Oberharz ohne Oberharz

Kurioses aus der deutschen Infrastruktur

Donnerstag, 17. Mai 2012

Jede vierte der hundert größten deutschen Städte liegt in Sachsen-Anhalt. Diese überraschende Erkenntnis jüngster Statistiken ist nicht etwa das Ergebnis eines rasanten Bevölkerungswachstums in diesem Bundesland (knapp zwei Millionen Einwohner) und auch nicht Ausdruck einer hochgradigen Verstädterung, sondern schlichtweg die Folge einer Gemeindegebietsreform.

Bis 2011 wurden ursprünglich 857 zu 220 neuen Gemeinden zusammengeschlossen – wodurch sich auch manche Stadt zwischen Harz und Heide derart vergrößert hat, dass sie zumindest flächenmäßig Großstädte wie Köln, München oder Frankfurt weit überragt.

Gardelegen etwa, nach Berlin und Hamburg mit mehr als 600 Quadratkilometern die drittgrößte Stadt Deutschlands, erstreckt sich in der Ost-West-Ausdehnung über 40 Kilometer. Von einem städtischen Charakter kann in großen Teilen des eingemeindeten „Stadtgebiets“ längst nicht mehr die Rede sein.

Neben der Verfremdung des Stadtbegriffs und der Verländlichung der Städte führte die Gemeindereform noch zu einer weiteren Ungestalt: Wo Städte oder größere Gemeinden zusammenkamen, wurden oft Doppelnamen gewählt, die unpraktisch und selbst für Anwohner wahre Zungenbrecher sind: Oebisfelde-Weferlingen etwa, Dessau-Roßlau, Oranienbaum-Wörlitz, Wettin-Löbejün. Letzteres hieß für 90 Tage nach dem Zusammenschluss  Löbejün-Wettin. Nach einem Bürgerentscheid wurde die Stadt umbenannt.

Zwei ganz besonders merkwürdige Städte stellen Südliches Anhalt und Oberharz am Brocken dar. Beide sind aus dutzenden Dörfern zusammengefügt worden; traditionell städtische Einrichtungen wie Rathaus, Markt oder Stadtkirche gibt es nicht. Viel fataler ist jedoch, dass diese Städte keinen Ortsnamen tragen, sondern Regionen angeben. Das südliche Anhalt aber (was keine historische Bezeichnung ist) erstreckt sich weit über Südliches Anhalt hinaus. Und Oberharz am Brocken liegt weder im Oberharz noch am Brocken…

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