Otto-Dix-Ausstellung in der evangelischen Kirche Bukarest

Illustrationen des Evangeliums nach Matthäus – Ein kultureller Beitrag zum Luther-Jahr

Samstag, 28. Oktober 2017

Plakat mit dem Motiv „Der Rangstreit der Jünger“

Anfang der Ausstellung mit den Lithografien (v.r.n.l.) „Abstammung Jesu-Abraham und Isaak“ – „Geburt Jesu“ – „Flucht nach Ägypten“
Fotos: Angelika Marks

Thomas Emmerling hat es wieder getan. Sehr zur Freude von Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli stellt der bekannte Kunstliebhaber aus seiner umfangreichen Privatsammlung diesmal 31 der 33 von Otto Dix (1891 bis 1969) handsignierten Lithografien für eine Ausstellung in der evangelischen Kirche zur Verfügung, die noch bis zum 9. Dezember zu sehen sein wird. Die Kunstwerke dienen der Illustration einer 1956 revidierten Lutherübersetzung des Evangeliums nach Matthäus, die, versehen mit der Vorrede Dr. Martin Luthers zum Neuen Testament von 1546, im Käthe Vogt Verlag Berlin 1961 erschienen ist.

„Zum Kultus gehört die Kultur und zur Kultur gehört die Bildung“, bekräftigt Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli seinen fortgesetzten Einsatz für die Verbindung von Kunst und Kirche. Diesmal vertritt er zudem den kurzfristig erkrankten Thomas Emmerling und erläutert an seiner Stelle die theologische Bedeutung der Lithografien, wobei er betont, wie eng sich Otto Dix in seinen Darstellungen thematisch an den Wortlaut des Matthäus-Evangeliums hält. Der Anlass für diese Ausstellung im Lutherjahr ist zum einen, dass Dix ganz gezielt für seine Illustrationen eine Lutherübersetzung wählte. Zum anderen jedoch die kürzlich erfolgte Neuausgabe einer ökumenischen Fassung des Matthäusevangeliums in rumänischer Sprache, die von der Ökumenischen Bibelgesellschaft in Kooperation von sechs, je zwei katholischen, orthodoxen und evangelischen Theologen, erarbeitet wurde. Jeder rumänische Besucher erhält beim Besuch der Ausstellung ein Exemplar gratis. Thematisch passend wird sich eine Ausstellung der Internationalen Bibelgesellschaft anschließen, die neue Bibelausgaben in rumänischer Sprache präsentiert. Und als kleiner Ausblick für Kunstfreunde: Aus dem Fundus der Sammlung Emmerich werden Werke von Lukas Cranach und Martin Schongauer im Laufe des nächsten Jahres gezeigt werden und eine Ausstellung, die sich der Malerei des sächsisch-siebenbürgischen Malers Eduard Otto Morres widmet.

Wer Dix zuletzt durch „Der böse Blick“ kennenlernen durfte, eine Ausstellung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die ihn als zynischen Porträtisten der wilden 20er Jahre des 20. Jahrhunderts – ganz im Sinne der „Neuen Sachlichkeit“ – zeigt, mag über dieses Spätwerk erstaunt sein. „Das Matthäus-Evangelium“ scheint auf den ersten Blick ein ganz ungewöhnliches Sujet im ansonsten von kontroversen Themen nicht armen Werk von Otto Dix. Obwohl es immer wieder, vermehrt jedoch seit den 30er Jahren, Anklänge an religiöse Themen in seinen Bildern gibt, so bei dem an Matthias Grünewald orientierten Triptychon „Der Krieg“(1932). Allerdings war sein Oeuvre immer schon sowohl stilistisch als auch thematisch von Widersprüchen geprägt. Opulente Porträts in Öl, die Techniken der Renaissance aufgreifen, stehen den Zyklen von düsteren Radierungen und Lithografien gegenüber, in denen er seine traumatischen Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges verarbeitet oder das Elend der Nachkriegszeit abbildet. Bei derMachtergreifung durch die Nazis, die ihn schnell als „entartet“ einstufen, verliert er als einer der Ersten 1933 seine Professur an der Akademie in Dresden und zieht sich in die „innere Immigration“ seiner Familien-Villa, erworben durch die Erbschaft seiner Frau Martha, am Bodensee zurück. Landschaften im altmeisterlichen Stil oder religiöse Themen dominieren nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen nun sein Schaffen. Dennoch wird er 1938 von der Gestapo inhaftiert und verhört. Zum Volkssturm eingezogen, gerät er zuletzt in französische Gefangenschaft. Nach dem Krieg kehrt er zu Martha und den drei Kindern nach Hemmenhofen bei Konstanz zurück. Bis zu seinem Tod 1969 reist Dix „als Wanderer zwischen den Welten“ häufig nach Dresden, wo er in der DDR, hoch anerkannt, seine Lithografien drucken lässt und die Verbindung zu seiner anderen Familie, seiner langjährigen Geliebten Käthe König samt ihrer gemeinsamen Tochter Katharina, pflegt. Sein recht ausgewogenes Doppelleben erhält 1955 mit dem plötzlichen und frühen Tod seiner ältesten Tochter Nelly einen harten Schicksalsschlag. Martha und Dix adoptieren die Enkelin Bettina, danach lebt Dix recht zurückgezogen. Auch die schriftstellerisch begabte Nelly hatte sich gerne biblischen Themen zugewandt, die sie unorthodox zu interpretieren wusste.

Otto Dix war, wenn auch nicht gläubig im kirchlichen Sinne, fasziniert von den Szenen und Geschichten der Bibel, sah sie „als wundervolles Geschichtsbuch“, wie Emmerling in seiner Pressenotiz vermeldet. Die Schwarz-Lithografien des Matthäusevangeliums, eine seiner letzten Arbeiten, sind geprägt von einer Rückkehr zum Expressionismus.

Das Matthäusevangelium, das sich an die messianischen Juden richtete, beginnt mit der Abstammung Jesu von Abraham und Isaak. Dix stellt die schreckliche Menschen-Opferszene, in der Abraham schon das Messer schwingt, um im Auftrag Gottes seinen Sohn zu ermorden, an den Anfang seines Zyklus. Ein Verweis auf den Opfergedanken der jüdischen Theologie, auf das zum Passahfest gefesselte Opferlamm, das Dix an anderer Stelle explizit mit Jesus verbindet, um so eines seiner Hauptmotive in das Bewusstsein des Betrachters zu rücken. Dem gegenüber steht der absolute Gehorsam Abrahams, was angesichts der schrecklichen Erfahrungen mit blindem Fanatismus von Dix äußerst kritisch gesehen wird. Laut Stadtpfarrer Zikeli durchzieht dieses Spannungsverhältnis zwischen blindem Gehorsam und Eigenverantwortung, was er erst durch die freiwillige Opferrolle Jesu aufgelöst sieht, den gesamten Bildzyklus.

Viele der Szenen verbindet Dix mit seinen eigenen Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, Zeitbezüge werden deutlich, wenn die Soldaten in den Passionsszenen Wehrmachtuniformen tragen oder Jesus in der „Dornenkrönung“ flankiert wird von einer Figur, die Hitler ähnlich sieht, und einer vulgär gezeichneten Frau – bedrohliche vulgäre Frauen sind im Werk von Dix ein häufiges Motiv. Gerade in den Randfiguren und in der realistischen Darstellung von Elend und Verzweiflung blitzen Anklänge an frühere Arbeiten auf. Aber der böse Blick stellt sich nicht ein. Im Rangstreit der Jünger – das Motiv des Ausstellungsplakates – wendet sich Jesus liebevoll den Kleinsten zu. Die Figur Jesu zeigt zwar kaum individuelle Züge, erscheint anfänglich fragil, so in der Szene mit Johannes dem Täufer, gewinnt aber zunehmend an Kontur, auch wenn sie in bestimmten Szenen, wie der Verklärung, vergeistigt, ja fast geisterhaft wirkt, um schließlich in den Passionsszenen ganz realistisch dem menschlichen Leid einen allgemeinen Ausdruck zu verleihen. In der letzten Lithografie des Zyklus – dem Opferbild des Anfangs gegenübergestellt – steht Jesus mit ausgestrecktem Arm, als Zeichen seines Sendungsauftrags „Gehet hin und machet alle Nationen zu Jüngern...“ (Matthäus 28,19). Für Stadtpfarrer Zikeli sind die Lithografien von Otto Dix ein Ausdruck der Lehre Luthers, die sich bewusst vom rein Dogmatischen abwendet, zugunsten des sich seiner Verantwortung bewussten Christen, der freiwillig und aus innerer Einsicht die Nachfolge Jesu antritt.

Die Ausstellung kann donnerstags bis samstags in der Zeit von 11-18 Uhr besucht werden. Gruppen melden sich bitte unter folgender Telefonnummer 0731-312.405 an. Der Eintritt inklusive Dauerausstellung beträgt 12 Lei.

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