Parkparks

Donnerstag, 22. März 2012

Bild: sxc.hu

Parks heißen wohl so, weil dort vor allem geparkt wird. Denn für den erholsamen Frühlingsspaziergang in frischer Luft muss so mancher Bukarester erstmal mit dem Auto die halbe Stadt durchqueren. Als fußgehender Parkgänger hingegen hat man sich tapfer zwischen den Fuß- und Radweg verstopfenden Blechlawinen durchzukämpfen. Weil auf den Parkplätzen um Parks wochenendlich nie Platz ist, bleibt einem nur der Park ohne -platz auf den sonstigen ungenutzten Flächen übrig, also der Parkpark. 
Parkplatz ohne ausgewiesenen Platz findet man auch häufig auf der rechten Fahrbahnspur. Wer ihn spontan einnehmen möchte, kennzeichnet dies unbürokratisch durch Einschalten der Warnblinkanlage. Was bedeutet: Hier ist soeben ein temporärer Parkplatz entstanden. Die Einrichtung solch fliegender Wechselparkplätze in Rumänien ist überaus praktisch und sollte vielleicht auch anderen EU-Ländern zur Nachahmung empfohlen werden. Auch an Autobahnen muss man hier nicht erst warten, bis endlich ein Rastplatz daherkommt, der ohnehin wegen anderweitigem Missbrauch fürs Picknick meist ungeeignet ist. Statt dessen parkt man einfach auf dem Pannenstreifen, klappt Grill und Tischchen aus und genießt ein spontanes, entspanntes Mahl im Schatten des geöffneten Kofferraumdeckels. Vielleicht sollten wir die Pannenspur in Picknickspur umbenennen und die noch freien Flächen an Würstlbudenbesitzer oder Gemüsestände verpachten? Wer tatsächlich pannenbedingt anhalten muss, kann den Beifahrer schon mal zum Brotzeit holen oder zum Marktbummel schicken, während er den Reifen wechselt.

Neben solchen spontanen Wechselparkplätzen, die sich nach Verlassen des Wildparkers wieder spurlos auflösen (spurlos bis auf die leeren Plastikflaschen), gibt es ein weiteres, typisch rumänisches Parkphänomen: der durch Gewohnheitsrecht eroberte Dauerparkplatz mitten auf der Straße. Mit ersterem hat er gemein, dass ihn ebenfalls keine offizielle Kennzeichnung ausweist. Erkennbar ist er lediglich an der Ansammlung parkender Fahrzeuge, die einander gegenseitig durch ihre Anwesenheit legitimieren. Der Entstehungsmodus läuft wie folgt ab: In der Mitte einer Kreuzung von drei aufeinandertreffenden, eher verkehrsarmen Straßen, vorzugsweise in der Nähe eines beliebten Restaurants, parkt notgedrungen ein Fahrzeug. Dadurch bildet sich automatisch ein Kreisverkehr, der wegen des ohnehin geringen Verkehrsaufkommens von den Vorbeifahrenden toleriert wird. Etwas anderes bleibt ihnen auch nicht übrig, denn der Besitzer hockt in der Kneipe. Um das nun als Kondensationskeim fungierende Vehikel lagern sich inzwischen rasch Fahrzeuge weiterer Parkwilliger an, ähnlich wie Moleküle beim Prozess der Kristallisation. Dieser kommt erst zum Stillstand, wenn die verbleibende Fahrbahn zu eng für den fließenden Verkehr wird. Ein auf diese Weise entstandener Parkkristall erhält seinen dauerhaften Charakter erst durch selbsternannte Platzzuweiser, die den Vorbeifahrenden signalisieren: „Hier ist eine Parklücke“. Der Parklückenzuweiser verleiht dem Konglomerat als „Parkplatz in statu nascendi“ ab sofort eine halboffizielle Aura. Parkplatzzuweiser und Falschparker legitimieren einander so in wechselseitiger Symbiose.

Wie wunderbar doch die Naturgesetze auch im Straßenverkehr funktionieren! Manchmal aber breitet sich der Parkstau dermaßen aus, dass Vorbeifahrende sich nur noch mit akrobatischen Manövern daran vorbeiquetschen können. Böse Blicke der Ein- und Ausparkenden verraten, dass sie sich längst an ihr illegales Parkrecht gewöhnt haben: „Was haben die hier zu suchen, können die nicht auf die Parallelstraße ausweichen? Diese Straße ist eine Parkstraße!“
Manchmal finden wir auch ein einsames Fahrzeug, mitten auf einer stark befahrenen Kreuzung abgestellt. „Welcher Depp macht denn so was?“ fragt man sich da stirntippend selbst als an Parkdreistigkeiten gewohnter Bukarester. Doch wer die Naturgesetze der spontanen Parkplatzbildung kennt, errät schnell, welches Phänomen dahintersteckt: Gestern Nacht noch im Kern eines schützenden Parkkristalls geborgen, nun schutzlos von tosenden Gewässern des Berufsverkehrs umspült...
So mancher Verkehrsteilnehmer beschwert sich über die mangelnden Parkgelegenheiten in Bukarest. Völlig zu Unrecht! Zum Parken findet man immer Platz – nur bleibt dann oft zu wenig Straße übrig.

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