Nur eine Zahl

Sonntag, 23. Februar 2014

Symbolbild: sxc.hu

Es war ein gottverlassener Bahnübergang irgendwo im Szeklerland, an dem sich die Schranken höchstens zweimal am Tag senken. Ich hatte das Glück, eines davon zu erwischen, und gerade den Motor abgestellt, als ich den armen Kerl sah. Der arme Kerl war ein bettelnder Hund, schwarz, mittelgroß, gewöhnlich. Hunde wie diesen gibt es zehntausendfach in Rumänien, in Städten, Dörfern und Parkplätzen. Der Hund ging methodisch vor. Er hockte sich neben das erste Auto, stellte die Ohren auf und sah mit schiefgelegtem Kopf den Fahrer an. Schien es ihm, dass dieser nicht geneigt war, ihm etwas zum Fressen zu geben, ging er zum nächsten. Ich saß am Steuer des vierten Wagens. Als er neben mir saß und ich gelangweilt aus dem Fenster guckte, bemerkte ich, dass der Hund auffallend ausdrucksstarke Augen hatte, es war als könnte er mit ihnen sprechen.

„Komm schon“, sagte er, „gib mir was zum Futtern.“
„Tut mir leid, Hund, ich habe nichts“ brummelte ich vor mich hin, den Umstand nutzend, dass ich alleine im Auto saß und mich keiner für verrückt halten konnte.
„Ach, denk nach. Sicher hast du irgendetwas dabei. Ihr Menschen könnt es doch nicht lange aushalten ohne Futter...“
„Ich schon, mein Magen, weißt du...“
Der Hund hielt weiterhin den Kopf schief, aber in seinen Augen änderte sich was. Er hielt mich nun für einen Lügner.
Auf der anderen Seite der Schranke war ein weiteres Auto angekommen, die Insassen stiegen aus, Zigarettenpause. Der Hund rannte hinüber, ohne auf den Glockenton der Schranke zu achten. Ein Mädchen streichelte ihn kurz, aber Streicheln macht nicht satt. Also kehrte er zurück zu mir. Er hockte sich wieder hin, aber seine Augen baten nicht mehr. Er hockte einfach da, weil er wusste, es müsse so sein. Aber er erwartete nichts mehr.

Seufzend sah ich in seine Hundeaugen, dann wandte ich meinen Blick ab. Kein Mensch schafft es, längere Zeit in leere Hundeaugen zu blicken. Auf einmal erinnerte ich mich, dass ich immer ein paar Kekse im Kofferraum mitführte, für unvorhergesehene Fälle. Dieses war so einer. Ich stieg aus und öffnete eine Packung, um zu sehen, ob ihm die Kekse überhaupt schmecken. Das erste Keks verschwand mit einer Geschwindigkeit, die kein Radargerät der Welt hätte messen können, das zweite und dritte ebenfalls. Ich streute ihm die ganze Packung hin und öffnete auch eine zweite. Der Hund fraß, ohne Atem zu holen, er schlang, als hielt er das Essen für eine Fata Morgana, die verschwindet, wenn er innehält. Die Schranke war offen, ich musste weiter. Im Rückspiegel sah ich noch den armen Kerl schlingen. Er sah nicht auf.Die lautstarke Diskussion um die Einschläferung der herrenlosen Hunde hat sich zwar etwas gelegt, was aber nicht heißt, dass sie mancherorts nicht angewandt wird. Die Bürgermeister zucken mit den Schultern, sie können leider nichts dagegen tun, das Gesetz ist eindeutig. Meistens sind Gesetze nicht so eindeutig, dieses schon. Den schwarzen Kerl wird es wohl nicht treffen, Dorfbürgermeister haben besseres zu tun, als Hunde zu jagen. Die anderen Hunde aber werden zu einer namenlose Zahl in einer Statistik, wie sie jede Behörde am Ende des Jahres zufrieden abzuheften pflegt.

Kommentare zu diesem Artikel

Ottmar, 24.02 2014, 17:59
Der Huind hat es tausendmal besser als im ach so tierlieben und korrekten Bayern.
@Beate, der Hund lebt freiwillig auf der Strasse denn sonst kannst du das
Nachlesen bei sueddeutschem Zeitung unter
http://www.sueddeutsche.de/bayern/gammelsdorf-das-haus-der-katzenquaelerin-1.1896438
Beate, 24.02 2014, 15:28
Lebt dieser arme Hund freiwillig auf der Straße?
Warum diese brutale Gleichgültigkeit den Tieren gegenüber? Was gerade in Sachen Mode in
ist wissen doch die meisten jungen Rumänen auch.Viele arbeiten auch in Deutschland, können sie dann nicht auch etwas vom aktiven Tierschutz übernehmen?
Alexander, 23.02 2014, 16:06
Ja ja - bequeme Tierliebe und reinigendes Mitleidsgehabe. Retten soll dieses Hundchen natürlich jemand anderer - am besten der Staat - wobei es in diesem Fall natürlich der Staat der anderen ist, dem man selbst nicht angehört.
Eine ganze Packung Kekse - ja - zu helfen fordert einem natürlich selbst auch etwas ab. Dabei dachte ich mir: Allein im Auto? Wäre da nicht noch Platz für das Hundelein gewesen?
Aber verbale Mitleidigkeit ist natürlich bequemer. Fakt ist auch, dass die streunenden Hunde ein Problem sind - und dieses Problem muss gelöst werden. Entweder dadurch, dass die Mitleidigen solche Hunde zu sich nehmen, oder eben dadurch, dass man sie tötet. Ich würde dann aber empfehlen, die den Raubtieren im Zoo vorzusetzen - das hat dann etwas natürliches und die Zootiere werden satt.

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