Novalis, Hesse und Neugier im Gepäck

Als Praktikant von Berlin nach Kronstadt

Samstag, 16. November 2013

Matthias Mühlbächer fühlt sich als Deutschlehrer in Kronstadt pudelwohl.

Herr Mühlbächer, Sie haben sich nach dem Hochschulabschluss für ein Auslandspraktikum entschieden. Warum gerade in Rumänien?

Ich hatte schon länger Interesse an diesem Land, da meine Familie väterlicherseits aus Siebenbürgen stammt. Mein Vater hat mir einmal erklärt, dass sich unser Nachname, Mühlbächer, von der Stadt Mühlbach ableitet. Leider weiß ich aber nicht allzu viel über unsere Familiengeschichte – nur, dass mein Großvater hier Forstmeister war, und mein Onkel Bubi Deutschlehrer und Komponist.

Dann treten Sie also auch ein Stück weit in die Fußstapfen Ihres Onkels?

Ja, das ist schon ein seltsamer Zufall. Und nicht nur in Bezug auf das Unterrichten – ich mache ja gerade ein Praktikum als Deutschlehrer in der Sprachschule LINK – sondern auch auf die Musik: In Berlin singe ich in einer Band und schreibe die Songs selber. Hier in Kronstadt/Braşov habe ich nun auch jemanden kennen gelernt, mit dem ich Musik machen kann. Zum Glück! Denn darauf zu verzichten, wäre mir schwergefallen.

Welche Ausbildung haben Sie bereits hinter sich, und was möchten Sie gerne einmal beruflich machen?

Ich habe Germanistik und Ethnologie studiert, hatte seit jeher großes Interesse an anderen Ländern und Kulturen und vor allem an Literatur. Auch auf Reisen begleiten mich immer ein paar Klassiker: Novalis, Hesse, Nietzsche, Kierkegaard. Besonders die romantische Literatur hat es mir angetan. Zusätzlich zum Studium habe ich eine Zusatzqualifizierung für Deutsch als Zweitsprache absolviert – das heißt, ich darf in sogenannten Integrationskursen Migranten unterrichten, die eine Niederlassungserlaubnis bekommen wollen und dafür einen Deutschtest bestehen müssen. Großen Spaß macht mir aber auch die Arbeit mit Kindern. Letzten Sommer habe ich in einem Sprachcamp russische und ukrainische Jugendliche unterrichtet und könnte mir auch sehr gut vorstellen, die Leidenschaft für Musik und Literatur mit dem Unterrichten zu verbinden.

Und wie sind Sie mit der Kronstädter Sprachschule in Kontakt gekommen?

Ich hatte eine Anzeige dieser Sprachschule auf der Internetseite www.joe-list.de entdeckt. Das ist ein Forum für „Junge Osteuropa-Experten“. Die Sprachschule suchte nach einem Muttersprachler, der zwei Kinderkurse leiten und den rumänischen Mitarbeitern der Firma Schaeffler Einzelunterricht geben könnte. Darauf habe ich mich also beworben, und gleichzeitig für ein Stipendium im LEONARDO DA VINCI-Programm für lebenslanges Lernen, denn ansonsten hätte ich den Aufenthalt finanziell nicht stemmen können. Beides hat geklappt – und schon war ich Mitte Oktober hier in Kronstadt.

Wie gefällt Ihnen das Praktikum bisher?

Sehr gut. Ich kann die Kenntnisse, die ich theoretisch erworben habe, nun endlich auch in der Praxis anwenden. Besonders viel Spaß macht mir die Arbeit mit Kindern, denn mit denen ist es immer lustig, sie sind unglaublich motiviert und lernen schnell. Aber auch meine Schützlinge bei Schaeffler machen gute Fortschritte. Die Fahrt dorthin ist immer ein kleines Abenteuer, weil ich mit einem Taxi an- und abreisen muss und die Fahrer oftmals versuchen, mir einen höheren Preis abzuknöpfen – weil ich kein Rumänisch und mich daher nur schwer wehren kann. Auch die Damen in der Telefonzentrale tun ständig so, als würden sie kein einziges Wort von meiner Taxibestellung verstehen.

Mit welcher Motivation lernen die Leute hier Deutsch?

Oft hat das wohl mit besseren Karrierechancen zu tun. Für die Eltern, die sich das erlauben können, ist es sehr wichtig, dass ihre Kinder möglichst früh schon Fremdsprachen lernen. Und bei den Schaeffler-Mitarbeitern geht es um eine ganz gezielte Vorbereitung auf die Kommunikation mit dem Firmensitz in Deutschland.

Was mögen Sie besonders an Kronstadt, und was war anfangs eher ungewohnt? Gab es vielleicht sogar kulturelle Missverständnisse?

Die Stadt hat mir gleich auf den ersten Blick gefallen. Das schöne Abendlicht… die krummen Gassen… und die Landschaft rundherum. Besonders mag ich die Zitadelle, und natürlich den Berg Tâmpa mit seinen Hollywood-Buchstaben, die ich von meinem Balkon aus sehen kann. Auch die Sportmöglichkeiten sind toll: Ich gehe regelmäßig schwimmen und in ein kleines Fitnesscenter. Dort kann man einfach so hingehen und für 8 Lei einen Tag lang trainieren. Das gibt es in Deutschland nicht – da muss man immer gleich einen Vertrag abschließen.
Etwas ungewohnt ist, dass die Leute hier sehr laut reden, und dass sie nicht so diskreten Körperabstand halten wie die Deutschen. Ich wurde schon oft angerempelt, obwohl das bestimmt niemand böse meint. Beim Schwimmen ist es ähnlich: In Berlin gibt es eingezeichnete Bahnen, und die schwimmt man eben rechts hoch und links wieder runter. Hier aber treiben alle kreuz und quer durch das Becken, und nicht selten auch mal einer bewegungslos in der Mitte, weil er gerade das Luftanhalten übt!

Ein kleiner Wermutstropfen ist auch der Hund meines Nachbarn, der mich vor ein paar Tagen sogar gebissen hat. Ob das jetzt aber ein kulturelles Missverständnis war… das wage ich zu bezweifeln. Die kulturellen Unterschiede zu Deutschland empfinde ich auch als nicht so gravierend.

Was haben Sie während Ihres Aufenthaltes noch vor?

Ich würde mir gern noch Hermannstadt/Sibiu ansehen, das falsche Dracula-Schloss in Törzburg/Bran und die Hauptstadt Bukarest. Und vielleicht fahre ich auch sogar noch einmal nach Mühlbach. Insgesamt gesehen liegt mein Schwerpunkt schon in Deutschland – aber ich würde nicht ausschließen, dass ich noch einmal länger nach Rumänien komme. Dann aber mit besseren Sprachkenntnissen!

Würden Sie anderen ein Auslandspraktikum empfehlen?

Auf jeden Fall. Man macht wertvolle Erfahrungen und lernt, im Team zu arbeiten. So ein Praktikum erweitert ungemein den Horizont, man trifft nette Leute und lernt nebenbei auch viel über sich selbst. Vertrauen in das eigene Können zu haben und sich durchzusetzen, zum Beispiel. Aber auch Respekt, Achtung vor fremden Kulturen und davor, dass die Kollegen manches anders machen.

Außerdem kann man während des Praktikums noch einmal das Reisen und die freie Zeiteinteilung genießen, bevor es dann in den ernsten Berufsalltag geht. Noch ist ja auch das Wetter so traumhaft. Aber ich freue mich schon genauso sehr darauf, Kronstadt unter einer dicken Schneedecke zu bewundern!   

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