Orthodoxie für Unorthodoxe erklärt

„Die Orthodoxe Kirche in der Selbstdarstellung“ im LIT-Verlag erschienen

Dienstag, 27. Juni 2017

Der neue Band „Die Orthodoxe Kirche in der Selbstdarstellung“ aus dem LIT-Verlag mit 16 Beiträgen meist rumänischer Autoren bietet ein wertvolles Kompendium. Im gesamteuropäischen Kontext gehört die Orthodoxe Kirche speziell im ost- und südosteuropäischen Raum traditionell zu den geschichts-, gesellschafts- und mentalitätsprägendsten Institutionen. Obwohl die Länder von Russland bis Rumänien und Bulgarien Jahrzehnte kommunistischer und atheistischer Diktatur erlebt haben, hat sich die Orthodoxe Kirche selbst in der Zeit des Totalitarismus als wichtiger Social Player erwiesen. Die Kirche bot Rückzugsräume und eine echte geistige Alternative zur staatlich verordneten Ideologie. Nach der politischen Wende von 1989 in Ost- und Südosteuropa erlebten die orthodoxen Kirchen eine regelrechte Renaissance und nehmen heute häufig über die religiös-geistliche Bedeutung für die Gläubigen hinaus in den meisten orthodox geprägten Ländern wieder eine einflussreiche Rolle in Staat, Politik und Gesellschaft ein. Umso wichtiger ist es, die orthodoxe Kirche und Theologie, die sich nur selten in westliche Koordinaten einordnen lässt, auch im Westen hintergründig wie authentisch wahrzunehmen mit dem Bemühen um echtes Verstehen. Bisher gibt es einige Werke vor allem westlicher Theologen, die für die Verständigung des politischen und theologischen Westens mit der Orthodoxie Verdienstvolles geleistet haben. Ein aktueller Band aus dem LIT-Verlag schafft hier Abhilfe und erklärt die Orthodoxie „unorthodoxen“ Lesern.

Das Kompendium ist im Umfeld des Instituts für Orthodoxe Theologie der Universität München entstanden. Die 16 Beiträge stammen bis auf drei ausschließlich von Theologen aus Rumänien. Es ist eine Enzyklopädie ganz besonderer Konvenienz entstanden, indem hier ausschließlich orthodoxe Theologen zu Wort kommen. Der Band erklärt Theologie, Spiritualität und Geschichte wie auch den Weltbezug der Orthodoxen Kirche in Selbstdarstellungen. Als Herausgeber fungieren der Kirchenhistoriker Ioan Vasile Leb aus Klausenburg/Cluj, der auch in München lehrt, der Münchner Bibelwissenschaftler Konstantin Nikolakopoulos und der rumänische Theologe Ilie Ursa.         
    
Der Sammelband schafft es, wichtigste Züge der Geschichte, der Lehre wie auch der kirchenrechtlichen Organisation der Orthodoxen Kirche für den westlichen Leser übersichtlich, verständlich und sogar spannend darzustellen. Das Kompendium behandelt sowohl Fragen der klassischen orthodoxen Theologie als auch aktuelle Themen wie das Verhältnis der Orthodoxie zur Ökumene, die orthodoxe Diaspora in den westlichen europäischen Ländern und in Amerika. Der Leser findet Erläuterungen zu den Ökumenischen Konzilien aus orthodoxer Sicht und dem ostkirchlichen Verständnis von Schrift und Tradition. Kompakte Beiträge zur orthodoxen Dogmatik und Missionslehre, aber auch zur Liturgie, zur byzantinischen Hymnologie und Kirchenmusik sowie zur Ikonenlehre informieren in konzentrierter Form über Grundlegendes. Von besonderem Interesse für die Südosteuropaforschung ist die komprimierte „Einführung in die Geschichte der Orthodoxen Kirche“ der Herausgeber Leb und Ursa, die auch Kurzdarstellungen zu den einzelnen autokephalen Nationalkirchen bis zur unmittelbaren Gegenwart enthält (S. 11-59).

Der besondere Mehrwert des Bandes besteht nicht in einer Neuinterpretation der orthodoxen Theo-logie, sondern eher in der alle wichtigen Themen eingehend behandelnden Gesamtschau, was freilich dem Selbstverständnis orthodoxer Theologie entspricht, wo Treue zur Tradition wichtiger ist als Innovation. Dabei sind die Beiträge durchaus kreativ konzipiert: sie rekapitulieren nicht nur Bekanntes und Bewährtes, sondern durchdringen ihre jeweilige Fragestellung durchaus geistig neu und berücksichtigen dabei viel aktuelle Literatur. Nachdem häufig die Sprachbarrieren den westlichen Umgang mit der Orthodoxie hemmen, ist es von großem Vorteil, dass sich dieses für ein deutschsprachiges Lesepublikum konzipierte Werk auch in den Literaturangaben und Querverweisen zumeist auf deutschsprachige Werke bezieht.

Einzelne Beiträge widmen sich freilich auch neuen Fragestellungen aus orthodoxer Sicht. So macht Dorin Oancea aus Hermannstadt/Sibiu in seinem Beitrag „Orthodoxie und Kultur“ (S. 185-210) weiterführende Bemerkungen zu einem offenen Kulturverständnis und plädiert für eine „Kommunikation mit der Kultur unserer Zeit“ (S. 210). Der Sozialethiker Radu Preda (Bukarest/Klausenburg) widmet sich der orthodoxen Sozialtheologie. Er moniert zu Recht das bisherige Fehlen einer eigenen Soziallehre: „Die orthodoxe Theologie hat sich die Frage des Guten und des Gerechten immer nur im Kontext der Tugendlehre und des persönlichen spirituellen Weges gestellt. Die Frage, wie die Welt und die Gesellschaft insgesamt aussehen kann, soll oder muss, war als solche nicht Gegenstand des theologischen Diskurses.(...) Das Gesellschaftliche wurde nur als Widerspiegelung des Persönlichen verstanden. Folgerichtig hatte und hat die Moral des Einzelnen Vorrang vor der Moral der Gemeinschaft.“ (S. 212) Er hält fest, „dass das Soziale nicht in erster Linie eine Frage der Wirtschaft ist, sondern eine Frage der Werte.“ (S. 228)

Ähnlich aktuellen Fragestellungen aus orthodoxer Sicht widmet sich der Kirchenhistoriker Picu Ocoleanu (Craiova). Er stellt das Verhältnis der Orthodoxie zur Gesellschaft dar und fragt nach „Politeia, Krieg und Frieden“. Für ihn hat die Kirche immer auch eine politische  Dimension: „Die Kirche und hiermit die theologische Ethik können infolgedessen nicht in einem ‘post-politischen‘ Horizont konzipiert werden, ohne in eine Pathologie zu geraten, die zur Auflösung sowohl des Theologischen als auch des Ethischen führt.“ (S. 250) Und er hält fest: „Die Apologeten der ersten zwei Jahrhunderte nach Christus haben oft betont, dass für die Christen die Pflicht charakteristisch ist, ‚gute Bürger‘ zweier verschiedener Welten, d.h. sowohl der menschlichen, als auch der göttlichen Polis zu sein. Diese Pflicht hat die Christen oft in widersprüchliche Situationen versetzt, aber sie ständig im Horizont des Politischen bewahrt.“ (S. 251) In verschiedenen Beiträgen kommen immer wieder auch die aktuellen Herausforderungen der Orthodoxie wie die Neuausrichtung des Verhältnisses von Kirche und Staat und das Selbstverständnis innerhalb der Europäischen Union zur Sprache. Der verdienstvolle Band liefert dazu wertvolle Grundlageninformationen.

Ioan Vasile Leb, Konstantin Nikolakopoulos, Ilie Ursa (Hg.): Die Orthodoxe Kirche in der Selbstdarstellung. Ein Kompendium; Berlin: LIT-Verlag 2016 (=Lehr- und Studienbücher Orthodoxe Theologie, Bd. 4), 340 S., ISBN 978-3-643-12844-7

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