Offener Brief an Kurt Philippi

Der Komponist Hans Peter Türk schreibt an den Musikwart der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien und den Leiter des Bach-Chors in Hermannstadt

Samstag, 26. April 2014

Lieber Kurt,

in zwei Tagen wirst Du die 65-er Barriere überschreiten und ab Herbst ein „natürlich beurlaubter“ Bürger sein, wie es der Regierungsjargon so zärtlich-schonend formuliert („disponibilizat natural“).  Viele ziehen in einem solchen Moment eine Lebensbilanz. Doch wer Dich kennt, wird Dir nur eine Halbzeitbilanz unterstellen, denn die folgenden Jahre der „Freizeitgestaltung“ wirst Du sicher den bisher nicht verwirklichten Träumen widmen.

Als außergewöhnlich begabter Absolvent der Klausenburger Musikhochschule im Hauptfach Cello hattest Du wohl die Hoffnung, im Bereich der großen Kammermusik von Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann und Brahms die Erfüllung eines Musikerlebens zu finden. Doch es kam anders. Zwar konntest Du, zusammen mit anderen Kronstädter Musikern, das Ensemble „Cantus serenus“ gründen und Dich der barocken Kammermusik widmen. Und im Honterus-Lyzeum hast Du mehreren Schülergenerationen die Liebe zur Musik vorgelebt und mit ihnen ausgeübt. In diese Zeit – es sind nun vierzig Jahre seither – fällt der Beginn unserer Zusammenarbeit, die bis heute ununterbrochen angehalten hat. Es waren zunächst Bearbeitungen siebenbürgisch-sächsischer Volkslieder für den von Dir gegründeten Kleinen Chor des Honterus-Lyzeums mit Begleitung von Orff-Instrumenten. Da mir der Klang dieses Instrumentariums damals unbekannt war, hast Du mir die notwendige Unterweisung am Telefon zukommen lassen, eine Episode, an die wir uns in späteren Jahren oft mit Amüsement erinnert haben.

Das Jahr 1985 war ein tiefer Einschnitt in Deinem Leben. Der sieben Jahre lang verwaiste Hermannstädter Bach-Chor hatte das Glück, von Dir übernommen zu werden. Dass es ein Glück war, haben drei Jahrzehnte Deiner Tätigkeit bewiesen. Ob das Verlassen Deines Elternhauses, Deiner geliebten Kronstädter Berge mehr oder weniger schmerzvoll war als ein vielleicht vorstellbarer Wechsel Kronstadt – Kassel oder Chemnitz, kannst nur Du beurteilen. Für unser einheimisches Musikleben jedenfalls war Dein Entschluss, nach Hermannstadt zu übersiedeln, ein Segen, für den eine gesamt-siebenbürgische Anerkennung noch aussteht. Aber der Ehrenpreis des Georg-Dehio-Kulturpreises 2003 für den von Dir geleiteten Hermannstädter Bach-Chor hat immerhin ein Zeichen der Wertschätzung gelegt.

Als Musikwart unserer Evangelischen Kirche hast Du aus allen Kirchengemeinden Notenschätze in ein Archiv zusammengefügt, einige davon auch aufführungs- und druckreif eingerichtet, ja sogar auf CD eingespielt, eine Rettungsaktion, deren Dimension nur Dir allein wirklich bekannt ist.
Mit gleicher Zielstrebigkeit hast Du Dich auch zeitgenössischer Kirchenmusik gewidmet. Der Hauptprofiteur dieses Deines Wirkungsbereiches bin ich geworden. Da mir (und auch Dir) bewusst war, dass ich niemals das Zeug für einen „Freude schöner Götterfunken”-Komponisten haben würde – wer hat das schon? – habe ich dankbar alle Deine Kompositionsaufträge angenommen, nicht immer zur ungeteilten Freude des Hermannstädter Bach-Chors und des Hermannstädter Publikums. Meine „Siebenbürgische Passionsmusik für den Karfreitag” war Dein größter Auftrag und ich darf in aller Bescheidenheit sagen, dass ich damit Dir mein bestes Werk verdanke.

Dass wir uns manchmal von guten und sogar besten Freunden unbedachte Äußerungen anhören mussten wie: „Die Fähigsten sind ausgewandert, nur die weniger Fähigen sind im warmen siebenbürgischen Nest picken geblieben“, hat weder Dich noch mich beirrt. Jenseits unserer musikalischen Gemeinsamkeiten verbindet uns diese Einstellung auch menschlich bis auf den heutigen Tag.

Zusammen mit Deiner Frau Ursula, der ich ebenfalls eine Reihe von Kompositionsaufträgen zu verdanken habe und die von Freunden „Kuke“ genannt werden darf, bildet Ihr das musikalische „K&K-Zweigestirn“ am siebenbürgischen Himmel. Was Ihr für die Rettung und vollständige Erfassung des Orgelbestandes unserer evangelischen Kirchen geleistet habt, ist ein Kraftakt für den Euch noch Generationen danken werden.

Mit der kürzlich aufgeführten Johannespassion von Bach hast Du Deinen Abschied von Hermannstadt eingeläutet. Hättest Du, als ausgebildeter Cellist, zu Beginn Deiner Musikerlaufbahn jemals gedacht, dass Du ein begnadeter Dirigent werden würdest, obwohl Du nie auch nur eine einzige Unterrichtsstunde in diesem anspruchsvollen Metier erhalten hattest? Gottes Wege sind unerforschlich. Dich haben sie zu ungeahnten Zielen und Erfolgen geführt und Dir die Dankbarkeit unzähliger Menschen eingebracht.
Lass Dich auch weiterhin vertrauensvoll auf Gottes Wegen führen, bleib gesund und bleib uns allen erhalten!

Dein immer dankbarer

Hans Peter

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*