Ort des Nachdenkens

Gedanken auf einem Heldenfriedhof in Südtirol

Dienstag, 21. Oktober 2014

Gemeinschaftsgrab 1918 am Heldenfriedhof Bruneck-Brunico. Hier liegt auch Elias (Ilie) Popa.

Grab des k.k.-Infanteristen Ibrahim Husic

Grab des k.k.-Infanteristen Julius Krauss
Fotos: der Verfasser

Es ist ein Friedhof oben auf einem Berg, dem Kühbergl in Bruneck (Brunico), im Südtiroler Pustertal, das italienisch „Val Pusteria“ heißt. Schmale Serpentinen führen den Berg hinauf durch einen lauschigen Wald mit vielen Vogelstimmen, bis man dann davor steht – vor dem Eingang zum stillen Ort der Ruhe. Unten an der Straße, vor den ersten Treppen zum Waldweg, mahnt eine Holztafel: „Wanderer tritt ein und grüße die toten Helden, die hier ruhen nach erfüllter Pflicht.“ Hier ruhen seit etwa hundert Jahren und „nach erfüllter Pflicht“ christliche, moslemische und jüdische Soldaten, die einst im Ersten Weltkrieg, 1914-1918, für den Kaiser in Wien und sein mächtiges Reich gekämpft hatten. Doch es gibt da keine Grabsteine, keine Stelen, auf denen manchmal ein trauernder Marmorengel sitzt oder die ein in Stein gemeißelter Turban ziert, und auch keine „Mazewot“ mit segnenden Händen der Kohanim, weil auf diesem Heldenfriedhof alle gleich sind – wenigstens jetzt, hier im Tod.

So stehen auf den Gräbern der Christen schlichte Kreuze aus ungeschältem Tannenholz und auf den 25 Gräbern der Juden und Moslems stehen einfache flache Stelen, die aber ebenfalls aus Tannenholz sind. An den Kreuzen haftet noch die graue harzige Rinde der Waldbäume, die zur Erinnerung dieser Kriegsopfer gefällt wurden, nachdem der Tod vorher die Soldaten selbst gefällt hatte. Es war jener Krieg, der vor 100 Jahren Europa veränderte und an dem zuletzt 40 Staaten beteiligt waren – 17 Millionen Soldaten wurden geopfert.
In Bruneck, das damals zu Österreich gehörte, gab es zwischen 1914 und 1918 mehrere Lazarette, in denen Verwundete, Angehörige der k.u.k.-Armeen und auch Kriegsgefangene behandelt wurden. Viele erlagen ihren Verletzungen und wurden danach auf dem Heldenfriedhof in Einzel- oder Gemeinschaftsgräbern bestattet. Es waren insgesamt 546 österreichisch-ungarische Militärangehörige und 123 russische, serbische, italienische und rumänische Kriegsgefangene.

Doch es gab auch Rumänen aus Siebenbürgen, dem Banat, der Maramuresch und aus der Bukowina, die im österreichisch-ungarischen Heer kämpften. Und es gab auch österreichische Soldaten mit italienischen Namen, die aus dem damaligen Welschsüdtirol kamen, dem heutigen Trentino. Bei einem Gemeinschaftsgrab, in dem acht k.k.-Soldaten ruhen, kann man die Nachnamen der Toten lesen: Lalak, Nysztor, Ruzicka, Reschrater, Metztes, Szabo. Die Vornamen und manche Nachnamen wurden, wie damals meist üblich, eingedeutscht oder magyarisiert. Und dann wird einem bewusst: Da liegen neben einem Österreicher ein Ungar, ein Rumäne, ein Tscheche, ein Kroate und ein Ruthene, ehemals Soldaten aus Ländern und Provinzen, die einst zu einem großen, gemeinsamen Vaterland gehörten. Wenige Schritte weiter ein anderes Gemeinschaftsgrab mit anderen k.k.-Infanteristen. Sie hießen Ehrenburger, Szebu, Lekic, Klarritsch, Dregus, Popa (mit Vornamen Elias, das heißt Ilie), Ferenzi, Maiser, Valentin (mit Vornamen Mario), Seledo, Gentek, Galls...

Nicht weit davon gibt es vermutlich den kleinsten jüdischen Friedhof in Europa, jedoch mit eigenem Eingang, gleich neben jenem der Moslems, und so am Rande vom großen Friedhof der Christen. Moslems und Juden, die einst als k.k.-Soldaten die gleichen Uniformen trugen, hier in nächster Nähe. Man kann ihre Namen lesen. Da sind Moslems, die hießen Achmed oder Ibrahim, und da sind Juden, die hießen Julius oder Emerich, denn die deutschen Juden hatten meist auch deutsche Vornamen. Doch nur zwei Jahrzehnte später hatte man schon diese Opfer vergessen, und die Familien jener jüdischen Soldaten, die hier und auf anderen Heldenfriedhöfen liegen, verließen diese Welt, ohne dass heute ein Grabstein, eine Mazewa an sie erinnert.
Liest man nach in der Geschichte, lässt sich feststellen, dass von den ca. 300.000 jüdischen Soldaten in der k.u.k.-Armee mehr als 30.000 auf dem „Feld der Ehre“ starben. Als während des Ersten Weltkriegs immer wieder behauptet wurde, die Juden wären „Feiglinge“ und „Drückeberger“ und sie würden sich dem Kriegsdienst gern entziehen, erschien am 11. Oktober 1916 der Erlass des preußischen Kriegsministers Adolf Wild von Hohenborn. Es sollte der Anteil jüdischer Soldaten im deutschen Heer – sowohl der im Einsatz befindlichen, als auch der bereits an der Front gefallenen –  ermittelt werden. Nachdem die Endergebnisse jedoch nicht im Sinne der einflussreichen rechtskonservativen Verbände, Parteien und Medien waren, wurden sie bis nach Kriegsende geheimgehalten.

Erst 1922 konnte man schließlich erfahren, dass mit je 17,3 Prozent anteilig ebenso viele deutsche Juden wie Nichtjuden zum Kriegsdienst eingezogen worden waren, obwohl alters- oder berufsbedingt nur 15,6 Prozent der Juden am Krieg hätten teilnehmen müssen. Der Einsatz deutscher Juden war also größer, als der von nichtjüdischen Deutschen gewesen. Von den fast 100.000 jüdisch-deutschen Soldaten hatten 77 Prozent an der Front gekämpft, 30.000 wurden mit zum Teil höchsten Auszeichnungen dekoriert und 12.000 jüdische Soldaten starben den Heldentod. Doch das sind heute nur noch Zahlen, die man sich merken kann, oder die man wieder vergisst. Denn das Leid, das hinter solchen Zahlen steht, das sieht man nicht. Dieser „Ort der Ruhe“ auf dem Kühbergl bei Bruneck wird nicht irgendwann, wie sonst manchmal üblich, „geräumt“ werden, um „nach Ablauf der Ruhefristen“ einzelne Gräber oder Grabfelder neu „zu vermieten und zu belegen“. Denn dies ist ein Heldenfriedhof, und diese Soldaten aus der multiethnischen k.u.k.-Monarchie – Christen, Moslems, Juden – werden wohl niemals post mortem das gleiche „Schicksal“ haben, wie die Toten auf zahlreichen anderen Friedhöfen – Orte, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg geschändet, zerstört, enteignet oder einfach eingeebnet und dann bebaut wurden.

Dieser Friedhof wird weiter dastehen, oben im Wald auf dem Kühbergl, als stiller Ort des Gedenkens und als stummes Mahnmal, das an den Ersten Weltkrieg, 1914-1918, erinnert, als es unter den vielen Völkern des riesigen österreichisch-ungarischen und kaiserlich-königlichen Habsburgerreiches zeitweilig keine Unterschiede gab – jedenfalls nicht im heroischen Sterben für ein Vaterland, das ihnen wie selbstverständlich die höchsten Opfer abverlangt hat. Es ist ein stiller Ort des Gedenkens. Heute sollte es aber auch – zeitnah zum Zeitgeschehen – ein Ort des Nachdenkens sein.

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