Nomadenleben und Baden

Badekurort Sovata rettet verregneten Urlaub

Freitag, 15. Juni 2012

Ausblick vom Restaurantpavillion „Ciuperca Mică“ auf den Bärensee mit umliegendem Naturreservat.

Trotzig behauptet die verwunschene Vila Barnyad ihren Platz vor der modernen Hotelfassade.

Nomadenleben der mongolischen Steppe, kombiniert mit raffinierten Wellness Angeboten – im Nomad Camp von Câmpul Cetăţii.

Asiatische Gemütlichkeit und viel frische Luft – so königlich wohnt man in der Jurte.
Fotos: George Dumitriu

Die Landschaft versinkt im strömenden Regen und seit Tagen ist es viel zu kalt für die Jahreszeit. Bei 10 Grad Höchsttemperatur und Schmuddelwetter kann man das Grillen im Freien vergessen, nicht einmal Besichtigungen machen da noch Spaß. So ändern wir unsere Reisepläne spontan und biegen kurz vor Regen/Reghin  ab, dem vielversprechenden Schild „Sovata“ folgend.

Mit Vorfreude auf ein heißes Bad als Erlösung von der unwirtlichen Kälte kurven wir auf einer von Löchern zerfressenen, schmalen Landstraße durch scheinbar ausgestorbene Dörfer. Aus überirdisch grünen Laubwäldern steigen mystisch Nebelschwaden auf – es scheint, als würden wir direkt durch die Wolken fahren. Die sumpfigen Wiesen links und rechts sind mit gelben Schwertlilien übersät. Der Versuch, im Internet rasch nach Unterkunftsmöglichkeiten zu fahnden, scheitert am fehlenden Netz. So fahren wir weiter durch die grüne Hölle, einfach ins Blaue hinein...

Saunen, blubbern oder im Salzbad dümpeln

Das Touristeninformationszentrum am Busbahnhof von Sovata hat um fünf Uhr schon geschlossen, doch lokale Einwohner sind bestens informiert und vermitteln gerne private Unterkünfte. Baden kann man in den Hotels Danubius und Aluni{, die bis neun Uhr abends geöffnet sind. Wir entscheiden uns für das Spa in ersterem Vier-Sterne-Hotel, wo eine Tageskarte stolze 40 Lei unter der Woche und 50 Lei am Wochenende kostet.

Doch das Vergnügen lohnt sich! Pünktlich um sechs gleiten wir ins warme Wasser und der Abend ist gerettet. In der oberen Etage der Badelandschaft dudelt sanfte Entspannungsmusik. In dieser Zone ist Ruhe angesagt. Im Salzbad mit Schlammzusatz kann man sich einfach auf den Rücken fallen lassen und bewegungslos dahindümpeln, so stark ist der Auftrieb.

Wer den Mut hat, den „Toten Mann“ zu spielen, kann den Zustand völliger Schwerelosigkeit genießen, wobei die Musik durch das Wasser gedämpft wie bizarre Sphärenklänge ans Ohr dringt. Im benachbarten Hydropool kann man entspannt dahinschimmen und die alle 15 Minuten eingeschalteten Hydromassagebetten, Düsen und Wasserjets abwarten.

Wem nach mehr Trubel zumute ist, der verlässt die Ruhezone über eine Wendeltreppe und findet eine Etage tiefer ein warmes Salzbadebecken, in dem auch Kinder Zugang haben, sowie einen Hydropool mit diversen Jets und Massagedüsen, die alle 17 Minuten eingeschaltet werden, und einen heftig blubbernden Whirlpool. Daneben lädt ein 17 Meter langer Pool zum Längenschwimmen ein, während Kinder im benachbarten flacheren Plantschbecken mit Rutsche und Spielgeräten toben. In einer Kneipp-Anlage mit nur knöchelhohem Wasser waten wir über runde Flußkieseln abwechselnd durch ein kaltes und ein heißes Becken. Wie tausend Nadelstiche prickelt es danach in den Waden.

Zum Aufwärmen stehen Infrarot- und finnische Saunas in verschiedenen Temperaturen zur Verfügung, sowie ein Dampfbad. Doch Ausländer aufgepasst: in Rumänien geht man nicht nackig, sondern mit Badebekleidung in die Sauna! In der Nebensaison ist die Badelandschaft nur wenig bevölkert und wegen des abwechslungsreichen Angebotes hält man es gut ein paar Stunden darin aus. Das salzige Wasser gilt als heilsam bei rheumatischen Beschwerden, Atemwegsproblemen, Nerven- und Frauenleiden.

Bummeln, schauen, schlemmen

Zum Abendessen empfehlen uns Einheimische das in einem Pavillion am See gelegene Restaurant „Ciuperca Mica“ mit guter internationaler Küche zu moderaten Preisen. Hier schlemmt man bei angenehm leiser Musik, Kerzenlicht und Seeblick zum Beispiel eine Knoblauchsuppe im essbaren Brot-Topf, Gyros mit Salat oder die Spezialität des Hauses, Hühnerbruststreifen in Pilzrahmsoße.

Zwischen den Regengüssen streifen wir am nächsten Tag durch das schmucke Touristenstädtchen. Ins Auge springen die zahlreichen alten Villen mit Türmchen, Zinnen und viel Holz. Zwischen Gästehäusern im lokalen Landhausstil bilden die historischen Bauten einen seltsamen Gegensatz zu modern verglasten Hotels. Den kleinen Hunger zwischendurch stillt man am besten an einem Stand mit Palatschinken oder deftigen Langos, den knusprig herausgebackenen Fladen - entweder süß, mit pikanter Krautauflage oder Burduf-Käse und Sahne –  die jeder Pizza den Rang ablaufen.

Am Lacul Ursu, dem Bärensee mit angrenzendem Naturschutzreservat, liegt eine ausgedehnte Strandbadanlage mit Promenade. Von dort aus führen zwei siebenstündige Wanderwege entweder über das Mühlbachtal/Valea Sebeşului oder die Creasta Cireşului auf den Gipfel Saca Mare. Im Informationszentrum von Sovata, wo auch Englisch und Deutsch gesprochen wird, kann man außerdem Mountainbikes leihen, für 30 Lei eine Fahrt mit der (nur in der Hauptsaison verkehrenden) Schmalspurbahn buchen oder sich zu den umliegenden Sehenswürdigkeiten und Nationalparks informieren.

Dort empfiehlt man uns auch die Forellenzucht im 20 Kilometer entfernten Câmpul Cetăţii als Attraktion und Speiselokal, doch als wir uns auf den Weg dortin aufmachen, kommt es wieder einmal anders...

Das Nomadencamp von Câmpul Cetăţii

Ein Schild mit der Aufschrift „Nomad Camp” hat unsere Neugier schon unterwegs erregt, doch als wir dann davor stehen, können wir unseren Augen kaum trauen. Beim Anblick der 20 Jurten mit  asiatisch verzierten Holztüren fühlt man sich glatt in die mongolische Steppe versetzt! Vom ungarischen Besitzer, mit einer Mongolin verheiratet, erfahren wir, dass die Jurten tatsächlich aus der Mongolei stammen und dank einer Isolation aus Kamelhaarmatratzen sommers  wie winters bewohnbar sind.

Hinzu kommt, dass lästige Insekten die leicht nach Tierhaaren riechenden Zeltbehausungen meiden. Das Innere besticht durch orientalische Gemütlichkeit: in der Mitte ein kleiner Metallofen, rundum bequeme Betten aus orange lackiertem Holz mit aufgemalten Schnörkeln und vielen kleinen Schublädchen. Auf dem Boden sind Schaffelle ausgebreitet und an den Wänden kann man zwischen dem Holzgitter die ruppigen Kamelhaarmatten erkennen.

Die Architektur einer Jurte ist bestechend einfach: Das Dach trägt ein Holzring auf vier Pfählen, in dessen äußere Löcher radial abstehende Speichen eingepasst sind. Die runde Wand besteht aus zusammengebundenen, wie eine Zieharmonika faltbaren Holzgittern, auf denen die Dachstreben aufliegen. Darüber kommen etwa zwei Zentimeter dicke Kamelhaarmatten und eine robuste Zeltplane, mit Seilen gut vertäut. Echte Nomaden müssen ihre Jurte in ein bis zwei Stunden abbauen und die Einzelteile auf Lasttiere verladen können. Im Camp ist dies natürlich nicht der Fall, daher sind die Jurten auf einem Betonfundament mit Bretterboden befestigt.

Als besondere Attraktion bietet das Camp neben modernen Sanitäranlagen eine rustikale Wellnesslandschaft aus Sauna und im Freien befindlichen, riesigen hölzernen Badebottichen, die von einem eingebauten Ofen beheizt werden. Hier kann man in Salzwasser oder einem Kräuterbad mit Tannenzapfen, Nüssen, Thymian oder Kamille schwelgen, dem Geplätscher des nahen Baches lauschen und meditierend in die herrliche weite Landschaft blicken.

Das Restaurant des Camps bietet ein reichhaltiges Menü aus lokalen Naturprodukten und Forellen aus der eigenen Zucht. Besonders köstlich sind das hausgebackene Sauerteigbrot mit Knoblauchsoße und die auf Kohlen gegrillten Forellen, dazu eine Palinc²  mit darin eingelegten Pfefferschoten.
Am Abend bricht plötzlich eine Jugendgruppe wie eine Horde Heuschrecken über das Camp herein, der Restaurantpavillion füllt sich mit fröhlichen Stimmen und ein paar Jungs hüpfen ausgelassen im Riesentrampolin herum.

In den drei bis fünf bettigen Jurten schläft man königlich für 50 Lei pro Person mit Frühstück, wobei nicht voll belegte Zelte gemäß Policy des Hauses nicht mit fremden Gästen aufgefüllt werden. Nach einem Hagebuttentee und mongolischen Spiegeleiern, die in einer Brotscheibe auf dem Feuer gebraten werden, ziehen wir schließlich weiter. Nomadenleben und Wellness-Baden – das ist  eine Kombination, die auch bei strömendem Dauerregen Spaß macht!


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Touristische Dampflok

In  der Hauptsaison verkehrt zwischen Sovata und Câmpul Cetăţii auf einer 14  Kilometer langen Strecke eine dampflokbetriebene Schmalspurbahn mit einem offenen Gondelwaggon und zwei geschlossenen Waggons, die 2003 für den Tourismus renoviert wurden und 90 Sitzplätze bieten. Die Lok wird mit Kohlen oder Hartholz befeuert und erreicht eine Geschwindigkeit von maximal 35 km/h. In der Nebensaison  fährt sie nur auf Anfrage für Gruppen (Tel. 0743-160556 oder www.mocanitasovata.ro).

Dampflokbahnen verkehrten in der Region seit 1912 vor allem zwischen Neumarkt/Târgu Mureş und der Saline von Praid. Die heute nur noch touristisch genutzte Dampflok „Sovata“ ist Teil einer Fabrikationsserie von 10 Lokomotiven aus der polnischen Fabrik in Chrzanowo im Jahr 1949. Eine weitere dieser Loks befindet sich im Depot von Hermannstadt/Sibiu.

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Naturphänomene in und um Sovata

Die Landschaft rund um Sovata ist von Salzseen und Kratern geprägt, die vor 22 Millionen Jahren aufgrund eines ausgetrockneten Meeres entstanden sind. Die Region ist für zahlreiche heilkräftige Quellen und Mineralwässer bekannt.  Wanderfreunde können auf markierten Wegen die Gipfel Saca Mare (1777 Meter), Bekecs (1080 Meter) oder Piatra Şiclodului (1028 Meter) erklimmen. Sovata  am Târnava Mică-Fluss ist ein international bekannter Kurort mit heliothermischen Salz- und Süßwasserseen. Das salzhaltige Wasser des Bärensees (250g/l) wird für die Behandlung von Frauenleiden, Unfruchtbarkeit, neurologischen Problemen und Erkrankungen des Bewegungsapparates empfohlen. Natürliche Heilschlammvorkommen finden sich in den benachbarten kleineren Seen.

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Ausflugsziele in der Salzregion

Eine touristische Karte in der Broschüre „Salt Region“ des Tourismusministeriums (erhältlich im Info-Zentrum) liefert einen Überblick über nahegelegene Sehenswürdigkeiten: die Saline von Praid,  das Töpferzentrum Corund, den Salzcanyon, die Festung Rapsone oder Kuriositäten wie das Strohhutmuseum in Crişeni und die Kohlenmeiler von Calonda. Das Dorf Ocna de Jos ist bekannt für seine Traditionen, die anderswo längst ausgestorben sind.

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Attraktionen um Câmpul Cetăţii

20 Kilometer nördlich von Sovata (Richtung Regen/Reghin) liegt das Naturschutzgebiet Dealurile  Târnavelor,  das sich auf 85.217 Hektar zwischen den Flüssen Niraj und Târnava Mica über die Landkreise Mureş und Harghita erstreckt.  Hier leben noch zahlreiche geschützte Vögel, darunter etwa 51 bis 65 Brutpaare des seltenen Schreiadlers, von dem es weltweit nur noch 20.000 gibt, davon etwa 10 Prozent in Rumänien.

Das Tal, das nach Câmpul Cetăţii führt, besticht durch seine von Hügelketten gesäumten Grünflächen, schmucke gepflegte Holzhäuser und Gärten,  sowie mehrere touristische Attraktionen:  eine Pferdefarm,  eine Forellenzucht mit Restaurant, ein mongolisches Nomadencamp, in dem man zu jeder Jahreszeit in Jurten übernachten kann (www.nomadcamp.eu). Für Gruppen organisiert man dort auch Ausflüge in die Saline von Praid, Weinproben rumänischer Weine, folkloristische Programme oder ein mongolisches Schlachtfest (Anfragen unter Tel. 0746-777043 oder info@nomadcamp.eu).

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