„Nicht nur Schmalspur-Germanistik betreiben“

ADZ-Gespräch mit dem deutschen Parömiologen Wolfgang Mieder

Mittwoch, 17. Februar 2016

Wolfgang Mieder (Mitte), Professor für deutsche Sprache und Folklore an der US-amerikanischen University of Vermont, wurde der Titel Doctor honoris causa der Universität Bukarest im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung verliehen.
Foto: Aida Ivan

Wolfgang Mieder ist Professor für deutsche Sprache und Folklore an der US-amerikanischen University of Vermont in Burlington (Vermont) und international anerkannter Parömiologe. Als Experte für deutsche Sprichwörter und Märchen hat er mehr als hundert Bücher zu diesem Thema veröffentlicht. Unlängst wurde ihm der Titel Doctor honoris causa der Universität Bukarest verliehen. Mit Prof. Wolfgang Mieder hat ADZ-Redakteurin Aida Ivan ein Gespräch über seinen Themenbereich geführt.
 

Herr Mieder, wie fühlen Sie sich jetzt, da Sie den Titel Doctor honoris causa der Universität Bukarest bekommen haben?

Ich fühle mich unglaublich geehrt und eigentlich auch überrascht, dass diese Anerkennung aus Rumänien gekommen ist. Es ist nicht gewöhnlich, dass ein Professor einen Ehrendoktortitel bekommt, wenigstens nicht in Amerika, das ist sehr selten. So war es für mich eine große Ehre, ich sehe das ein biss-chen als Anerkennung für mein Gebiet – als Anerkennung auch für andere Sprichwortforscher. Ich denke, es ist nicht für mich alleine, es ist auch für andere. Es ist schon eine große Freude, ich bin sehr dankbar dafür.


Als Sie Ihre Kindheit in Lübeck verbracht haben, haben Sie daran gedacht, dass Sie Parömiologe werden könnten?

Nein, niemals. Ich bin 1944 geboren, ich habe in Leipzig und dann ab 1949 in Lübeck gelebt. 1960, als ich 16 war, war eigentlich der Traum von vielen jungen Deutschen, wenig-stens ein Jahr in Amerika zu verbringen. Das war ein Jugendtraum, nicht nur von mir, sondern von vielen Leuten. Und dann ging ich das eine Jahr nach Amerika und habe mich sofort in dieses Land verliebt und bin dann geblieben. Ich war vier Jahre in Amerika, bevor ich das erste Mal nach Hause fuhr, nach Lübeck.

In Deutschland war ich kein besonders guter Schüler, ich hatte kein Interesse an intellektuellen Sachen. In Amerika, wie man so sprichwörtlich sagt, ist der Groschen gefallen. Da habe ich plötzlich entdeckt, da gibt es viele interessante Sachen, ich habe Romanistik und Germanistik studiert. Jeder junge Mensch findet seinen oder ihren Weg.


Und wie haben Sie Ihren gefunden?

Ich habe eigentlich zuerst Mathematik und Chemie studiert und dann eines Tages hatte ich diese Idee, dass ich vielleicht Lehrer oder Professor werden will. Und dann hatte ich die Idee, dass ich vielleicht doch nicht ein begabter Mathematiker war, und dachte – wenn ich in Amerika bleibe, dann könnte ich doch die europäische Kultur vertreten. Da hatte ich als Student einen Kurs bei einem Professor über deutsche Folkloristik – Volkskunde belegt. Wir hatten zwei Wochen Märchen, zwei Wochen Rätsel, Sagen, Volkslieder und zwei Wochen Sprichwörter gemacht.

Das war der Punkt, wo ich gesagt habe, dass Sprichwörter mich interessieren, und ich werde meine Dissertation über ein Sprichwortthema machen. Und das habe ich dann über Jeremias Gotthelf, den Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, über die berühmte Novelle „Die schwarze Spinne“ gemacht. Damit begann es. Was für mich ein großes Glück war und noch ist: Ich habe ein sehr breites Interesse an internationalen Themen und kann verschiedene Sprachen, ich muss nicht Schmalspur-Germanistik betreiben. Ich kann in der amerikanischen, englischen Ethnologie arbeiten, ich kann über Kunstgeschichte schreiben – Sprichwörter sind überall. Wenn man sich plötzlich für Journalismus interessiert, das habe ich auch gemacht, kann man natürlich vieles untersuchen, zum Beispiel: Welche Sprichwörter finde ich in den Schlagzeilen oder in der Werbung einer Zeitung? Oder wie sieht es mit den Sprichwörtern in den Volksliedern aus?

Das ist das Interessante an der Sprichwörterforschung, dass man eigentlich in alle Richtungen gehen kann, wenn man als Student oder als Professor ein Grundwissen über Sprichwörter hat. Ich sammle schon seit langem Kartenspiele, die sich mit Sprichwörtern befassen. Oder als Präsident Obama versuchte, Präsident zu werden, habe ich alle seine Reden untersucht, um zu sehen, wie das mit der Sprichwörterrhetorik ist. Und gerade jetzt ist mein neues Buch über Willy Brandt erschienen, den ich sehr bewundere als Staatsmann, als Deutschen und vor allem als europäischen Staatsmann, der aus Lübeck stammt. Sehen Sie, ich kann das in Amerika machen, ich kann das in Deutschland machen.


Welche Länder haben Sie bisher sozusagen studiert?

Hauptsächlich Amerika und Deutschland, die Schweiz und Österreich kommen automatisch dazu, England auch. Aber in der vergleichenden Sprichwörterforschung – sagen wir mal – interessiert mich, woher und wie alt ist das Sprichwort „Große Fische fressen kleine Fische“. Das habe ich zurückverfolgt bis zu Hesiod in die griechische Antike. Das Sprichwort gibt es in fast allen Sprachen. Da kann man untersuchen, wie das Sprichwort aus dem Lateinischen über Erasmus von Rotterdam schließlich ins Deutsche kommt – das ist diachronische Arbeit. Und das ist auch ein besonderes Interesse. Und dann gibt es die Frage, was sind die neuen Sprichwörter. Leute denken, Sprichwörter sind unbedingt alt. Das ist nicht wahr. Es gibt Sprichwörter, die wir immer haben werden. „Eine Hand wäscht die andere“, „Große Fische fressen kleine Fische“, aber es gibt ganz neue Sprichwörter. Zum Beispiel „Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“. Das ist eine Übersetzung eines amerikanischen Sprichwortes. Wir müssen auch untersuchen, was junge Leute heute sagen. Welche Sprichwörter sterben? Das sind antifeministische Sprichwörter – Gott sei Dank! – wie:„Lange Haare, kurzer Sinn“. Lange Haare ist automatisch eine Frau. Wer sagt das heute? Sprichwörter haben schon einen Anfang und ein Ende. Manche bleiben. Es gibt auch neue. Und die anglo-amerikanische Sprache ist als Weltsprache unglaublich einflussreich auf die deutsche Sprache. Das deutsche Sprichwort „Morgenstunde hat Gold im Munde“ wird durch „The early bird catches the worm“ / „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ersetzt. Schon seit etwa 1980 wegen der Übersetzungen von Filmen, Journalismus, Werbung, Lieder – überall sagt man das auch im Deutschen. Es ist ganz beliebt in Deutschland. Ich habe gerade ein Buch darüber geschrieben. Was ist passiert? Viele Junge in Deutschland sagen fast nicht mehr „Morgenstunde hat Gold im Munde“, sie sagen „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Sie sehen den unglaublichen Spracheinfluss. Man kann diachronisch, synchronisch, vergleichend arbeiten und wie gesagt, der Themenbereich ist im Prinzip endlos.


Und wie haben Sie bisher gearbeitet?

In letzter Zeit habe ich sehr sehr viel über politische Rhetorik geschrieben. Wie benutzen Politiker Sprichwörter, um Menschen von ihren Ideen und Plänen zu überzeugen? Nehmen wir mal den Zweiten Weltkrieg. Winston Churchill in England hat sehr, sehr viele Sprichwörter benutzt, um die eigenen Leute zu überzeugen, gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen, noch bevor Amerika in den Krieg eintrat. Eigentlich bewundernswert. Hitler hat in „Mein Kampf“ dieselben Sprichwörter benutzt, um die deutsche Bevölkerung mitzureißen und zu manipulieren. Sehen Sie, Sprichwörter sind nicht einfach. Was bedeutet das, wenn man sagt, „Wir müssen das Eisen schmieden, solange es heiß ist“? Nehmen wir an, man geht in einen Buchladen und man sieht ein schönes deutsches Buch über deutsche Sprichwörter. Solche Bücher sind interessant und wichtig, die Texte sind aber fast bedeutungslos. Man braucht einen Zusammenhang, einen Kontext.


Was meinen Sie damit?

Ich gebe drei wichtige Begriffe: Polifunktionalität – das Sprichwort muss verschiedentlich eingesetzt werden, positiv, negativ, lustig, ernsthaft, satirisch, spaßig; Polisituativität – ein Sprichwort muss in verschiedenen Situationen benutzt werden können; Polisemantizität – mehrfache Bedeutung. Wenn man Sprichwörter wirklich untersucht, dann merkt man, dass Sprichwörter manch-mal durchaus sexuell, erotisch interpretiert werden können, aber nicht müssen. Das ist das Interessante an Sprichwörtern.

Ein Werbeslogan, der sich wie ein Sprichwort anhört, ist noch lange kein Sprichwort. Es muss diese drei Möglichkeiten geben. Wenn man sich einen Beatles-Song, oder einen Song von Bob Dylan anhört, zum Beispiel „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan – eins meiner Lieblingslieder, dann sagt er am Ende von jedem Vers „You’re like a rolling stone“, das ist natürlich das Sprichwort „The rolling stone gathers no moss“. Aber was bedeutet dieses Sprichwort? Man kann denken, es ist positiv, wenn man sich immer bewegt, dann wird man vielleicht nicht langweilig. Wenn man sich zu viel bewegt, dann hat man keine Wurzeln.


Der Bereich ist so breit. Was hat Ihnen am meistens gefallen?

Am meisten gefällt mir die Virtuosität des Sprichwortes. Ich benutze immer eine Metapher. Sie kennen König Arthur und den runden Tisch. Als Forscher denke ich, ich habe dieses internationale Archiv an meiner Universität mit ungefähr 15.000 Publikationen, die ich alle aus der ganzen Welt gekauft und gesammelt habe – von chinesischen zu rumänischen Sammlungen. Das ist mein wissenschaftliches Zentrum. Ich steige auf mein Pferd wie ein Arthur-Ritter und interessiere mich für die Bedeutung der Liebe in den Sprichwörtern. Was sagt man in der Welt über die Liebe in Weisheiten? Und dann reite ich wieder nach Hause. Im Moment interessiert mich, ob Psychologen und Psychiater Sprichwörter haben, um zu untersuchen, was mit unserem Kopf passiert, wenn wir alt werden, wenn wir Schizophrenie haben. Weil Menschen mit Denkstörungen Schwierigkeiten haben, die Metaphern von Sprichwörtern zu verstehen.


In welchen Bereichen erforschen Sie Sprichwörter?

Was mich in der letzten Zeit interessiert hat, ist die Verwendung von deutschen Sprichwörtern in der politischen Rhetorik. Ich habe sehr viel über Literatur gemacht – Günter Grass, Bertolt Brecht. Natürlich benutzt er Sprichwörter, er ist ein Volksschriftsteller. Günter Grass ist sehr sprichwortreich, aber auch Elfriede Jelinek, Martin Walser. Und es hat nichts mit Intelligenz zu tun, wie die Leute denken oder früher gedacht haben. Sprichwörter werden hauptsächlich von der ländlichen Bevölkerung benutzt und wir finden sie hauptsächlich bei Schriftstellern, die über einfache Leute schreiben. Die Verwendung von Sprichwörtern ist eher eine individuelle Sache und wir benutzen sie als Fertigware, als Sprachautomatismen, die in unseren Kopf kommen, genau wie einzelne Wörter. Ich meine, jemand wie Thomas Mann, einer unserer intellektuellsten Schriftsteller der deutschen Sprache, hat Sprichwörter als Leitmotiv benutzt, weil er gerne Leitmotive hatte. Auch Martin Luther, einer der größter Stilisten der deutschen Sprache, war unglaublich sprichwortreich. Und er wusste genau warum, weil er kommunizieren wollte.


Vielen Dank für Ihre Ausführungen!

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