„Nur wegen der Angst vor dem Unbekannten sind wir getrennt“

Icar will Rumänien für Flüchtlinge sensibilisieren

Montag, 13. Juni 2016

Besucher lassen sich gerne mit dem Lederprodukte-Hersteller aus dem Kongo im Hof des Bukarester Bauernmuseums fotografieren.

Frauen aus dem Irak warten auf das Konzert.
Fotos: Sarah Bioly

In deinem Land herrscht Krieg seit mehreren Jahren. Du fliehst, um dein Leben zu retten. Wo gehst du hin? Die Reise ist gefährlich. Nimmst du deine Familie gleich mit - oder reist du alleine und holst sie später nach? Du bist jetzt in einem anderen Land, wo du dich sicher fühlst. Was ist das Erste, das du tust? Wie beschreibst du den Einheimischen deine Landsleute? Und nun zu dir: Wie glaubst du, dass die Flüchtlinge sich in Rumänien fühlen?

Es ist ein sonniger Frühlingsnachmittag in der Hauptstadt, wie üblich im Bukarester Bauernmuseum tobt dort das Leben. Ein paar Schritte weiter sieht man vor dem Club zwei Stände, wo Schmuck und Lederprodukte verkauft werden. Drinnen: Leute sausen hin und her, umgeben von Tischen mit exotischen Speisen. Die Wände sind mit Fotos in Großformat bedeckt, sie zeigen Flüchtlinge in verschiedenen Asylantenheimen landesweit. Zu sehen sind auch ein paar Gemälde sowie Plakate mit Fragen, die die Besucher einladen, sich in die Situation der Flüchtlinge zu versetzen und ihre Antworten dort niederzuschreiben. Eine Handvoll Frauen mit bedeckten Köpfen lächelt in den hochgehobenen Handybildschirm und macht ein Selfie, während ein Kameruner mit einer Kappe seine Gitarre auf der Bühne stimmt und ein Niederländer sich mit seiner riesengroßen Kamera ungeschickt durch die Menschenmenge wälzt.

Der einzige Inder in traditioneller Tracht bricht schon auf, er leitet ein Restaurant und muss sich um seine Kunden kümmern. In einer Ecke scheint sich ein Ukrainer hinter seinen Gemälden eher zu verstecken, er guckt nach unten. Wladimir ist der „frischeste“ Flüchtling im Saal. Journalisten und Neugierige umrunden den Saal und versuchen, die Miniaturwelt zu erkunden, die hier gerade präsentiert wird. Die Idee, Flüchtlinge und Einheimische zusammenzubringen, ist eine Initiative der Stiftung Icar. „Im Laufe der Zeit hatten wir Asylbewerber, aber nicht sehr viele. Ihr Prozentanteil ist hier weiterhin sehr klein im Vergleich zu anderen Staaten. Wir hatten und haben immer noch kein kohärentes Programm für die Integration dieser Menschen, so wie andere Länder“, sagt Iuliana Mihordea von der Stiftung Icar. Sie erklärt, dass es im letzten Jahr 1600 Asylbewerber gab, die meisten wurden abgelehnt. Diejenigen, die in Rumänien bleiben dürfen und es in der Tat auch tun, wenn sie eine Art von Schutz bekommen, sind sehr wenige. Viele suchen ein Land, wo sie leichter Arbeit finden können und die Integration in die Gesellschaft einfacher ist.

Lilith und Atefeh

Auf der Suche nach Kontaktaufnahme hastet eine junge Frau von einer Person zu anderen. Lilith ist 19, ihr Vater ist Franzose, ihre Mutter Armenierin. Seit eineinhalb Jahren lebt sie nun schon in Bukarest im Asylantenheim – aber nicht mehr lange, denn bald soll sie es verlassen. Der Grund dafür ist die Herkunft ihres Vaters – auch wenn sie selbst staatenlos ist. Wie es dazu kam? Das weiß Lilith auch nicht so genau. Geboren ist sie in Armenien, aufgewachsen in Frankreich. Um ihre Staatsbürgerschaft herauszufinden, muss sie ihre Geburtsurkunde beantragen. Helfen kann ihr das Asylantenheim dabei nicht. Lilith ist auf sich allein gestellt, allerdings hat sie sich bis jetzt ganz gut durchgeschlagen. Nur, wie es weitergeht, wo sie hin soll – dafür hat sie keinen Plan.

„Auf die Straße schicken die mich“, sagt Lilith, während sie an einem der Stände einen Ring mit einem Herzen bewundert. Letztes Jahr hat sie hier auch Schmuck verkauft, erzählt sie weiter. Auch dieses Mal hätte sie gerne etwas angeboten, aber das Asylantenheim gab ihr erst am Vorabend Bescheid, dass wieder eine Veranstaltung stattfindet. Ob sie hier bleiben wird, nachdem sie das Heim verlassen hat? Liliths Auskunft ist unbestimmt, ziellos. Vermutlich wird sie wieder nach Frankreich gehen, vielleicht zu ihrem Vater – erst einmal heißt es aber: abwarten. Vielleicht, bis sie weiß, welchem Staat sie überhaupt angehört? Wie lange das dauern wird, steht in den Sternen. Lilith scheint gar nicht besonders bemüht zu sein, ihre Geburtsurkunde bald in den Händen zu halten. Viel lieber würde sie hier bleiben – so wie die Verkäufer auf dem Markt.

Auch Atefeh verkauft Schmuck. Seit über acht Jahren lebt sie in Bukarest. Davor floh sie aus dem Iran. Ihr Bruder lebte schon in Rumänien, deshalb kam sie hierher. Sie hat Grafik studiert, jetzt bastelt sie Ketten, Armbänder und Ringe und verkauft diese online über Facebook. Dass sie einmal im Grafikbereich tätig war, merkt man an den Fotos auf ihrer Seite, wo der Schmuck liebevoll in Szene gesetzt wird. Ihr Name ziert in weißer Schnörkelschrift jedes Bild und verleiht der Facebookseite etwas Seriöses. Wie man Schmuck herstellt, brachte Atefeh sich selbst über Internet bei. Seit ungefähr einem Jahr betreibt sie nun ihr kleines Geschäft und es hat sich gut entwickelt. Allerdings – einen Laden gibt es noch nicht. Immerhin kann sie auf der Veranstaltung an einem Stand ihre Ware anbieten und diese kommt bei den Anwesenden gut an. Mehrere Stücke kann sie in den drei Stunden für durchschnittlich zehn bis fünfzehn Lei verkaufen.

Zurückhaltung gegenüber traumatisierten Menschen

Von der Sozialarbeiterin Elena Pătrăţeanu erfährt man Anfang Juni, dass Lilith subsidiärer Schutz gewährt wurde und sie im Bukarester Asylheim wenigstens noch ein Jahr lang bleiben darf. Pătrăţeanu arbeitet bei Icar in einem Bukarester Zentrum für die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylanten, das von dem Inspektorat für Migration verwaltet wird, seit ungefähr zwei Jahren. Im Bukarester Asylantenheim gibt es Migranten aus Syrien, Irak, Afghanistan, dem Sudan, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Ruanda und aus der Ukraine. Als Sozialarbeiterin versucht sie, den Flüchtlingen ihren spezifischen Bedürfnissen gemäß zu helfen. „Wenn es zum Beispiel um eine alleinerziehende Mutter mit einem Kleinkind geht, dann ist es wichtig, materielle Unterstützung für das Kind zu finden,“ sagt Pătrăţeanu. Ihre Zusammenarbeit mit der Organisation Samusocial betrachtet sie als ausgezeichnet: Wenn die Mutter ins Programm der Organisation eingetragen wird, kann diese ein paar Monate lang Milch für das Kind bekommen. Familien mit Kindern müssen außerdem ins rumänische System aufgenommen werden, damit sie Kindergeld bekommen. Ob es ein Profil der Flüchtlinge gibt? „Es sind unbegleitete Minderjährige, alleinstehende Männer, Frauen mit Kindern. Manche Jugendliche sind ohne ihre Eltern mit einer Gruppe losgegangen“, erklärt Pătrăţeanu.

Hindernisse tauchen meistens auf, wenn die Flüchtlinge keine Papiere haben. Auch wenn es gesetzliche Bestimmungen gibt, dass alle alleinstehenden Eltern den Mindestlohn bekommen, kann es passieren, dass es nicht geht: „Wir hatten eine Mutter mit Kindern, aber es gab keine Papiere, die beweisen konnten, dass es tatsächlich ihre Kinder sind“, sagt Pătrăţeanu. Die Sozialarbeiterin spürt manchmal ein Zögern der Ärzte, Flüchtlinge zu behandeln, eine Zurückhaltung der Beamten, sich mit ihnen zu befassen: „Für eine Person, die eine traumatische Vergangenheit hat, ist es erneut traumatisierend, wenn sie sich hier nicht willkommen fühlt“. Manche Flüchtlinge verlassen Rumänien sogar noch während des Asylverfahrens. Sie wollen nicht auf eine Antwort warten, sie wollen nicht hier bleiben, viele haben Familienmitglieder in Deutschland, Norwegen, Schweden oder in der Schweiz. Manche Syrer fahren nach Deutschland, denn dort wurde das Dublin-Abkommen für Syrien-Flüchtlinge ausgesetzt. „Das heißt, sie können nicht nach Rumänien zurückgebracht werden. Und die Gemeinschaft dort ist sehr stark“, ergänzt Pătrăţeanu.

Flüchtlinge als Ressourcen

„Migrationswellen sind keine Neuigkeit für Rumänien, auch wenn unser Land nicht so stark betroffen ist wie andere“, beginnt Camelia Doru, die Vorsitzende der Stiftung Icar, im Rahmen einer internationalen Konferenz in Bukarest. Sie erinnert an frühere Erfahrungen : Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Rumänien Flüchtlinge aufgenommen, ein paar Tausend Armenier: „Ich weiß nicht, welche Integrationsprogramme es damals gab, aber die Bevölkerung hat sie empfangen und sie haben sich integriert“, setzt sie fort. Nicht vergessen sollte man auch die Welle nach dem Zweiten Weltkrieg, als Leute aus Bessarabien und dem Norden des Buchenlands nach Rumänien kamen, da diese Regionen nicht mehr zu Rumänien gehörten. „Sie hatten ebenfalls keine Probleme mit der Integration“ sagt Doru und zählt weitere Situationen auf, in denen Rumänien Flüchtlinge aufgenommen hat - nach dem Bürgerkrieg in Griechenland, nach dem Konflikt in Korea, dann in den 70er Jahren, als Chilenen im Stadtviertel Drumul Taberei untergebracht wurden.

„Rumänien ist ein positives Beispiel in diesem Bereich“, meint Doru. Sie erwähnt die Art und Weise, wie Rumänien mit diesen Migrationswellen umgegangen ist. „Doch heute werden Unterschiede hervorgehoben, man spricht über ihre Kleidung, man spricht von ihrer Konfession. Weniger spricht man von den Problemen dieser Leute, über die Tatsache, dass sie leiden und eine dramatische Lebensphase erleben.“ Dass Flüchtlinge ohne die Unterstützung der Bevölkerung nicht integriert werden können, nehmen alle Konferenzteilnehmer – Vertreter von staatlichen Institutionen, Journalisten, Vertreter der Zivilgesellschaft oder von verschiedenen in- und ausländischen NGOs – an. Experten aus Norwegen, die den Wissenstransfer fördern, erklären, dass es gut ist, wenn Einheimische ihre Sorgen zum Ausdruck bringen. So wisse man, wie man eingreifen kann. Man kann mit den Leuten sprechen, die Flüchtlinge als Bedrohung betrachten, und diesen „Fehler“ korrigieren. Camelia Doru stimmt zu: „Flüchtlinge sind zwar gefährdet, zugleich aber auch geschickt und kreativ“.

Auf der Suche nach Lösungen

„Wie kann man die negative Einstellung gegenüber Migration ändern?“ fragt Doru in die Runde. Das einfachste, nützlichste und billigste Rezept, Vorurteile zu bekämpfen, ist das Zusammenbringen des rumänischen Publikums mit den Flüchtlingen. Vermittlung von Kommunikation führt zu Wissen: „Nur wegen der Angst vor dem Unbekannten sind wir getrennt. Durch das Projekt ‚Salut‘, das mit norwegischer Finanzierung durchgeführt wurde, hat die Stiftung versucht, das rumänische Publikum näher an das Phänomen der Migration zu bringen“, sagt Doru. Integration ist schwierig, dafür braucht man eine freundliche Gemeinschaft, keine feindselige. C²t²lin Albu, Vertreter der Jesuit Refugee Service (JRS) Rumänien meint, dass solche Aktionen, die das Ziel haben, Radikalismus und Xenophobie zu bekämpfen, nur ein Tropfen auf dem heuißen Stein sind: „Der Schlüssel ist die Erziehung. Integration hat viel mit der Meinung der Bevölkerung zu tun. Wenn ein Migrant eine Wohnung mieten oder einen Job suchen will, dann wird er mit Problemen konfrontiert. Man will Wohnungen nicht an Fremde vermieten, man will einen Ausländer nicht anstellen. Wir werden mit unserer Arbeit weitermachen, aber es wird uns nicht in ein paar Monaten gelingen, was wir viele Jahre nicht erreicht haben“, schlussfolgert er.

Kommentare zu diesem Artikel

Wolfgang, 15.06 2016, 16:30
informativ und einfühlsam geschrieben

Viel Erfolg für Icar!
Don Emilio, 13.06 2016, 18:23
Sehr geehrter Tourist,

genauso sehe ich das auch.

Mit freundlichen Grüßen,
Don Emilio
Tourist, 13.06 2016, 08:22
in Armenien und im Iran ist überhaupt gar kein Krieg. Und auch aus der Ukraine muss man nicht flüchten. Sollte man unglücklicherweise im Frontgebiet leben, kann man entweder in die Westukraine übersiedeln, wenn man mit der einen Seite sympathisiert, oder nach Russland, wenn man mit der anderen Seite sympathisiert. Wer aus Afghanistan flüchten muss oder will, kann in die friedlichen Nachbarländer, etwa nach Tadschikistan, sofern er Tadschike ist, nach Usbekistan, sofern er Usbeke ist, nach Pakistan, sofern er Paschtune ist, oder in den Iran, sofern er schiitischer Hazara ist. Wer tausende Kilometer weiter zieht als notwendig, ist kein Flüchtling mehr nach Genfer Flüchtlingskonvention, sondern sucht einfach ein besseres Leben, was persönlich verständlich ist, aber nichts mehr mit Asyl zu tun hat.

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