Ohne „elektronische“ Märchen (I)

Wie ich die Zeit als Grundschulschüler und Gymnasiast von 1933 bis Ende 1946 in Nordsiebenbürgen erlebte

Montag, 01. Oktober 2018

Dr. phil. Johann Böhm wurde am 25. September 1929 in der Gemeinde Botsch/Bato{ in Nordsiebenbürgen geboren. Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Schäßburg (1948 – 1952) war er bis 1960 als Lehrer in seiner Heimatgemeinde und Hermannstadt tätig. Zwischen 1960 – 1965 studierte er Geschichte in Klausenburg, zwischen 1971 – 1975 Politikwissenschaft, Geschichte und Pädagogik an den Unis in Bochum und Köln. 1984 verteidigte er seine Dissertation an der Uni Köln zum Thema „Das Nationalsozialistische Deutschland und die Deutsche Volksgruppe in Rumänien 1936 – 1944“. Dr. Johann Böhm ist Herausgeber der „Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik“. Mehrere Ehrungen wurden ihm erteilt. 2006 erhielt er die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Als ich geboren wurde und die Welt zum ersten Mal erblickte, konnte man im Lutzbach, in meinem Geburtsort Botsch/Nordsiebenbürgen, noch Fische fangen. Die Jahreszeiten waren altmodisch, jede ihrer Saison angepasst kühl, mild, heiß oder kalt. Wie ich mich erinnern kann - später, als ich noch Schüler war, bestanden die Sommerferien aus mehreren Wochen ohne Regen. Aus offenen Fenstern hörte man in den schwülen Nächten das Stöhnen der Schlafsuchenden. Man brauchte keine Wetterberichte, die es ohnehin kaum gab.
Wir Kinder von damals kamen ohne „elektronische“ Märchen aus. Unsere Eltern und Großeltern lasen sie uns vor, erzählten verschiedene Geschichten oder spielten mit uns. Eltern, die sich ein Grammophon oder Radio leisten konnten, mussten für den Batteriewechsel - es gab noch keinen elektrischen Strom - in die 14km entfernte Stadt Sächsisch Reen fahren. Wir musizierten selbst oder sangen schöne deutsche Volkslieder wie „Brünnlein am grünen Rain“. Alles war anders als heute, gemütlicher, gelassener, auch gemütsvoller. Es gab noch Kachelöfen mit einer Sitzbank davor, Küchenöfen mit einer Gusseisenplatte und Feuerringen, über dem Esstisch eine tiefhängende Petroleumlampe. In allen Küchen wurde das Essen auf dem Küchenofen zubereitet, der mit Holz geheizt wurde. Das Holz besorgte man sich aus dem Gemeindewald, von wo man es vom Gemeindeamt für Geld kaufen konnte. Mit Pferde- und Ochsenwagen brachte man das zugeteilte Holz nach Hause, wo es von Männern gesägt, gespalten und gestapelt wurde.
In unserer Gemeinde hatte nur Tierarzt Fleischer ein Auto. Wenn er damit durchs Dorf fuhr, liefen wir Kinder zusammen wie bei einem Autorennen. Botsch, der Ort des Geschehens, lag damals ab 20 Uhr wie tot am Lutzbach. Doch tagsüber war Botsch eine quirlige Ortschaft mit rund 1500 Einwohnern. Die Gemeinde steckt voller Geschichte, die in früher Zeit von den Agathyrsen und dann von den Skyten überwandert, aber nicht vernichtet wurde, abgeändert, weil das von der Grundsteinlegung für den Kommunismus nach 1945 fehlte, als manches Historische zerstört wurde. Sie hatte ein Gemeindezentrum mit einer neu gebauten Schule in den Dreißi-gerjahren und ein solides Gemeindeamt mit einem Jugendheim voller Charme, das strahlenförmig auf den Gemeindeplatz mündete.
Dass ich in diese Gemeinde hineingeboren wurde (1929) und eines Tages (September 1944) sogar deren Untergang, nach dem Einmarsch der Sowjetischen Armee, erlebte, stand zu dieser Zeit noch in den Sternen.
Was mir in die Wiege gelegt wurde, habe ich erst später erfahren oder gelesen. Die Jahre um 1925 bis 1935 waren die Scheidelinien zwischen dem Ende vom Anfang und dem Anfang vom Ende. Die Hoffnungen auf einen aussichtsreichen Neubeginn nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der „Karlsburger Beschlüsse der rumänischen Nationalversammlung vom 18. Nov. 1918, des „Volksprogramms des 4. Sachsentages in Schäßburg 1919“ sowie der „Minderheitenschutzvertrag der Westmächte mit Rumänien vom 9. Dez. 1919“, waren erschöpft. Ziellos und zügellos breitete sich das Chaos aus, weil die rumänischen Regierungen die „Karlsburger Beschlüsse“ missachteten. Die Siebenbürger Sachsen wurden in ihren Fundamenten gerüttelt, auch in den Minderheitenrechten zeigten sich bald neue Risse. Not und Verzweiflung führten zu Unruhen und zu häufigen Zusammenstößen zwischen den deutschen Parlamentariern und der rumänischen Regierung. Am 18. November 1926 wurden auf der 32. Landeskirchenkonferenz die Schul- und Kirchensteuern erhöht, weil der rumänische Staat sich weigerte, seinen Pflichten gegenüber der deutschen Bevölkerung – wie bei den Blutsrumänen – nachzukommen. Die trostlose Lage verschärfte sich durch die Agrarreform von 1921 und dem Abbau der deutschen Beamten in der Verwaltung, dazu gesellten sich die volksgruppeninternen Probleme durch die Zerrissenheit der politischen Auseinandersetzung.
In den frühesten Erinnerungen, die ich im Kopf habe, war ich drei Jahre alt. Es gibt noch verblichene Fotos, auf denen ich mir zahnlos, haarlos, nackt oder als Kleiderpuppe auf vielen Schößen zulache. Es existieren Aufnahmen vom Heiligen Abend. Das gleiche Motiv aus mehreren Jahren, doch jeweils um Zentimeter gewachsener Körperlänge meinerseits: im Hintergrund der Weihnachtsbaum, alle schauten, samt Eltern, Großeltern, Onkels und Tanten auf den Fotoapparat, als würde etwas Entsetzliches passieren. Vieles blieb jahrelang so unverändert wie die früheste Erinnerung daran: das Kraushaar meiner Mutter, die silberne Uhrkette auf der Weste meines Vaters, Georg, der Dienstbote in seiner Arbeitskleidung.
Eines glaube ich schon früh verspürt zu haben zumindest intuitiv, so hilflos und willenlos ich auch war. Ich wuchs in einem guten Haushalt auf. Anders als die meisten in dieser unsicheren und bedürftigen Zeit, konnte meine Familie bis September 1944 als „gehoben“ und gut versorgt betrachtet gelten. Die Atmosphäre war gediegen-bürgerlich, gut situiert, aber nie provozierend. Ich musste nie hungern, darben oder auf etwas verzichten, aber auch nie befürchten, anderer Kinder Neid zu erwecken, weder durch das Erscheinungsbild noch durch die Kleidung.
Die Familie lebte bescheiden und unauffällig. Als ich vier Jahre alt war, wusste ich schon, dass eins und eins gleich zwei sind. Mein Bruder und ich waren zwei, Vater und Mutter waren zwei, aber die Welt draußen und drinnen: das war zweierlei, sogar dreierlei. Das spürte ich schon sehr früh. Genau wie Kinder aller Zeiten erlebte ich alles um mich herum wie gelernte Vokabeln.
Eltern, Großeltern, Verwandte, Nachbarn, das Zuhause, das Christkind. Man lernte zu lieben, was die Erwachsenen liebenswert fanden. Doch wie mit den Zuneigungen war es auch mit den Abneigungen. „Sei höflich zu Menschen“, sagte Mutter „Halte dich fern von bösen Kindern, spiel lieber mit den Nachbarskindern.“ Erst heute weiß ich, was damals anders war: wir mussten das Alphabet lernen, lesen und schreiben, wobei man bestimmte Vokabeln nicht benutzen durfte. Und das hatte ohne Zweifel etwas zu tun mit dem Stück Erde, auf dem wir wohnten.
Schon in früherer Kindheit teilte sich die Menschheit für mich durch drei: das eine Drittel, mit dem man nichts zu tun haben durfte, vom anderen Drittel sagte meine Mutter: „Die passen nicht zu uns“. Mit dem verbleibenden Drittel war es mitunter auch sehr schwierig. Zum Beispiel mit einer Familie in der Straße: „Ihre Kinder sind kein guter Umgang für mich“, befand meine Mutter. Es war schwer, sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, die auf merkwürdige Weise Abstand voneinander hält, sich misstraut. Ich bekam schon sehr bald ein Gefühl dafür, dass irgendeine unbestimmte Angst umging.
Ich war vier Jahre und nun bereits unterwegs, nicht nur auf den Beinen, sondern auch mit dem Kopf: zu Onkel Johann, in den Garten, auf die Straße, nur ganz selten von den elterlichen Wegweisungen angefochten. Jeder Tag war sensationsreich, pausenlos. Nie kam Langeweile auf. Unterwegs. Die Bilder, Gespräche, Geräusche und Gerüche habe ich noch im Kopf: die stille Straße mit den duftenden Maulbeer- und Lindenbäumen, unter deren Schatten wir spielten, unser Geschrei bei „Verstecken-Spiel“, die Toberei zwischen den immer gefährdeten Blumen im kleinen Garten, unser albernes „Soldatenspielen“, mit Papierhelm und Baumzweigen als Gewehre. „Du bist Hauptmann, ihr seid die Soldaten, und ich bin der General.“ Und immer allgegenwärtig, die Blicke meiner Mutter, die auf der Veranda saß und darüber wachte, dass mir nichts zustößt oder dass ich keinen „schlechten Eindruck“ mache.
Bei schlechtem Wetter spielten wir auf der Tenne oder im Heuschuppen. Die Welt in Botsch gehörte uns, uns ganz allein. Kein Erwachsener schimpfte oder beschwerte sich oder drohte mit dem Finger. Alles war in erreichbarer Nähe: Schaukel, Sandkiste, Fußballtor, Bäume zum Klettern.
Was ganz anders war als heute: Wir konnten in der warmen Jahreszeit noch ins neu errichtete „Freibad“ am Lutz, baden gehen. Anders als heute: auch der Winter. Das rede ich mir nicht ein, obwohl Kindheitserinnerungen den Speicher im Großhirn mitunter blamieren. Als ich mit 17 Jahren - nach der Flucht 1946 - mein „Reich“ wieder sah, den mir grenzenlos erschienenen Gemüse- und Obstgarten hinter und neben dem Haus im Gässchen, da war das nur eine Parzelle, dreißig Meter breit und 100 Meter lang. Aber bei den damaligen Wintern bin ich mir ganz sicher. Da schneite es lange, und der Schnee blieb liegen, und die Gemeinde war frostig und abweisend. Rutschgefahr und Ohrenschützer blieben als Merkmale in meinem Kopf. Nur die Gehwege vor den Häusern wurden von den Eigentümern geräumt. In unserem Gässchen und auf der Hauptstraße im Dorf knackten und quietschten Schneehaufen und Eisschichten wochenlang unter den Schuhen. Aus allen Häusern quoll der Qualm von Küchen-, Guss- und Kachelöfen. Die Menschen bliesen Atemhauchfahnen vor sich her, waren dick verschalt und gekleidet. Im Dutzend gruppierte man sich um die Wärme, die Männer tranken Glühwein und erzählten Kriegserlebnisse, die Frauen strickten, stopften Strümpfe oder machten Näharbeiten, die Kinder vertrieben sich die Zeit bis zum Zubettgehen, ohne Fernsehen, manch-mal las der Opa oder die Oma allen gemeinsam etwas aus einem Buch vor. Der Winter rückte die Menschen so eng aneinander wie sonst nie im Jahr.
In unserem heimischen Wohnzimmer loderte das Feuer im Gussofen. Meine Mutter, die schnell fror, liebte es, sich neben den warmen Ofen zu setzen. In der Küche war es nur zu den Kochzeiten mollig warm, der Rest der Wohnung war kühl. Der Drang zur Toilette war ein Gang zum Plumpsklo. In den kältesten Nächten musste dafür gesorgt werden, dass das Wasser im Eimer nicht einfror. Für uns Kinder hatte der Winter einen Zauber, wie man ihn heute kaum noch kennt. Alles in sauberem Weiß, die Kulisse darauf angelegt, dass man sich wie der Mitwirkende in einem Weihnachtsmärchen fühlte. Wir bauten Schneemänner, die größer waren als wir, präparierten uns Eisbahnen, auf denen wir wie die Wilden Schlittschuh liefen, oder wir spielten zu mehreren um den Ofen in der Wohnung. Nachmittags gingen wir auf den „Honderberich“ Rodeln, so hieß die Rodelbahn in Botsch.
Dann der Höhepunkt des Winters und des Jahres! Da läuten heute noch „süßer die  Glocken klingen“ in meinem Kopf: Weihnachten. Bestimmt: Es war ganz anders damals in Siebenbürgen, herzerwärmender, erwartungsfroher, geheimnisvoller. Nicht nur für uns „Evangelische“, nicht nur für die Kleinkinder, sondern für alle, jedenfalls für die meisten. Ohne Kommerz, ohne vorlaute Reklame. Etwas unaufdringlich Feierliches lag über der Gemeinde und auch in den Menschen, trotz aller unfeierlichen, täglichen Mühsal. Mir kommt es heute vor, als hätten damals die Erwachsenen alles, was durch Krieg, Niederlage und Not abhanden kam, für wenige Tage noch einmal wiedergefunden: ihre Kinderillusionen, ihre unkritische Frömmigkeit und die Stillleben von Liebe, Familie und Frieden.
„Gesegnete Weihnachten“ wünschte man sich. Ich erinnere mich nicht nur an den weihnachtlichen Zauber, sondern auch an erste Lebensweisheiten, die mir die Weihnachtszeit beisteuerte. Aber noch war ja Kindheit. Weihnachten. In der Tradition der Vorväter wurde es gefeiert, mit siebenbürgischer Glaubensinbrunst und Schweine-, Gänse- und Entenbraten, gleich zweimal „beschert“, erst bei den Eltern, dann bei den Großeltern. Immer ging es nach demselben Ritual vor sich: Absingen von Weihnachtsliedern, das Glöckchenläuten des Christkinds, ein Gebet vor dem Weihnachtsbaum, später noch ein Weihnachtsgedicht, schon mit Schielblick auf die „Gaben“, dann die Inventur der viel zu vielen Geschenke.
Irgend etwas war am 22. Mai 1932 los, anders als sonst. Etwas Feindseliges, Lautes, Unergründliches. Aber was? Immer öfter hörte man im Zusammenhang mit schlimmen Dingen, die sich außerhalb unseres Gässchens abspielten, zwei Namen, mit denen ich nichts verbinden konnte: Fritz Fabritius und Adolf Hitler. Manche sagten auch „Adolf“ und sprachen von „Nazis“ und Organisationsrichtlinien der Nationalsozialistischen Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR). Genaues wusste man nicht. Erst viel später erfuhr ich als Gymnasiast: 1932 legte die NSDR unter ihrem Führer Fritz Fabritius in Mediasch am 6. November 1932 ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus ab. Der Volkstag sollte eine einheitliche, energische Willenskundgebung darstellen, mit dem Ziel, der alt bewährten Volksführung das Vorhaben der Nationalsozialistischen Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien klar vor Augen zu führen. Die Sprecher auf dem Volkstag setzten sich mit Themen wie „Schule und Kirche“, „Jugend und Arbeiter“, „kirchliche und völkische Körperschaften sowie mit dem Nationalsozialismus auseinander und sagten der Volksführung den Kampf an, indem sie ein neues Volksprogramm forderten.
Ich war damals drei Jahre alt. Für politischen Ernst gab es noch keinen Platz in meinem Kopf. Fröhliche Dinge füllten ihn fortan aus, kindliche Sensationen, wie zum Beispiel das Spielen mit den Nachbarskindern. Das war noch im November 1932 gewesen, vor dem Einbruch eines erneuten, fast greifbaren Schweigens in den Reihen der Konservativen, in die Fritz Fabritius eine Lücke gerissen hatte, die größer wurde, weil nun auch die Mitglieder der NSDR der gleichen Meinung waren. Die Führung der NS-Selbsthilfe befand, man müsse durch eine rücksichtslose Aufopferungsbereitschaft für das deutsche Vaterland jenes wieder gutmachen, was man am deutschen Volke verbrochen habe. Einer für alle, alle für einen! Gott sei Dank, nein, dank des Führers und der Nationalsozialistischen Partei gäbe es schließlich so etwas wie Sippenhaftung und kollektive Verantwortung!
Auch 1933 sollte eine Jahreszahl sein, die noch in 1000 Jahren zitiert werden wird. Niemand konnte ahnen, dass der Stichtag 30. Januar 1933 auch für die Siebenbürger Sachsen der Anfang vom Ende der damaligen Weltordnung sein würde. Keiner konnte es für möglich halten. Es kam wie eine todbringende Lawine, ausgelöst durch die Gründung der NS-Bewegung unter Fritz Fabritius und Dr. Alfred Bonfert. Keiner der Deutschen in Siebenbürgen und im Banat verstand das Ganze der damaligen Zeit. Ich war vier Jahre alt und hörte mir nur Geschichten an, die meine Mutter mir erzählte. Das schicksalhafte Ereignis, Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, lasen die meisten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben in den Tageszeitungen. Im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt vom 1. Februar 1933 schrieb Hans Plattner (H.P.) unter anderem: „Was schon früher hätte geschehen sollen, ist nun Tatsache geworden: Reichspräsident von Hindenburg hat Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt“. Wir im Gässchen erfuhren die Neuigkeit durch ein Exemplar des Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatts, das mein Vater vom Markt aus Sächsisch Reen mitbrachte. Nach der Lektüre der Nachricht hatte meine Mutter so ängstliche Augen, als sei im nächsten Moment etwas Schreckliches zu erwarten. Es kam über Deutschland wie ein Gewitter, das sich auch im deutschen Siedlungsraum von Rumänien ausbreitete, und die betreffenden Generationen ahnungslos und ausweglos, sowie ermüdet vom Schicksal dastehen ließ.
Von Protesten, Widerstand oder dem Auftrumpfen einer Opposition konnte man weder in Deutschland noch in Siebenbürgen etwas sehen oder hören. Den Siebenbürger Sachsen schien - wie ich später erfuhr -, als würde die „nationale Sache“, wie Hitler und auch Fabritius ihr Vorhaben nannten, von den Deutschen gutgeheißen. Das hatte viel zu tun mit Hitlers erster Ansprache, die nach seiner Wahl über alle deutschen Sender übertragen wurde. Da saßen viele Botscher vor den wenigen Radios, und hörten zum ersten Mal Hitlers Stimme. Er sprach als Reichskanzler vor dem „Deutschen Reichstag“. Auch meine Mutter, zusammen mit mir, Freunden, Nachbarn und Bekannten, die kein Radiogerät besaßen, verfolgten atemlos vor dem schwarzen Kasten im Wohnzimmer bei Familie Lienerth die Übertragung. Hitlers unheimliches Sprechorgan klang wie wütendes Bellen, aber was er sagte, war Baldrian für die Hörer. Er begann mit den Worten: „Deutsches Volk, gib uns die Zeit von vier Jahren, dann richte und urteile über uns“, danach verkündete er den ersten „Vierjahresplan“. Er verhieß die Lösung aller Probleme, die Rettung der Wirtschaft, der Bauern, der Arbeiter. Auch Fritz Fabritius, der Hitler 1922 kennen gelernt hatte, gab ein Kampfblatt mit der Überschrift „Selbsthilfe, Kampfblatt für das ehrlich arbeitende Volk“ heraus, in dem er unter anderem für ein „artgemäßes“ deutsches Denken und Handeln, für die Anerkennung des Grundsatzes „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ warb. Hitler sprach von „Volksgemeinschaft“ von „Brüderlichkeit“ und „Kameradschaft“, was bei Fabritius flammende Begeisterung für seine NS-Bewegung entfachte. Die Siebenbürger Sachsen sollten vom wirtschaftlichen und sozialen Druck der rumänischen Regierung befreit werden. Insgeheim waren auch meine Eltern davon erfasst, auch unsere Nachbarn sowie viele parteilose Siebenbürger Sachsen. War es nicht naheliegend? Seit den Karlsburger Beschlüssen vom 1. Dezember 1918 kannten die Deutschen in Rumänien nichts anderes als die Missachtung dieser Beschlüsse durch die Regierung in Bukarest. Es waren trostlose Zeiten, die keinen Lichtblick boten. Kein Wunder also, dass die Leser der Gazetten dieser Zeit zu der Meinung kamen: Alles ist wohlgeordnet, die „neudeutschen“ Bemühungen und Verhaltensmuster sind die edelsten der Welt und die nordische Rasse sowieso. Alles wurde blitzsauber präsentiert. Und fiel einmal ein Rußkörnchen auf eine der wunderbaren „neudeutschen Errungenschaften“, so sagten diese Leser: „Wenn das der Führer wüsste!“
Und tatsächlich, die nationalsozialistische Ideologie wurde „gut verkauft“. Da „denken lassen“ viel risikoloser ist als „selbst denken“, bildete sich erstaunlich schnell das so genannte „gesunde Volksempfinden“ dieser Zeit und übte seinen Sog auf alle Zauderer aus, deren Gehirn dann auch „gebräunt“ wurde. Nur hinter vorgehaltener Hand sprach man von Missständen des NS-Regimes. Das mit den Juden konnten wir als Heranwachsende am wenigsten verstehen, lernten aber später, dass Judenverfolgungen so alt wie diese Religion war und immer emotional bedingt. Verstanden haben wir das nicht, weil doch unsere wenigen, inzwischen von den Schulen verbannten jüdischen Mitschüler uns nie verdammenswert vorgekommen waren. Wohl aber hatten wir durchweg festgestellt, dass sie etwas anders waren als wir. Auch vor der NS-Zeit wussten wir deshalb immer, welcher Junge jüdisch war. Ausnahmen waren ganz selten. Niemand aber wäre auf die Idee gekommen, die von den Nazis eingeführten offensichtlichen Fortschritte des Volkswohls wegen der „NS-Marotte“ des Judenhasses weniger zu achten. Das Verbot, bei den Juden zu kaufen, war unserem jugendlichen Rechtsempfinden unzugänglich. Es wurde leider irgendwie hingenommen, wenn auch widerstrebend. Dass die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen skeptisch blieb und den NS-Parolen Fabritius’ keines-wegs blind vertrauten, lässt sich beweisen.
Meine Eltern und die Nachbarn tanzten albern im Gässchen herum und umarmten sich. Was war geschehen? Am 20. Dezember 1937 fanden die Parlamentswahlen ins rumänische Parlament statt. Die Luft in Siebenbürgen zitterte förmlich durch das Spektakel, die die radikal nazistische Deutsche Volkspartei Rumäniens (DVR) und der gemäßigte Verband (Volksgemeinschaft) der Deutschen in Rumänien (VDR) veranstalteten. Bis ins letzte deutsche Dorf drang die radikale DVR mit ihrer eigenen Wahlliste, mit Umzügen und Kundgebungen, mit Appellen, Erpressungen ein, jedoch ohne Erfolg. Das Entsetzen im deutschen Volk von Rumänien und die auf die VDR-Führung gelenkte Abscheu der radikal nazistischen DVR, waren groß. Es zeigte sich wieder einmal, dass die DVR in enger Verbindung mit der rumänischen Eisernen Garde stand und keine Einigung mit der VDR anstrebte, obwohl die Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi) darauf drängte. Da die DVR keinen eigenen Kandidaten für das rumänische Parlament durchsetzen konnte, war ihre Führung frustriert.
Die VoMI unternahm einen letzten Versuch, die Führung der DVR von der Notwendigkeit eines inneren Friedens in der deutschen Minderheit Rumäniens zu überzeugen. Fast einhellig akzeptierten die Führungen der Deutschen Volkspartei in Rumänien und die Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien im Herbst 1938 die von der VoMi angestrebte Wiedervereinigung, die jedoch im Juli 1939 wegen unsauberen Machenschaften der Nazis um Alfred Bonfert endete. Die VoMi zitierte Alfred Bonfert (Präsident der radikal nazistischen  DVR bis November 1938, 1938 bis Juni 1939 Landesleiter der VDR), Waldemar Gust (bis November 1938 Vizepräsident und Theoretiker der radikal-nazistischen DVR, November 1938 bis Juni 1939 im Beraterstab des Landesobmanns Fritz Fabritius) und Friedrich Cloos (1934 Gaujugendführer, 1935 Landesjugendführer der radikal-nazistischen DVR, Juni 1939-1940 Zentralstelle des DAF in Berlin, SD-Mitglied) wegen ihren aufwieglerischen Aktivitäten gegen die gemäßigten Nazis um Fabritius ins Reich und bot ihnen angemessene Posten an. Bonfert meldete sich als Wehrmachttierarzt, Cloos nahm ein Angebot bei der Arbeitsfront an, Dr. Waldemar Gust kam nach Kronstadt zurück und nahm seinen Buchdruckerberuf wieder auf.
Die Siebenbürger Sachsen seit Jahrhunderten gewohnt, friedlich auf ihren Höfen zu sitzen und von Zeit zu Zeit die Ochsen, Kühe und Schweine abzutasten, ob sie fett genug seien, diese Bauern, die politisch kaum aktiv gewesen waren, sahen sich plötzlich gezwungen, ganz andere Dinge zu tun als die üblichen, nämlich, sich mit Politik zu beschäftigen.
Die Klassenunterschiede schmolzen in dieser Zeit zusammen, was niemand als Nachteil empfand. Man benötigte einen schärferen Blick, um aus dem Äußeren des Menschen  die Klassenzugehörigkeit zu erkennen – solange er seinen Mund nicht aufmachte. Das ist heute auch nicht anders. Die schwarzen Uniformen oder Teile davon wurden zumindest bei den Heranwachsenden im Alltag so benutzt, wie heute die Bluejeans. Nur wurde damals viel mehr darauf geachtet, dass die Körperpflege nicht zu kurz kam. Der Haarschnitt war ein Steckenpferd der NS-Organisationen.
Die Siebenbürger Nazis versprachen eine Stärkung der deutschen Volksgruppe, eine wirksame Vertretung ihrer Interessen gegenüber der rumänischen Regierung und sie versprachen Gleichheit und Brüderlichkeit. Das alles klang sehr verlockend. Die Siebenbürger Sachsen glaubten, es lohne sich, die Nazi-Bewegung, die so überzeugend Verbesserungen und Vorteile auf allen Gebieten versprach, zu unterstützen
„Heil Hitler!“ nach Germanart, war nun auch in Siebenbürgen - unter den Nazis - zum neuen deutschen Gruß geworden. Anfangs lachten sich die demokratisch denkenden Sachsen halb tot über diese Freiübung mit ausgestrecktem, rechtem Arm. Aber bald fand man es nicht mehr komisch. Später wurde mir bewusst, dass alle Deutschen in Rumänien, auch diejenigen, die den Gruß nur zynisch über die Lippen brachten, Kinder ihrer Zeit waren, die kindisch auf ein kleines Glück, auf eine bessere Zukunft hofften. Mütter, Väter, Händler und Bauern, alle wollten endlich mal leben. Ohne Existenzangst und Fürchtegründe, sowie ohne Angst vor den rumänischen Finanzbehörden.
Vielleicht ging es ja gut, vielleicht waren der „Nationalsozialismus“ und „Hitler“ wirklich ein Glücksfall, dachten viele. Gab es nicht einige Lichtblicke, gute Zeichen eingelöster Versprechungen der rumänischen Regierung? Verschob die „NS-Erneuerungsbewegung“ nicht alles zum Besseren? Sie zupfte an den Saiten aller Herzen. Die NS-Parole: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Einer für alle, alle für Einen“ gab der NS-Selbsthilfe neuen Antrieb. Ein Großteil der Siebenbürger Sachsen träumte ohne Wecker. Keiner konnte hellsehen, niemand die Nähe zwischen Schönem und Hässlichem, zwischen Chancen und Schrecken, zwischen Höhen und Absturz, zwischen Erfolg und Erfrierung erkennen. Die Herzen der deutschen Bevölkerung brausten wie Wasserfälle. Und unsere kindlichen mit.
(Fortsetzung folgt)

Kommentare zu diesem Artikel

Wolfgang, 13.10 2018, 08:57
Ein gewinnbringender Artikel

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