Nicolae Manolescu über Literaturgeschichte

Vortrag an der West-Universität Temeswar

Freitag, 08. April 2016

„Es ist schwierig, eine Literaturgeschichte zu verfassen und weiterhin beliebt zu bleiben. Wer draußen bleibt, ärgert sich, aber auch diejenigen, die ihren Namen darin finden, ärgern sich, dass eben auch andere Namen vorkommen. Im Allgemeinen kann man es nicht allen recht machen“. Während eines Vortrags an der West-Universität Temeswar witzelte der Literaturkritiker Nicolae Manolescu über sein zweifaches Unterfangen, eine Geschichte der rumänischen Literatur zu verfassen: „Istoria critică a literaturii române“ („Die kritische Geschichte der rumänischen Literatur“) ist 2008 nach 25 Jahren Arbeit im Verlag „Paralela 45“ erschienen, 2014 dann „Istoria literaturii române pe in]elesul celor care citesc“ („Die für Lesende verständliche Geschichte der rumänischen Literatur“) im selben Verlag, obwohl manche Kritiker des Kritikers die Augenbrauen hochgezogen haben, weil sie es für anachronistisch hielten oder etwa George C²linescus Werk nicht vom Sockel stürzen wollten.

Mitten in einem Skandal, der beim Schriftstellerverband ausgebrochen war, hatte sich Nicolae Manolescu vergangene Woche nach Temeswar begeben. In der Aula Magna der West-Universität, wo ihm vor vier Jahren die Ehrendoktorwürde erteilt worden war, feierte Nicolae Manolescu erfolgreiche Momente mit seinem Publikum. Im Saal befanden sich auch bekannte Mitglieder der hiesigen Zweigstelle des Schriftstellerverbandes, darunter Mircea Mihăieş, Adriana Babeţi, Marcel Tolcea und Robert Şerban – ein Zeichen dafür, dass sie sich hinter den jetzigen Vorsitzenden des Schriftstellerverbands stellen. Übrigens fühlte sich Manolescu heimisch, wie er selbst zugab: „Ich habe nur vor den Studenten Angst, die mich noch nicht kennen. Sie werden über mich urteilen.“

Was ihn aber dazu angeregt hat, die Literaturgeschichte(n) doch noch zu verfassen – eine für den leichten Gebrauch, die andere als umfangreiches Nachschlagewerk – sei der Versuch gewesen, didaktisch zu wirken: „Eine Literaturgeschichte dient eben einem didaktischen Zweck“. Wobei dem Autor bewusst ist, dass dies nicht immer einfach ist. Denn dass es heute „so eine Sache mit dem Lesen“ sei, ist auch dem Literaturkritiker und Universitätsprofessor nicht entgangen: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der wenig gelesen, aber sehr viel geschrieben wird. Ein interessantes Verhältnis, das Auswirkungen haben wird“. Universitätsrektor Marilen Pirtea verteidigte jedoch die Gastinstitution und versicherte den Vortragenden, dass an der West-Universität „auf jeden Fall noch gelesen wird“.

Auch über Facebook ließ sich Manolescu aus: „Ich habe kein eigenes Konto, lasse mir aber schon von anderen erzählen, wie es da zugeht!“ Dass er kein Freund neuer Technologie ist, verkündete er dann mehrmals, zum Beispiel auch, als sein Smartphone klingelte, das er nicht abstellen konnte, wie er dem Auditorium schmunzelnd kundtat. Dafür ließ er eine Reihe von Schriftstellern und Momenten aus der Literaturgeschichte Revue passieren, auf diesem Gebiet ist er unvergleichlich. Ein Vortrag, den die lesefreudigen Teilnehmer voll genossen haben.

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