(Nur) Eine Webseite in grünem Hemd?

Oder Die Alternative, die keine ist

Freitag, 02. März 2012

Sind Sie bereit, einen Blick in die Dunkelheit zu wagen? Dann stellen Sie sich vor: Auf der Straße von Bukarest nach Tâncăbeşti tragen junge Menschen mit stolzem Gang und ernster Miene je eine rumänische Trikolore. Hie und da wehen auch grüne Fahnen mit großen weißen Keltenkreuzen. Später werden vor dem hölzernen Gedenkkreuz von Corneliu Zelea Codreanu im Wald Kränze niedergelegt, während die Hymne der Jugend der Legionäre angestimmt wird: „Die Garde, der Kapitän wandeln uns in eiserne Adler“. Sprecher in grünen Hemden deklamieren ihre Reden ins Sprachrohr, die meisten davon schließen mit „Es lebe die Legion, es lebe der Kapitän!“ Diese Bilder stehen im Youtube zur Verfügung und wurden nicht – wie man wohl glauben mag – Ende der dreißiger Jahre gefilmt, sondern im Spätherbst 2011, beim „Marsch“ anlässlich des 73. Todestags von Zelea Codreanu. Als ob das nicht schon genug wäre, erscheint „der Kapitän“ im Videoclip auch noch als Ikonen-Heiliger. 

Bereits vor einigen Jahren war mir ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen, als ich in Bukarest ein Codreanu-Plakat sah. Nein, leider warnte es nicht vor Rechtsextremismus – es lud dazu ein! In der Zwischenzeit lauern ähnliche Blätter auch in anderen Städten herum und kriechen sich in den Alltag. Neulich fand ich in Kronstadt/Braşov noch eins und noch eins und noch eins. Höchste Zeit, mich im Internet schlau zu klicken und zu erfahren, woher und wozu diese Gespenster auftauchen. 

K(r)ampf gegen alles, außer sich selbst?

Das Motto mit grünem Hintergrund auf der Homepage der Neuen Rechten (Noua Dreaptă, ND, www.nouadreapta.org) lautet „Für ein großes, würdiges, mächtiges Rumänien“. Dass es sich in erster Linie um ein „großes“ Rumänien handelt, ist gleich nebenan auf der rot-gelb-blauen Karte ersichtlich, die das Land in den Grenzen von 1918 zeigt. Die „Bewegung“ versteht sich als „nationale, soziale und christliche Rechte“, wurde im Jahre 2000 gegründet und hat mittlerweile in mehr als der Hälfte der Verwaltungskreise Rumäniens sowie im Ausland Niederlassungen. Im deutschen Internetauftritt lesen wir: „die Nationalisten der Noua Dreaptă (...) kämpfen nicht für (…) eine Partei, sondern für unseren (!) Land, unsere Traditionen und Familien.“ In der Kurzvorstellung werden auch die Ziele aufgezählt: Als Erstes selbstverständlich die Einheit „der zwei rumänischen Staaten“ (sprich Rumäniens und der Republik Moldau) „nach den (!) deutschen Vorbild“, dann wie erwartet die „Bekämpfung des ungarischen Separatismus“, dazu noch die „Bildung der rumänischen Jugend im nationalistischen und christlichen Geist“ sowie die „Unterstützung des Heldenkults (derjenigen) die sich für Gott, Volk und Vaterland geopfert haben.“ 

Spätestens bei der Lektüre dieser Absichtserklärung geht bei mir ein schwarzbraunes Alarmlicht auf. Viel ausführlicher werden wir jedoch von der rumänischen Homepage „informiert“: Hier möchte die Neue Rechte das rumänische Volk vom „Verschwinden“ – das „von den Schöpfern der Globalisierung angeordnet wird“ – retten, die Geburtenrate steigern, dem „Monopol“ der multinationalen Unternehmen ein Ende setzen, die „Offensive der Sekten“ stoppen, die Strafbarkeit der Homosexualität wieder einführen, sowie die „Diktatur“des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank „beseitigen“ und den Schengen-Beitritt verhindern.

Gepflastert ist der Internetauftritt – genau wie im Sprichwort der Weg zur Hölle – mit guten Vorsätzen: eine Hilfsaktion für Kinder oder Buchspenden für „Bessarabien“. Ausschlaggebend sind die Gründe: Sogar die Anforderung nach einem umfassenderen staatlichen finanziellen Beitrag für Gesundheit, Bildung, Forschung und Verteidigung wird (rein) ethnisch motiviert – dies seien nämlich die „lebenswichtigen Bereiche“ für die „Gegenwart und Zukunft des Rumänischen Volkes“ („prezentul şi viitorul Neamului Românesc“). Ob man in diesem System als Minderheit das gleiche Recht hat, gesund, gebildet und forschsam zu sein oder verteidigt zu werden, ist mindestens fraglich, im Text jedenfalls ausgeschlossen. Suchen wir weiter, so finden wir auf der Webseite der Kronstädter ND-Filiale im Archiv des Jahres 2010 einen direkten Hinweis, unter dem Titel „Die Zigeuner – Wieso können wir sie nicht erschießen?“. Hier schreibt der Vorsitzende der rumänischen Neuen Rechten in Deutschland: „Alle werden einverstanden sein: man muss sie ausmerzen“, „ich kann die Zigeuner nicht als Menschen betrachten“ und schließlich: „Die Organisationen, die nur Minderheitenrechte verteidigen, tun nichts anders, als die Krebsgeschwüre der Gesellschaft zu schützen.“ Soviel zu den Minderheiten.

Ist die Neue Rechte neu?

Die „Gründungsväter“ der Neuen Rechten sind laut Homepage u. a. Nicolae Paulescu, Nae Ionescu, Nichifor Crainic, Ion Moţa, Vasile Marin. Verlinkt sind hierher die (genau so grün-braun gefärbten) Webseiten für Zelea Codreanu, Horia Sima und andere. Werbung machen die Nationalisten auch für www.mihai-eminescu.net, eine Homepage, die aber „weniger dem Dichter als dem Vater des rumänischen Nationalismus und dem traditionalistischen Publizisten“ Mihai Eminescu gewidmet ist. 

Die Anhänger der Bewegung nennen sich „Kameraden“ – wie denn sonst? – und haben allein im vergangenen Jahr zahlreiche Märsche, Plakat-Kampagnen, das alljährliche „Nationalistische Lager“ („Tabăra naţionalistă“) sowie Feiern zum 84. Gründungstag der Legion des Erzengels Michael und zum 112. Geburtstag von Zelea Codreanu veranstaltet. Regelmäßig „enthüllen“ Universitätsprofessoren, die als „namhaft“ vorgestellt werden, im Rahmen von Konferenzen und Symposien allerlei „historische Wahrheiten“, regelmäßig werden in Interviews mit (ultra?)orthodoxen Pfarrern die einen oder anderen Argumente und Programmpunkte der Neuen Rechten aus religiöser Sicht gerechtfertigt. 

Wem die Haare noch nicht zu Berge stehen, dem sollte noch gesagt werden, dass das Gespenst bemüht ist, langsam aber sicher in ganz Europa hochzumarschieren. Bald ist es ein Jahrzehnt her, seitdem die rumänische ND zusammen mit ähnlichen Organisationen aus Spanien, Deutschland, Italien und Griechenland die „Europäische Nationale Front“ gegründet hat. Für mich wäre der Höhepunkt der Groteske erreicht, wenn letzten Endes die ungarischen und die rumänischen Rechtsextremen in einem internationalen Gremium in puncto Transilvanien kollaborieren würden. Bis dann kann man sich hierzulande über den Internet-Shop der Neuen Rechten (www.magazin-nationalist.net) warm anziehen: Für 99 Lei bekommt man die Polarjacke „Corneliu Zelea Codreanu“ in Grau oder Schwarz, für 15 Lei Mützen, auf denen nicht gerade „Garda de fier“ („Eiserne Garde“), dafür aber „Gardul de fier“ („Eiserner Zaun“) geschrieben steht.

Spaß beiseite: Im Dezember hat der Vorsitzende der Bewegung die Unterlagen für die Parteigründung samt 30.000 Unterschriften beim Gericht Bukarest eingereicht. Laut eigenen Angaben hat die Neue Rechte in elf Jahren über 6000 „junge Menschen“ als Anhänger gewonnen. Interessant ist u. a. die Struktur mit Abteilungen wie beispielsweise die „Kommission für Ethik und Disziplin“ und sogar ein „Propaganda-Departement“, das von einem Einundzwanzigjährigen geleitet wird. Kein Wunder, dass die Facebook-, Twitter- und Youtube- Auftritte der ND stets aktualisiert werden. Dem (jungen) Zielpublikum können wir dazu nur einen Spruch weitergeben, der ebenfalls im Facebook zirkuliert: „Zu Risiken und Nebenwirkungen von Nazi-Aufmärschen lesen Sie ein Geschichtsbuch oder fragen Ihre Großeltern.“

Kommentare zu diesem Artikel

Joachim Cotaru, 02.03 2012, 17:25
Besten Dank für Ihren Artikel, Frau Chiriac! Rechtsextremismus ist in Rumänien ein verbreitetes und zugleich verharmlostes Problem, bei weitem nicht nur in der "Mehrheitsbevölkerung". Dass die Legion immer noch verbreitet Anerkennung findet, ist ein schwerwiegendes Manko. Die ND ist nur die Spitze des berühmten Eisbergs.
Christine, 02.03 2012, 15:42
Danke für den Kommentar! Es ist für mich ein sehr gutes Zeichen, wenn ein Artikel zum Mitreden anregt.

Allerdings werfe ich "den Rumänen" überhaupt nichts vor, sondern der "Neuen Rechten" - es ist in etwa der Unterschied zwischen "Deutschen" und "Nazis" oder zwischen "Muslimen" und "Fundamentalisten"/"Terroristen".

Mir geht es nicht (pauschal) um das Volk oder das Land und dessen Geschichte, sondern um eine ganz bestimmte kleine "Bewegung", die bemüht ist, hier und jetzt politische Partei zu werden und zum Teil das Volk, das Land und die Geschichte für die eigenen Ziele und die eigene Propaganda missbraucht. Ich habe auch nicht die Absicht gehabt, Rumänien und die rumänische Historie mit "zivilisierten" Ländern (was auch immer das heißt) zu vergleichen. Eben deshalb lebe ich in diesem Land, weil ich es in Ordnung finde.

Dass früher Pfarrer eingekerkert wurden, steht fest und niemand hat es abgestritten. Immerhin sind es nicht die gleichen mit denen im Artikel. Menschen (und Pfarrer) tragen Verantwortung für was sie heute sagen und machen, abgesehen von den Taten und Leiden ihrer Großväter (oder Vorgänger oder Berufskollegen).

Ich kann nur hoffen, dass der Satz zum Schluss Ihres Kommentars stimmen wird. Was allerdings in benachbarten Ländern passiert, könnte schon gegen diesen Optimismus sprechen. Alle großen Gewitter beginnen klein, auch die in der Vergangenheit haben klein begonnen. Wenn sie schon groß sind, ist es zu spät um davor zu warnen.
Catalin, 02.03 2012, 14:28
Keine Angst; Vieles kann man den Rumaenen vorwerfen, aber auf keinem Fall die schlechte Behandlung der nationalen oder religioesen Minderheiten. Betrachten Sie die Rumaenergeschichte der letzten Jahrhunderte und Sie werden kein "Dreissigjaehriges Krieg" oder aehnliche Katastrophen aus zivilisierten Laendern finden. In keinem EU-Land sind so viele nationalen Minderheiten im Parlament vertreten wie in Rumaenien.
Vor einigen Jahren hat Papst Benedikt XVI. ueber vierhundert Franco-Anhaenger heiliggesprochen, da sie in den Kaempfen gegen die Kommunisten in Spanien umgekommen sind. In den gleichen Kaempfen wurden auch die erwaehnten rumaenischen Legionsmitlieder Ion Mota und Vasile Marin umgebracht, aber wenn sie in Rumaenien heiliggesprochen waeren, wuerden vor allem Minderheiten schreien, dass eine Ungerechtigkeit geschieht. Es sollte noch erwaehnt werden, dass die "(ultra?)orthodoxen Pfarrern", die Sie erwaehnen, um die fuenfzehn Jahre in den kommunistischen Gefaengnissen verbracht haben, ohne jemandem etwas anzutun, weder vor, noch nach ihrer Haft.
Es ist wenig wahrscheinlich, dass Nationalisten in der Zukunft viel Einfluss auf die Gesellschaft ausueben werden, weil die Menschen es satt haben, sich schoene Geschichten anzuhoeren, die aber in der taeglichen Wirklichkeit kaum umsetzbar sind.

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