Persönlichkeitsbildung durch Begegnung mit anderen Kulturen

Erasmus-Studierende erleben in Temeswar das Abenteuer ihres Lebens

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Während des Geschenkaustausches bei der Erasmus-Weinachtsparty. Foto: privat

Die Frage war, warum kommen Studierende mit einem Erasmus-Stipendium nach Rumänien. „Ich wollte es selbst erleben, wie man in einem osteuropäischen Land lebt“, antwortet Dario. Der Student kommt aus Italien und macht seinen Master in Physik. Er ist einer der fast 100 Austauschstudierenden, die derzeit für ein oder zwei Semester an den verschiedenen Fakultäten in Temeswar/Timişoara eingeschrieben sind.

Das Erasmus-Programm ist ein Mobilitätsprogramm des Bildungswesens der Europäischen Union. 1987 wurde das Programm gestartet. Mit dem Erasmus-Programm wird die Mobilität im Sinne von Studienaufenthalten, Auslandspraktika im Rahmen des Studiums der Studenten, von Lehr- oder Fortbildungsaufenthalten für Assistenten und Dozenten oder allgemeinem Hochschulpersonal in den verschiedenen europäischen Universitäten gefördert – d. h. nicht nur in den 27 Mitgliedstaaten der EU, sondern auch in sechs weiteren europäischen Ländern: Island, Kroatien, Liechtenstein, Norwegen, der Schweiz und der Türkei. Seit fast 15 Jahren erfreuen sich auch die rumänischen Universitäten der Möglichkeiten, dieses Programm anzubieten. Die grundlegende Voraussetzung für einen Auslandsaufenthalt ist die Existenz einer Partnerschaft zwischen der rumänischen Universität und der ausländischen Universität. Die Zahl der Erasmus-Studierenden, die sich entscheiden, nach Temeswar zu kommen, nimmt ständig zu. Dies trotz der sprachlichen Barriere und der bisherigen Regelung, dass man dieses Stipendium nur einmal im Leben beantragen und erhalten kann.

100 Gaststudenten an drei Unis

In diesem Wintersemester hat Temeswar fast 100 Erasmus-Studierende aus verschiedenen europäischen Ländern begrüßt. Sie kommen aus Spanien, Italien, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Portugal, Polen, Litauen oder der Türkei. Sie werden an den drei großen staatlichen Universitäten in Temeswar – die West Universität, die TU Politehnica und die Medizinische und Pharmazeutische Universität „Victor Babeş“ – immatrikuliert und besuchen Vorlesungen und Seminare der unterschiedlichsten Fakultäten, gemeinsam mit den regelmäßig dort Studierenden.

„Das Negative dran ist“, meint Sarah aus Großbritannien, „dass in manchen Fächern die Unterrichtssprache Rumänisch ist. Man kann nicht von uns erwarten, dass wir so schnell Rumänisch lernen.“ „Es ist schade“, äußert sich auch Fernando aus Spanien, „dass wir in den Vorlesungen nichts verstehen. Häufig wird Interessantes erklärt und wir kriegen nichts davon mit.“ 

Jedoch erhalten die Austauschstudenten einen besonderen Status: Sie bekommen später alle notwendigen Lehr- und Lernmaterialien in Englisch oder in einer anderen internationalen Verkehrssprachen und legen die Prüfungen in einer Weltsprache ab. „Somit haben wir mehr Freizeit!“, lacht Mundu aus Nottingham.

Erasmus-Alumni als Helfer

Um den Austauschstudierenden zu helfen, ihren Aufenthalt in Temeswar maximal zu nutzen und zu genießen, haben sich ein paar ehemalige Erasmus-Studierende aus Rumänien freiwillig organisiert. Sie haben eine Gruppe gebildet, die sich um die Freizeitaktivitäten dieser Gaststudenten kümmert. Infolgedessen haben die Austauschstudierenden bisher eine ganze Reihe von Aktivitäten erlebt, sei es in Temeswar – z. B. eine Stadtrundfahrt mit einem sogenannten „Treasure Hunt“ (zu Deutsch: Schatzsuche) oder thematische abendliche Mahlzeiten mit internationalem oder mittelalterlichem Essen – oder Ausflüge nach Siebenbürgen (Kronstadt, Hermannstadt, Törzburg, Karlsburg  u. a.).

Hinzu kommen noch unzählige ad-hoc oder organisierte Partys und gelegentlich auch Museums-, Theater- oder Konzertbesuche. Am Nikolaustag feierten die Studierenden eine Weihnachtsparty, da in den nächsten Tagen viele in ihre Heimatländer (wegen der Weihnachtsferien) zurückfahren. Das Event beinhaltete u. a. einen Geschenkaustausch unter den Studierenden, sodass jeder ein persönliches Andenken von seiner Austauschperiode in Temeswar bekam. „Das Beste daran ist die doppelte Überraschung: Man weiß vorher nicht, von wem das Geschenk kommt und auch nicht, was drin ist“, meint Alexandra, eine Freiwillige.

Die Erasmus-Studierenden wohnen zusammen mit den Studenten in den Wohnheimen der drei Temeswarer Universitäten. Die Mehrheit wohnt in Wohnheim C13, das sich inzwischen zu einem internationalen Treffpunkt entwickelt hat. Hier werden neben Kochen, Putzen, Lernen usw. Events und Ausflüge geplant. In den Monaten des Zusammenlebens entstehen allmählich engere Beziehungen, sodass man sich wie in einer großen internationalen Familie fühlt. Sprachbarrieren werden mit der Hilfe von Zeichensprache gebrochen. Letztendlich sprechen alle die universale Sprache der Freundschaft, wie es im französischen Film „L’auberge espagnole“ – der Film erzählt vom Leben der Erasmus-Studierenden in Spanien – dargestellt wird.

Viele wollen Aufenthalte verlängern

Die meisten Erasmus-Studierenden sind wegen des Rufs Rumäniens als preiswertes Land gekommen, haben sich aber inzwischen nicht nur wegen der günstigen Preise in Temeswar verliebt. Die Stadt bietet ihnen eine breite Palette von kulturellen und sportlichen Aktivitäten an – und wenn gerade Mal nichts von Interesse angeboten wird, dann organisieren sie sich selbst: Meistens am Wochenende spielt ein Teil der Jungs Fußball auf einem Platz nah an der West Universität.

Das Nachtleben ist auch ganz beliebt. Fast alle kennen sich schon gut mit den Bars und Clubs von Temeswar aus – vielleicht sogar besser als viele der Einheimischen! In der Adventszeit erleben die Austauschstudierenden den Anfang des Winters. Da die meisten aus südlichen Gegenden wie Spanien, Portugal oder Süditalien kommen, haben sie den Frost und auch den wenigen gefallenen Schnee vor einigen Wochen bewundert. „Temeswar sieht wunderschön aus, wenn es mit Schnee bedeckt ist”, meint Ricardo aus Spanien. „Wenn es schneit, ist es fantastisch”, ruft Miguel aus Portugal hinzu. Zurzeit genießen sie den Weihnachtsmarkt und kaufen Geschenke für Freunde und Familie.

Diejenigen, die über die Weihnachtsferien nach Hause fahren, kommen im Januar 2012 zurück, um das Semester zu beenden. Ein Teil der Studierenden bleibt in Temeswar für zwei Semester, wobei manche sich schon seit Oktober Gedanken machen, wie sie ihren Aufenthalt in Temeswar noch verlängern können. Dies ist der Fall bei Patrick aus Deutschland. „Es hängt ab, inwiefern mir die belegten Veranstaltungen an der Uni in Deutschland anerkannt werden“, sagt er. Im Februar kommen ungefähr 30 neue Austauschstudierende für das beginnende Sommersemester allein an die West-Universität.

Was kommt als nächstes?

Für die Zukunft gibt es Pläne, die Austauschstudierenden mehr in die lokale Gemeinschaft zu integrieren. Demzufolge versucht man, den künftigen Aktivitäten eine gemeinnützige Komponente zu verleihen. Außerdem hofft man, dass ab nächstem Semester jeder der Erasmus-Studierenden eine/n „Mentor/-in“ bekommt. Die Mentoren sind freiwillige Helfer – meist regelmäßige Studierende –, welche für die Ausstauschstudierenden persönliche Ansprechpartner sein sollen. Sie haben die Aufgabe, diesen Studierenden das Leben und die Kultur in Rumänien näher zu bringen. Dadurch sollte das Eingewöhnen in Temeswar erleichtert werden. Der Anfang in einer neuen Stadt und fremden Kultur ist immer schwierig und dies wissen aus eigener Erfahrung alle Freiwilligen.
Ein Austauschsemester oder -jahr ist eine unvergessliche Erfahrung und ein wichtiger Schritt in der persönlichen Entwicklung eines Individuums. Deswegen fördern Universitäten aus der ganzen Welt internationale Auslandsaufenthalte.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*