nicht.

Nach einigen Tagen rief schließlich Minister Maihofer an und sagte, er habe jetzt alle Unterlagen eingesehen und sich entschlossen, in der Sache tätig zu werden. Er hoffe, dass eine Regelung erfolgen könne, und fragte, wie ich die Sache beurteile. Ich sagte, dass ich eine Regelung für wünschenswert halte, jedoch eine Gegenleistung von rumänischer Seite als notwendig erachte. Man sollte keinesfalls signalisieren, dass die Sache unerheblich sei, oder dass die rumänische Seite im Schutz der humanitären Zusagen sich jegliches Verhalten erlauben könne. Minister Maihofer stimmte dem Grundsatz zu.
Bucur und Marcu versuchten an den folgenden Tagen immer wieder, Druck auszuüben, um die Freilassung zu beschleunigen, doch machte ich ihnen klar, es bestehe keinerlei Bereitschaft, unter Druck oder Drohung zu verhandeln. Am 10. Juli wurde ich unterrichtet, dass die Ermittlungen ihrem Ende zugehen. Am 17. Juli fuhr ich dann in die Haftanstalt und von da zum Flughafen Frankfurt, hab dort die Bordkarte beschafft und mit je zwei Mann vom Bundesgrenzschutz und Bundeskriminalamt, alle vier hochbewaffnet, fuhr ich Nanu zum Flugzeug. Nanu wurde erklärt, er bekommt den Pass zurück und darf die Bundesrepublik nie mehr betreten.
Ich habe dann eine Liste von 20 Familien, etwa hundert Fälle, die bis dahin als unlösbar galten, überreicht und die lösten die beiden Verhandlungspartner. Der Fall Nanu ist wichtig für die Atmosphäre, weil sie die späteren Fälle Willy I, II und III eröffnet.

Was musste die Bundesrepublik im Gegenzug zur Lösung von Willy I, II und III leisten?

Für Willy I und II sehr viel, für Willy III gar nichts.

In „Recuperarea“ wird erwähnt, dass 1 Million DM für die Willys verlangt wurden.

In der Größenordnung. Aber der Fall Willy III war kein Spionagefall, das war ein Sportpilot, der eine übertriebene Leidenschaft für das Fliegen hatte. Es war eine Art Nachruf auf den Fall Mathias Rust in Moskau. Der etwa 30-Jährige wollte nach Istanbul über das Schwarze Meer fliegen und machte Zwischenlandung in Bukarest. Unerkannt von den Radarschirmen. Er durfte dennoch weiterfliegen. Einige Zeit später versprach er einigen Ausreisewilligen, die keine Bewilligung gekriegt hatten, sie mit dem Flugzeug auf einem Feld abzuholen. Er flog tatsächlich dahin, wurde aber verhaftet und zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Da es kein Spionagefall war, schaltete sich Andronic ein, ob er helfen könne. In den Spionagefällen Willy I und II hatte er nichts zu sagen gehabt. Nach mehreren Monaten Verhandlung konnte ich den Flieger abholen – und dann kriegte er einen Herzanfall am Düsseldorfer Flughafen. Den hat er aber überstanden. Ich hatte ihm gesagt, bei der Ankunft in Deutschland sind wir getrennte Leute, sie kennen mich nicht, schulden mir nichts und dürfen über den Fall nicht sprechen und schon gar nicht über mich. Er hat dann später trotzdem in der wenig bekannten Zeitschrift „Freizeit und Fernsehen“ die Geschichte erzählt und sie ist öffentlich geworden.

Ioan Mihai Pacepa, der an den Wirtschaftsgesprächen teilgenommen hatte, war zwischen 1956-1960 auch Leiter der Außenspionage-Niederlassung in der Bundesrepublik gewesen ...

Das hatte ich nicht gewusst. Er taucht für mich – indirekt – auf, als er die Seite wechselte. Und zwar war das so: Ich hatte mit den rumänischen Partnern mehrfach Verhandlungen in der rumänischen Botschaft geführt, sie aber auch im Intercontinental in Köln getroffen. Pacepa war Beauftragter, um u. a. über die Ansiedlung von VW in Rumänien zu verhandeln, und war wohl auch im Interconti untergebracht. Am Tage seines Verschwindens soll ein junger Mann ins Interconti gekommen sei – und das hätte ich sein sollen – und sei mit ihm weggegangen, wurde aus den ersten Ermittlungen bekannt.

Von meinem Verhandlungspartner Gheorghe Marcu traf die Aufforderung ein, ich soll dringend nach Bukarest kommen. Auf dergleichen Forderungen haben wir nie sofort reagiert, sondern immer zuerst zu erfahren versucht, worum es sich handelt. Diesmal kristallisierte sich heraus, dass es wahrscheinlich um Pacepa geht. Es gab damals zahlreiche Gespräche zu der Frage, ob die deutsche Seite an seinem Verschwinden beteiligt war oder nicht. Ich war es bestimmt nicht. Nach innerer Prüfung habe ich mich entschieden, nach Bukarest zu reisen, denn wenn ich es nicht tue, würde der Verdacht aufkommen, dass ich beteiligt sei. Vor der Abreise erklärte mir der Staatssekretär im Innenministerium dann noch, die deutsche Seite sei in den Fall Pacepa nicht verwickelt, das sei ein Thema der Amerikaner.

In Bukarest wurde ich nicht wie sonst abgeholt und fuhr ins Intercontinental, wo ich stets dasselbe Zimmer bekam. Dann meldete sich Marcu, er wolle mit mir sprechen, und zwar im Außenhandelsministerium. Es gab ein Institut für Außenhandelsbeziehungen, in dem er angeblich Professor war. In diesem Institut hab ich mehrfach mit ihm verhandelt. Diesmal fand das Gespräch aber in einem anderen Raum statt und Marcu drehte den Fernseher und den Rundfunk auf. Zum Schein begann er über die Zahlen in Sachen Freikauf zu sprechen, aber ich sagte, deswegen haben Sie mich wohl nicht kommen lassen. Nein, sagte er, und dann kam er auf Pacepa zu sprechen. Ich habe ihm gesagt, ich bin nicht beteiligt, die deutsche Seite ist es nicht, und ich empfehle ihm, bei einer anderen Feldpost anzurufen. Dann haben wir uns getrennt. Marcu war ein durch und durch trainierter Securitate-Mann. Am nächsten Morgen hat ein weiteres Treffen stattgefunden zu demselben Thema. Wie ich später erfahren habe, hatte er in der Tat angenommen, wenn wir beteiligt gewesen wären, wäre ich nicht gekommen. Pacepa hat dann Jahre später in seinem Buch bestätigt, dass wir es nicht waren.

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