Nur Szenen aus Absurdistan?

„Gegen die Demokratie“ – erste Premiere der deutschen Abteilung des Hermannstädter Theaters in neuer Spielzeit

Freitag, 17. August 2012

Wolfgang Kandler (l.) und Ensemble-Neuzugang Daniel Bucher aus Deutschland als X und Y.

Emöke Boldizsár, Ali Deac und Daniel Bucher in der Story um den ungewollten Sohn.
Fotos: Cynthia Pinter

Kann Horror unterhaltsam sein? Durchaus. Das beweist die Inszenierung von „Gegen die Demokratie“ an der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters. Das Stück des jungen katalanischen Dramatikers Esteve Soler ist die erste der vier für Ende September und Anfang Oktober geplanten Premieren des Ensembles und wurde am 9. und 10. August in einer Art Generalprobe mit Publikum gezeigt. Die deutschsprachige Erstaufführung des Stückes in der von Charlotte Frei gezeichneten Übersetzung soll am 28. September im Beisein des Autors stattfinden.

Die schwarze Komödie greift Dialoge und Situationen auf, die unserem Alltag leider nicht fremd sind. Selbstverständlich werden sie zugespitzt auf die Bühne gebracht, denn Soler, 1976 in Barcelona geboren, lernte und lehrt an der Sala Beckett, dem 1989 dem irischen Schriftsteller gewidmeten Theater in seiner Heimatstadt. Neben der Rat- und Aussichtslosigkeit ziehen eine groteske Atmosphäre durchsetzt mit lustig-absurden Schockern durch das Stück. Dass es sich dabei um Theater handelt, signalisieren die Personen auf den Bänken recht und links des hellen Kubus, in und vor dem gespielt wird.

„Gegen die Demokratie“ ist Teil der „Contra“-Trilogie: Neben „Contra la democratia“ gehören „Contra el progress“ (Gegen den Fortschritt) und „Contra l’amor“ (Gegen die Liebe) dazu. Seit 2008 werden die Stücke, in mehrere Sprachen übersetzt, auf vielen Bühnen in Europa sowie in Nord- und Südamerika gespielt. Für die Inszenierung am Radu-Stanca-Theater konnte der bekannte, vorwiegend an Bukarester Theatern arbeitende Spielleiter Alexandru Dabija gewonnen werden. Die Ausstattung entwarf der nicht minder renommierte Bühnenbildner Dragoş Buhagiar. Dieser zaubert mit minimalistischen Mitteln ein faszinierendes Ambiente, das die Skurilität der Situationen unterstreicht. Gespielt werden in Hermannstadt sechs der sieben das Gesamtstück umfassenden und in sich geschlossenen Geschichten. Das Spiel geht pausenlos und man erhält den Eindruck eines Ganzen.

In einem Spinnennetz gefangen, hängen in der ersten der Stories ein Mann (Wolfgang Kandler) und eine Frau (Iulia-Maria Popa) und sprechen über Politiker („alles Faulpelze“, „alle haben Dreck am Stecken“) und die Teilnahme an der Wahl („da gehen wir doch lieber grillen“). Die Gegenwart lässt grüßen … und lässt sich als riesige schwarze Spinne von der Decke herab, verspeist den Mann, während die gebärende Frau darauf wartet, dass er ihr ein Glas Wasser bringt. Als letzte Geschichte bringt das Hermannstädter Ensemble jene um den jungen Mann (Ali Deac), dem die Eltern (Emöke Boldizsár und Daniel Bucher) an seinem 18. Geburtstag neben der Torte auftischen, dass er nicht gewollt war, die Mutter versucht hat, ihn als Baby zu ertränken, usw. Da er unrentabel ist, wird er von den Eltern erschossen, die somit zum Gemeinwohl der in der Krise steckenden Gesellschaft beitragen, denn es wird ein nutzloser Esser entsorgt. Er wird an einen von der Decke baumelnden Haken gehängt und die Familie feiert eine Fete und schießt Fotos. Oder gibt es heutzutage nicht zu jedem Anlass ein Fest, bei dem die Kameras klicken und blitzen?

Dass etwas faul ist in unserer Gesellschaft und dem Demokratieverständnis zeigen die Machtspiele von X und Y in einer weiteren Story: Mit dem Volk unzufrieden, wird dieses verbannt und die Stadt umgebaut – wobei es sich jedoch letztlich um einen persönlichen Racheakt handelte. Die brutale Gewalt und Überheblichkeit der Geschäftswelt oder die absurd-komische Situation, dass sich niemand mehr daran erinnern kann, welche Zahl nach der Sechs folgt, wollen in zwei weiteren Geschichten andeuten, dass irgendwas schief läuft in der Gesellschaft. In diesen Stories werden die makabren Szenen mit heiteren Gags gespielt und verführen zum Lachen – selbst wenn dieses zuweilen im Hals erstickt.

Selbst das Lächeln vergeht den Zuschauern bei der Geschichte der Burka tragenden Frau, die sich in Arabisch an die Leute richtet – und Schauspielerin Emöke Boldizsár hat es tatsächlich von einer in Hermannstadt lebenden Araberin erlernt! – das ihr Nachbar José (Daniel Plier) übersetzt. Sie werde die Sprache ihres jetzigen Wohnortes sprechen, wenn sie aus dem Gefängnis kommt, denn sie hat ihren Mann erstochen, der auf die Tochter eingeprügelt hat, weil die mit dem Nachbarn gesprochen hatte. Die Frau hatte ihre Katharsis mit der Aussage begonnen: „Ich glaube an die Demokratie“.

Szenen aus Absurdistan? Leider nicht ganz. Gelungen ist dem Ensemble der deutschsprachigen Abteilung jedenfalls eine weitere Vorstellung, die durchaus neben jenen der rumänischen Sektion stehen kann. Dies nicht bloß dank der Regie und Ausstattung, sondern vor allem wegen dem hervorragenden Spiel der sechs Darsteller und ihrer deutschen Aussprache.

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