Niederungen for ever

Zur DSTT-Vorpremiere von Herta Müllers „Niederungen“

Freitag, 03. August 2012

Szene aus der DSTT-Inszenierung „Niederungen“ nach Herta Müller Foto: DSTT

Am Juliende, mitten in der hitzigen Wahl- und Badekampagne, bot das DSTT nun mit einer Vorpremiere einen Vorgeschmack auf die Premiere einer Sonderproduktion, die für Ende September anberaumt ist. Der Inszenierung steht nicht wie üblich ein gestandener Theatertext sondern ein Kurzprosaband, „Niederungen“ von Herta Müller, der Erstling der Banater Literaturnobelpreisträgerin zugrunde. Dieser damals 1982 wie heute thematisch wie auch durch seine hohe poetische Qualität provozierende Text erlebte in der Bühnenfassung von Niky Wolcz, Valerie Seufert und Ulla Wolcz seine Uraufführung. Es entstand eine komplexe Theaterarbeit unter der modernen Spielleitung von Niky Wolcz, dem Einsatz des gesamten Theaterkollektivs mit zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland.

Wie stark uns die Sprache und Aussage Herta Müllers („Ich schreibe nur , was mich berührt!“) betreffen, wie hochaktuell diese als Kindheitserinnerungen aus einem banatschwäbischen Dorf getarnte Parabel der menschlichen Niederungen, einer kleinen bis kleinlichen, bedrückenden und auf Hass eingeschworenen Gemeinschaft heute ist, wird nicht nur durch die einfühlsame Lesart dieser Botschaft durch Niky Wolcz sondern auch aus anderen künstlerischen Ebenen erhellt und verdeutlicht: Das macht z.B. die von dem ehemaligen Banater Bühnenbildner Helmut Stürmer meisterhaft gestaltete Kulisse, die aus den Bruchstücken und Scherben dieser versunkenen, archaischen Welt besteht. „Ich hoffe, im Bühnenbild eine Symbiose von Andrei Tarkowski und Herta Müller geschaffen zu haben“, bekennt Stürmer dazu. Effektvoll aber gleichfalls am Werden dieser Inszenierung stark beteiligt waren da nicht nur die in Nitzkydorf, in anderen Gemeinden gemachten Fotos von Helmut Stürmer und Valerie Seufert.

Einen starken Eindruck hinterließen die von Filmregisseur Bogdan George Apetri in Nitzkydorf, in anderen Banater Ortschaften und in Temeswar gedrehten dörflichen Filmszenen. Und da spielten nicht nur die Darsteller ihre Rolle sondern sogar wahre Gestalten aus der Kindheit der Autorin, die Nachbarin Anna Helmbeck und Totengräber Josef Kradi, zwei der noch heute in Nitzkydorf verbliebenen Banater Schwaben.

Mit dieser Inszenierung wird der Zuschauer nicht nur in die poetische, metaphernträchtige Sprache Herta Müllers wie in ein schwäbisches Bad getaucht, die Szenen lassen wie von Ritual zu Ritual die Müllersche Prosa vor unseren Augen lebendig werden: „Meine Familie“, „Dorfchronik“ oder „Die Grabrede“, „Faule Birnen“, aber vor allem das so gelobte und gehasste Prosastück „Das Schwäbische Bad“.

Regisseur Niky Wolcz, ein gebürtiger Temeswarer, begann seine Karriere als Regisseur am DSTT. Seit 1996 unterrichtet Niky Wolcz, neben Andrei Şerban und Ulla Wolcz, an der Columbia University in New York. Er inszenierte am DSTT und leitete in den letzten Jahren wichtige Schauspiel-Workshops in Temeswar und Wolfsberg.

Helmut Stürmer wirkte und wirkt als erfolgreicher Ausstatter (Bühnen- und Kostümbildner) sowohl an Theatern in Deutschland, Rumänien als auch beim Film.

Der in Piatra Neamţ geborene Filmregisseur Bogdan George Apetri wohnt in New York, wo er ein Regiestudium an der Columbia University abgeschlossen hat. Sein Filmdebüt „Periferic“ 2010 wurde u.a. mit fünf GOPO-Filmpreisen ausgezeichnet.

In der Hauptrolle der Temeswarer Produktion tritt die Gastschauspielerin Eszter Tompa aus Berlin als einer der beiden Erzählerinnen auf. In der Rolle der zweiten Erzählerin als Kind ist die talentierte minderjährige Mara Bugarin zu sehen.

Die Inszenierung bringt einen Großteil des Ensembles  auf die Bühne, von den erfahrenen Schauspielern wie Ida Jarcsek-Gaza (Großmutter)- wie stets mit einer gediegenen Frauenrolle-, Ioana Iacob (Mutter), Radu Vulpe (Vater), Franz Kattesch (Großvater), Rareş Hontzu (Tierarzt) oder Boris Gaza (Pfarrer) bis zu den Nachwuchsschauspielern und Studenten der Temeswarer West-Universität. Aus der versunkenen Welt des Banater Dorfes zurückgeholt wurden Gestalten wie die Totengräber, eine Badhure, der Orgeltreter, der Postträger, der Schattenmann oder die Hexe. Eine malerische Rolle spielt auch das kleine DSTT-Blasmusikorchester bei Begräbnis, Kirchweihfest und Hochzeit.

Kommentare zu diesem Artikel

Jakob, 03.08 2012, 18:28
das wird was herrliches .Schade das ich es nicht sehen kann. Vielleicht gibt es ein Video davon.

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