Peitschenknallende Urzeln liefen durch Agnetheln

Eine sächsische Tradition in rumänischen Händen

Mittwoch, 03. Februar 2016

Zur Disziplinierung und Identifizierung muss auch heute noch jeder Urzel eine individuelle Nummer tragen. Eventuelle Verfehlungen beziehungsweise ein über die Stränge schlagen kann so auch im Nachhinein noch sanktioniert werden.

Die Vertreter der Kürschnerzunft, der Handwerker, die Tierfelle zu Pelzbekleidung und anderen Pelzprodukten verarbeiten, treiben symbolisch einen Bär durch die Straßen.

Teil der Parade, die vor dem Rathaus einen Zwischenstopp einlegte, war auch die Tanzgruppe des Hermannstädter Jugendforums.

Die Amtslade oder auch Zunfttruhe enthält die wichtigsten Dokumente und Wertobjekte der jeweiligen Zunft.
Fotos: Michael Mundt

Hermannstadt – War der Urzellauf nach Jahren des Verbots durch die totalitäre Regierung ab 1969 wieder zu einem jährlichen Ereignis in Agnetheln/Agnita geworden – 1970 wurden sogleich staatliche Busse für Gäste aus dem benachbarten Mediasch/Mediaş bereitgestellt und 1985 sollen rund 600 Urzeln registriert gewesen sein – erlosch der peitschenknallende Brauch mit dem Exodus der sächsischen Bevölkerung umgehend. In der Bundesrepublik und insbesondere in Sachsenheim wurde die Tradition schon seit 1965 wieder jährlich fortgeführt, doch in Agnetheln geriet sie nach der politischen Wende gar in Vergessenheit. Erst im Jahr 2006 ließ der Deutschlehrer Bogdan Pătru den mittelalterlichen Handwerkerbrauch mit seiner Schulklasse wieder aufleben. Nach einer erfolgreichen Generalprobe kamen schon im Jahr darauf die Urzeln aus Sachsenheim und die HOG Agnetheln in die alte Heimat, um die Feinheiten des Brauches weiterzugeben. Heute, zehn Jahre nach dem Wiederbeleben des Laufes, ziehen jährlich rund 200 Urzeln unter lautstarken „Hiräii“-Rufen durch die Straßen der Stadt im Harbachtal. Gut lässt sich am Urzellauf nachvollziehen und sogar ganz aktuell beobachten wie Traditionen weitergegeben werden und sich dabei verändern. Einst vermutlich ein heidnischer Brauch, der darin bestand durch Lärm und gruselige Masken böse Geister und den Winter zu vertreiben, wurde er von den handwerklichen Zünften Agnethelns übernommen. Diese schufen sich mit der Übergabe der Amtslade durch die Gesellen an die neuen Zunftmeister ihren eigenen Fastnachtsbrauch.

Die furchterregenden Gestalten begleiteten die Schuster, Schneider, Kürschner und Fassbinder fortan als Ordnungshüter. Erstmals urkundlich belegt wurde dieser Agnethelner Brauch als „Mummenschanz der Zünfte“ im Jahr 1689. Die Urzeln selbst spielten damals nur eine Nebenrolle. Erst als sich die Zünfte auflösten beziehungsweise 1872 durch den ungarischen Staat verboten wurden, rückten sie in den Mittelpunkt. Im Jahre 1911 einigten sich die wichtigsten Handwerker Agnethelns darauf, eine Parade zum gemeinsamen Forttragen der Amtslade zu organisieren. Erst ab diesem Zeitpunkt prägten und beherrschten die Urzeln das Fest, wie es daraufhin im wesentlichen bis 1941 und zwischen 1969 und 1990 praktiziert wurde. Nach der Übernahme der sächsischen Tradition durch die rumänische Bevölkerung kam es wieder zu kleineren und größeren Anpassungen. Augenscheinlich ist natürlich, dass viele Kinder als Urzeln verkleidet durch die Straßen ziehen, waren sie es doch, die den Brauch mit Lehrer Pătru wieder aufleben ließen. Auch das Siebenbürgen-Lied wird heute oft in rumänischer Sprache gesungen. Lediglich bei Pfarrer Reinhard Boltres erklingen weiterhin die Worte Maximilian Leopold Moltkes auf Deutsch. Denn auch nach dem Festumzug ziehen die Urzeln wie früher mit ihren Peitschen und Schellen durch Agnetheln und machen dem Bürgermeister sowie anderen wichtigen Persönlichkeiten der Stadt ihre Aufwartung. Bewirtet werden sie dort mit Wein und Krapfen, ehe es am Abend zum gemeinsamen Urzelball geht.

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