„Nur scheinbar singen wir“

Schwermütig und raffiniert: „Alcool”, Ada Mileas neueste CD

Samstag, 02. Februar 2013

Ada Milea, Bogdan Burlăcianu und Cristi Rigman während des Konzerts im Bukarester Café Verona
Foto: Aida Ivan

Ausgelassen und atypisch, so ist Ada Milea (37): Die unkonventionelle Künstlerin par excellence präsentierte vor Kurzem in Bukarest ihr neuestes Album namens „Alcool”  („Alkohol“). Im überfüllten Café Verona gab sie ein Konzert zusammen mit Bogdan Burlăcianu, Gründungsmitglied der Musikgruppe „Fără Zahăr”, und dem Klausenburger Schauspieler Cristi Rigman.

Die Texte der Lieder auf dem neuen Album beruhen auf Gedichten aus Ion Mureşans Buch „Alcool” (2010). Es ist ein Band, der bisher zweimal ausgezeichnet wurde – 2010 vom Schriftstellerverband mit dem Preis für den besten Gedichtband und 2012 mit dem Mihai-Eminescu-Preis der Rumänischen Akademie. „Schon als Lyzeumsschülerin war ich von der Lyrik Ion Mureşans fasziniert. Auf die innere Seite der Schranktüren hatte ich eine Menge Zitate aus ‘Cartea de iarnă‘ (‘Winterbuch’, Mureşans Lyrikband aus dem Jahre 1981) geklebt. Kein Wunder, dass ich mir gewünscht habe, sie zu singen – obwohl es damals unmöglich schien, diese in irgendeine singbare Form zu übertragen“, erklärt Ada Milea.

Der Ursprung des Musikalbums liegt in dem von Alexandru Dabija am Bukarester Komödientheater inszenierten Caragiale-Stück „Ein verlorener Brief“. Hier singt der von Dorina Chiriac verkörperte betrunkene Bürger (rum. „cetăţeanul turmentat“) ein Gedicht Mureşans. Es war der Vorschlag des Regisseurs, weitere 22 Gedichte Mureşans in gesungener Form auch ins Theaterstück  „Deliruri“ („Fieberwahn“) am Kunsttheater in Deva einzubringen, das von Mihai Măniuţiu inszeniert wurde. 

„Wir haben ‘Alcool’  aufgrund des Sprechens eines einzigen Mundes mit zwei Stimmen aufgebaut, so wie es in einem Gedicht steht – ‘ Was kann man mit zwei Stimmen in einem Mund machen?’ Mit Bobo Burlăcianu arbeite ich seit Jahren zusammen und ich ahnte, dass uns dieser synchronisierte Sprechgesang gelingen kann, obwohl manche Teile äußerst schnell sind“, verdeutlicht die Künstlerin.

In der Tat war das Konzert eine großartige Gelegenheit für den Besucher, seine Sinne zu schärfen. Zuzuhören und gleichzeitig zuzuschauen, war gewissermaßen eine Spaß machende Überforderung. Bei dem einzigartigen Zusammenspiel der verschiedenen Elemente wurde künstlerische Flexibilität bewiesen: Die scharfsinnigen Verse des Klausenburger Lyrikers wurden mit hoher theatralischer Gewandtheit in sympathische, spielerische und einfache Lieder übertragen.

Die Rolle des Solisten wurde von Bogdan Burlăcianu übernommen, akrobatisch schlug er den Bogen von Zorn zu Gleichgültigkeit, von Pathos zu Depression. Ada Milea, eine eher diskrete Erscheinung mit Kinderfigur und kräftiger Stimme, hatte ein teuflisch fesselndes Mienenspiel: Sie schaltete schauspielerisch von einem Gefühlsausdruck zum anderen – blitzschnell und im vollen Einklang mit der Lyrik. Die wenigen Musikinstrumente wirkten dabei besonders leistungsstark: Abgesehen von Ada Mileas Gitarre wurden noch drei Gläser mit Wasser, eine Schachtel und ein kleines Blasinstrument (Kazoo) benutzt.

Diktion, Mimik und instrumentaler Schlichtheit lagen Subtilitäten zugrunde, die man kaum durchblicken konnte. „Wir wollten die Lieder weit entfernt von der typischen Sprechweise des betrunkenen Menschen gestalten und einen ‘Klang’ der Gedichte finden. Nachdem wir den Text angepasst haben, sodass er gesungen werden kann, haben wir die Texte dem Lyriker und danach dem Regisseur geschickt“, beschreibt Ada Milea den Entwicklungsprozess der Alkohol-CD.  Über jedes weggelassene Fragment waren sie aber traurig und sie habe versucht, die Schönheit der Verse nicht zu zerstören.

„Alcool“ ist das Konzert, das die Künstlergruppe aufgrund der Musik aus der Aufführung in Deva aufgebaut hat. „Ich glaube an die Theatralik des Konzertes und ich fürchte, es ‘Musik’ zu nennen, obwohl wir scheinbar singen. Ich möchte aber lieber glauben, dass  ‘Alcool’  unsere Lesart dieser wunderbaren Gedichte ist. Wir spielen mit der schriftlichen Variante des Poeten und lesen sie den anderen vor“, erläutert Ada Milea.

Es fällt einem schwer, genau abzugrenzen, ob die einzigartige Ausdrucksweise oder der Humor zwischen den Zeilen, die fast greifbare Aufrichtigkeit der Verse oder die Melodie zuständig für die Faszination waren, die während der kurzen Darbietung von den drei Hauptakteuren ausging. Die von Ada Milea gewählte Gestaltungsweise ist stark individualisiert und geht weit über traditionelle Kategorien hinaus. Eines ist doch sicher: Der Zuhörerschaft wurde eine sehr rasche und raffinierte Erfahrung in der finsteren Welt des Alkohols bereitet, die den meisten aber nicht völlig unbekannt ist.

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