Offenlegung

Von Weihnachten zu Weihnachten

Freitag, 06. Februar 2015

Nein, schon Weihnachten war diesmal anders als das vorige. Dann erst, was sich an Zeichen der Zeit kundtat während der zwölf Heiligen Nächte von Heilig Abend 1944 bis zu den Heiligen drei Königen am 6. Januar 1945. Und was darauf in der Epiphaniaszeit unsere Welt heimsuchte an Erscheinungen, das schien wie eine Wahnwelt.

1943, das ja, da hatten wir am Christabend zwei Deutsche Offiziere zu Gast, von der Lehrtruppe in Fogarasch, Major Theato mit schwarzem Monokel; und Dr.Kimmi. Ich war im siebten Himmel, der ich als Pimpf auf den Führer vereidigt worden war. Ich wollte die Kluft anziehen, Braunhemd mit allem Drum und Dran an Siegesrunen und Hakenkreuz. Was mein Vater verhinderte. Sowieso wollte er mich zu den Übungen der DJ.-Horde in Tirolertracht schicken. Gott bewahre! Die Heilhitlertante Sarah vermittelte. – Die Herren schenkten der Mutter den Gedichtband Ein Mensch von Eugen Roth. Dem Vater einen echten Champagner, Frankreich, der Erbfeind, war ja in deutscher Hand. Uns Kindern schenkten sie nichts. Wir waren trotzdem glücklich. Fest glaubten wir Knaben an den Endsieg.

Es gibt bis heute sonderbar verschnippelte Fotos von jenem Abend: Wir vier Kinder sitzen vor dem Christbaum auf dem Perserteppich, jeder mit dem Lieblingsgeschenk in der Hand. Bei mir, dem Ältesten, ist es der Metallbaukasten Märklin 2, die Kleinste, Elke, hält die Puppe Nelke an sich geschmiegt. Dazwischen kauern im Türkensitz Kurtfelix, vor sich Pfeil und Bogen, und Uwe, mit dem Schmetterlingsnetz. Hinter uns stehen Vater und Mutter, verdecken einen Teil des glitzernden Baumes, zwischen ihnen sind in zwei Fauteuils die Großeltern gruppiert. In der Silberkugel auf dem Baum spiegelt sich das Gesicht des Gefreiten Lohmüller, der mit Blitzlicht knipsen durfte. Er feierte mit dem Küchenpersonal. Doch auf dem Foto sind die Personen rechts und links weggeschnitten. Wer? Die Offiziere.

Im Jahr darauf war Weihnachten sehr anders. Am 23. August 1944 hatte Rumänien die Fronten gewechselt, mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen und Hitlerdeutschland den Krieg erklärt. Das war die wagemutige Tat des jungen König Michael I. Man ist sich heute unter Militärhistorikern einig: Damit ist der Krieg um 5-6 Monate verkürzt worden, es gab fünf Millionen Tote weniger und die zweite Atombombe fiel nicht auf deutschen Boden.

Dafür waren die Russen die Gebieter im Königreich Rumänien. Freilich! In den Auslagen steckten vier Flaggen: Die russische, die amerikanische, die englische, die französische. Doch rabiat schalteten und walteten die Russen.
Bereits vorher waren die Russen pädagogisches Schreck-mittel unserer Haushälterin Sophie gewesen. Mysteriös  hieß es: „Du benimmst dich schon jetzt wie ein Bolschewik. Warte, erst wenn die Russen kommen, weh deiner Pizziknochen! Ihre Flintenweiber werden euch Buben Mores lehren.“ Unheimlich ergänzten dieses Orakel die Plakate bei der Deutschen Ortsgruppenleitung: Ein russischer Tank zerquetscht eine blonde Frau und ein Russe spießt ein goldiges Kind mit dem Bajonett auf. Und sie kamen, die Russen. Und waren da.

An jenem Tag des Umsturzes, des Zusammenbruchs, wie wir das nannten, beseitigte der Vater als erstes meine Kluft. Was mich kränkte. Das Koppel mit der Siegesrune warf er in die Mistgrube; mit dem Buch: Die Schlacht der weißen Schiffe, das ich für den nächsten Heimabend der DJ-Horde lesen musste. Braunhemd und Hose legte unser Hausmeister Attila Fekete in den Sarg seiner Schwiegermutter, dazu die Hungaristen-Flagge mit Kreuz und Pfeil.

Oft hielten die russischen Panzerwagen in der stillen Gasse vor unserem Haus. Wir durften uns den Fenstern nicht nähern. Aber ich hatte einen Spion angebracht. Enttäuschend waren ihre abgekämpften, verwaschenen Uniformen. Wie konnten solche Soldaten siegen? Darunter waren echte Frauen, mit Maschinenpistolen behängt und bunten Orden auf den Brüsten. Die Flintenweiber! Ihre gegerbten Gesichter sahen nicht anders aus wie die der Männer. Als Frauen gaben sie sich zu erkennen mit ihren sackähnlichen Röcken und dass sie manchmal lächelten.

Wir Kinder hatten wochenlang Hausarrest. Was kaum ins Gewicht fiel, konnten wir uns doch austoben im Garten der Kindheit. Allein als wir im September in die Schule gingen, noch immer zwei Stunden Rumänisch als Fremdsprache, da beneidete ich meine Kameraden, die russisch fluchen konnten. Ja, das sollte gesagt sein: Die Muttersprache hatte man uns nicht verboten, weder zu Hause, noch in der Schule, noch in der Kirche und nicht auf der Straße. Obzwar zig Tausende unserer Männer im Deutschen Heer gegen ihr Land Rumänien kämpften.

Der verschwiegene Vater, Jahrgang 1899, im Ersten Krieg Isonzo

Der Vater tat als Rechnungsoffizier Dienst in der Wasserburg von Fogarasch. In seiner eleganten königlichen Offiziersuniform französischen Zuschnitts, bestückt mit Krone und Schwertern und Lorbeer in Gold, dazu die blitzenden Reitstiefel - nimmt es Wunder, wenn die Russen, kam unser Vater nach Hause, ihn mit einem General verwechselten und strahlend salutierten. Eine Russin sprang dem glänzenden Offizier an den Hals, das Sturmgewehr baumelte über dem Bauch. Sie küsste ihn auf beide Backen: „Tovarischtsch General, ia ti liubliu!“ Ich liebe dich!

Unser Vater war ein wortkarger Mensch. Ob er das von Natur aus war, oder so geworden war in den vielen Tagen der Ehe - noch heute rätsele ich. Gewiss ist: Im Haus hatte die Mutter das Sagen und Singen.

Umso mehr markierten uns die Sätze, die der Vater sprach, wenn ES PASSIERTE!

Am 22. Juni 1941 war mein Bruder Uwe auf den Tag zwei Jahre alt. Mit der Torte und den Tanten und den Kindern und der blauen Lebenskerze und den zwei weißen Kerzen und der MUTTER IN SCHWARZ warteten wir auf unseren Vater - über Gebühr, der nie verspätete. Endlich ging die Gartentür und er trat mit den Worten ein: „Jetzt ist alles verloren. Rumänien und Deutschland haben heute Russland den Krieg erklärt. Russland kann nie erobert werden“ Unser Mutter sagte ratlos, was sie uns schon immer eingeschärft hatte: „Man möge nie nie sagen!“

Als wir Hitlerjungen Juni 1943 mit Spielmannszug und Fanfarenmusik die 68000 volksdeutschen wehrfähigen Männer zu den Bahnhöfen begleiteten, die als SS-Soldaten an die Ostfront rollten, befand mein Vater, und die Schwäger und andere Mannen sahen rot: „Das wird uns teuer zu stehen kommen. Nach Stalingrad ist für jeden klardenkenden Trottel der Krieg verloren.“ Wie wahr, trotz der Kreidesprüche auf der Waggonwand: „Stalin du altes Luder, bald bis du nicht mehr am Ruder, die Fogarascher sind auf dem Marsch und versohlen dir den Arsch.“

Und am 23. August, während wir verfängliche Bücher in der Waschküche verbrannten, schwer verkohlten die Bücher, sagte er zu mir Seltsames:„Du bist der Älteste und so älter als dein Alter. Dies ist der Anfang vom Ende. Aber die Stunde Null schlug bereits im November 1940, als Berlin uns die Deutsche Volksgruppe bescherte und unserein DEUTSCH sein wollte, ja DEUTSCHER! Solches nach Jahrhunderten der Treue: Ad retinendam coronam!

Ja, das jetzige Weihnachten 1944 war anders als das vorige. Es fehlten nicht nur die deutschen Offiziere, obschon sie uns versichert hatten, im August: „Haltet aus, in zwei Wochen sind wir zurück.“ Mir fehlte sehr Märklin 3, unerreichbar. Selbst Briefe ins Reich waren uns verboten, dann erst Wünsche. Es fehlten bei Kurtfelix Pfeil und Bogen. Alle Waffen mussten wir Volksdeutschen abgeben, nunmehr im Land als 5. Kolonne taxiert. Es fehlte das Schmetterlingsnetz. Das hatte ein Flintenweib dem dahinhuschenden Bruder Uwe entsteißt und als Haarnetz benützt.

Es fehlten unsere Fahrräder. Alles was rollte, mussten wir abgeben. Das Auto verschmerzte man, aber nicht, dass die Russen mein Dreigangrad ADLER weggeschleppt hatten. Sogar Uwes Presto, ein Kinderrad, und den Kinderwagen Elkes mit den 6 Rädern, der wie ein Tank alle Maulwurfhügel überkletterte, wurden beschlagnahmt. Ich bastelte mir Stelzen, mit denen ich vorwurfsvoll durch die Stadt stakte. Auch die Puppe Nelke fehlte, die singen und die Augen rollen konnte. Als Klein-Elke einen Russen mit Heil Hitler grüßte, den Arm gestreckt zum Deutschen Gruß, hatte er sie begeistert aus dem Wagen gehoben, sie geherzt, an sich gedrückt, hatte „Malenkaia“ gejuchzt. Zu Tode erschrocken hatten wir erst aufgeatmet, als er sie behutsam zurücksetzte. Jedoch die Puppe Nelke war weg.

(Fortsetzung folgt)

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