Ökumene stößt manchen sauer auf

Divergenzen unter Gläubigen und Priestern der Orthodoxie führen zu Protesten

Mittwoch, 23. November 2016

Die orthodoxe Kathedrale ist ein Symbol Temeswars – viele Gläubige, die hier den Gottesdienst besuchen, begrüßen den Schritt der Orthodoxen Kirche in Richtung Ökumene.
Foto: Zoltán Pázmány

Es waren bahnbrechende Entscheidungen, die die „Panorthodoxe Synode von Kreta“ im Juni getroffen hatte. Unter anderem ging es dabei um eine Annäherung an nicht-orthodoxe Kirchen, u.a. an den Katholizismus und den Protestantismus. Von einem „ökumenischen Geist der Orthodoxie“ war dort plötzlich die Rede, obwohl sich eigentlich gerade die orthodoxen Kirchen gerne als die ursprünglichen, die rechtgläubigen Kirchen bezeichnen, während sich nach dieser Sichtweise Katholiken und Protestanten abgespalten und damit vom ursprünglichen Glaubensweg entfernt hätten. Umso bemerkenswerter daher das jüngste  orthodoxe Bekenntnis zur Ökumene. Doch genau dagegen hagelt es nun in Rumänien, wo mit rund 19 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte orthodoxe Kirche der Welt zu Hause ist, Proteste.

Später Nachmittag in der orthodoxen Kathedrale von Temeswar:  Zeit für die „Slujba“, den „Dienst“, wie die Heilige Messe im Rumänischen genannt wird. „Ich bin fast täglich hier, frühmorgens und am Abend. Für mich ist das sehr wichtig, der regelmäßige Kirchgang: Ein Gebet, das ich nicht in der Kirche sprechen kann, ist kein Gebet, das erhört wird.” So wie Rodica Bărbat denken viele in diesem Land. Rund 90 Prozent der Rumäninnen und Rumänen gehören der orthodoxen Kirche Rumäniens an. Die hat wiederum im Juni zusammen mit neun weiteren  orthodoxen Kirchen  Richtung weisende Beschlüsse getroffen: Es ging dabei um die Ökumene, also um eine Annäherung an nichtorthodoxe Kirchen, ein  revolutionärer Schritt, ist es doch in konservativen orthodoxen Kreisen immer noch umstritten, ob Katholiken und Protestanten überhaupt als Kirche bezeichnet werden dürfen. Rodica B²rbat und andere Gläubige aus Temeswar, die wir an jenem Nachmittag am Ausgang der orthodoxen Kathedrale befragten,  glauben allerdings, dass der Schritt hin zur Ökumene ein richtiger gewesen ist.

„Eine gute Sache – jeder hat zwar seinen eigenen Glauben. Aber es gibt nur einen einzigen Gott.“ Oder: „Das wäre eine sehr gute Sache: Hier bei uns haben wir derzeit eine Umbruchphase, nicht nur bei den Religionen, sondern auch wirtschaftlich und politisch. In diese Zeit würde eine solche Annäherung gut hineinpassen.“

Allerdings, so Petru Berbentea, Pfarrer in der orthodoxen Peter-und-Paul-Gemeinde im westrumänischen Reschitza: „Ja, es gibt hier, in Rumänien, Orthodoxe, die protestieren heftig gegen diese Annäherung an die Ökumene. Diese Leute vermuten, dass damit ein Zugeständnis verbunden ist, das bisher noch nicht offen ausgesprochen wurde. Etwas, was man ihnen nicht gesagt hat. Sie sind sehr misstrauisch.“

Misstrauisch und manchmal  äußerst wütend: Proteste gegen die beschlossene Annäherung kommen vor allem aus den traditionell konservativ eingestellten orthodoxen Metropolien Moldau und Bukowina im Osten Rumäniens. Dort startete ein Mönch eine Aufsehen erregende Petition: Die angeblich über 4000 Unterzeichner fordern darin eine Rücknahme der Unterschriften der Vertreter der rumänischen Orthodoxie unter den Beschlüssen von Kreta – ja mehr noch: Die Orthodoxe Kirche Rumäniens soll, so steht es in dem Papier, ihre Zustimmung zum Gedanken der Ökumene und ihre Annäherung an den Ökumenischen Rat der Kirche zurücknehmen. Andere Priester drohen sogar mit einem Verzicht der im orthodoxen Kirchenrecht vorgeschriebenen Gottesdienst-Fürbitte für den jeweiligen Bischof, sollte der Kurs hin zur mehr Ökumene beibehalten werden.  Der rumänischen Tageszeitung „Adev²rul“ erschienen diese Proteste so heftig, dass sie bereits das böse Wort von einer drohenden Kirchenspaltung in den Raum stellte. Das hält der Reschitzaer Pfarrer Petru Berbentea aber für überzogen: „Nein, ich glaube nicht, dass in der Orthodoxie Rumäniens überhaupt nur die Möglichkeit einer Spaltung besteht. Es geht doch ganz einfach nur um ein besseres Verständnis füreinander zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen.“

Und daran könne nichts Falsches sein. Er selbst praktiziere in seiner eigenen Gemeinde  bereits seit Jahr und Tag ein gutes Miteinander mit den anderen Kirchen: Jeweils im Januar, innerhalb der ökumenischen Gebetswochen in Reschitza, dürfe der katholische Kollege schon mal auch in seiner Kirche predigen und umgekehrt. So etwas wolle die Synode von Kreta auf ein breiteres Fundament stellen: „Genau darüber haben sie ja auf der Synode von Kreta gesprochen:  Dass nämlich auf lokaler und regionaler Ebene die Episkopate das Recht haben, zum Beispiel Mischehen zuzulassen, ebenso gemeinsame Gebete zwischen Orthodoxen und Katholischen.“

Die positive Grundhaltung des Reschitzaer Pfarrers Petru Berbentea zur Ökumene dürfte unter den orthodoxen Würdenträgern Rumäniens vielleicht mehrheitsfähig sein. Doch da sind eben auch die Proteste der Gegner, die nicht so recht verstummen mögen. Und schließlich zeigt sich auch immer wieder, wo  Ökumene in Rumänien schnell mal an ihre Grenzen stößt. Man erinnert sich in Temeswar: „Der verstorbene Metropolit des Banats und Erzbischof von Temeswar, Dr. Nicolae Corneanu, war vor ein paar Jahren in einer nicht-orthodoxen Kirche und hat dort die heiligen Sakramente empfangen, was ihm eine harte Rüge seitens der Synode der orthodoxen Kirche eingetragen hat. Und er musste Abbitte tun, musste eigentlich richtig zu Kreuz kriechen vor der Synode, um Verzeihung bitten für seinen `Fehltritt`, dass er bei einer anderen Religion an deren religiösen Handlungen teilgenommen hat.“

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