Nobelpreisträger versetzt seine Heimatgemeinde in Euphorie

Ehrung geht zum zweiten Mal an einen Deutschen aus dem Banat

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Ana Höniges im Chemielabor des 1977 fertiggestellten Gebäudes

In den Heimatbriefen der HOG wird Stefan Hell seit langem dokumentarisch begleitet. Am Anschlagbrett seiner ehemaligen Schule hat er nun ebenfalls seinen festen Platz.

Die Hausarbeit bei Familie Renz muss ruhen – Journalisten sind heute zu Gast.

Diese beiden Häuser standen einst als Heim von Familie Hell. Heute sind sie das Eigentum neu zugewanderter Bürger, die die Gebäude erworben haben.
Fotos: Zoltán Pázmány

Johann Renz kennt in Sanktanna jeder: Der Radfahrer im Ortszentrum, der Gastronom, die Schulleiterin und der Bürgermeister. Er ist einer von 350 Deutschen in der Kleinstadt, die ganz besonders stolz sind auf ihren Landsmann Stefan Hell, der heute vor einer Woche zum Nobelpreisträger in Chemie auserkoren wurde. Obwohl der 51 Jahre alte Hell seit fast vier Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist er für viele immer noch „ihr Landsmann“. Stefan W. Hell, Professor und Direktor am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen bewies mit seinen Forschungen, dass unter dem Lichtmikroskop Zellen und Moleküle beobachtet werden können, die feiner als eine halbe Wellenlänge des Lichtes sind. Er widerlegte somit das als heilig und unwiderlegbar geltende Gesetz von Ernst Abbe aus dem Jahr 1873, indem er die Möglichkeiten der Chemie ausschöpfte.  

 

Spitzenforscher bleibt bescheiden

 

Rodica Mackert zeigt ein breites Lächeln, wenn sie auf die Zeit von vor zwei Jahren zurückblickt. Sie erinnert sich an den Sommer 2012, als Stefan Hell mit seiner Familie bei ihr zu Besuch war. Damals schon war der Mann aus Göttingen eine Persönlichkeit: „Ich wusste nicht, wie ich ihn bewirten soll? Ob er wohl zufrieden sein wird?“. Dann erkannte sie jedoch, dass er ein bescheidener Mensch ist, trotz seiner internationalen Anerkennung, die ihm schon damals sicher war. Zwei Jahre später ist er der erste Nobelpreisträger, der aus der Kleinstadt im Verwaltungskreis Arad stammt. „Nach einer berühmten Sängerin wie Mara Kayser, haben wir jetzt einen noch berühmteren Mann aus unserem Ort“, sagt Stefan Mackert, und erwähnt den kürzlich mit dem Nobelpreis geehrten Stefan Hell, den er aus der Kindheit kennt, aber wegen des Altersunterschiedes mit ihm eher weniger zu tun hatte. Erst über ihre Verwandtschaft durch Heirat sind sich beide näher gekommen. Mackert ist Rücksiedler mit deutscher und rumänischer Staatsbürgerschaft und betreibt eine Pizzeria im Zentrum von Sanktanna. Wenn er auf seiner Gartenterrasse aufblickt, sieht er unter anderem auch die Seitenwand des Hauses der Familie Hell, die es im Zuge der Eigentumsrückerstattung nun wieder im Besitz hat. Junge Leute wohnen mietfrei in dem Haus, wichtig ist für Familie Hell, dass jemand sich darum kümmert.

Frauen mit Einkaufstüten, Männer auf Fahrrädern, Autos, eine Kreuzung. Dahinter der Kiosk mit Flammkuchen und einer kurzen Warteschlange. Im Ortszentrum von Sanktanna sieht es eigentlich immer nach Markttag aus. 1828 wurde die Ortschaft zur „Stadt mit Marktrecht“ ernannt und diese Aura ist auch heute noch gegenwärtig. Eine ad-hoc veranstaltete Umfrage zeigt, dass die Sanktannaer in etwa Bescheid wissen, über ihren berühmten Landsmann. Der Name sagt trotzdem vielen der Bürger auf der Straße herzlich wenig – sie sind zugewandert, und kennen die Geschichte der letzten Jahrzehnte im Ort nur am Rande. Für viele ist Stefan Hell „Ein Arader. Wissen Sie, hier aus dem Kreis..... Das freut mich ganz besonders“. Letzteres fügt einer hinzu, der gerade erfahren hat, dass Hell - etwas weit hergeholt - sein Landsmann ist. Dass viele Bürger Stefan Hell als Arader bezeichnen, kommt auch daher, dass es dementsprechend unter die Leute gebracht wurde: In den Medien hieß es nämlich allzu deutlich, dass Stefan Hell in Arad geboren wurde, und dann etwas leiser, dass er in Sanktanna „aufgewachsen ist“. Korrekt sollte es heißen, dass der Nobelpreisträger ein Sanktannaer ist, nur die Mutter, wegen besserer medizinischer Betreuung zur Entbindung nach Arad in die Klink gegangen war. Das ist auch schon alles, was Stefan Hell mit Arad verbindet – wohl über den Eintrag in den Geburtsschein hinaus.

Die Bevölkerungsstruktur aus dem Jahr 1978, als die Familie von Stefan Hell nach Deutschland ausgewandert ist, hat sich über weite Strecken verändert. Von den ehemals einigen Tausend Deutschen sind heute noch etwa 350 geblieben. Bürger anderer Ethnien – zum Teil aus anderen Regionen – haben ihren Platz eingenommen. Dass heute noch immer ein Acht-Klassenschule in deutscher Sprache mit etwa 200 Kindern von der Vorschule an existiert, ist der deutschen Prägung im Ort, dem Interesse für Deutsch und den Bemühungen in dieser Richtung zuzuschreiben. „Seit 263 Jahren gibt es Deutschunterricht in Sanktanna. Gerade in einer Zeit, in der Jugendliche nicht wissen, welches die wahren Vorbilder sind, kommt ein solcher Preis für unsere Schüler, für Sanktanna und für Rumänien besonders gelegen“, sagt die stellvertretende Leiterin der Sankt Anna-Schule, Ana Höniges.

Alteingesessene wissen bestens Bescheid

 

Abgesehen von vielen Bürgern auf der Straße, die andeutungsweise mit der Aktualität vertraut sind, weiß Peter Reinholz bestens Bescheid über den Mann, der in der Nano-Mikroskopie  bahnbrechende Leistungen erbracht hat und zusammen mit zwei US-Amerikanern, Eric Betzig und William Moerner, den Nobelpreis 2014 für Chemie erhalten hat. „Auf allen TV-Sendern laufen die Nachrichten. Das ist wunderbar. Vor einigen Jahren hat Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhalten“, erinnert Reinholz, bevor er stolz auf seine Heimatregion hinweist: „Die Banater können sich sehen lassen“ – auch wenn für manch einen am rechten Ufer der Marosch gar kein Banat mehr ist. Reinholz muss weiter. Er dreht sich noch einmal kurz um, winkt. „Ja, ja, Hell ist einer von uns“, und dann fährt er in Richtung Rathaus, dort, wo sonst um diese Zeit Bürgermeister Daniel Tomuta und sein Vize Cornel Gligor ihren Job versehen. Doch heute, einen Tag nach der Ehrung von Stefan Hell, haben die beiden Ortsvorsteher ihr Hauptquartier in die Schule neben dem alten Wasserturm von Sanktanna verlegt. Seit gut 24 Stunden geben sie Interviews, telefonisch und live, werden gefragt, ob sie sich für Stefan Hell freuen, ob sie die Schule im Ort nun nach dem berühmtesten Sanktannaer benennen wollen und Hell nun bald Ehrenbürger von Sanktanna wird.

Die Schule im eingemeindeten Ort Caporal Alexa trägt den Namen des hier geborenen Dichters Stefan Augustin Doinas. Zur Benennung der Schule am Wasserturm nach Stefan Hell lässt sich Bürgermeister Tomu]a zu keinen verfrühten Aussagen hinreißen. „Bei lebenden Persönlichkeiten ist das immer so eine Sache, ob eine Einrichtung nach ihnen benannt werden soll, oder nicht“. Darüber könne man sich Gedanken machen, müsse sachlich überlegen. In diesen hektischen Tagen wollte man zu solchen Aspekten nicht bei Hell in Göttingen anrufen, sagt der Bürgermeister. Auf Zeugnisse und Matrikel fotografieren verzichten wir, weil die stellvertretende Direktorin Ana Höniges nicht gerne solche Dokumente vor die Kamera holt. „Das sind offizielle Dokumente“, erklärt Höniges ihre Option. Dass Hell ein „Musterschüler“ war, dass glauben wir seinen Lehrern und dem nichtdidaktischen Personal ohnehin aufs Wort. Sein ehemaliger Rumänisch-Lehrer und Schulleiter Nicolae Buptea – heute Rentner – lässt ausrichten, dass er in Stefan Hell einen „Perfektionisten“ vor sich in der Klasse hatte. Die anderen Fachlehrer an der deutschen Abteilung, sind heute nicht mehr (hier) tätig.

 

Bei Familie Renz zu Gast

 

Derzeitigem Wissen nach, hatte der Vizebürgermeister Cornel Gligor als erster im Ort vom Nobelpreis von Stefan Hell erfahren. Pikanter Zufall: Auch Cornel Gligor hat einst Chemie studiert. „Sanktanna gelangt so auf die Weltkarte der Wissenschaft, was keine Bagatelle ist“, so der Stadtvize. Trotz internationaler Anerkennung ist Hell noch nicht Ehrenbürger von Sanktanna. Vielleicht auch deshalb, weil er seinen Weg in der Forschung im Interesse der Allgemeinheit gesehen hatte und weniger mit der alten Heimat verbunden geblieben war. „Wir haben schon überlegt, Stefan Hell zum Ehrenbürger zu ernennen, doch scheinbar sind uns die Ereignisse vorausgeeilt“, sagt Cornel Gligor. Die Ereignisse sind jedoch dem breiten Publikum nicht verborgen geblieben. Auf Facebook habe es seit der Nobelpreis-Verkündung einen wahren Ansturm gegeben, sagt Bürgermeister Tomuta.

Vor zwei Jahren war Stefan Hell zum ersten Mal seit seiner Auswanderung 1978 in Sanktanna mit seiner Familie zu Besuch, wollte Haus und Hof sehen, wo er einst gespielt und gelernt hatte. Einiges haben sie geändert, die neuen Eigentümer, aber das imposante Bauernhaus an der Ecke Rozelor-/ Bistritei-Straße ist weitgehend so geblieben, wie es wohl schon vor dem Kommunismus dastand und dann später die Intellektuellenfamilie Hell verlassen hatte „Hier, in diesem Flügel, gab es einst eine Dreschmaschine“, sagt Johann Renz, der zeitweilig durch das Dorf führt. Kurze Zeit zuvor hatte Renz noch bei sich zu Hause auf eine Tasse Kaffee eingeladen, seine Frau Katharina ließ Dorfgeschichte – mit Schwerpunkt Stefan Hell - Revue passieren. „Er war ein äußerst ruhiges Kind“, beschreibt Katharina Renz und setzt fort: „Die Mutter war Grundschullehrerin, der Vater Betriebsingenieur in der Möbelfabrik. Stefan Hell ist so alt wie eine unserer Töchter.“ Vor allem seine Leistungen in der Krebsforschung seien besonders zu würdigen, sagt die Frau. Der Eindringlichkeit halber blickt sie dabei ihre Gäste der Reihe nach an. Katharina Renz und ihr Gatte wollten nie auswandern, auch wenn zwei ihrer drei Kinder in Deutschland leben. Nur noch ihre Tochter Hermine ist im Ort geblieben – sie ist mit dem Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Sanktanna, Martin Reinholz verheiratet und arbeitet ihrerseits als Lehrerin an der deutschen Abteilung.

 

Chemie, mit viel Nostalgie

 

Einst gab es mehrere Parallelklassen an der deutschen Abteilung in Sanktanna, mehr deutsche Klassen als an der rumänischen Abteilung. Derzeit sind im 13.000 Einwohner zählenden Sanktanna selbst deutsche Nachbarn eher eine Seltenheit. Die wenigen, die jedoch geblieben sind, halten jwie kaum eine andere deutsche Gemeinschaft an ihren alten Traditionen fest: Marienmädchen sind hier noch ein Begriff, der Maibaum erhält jedes Jahr noch sein Fest und Kirchweih wird ebenfalls noch gefeiert. Von den neuen Bewohnern von Sanktanna schätzt Katharina Renz besonders die Zugewanderten aus Nordsiebenbürgen, aus dem Raum Bistritza.

Zur Schule am Wasserturm – wie das Gebäude im Volksmund genannt wird – geht es vorbei am Trödelmarkt. Da ist zwar Handeln und bisschen Geld machen angesagt, aber an dem sonnigen Donnerstag bleibt auch Platz für den „Premiul Nobel“ eines Sanktannaers. Den gleichen Weg, durch die breite Straße, die von der Hauptstraße abzweigt, ist wohl einst auch Stefan Hell gegangen. Mitte der 1970er Jahre wurde die Schule erbaut und nach den Informationen vor Ort wurde das Gebäude gerade in dem Jahr fertiggestellt, in dem Stefan Hell seinen Acht-Klassen-Abschluss gemacht hat.

Zurück zur Chemie: Vorbei gleich an zwei Anschlagtafeln auf den Korridoren, mit Konterfei und Berichten über Stefan Hell. Eine Treppe führt in den ersten Stock. Dann öffnet Ana Höniges die Tür zum Chemielabor: Einige neue Schaubilder, neue Bänke und Stühle – ansonsten ist es hier über weite Strecken noch genauso wie zu der Zeit, als der heutige Direktor des Max-Planck-Instituts seinen ersten Chemieunterricht nahm. Reagenzgläser in einem hölzernen Ständer, Plakate und das Periodensystem der Elemente, das linker Hand, weit hinten im Rraum hängt. „Das Periodensystem, das ist noch von damals da“, bestätigt Ana Höniges, dass die Zeit hier ein wenig stehen geblieben ist, der Schüler von einst ist jedoch gut vorangekommen.

 

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