Pfannkuchen für eine Kirchenorgel

Wie aus einem abenteuerlichen Projekt plötzlich eine Lebensaufgabe wurde

Sonntag, 08. Juni 2014

Beginn eines idealistischen Traums: Um Geld für die Restauration der Kronstädter Chororgel zu sammeln, verkauften Barbara Dutli und Ferdinand Stemmer Pfannkuchen. Ihr Vater (links) schrieb die Briefe zur Gewinnung von Sponsoren. Foto: privat

„Training on the job“ in der Lehrwerkstätte von Honigberg.

Wenn die Kirche zur Baustelle wird: Einbau der Orgelkonsole in der St. Joseph Kathedrale in Bukarest.
Fotos (2): George Dumitriu

Wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet Orgelbauerin zu werden? Träumt man davon schon als kleines Mädchen? Amüsiert lacht Barbara Dutli auf. Die morgendlichen Sonnenstrahlen tanzen auf ihrem wippenden Pferdeschwanz. Um ihre Mundwinkel spielt ein schelmisches Lächeln. „Nein, natürlich nicht!“ Auch auf die Idee, nach Rumänien zu ziehen, wo sie immerhin seit zehn Jahren lebt, wäre die ehemalige Schweizer Landesmeisterin im Geräteturnen bestimmt nie von alleine gekommen. Obwohl einst Nadia Comăneci über dem Bett des sportbegeisterten Mädchens hing, die sie als glühendes Vorbild verehrte. Orgelbau? Nein, die junge Barbara hatte damals ganz anderes im Sinn...

Doch die prägendsten Ecksteine ihres Lebens haben  sich irgendwie durchs Hintertürchen eingeschlichen. Vielleicht, weil der Weg das interessantere Ziel war? Weil sie ihrer Liebe folgte und nicht der Vernunft? Zuerst ihrer Liebe zum Sport, bis ein Unfall ihre vielversprechende Karriere früh zunichte machte. Dann der Liebe zum Holz - einem Werkstoff, der sie schon zu Schulzeiten faszinierte, als sie nebenbei und später auch während des Sportstudiums in einer Schweizer Freizeitwerkstatt praktizierte. Schon auf dem Weg zur Universität hatte sie sich die Nase an den Fensterscheiben zum Atelier des Orgelbaumeisters Ferdinand Stemmer plattgedrückt, fasziniert vom Duft des Holzes und dem geschäftigen Treiben. Bis sie sich eines Tages in der Schulwerkstatt im Dorf über den Weg liefen...

Langer Weg zum Traumberuf

„Doch nie hätte ich damals geplant, selbst Orgelbauerin zu werden“, wundert sie sich heute in Anbetracht ihrer frühen Faszination. Parallel zum Sportstudium absolvierte sie die Kunstgewerbeschule, die sie sich mit Sportunterricht an verschiedenen Gymnasien verdiente. Vor einer festen Anstellung aber drückte sie sich selbst nach dem Abschluss. „Dabei kannst du von Schule geben in der Schweiz extrem gut leben - doch der Leistungsdruck hat mich gestört. Mich interessierten die Bewegungsmuster, nicht ob der Schüler 20 oder 50 Meter weit schießt!“ kritisiert Barbara Dutli. So war sie regelrecht erleichtert, wenn sie mal wieder eine Lehrerstelle nicht bekam. Statt dessen zog es sie immer öfter in die Stemmer‘sche Werkstatt. „Obwohl ich mir Orgelbau damals gar nicht zutraute“, fügt sie hinzu – und wieder blitzt dieses selbstironische Lächeln auf.

Geräuschvoll erwacht die Hauptstadt um uns herum zum Leben. Mehrmals klingelt ihr Handy, ihre Zeit ist knapp bemessen. Ich frage mich, was ihre heutigen Lehrlinge wohl denken, wenn sie diesen Artikel lesen? Die Generation an jungen Orgelbauern, die Barbara Dutli mittlerweile in Honigberg/ Hărman ausgebildet hat. Mit denen sie Orgeln in ganz Siebenbürgen restaurierte, über 30 in den letzten 10 Jahren, oder neue baute, zusammen mit ihrem einstigen Lehrmeister Ferdinand Stemmer. Barbara Dutli traute sich den Orgelbau nicht zu!

Nachdem sich die junge Frau 1991 schließlich doch dazu durchgerungen hatte, ihrer Leidenschaft zum Handwerk nachzugeben und eine Stelle in einer Restaurationswerkstatt annahm, sagte ihr Stemmer auf den Kopf zu: „Für den Lohn hättest du aber auch zu mir kommen können!“ Da fiel der Groschen endlich.
„Das erste Jahr war schlimm – aber faszinierend“, bekennt die heutige Orgelbauerin. Schmunzelnd gibt sie ihren ersten Fehler preis, wie sich der  Bohrer in das kostbare Nussholzgehäuse einer Orgel fraß, immer tiefer und tiefer – und am anderen Ende wieder herauskam! „Ich dachte, der Ferdinand schickt mich auf den Mond...“ ruft sie theatralisch.

Dann wieder dieses verschmitzte Grinsen. „Außerdem siehst du ständig andere Teile daherkommen“ fährt sie lebhaft gestikulierend fort,„aber man hat keine Ahnung vom Gesamtzusammenhang. Ich bin ja noch nie in einer fertigen Orgel herumgestolpert!“ Erst langsam sickerte es in ihr Bewusstsein: Mensch, hier lernst du nicht nur, Teile zu reparieren, hier lernst du, wie man eine ganze Orgel baut! Aber auch eine andere Erkenntnis traf sie überraschend: dass das Ergebnis von ihr alleine abhing und nicht von irgendwelchen Schülern. Mit der Lehrertätigkeit als Beruf, die sie nebenbei immer noch betrieb, hätte sie das Dreifache verdient. Doch nun entschied sie sich leichten Herzens ganz für den Orgelbau.

Abenteuer Rumänien

1995 war Ferdinand Stemmer nach Rumänien eingeladen worden, um einen Motor in die Chororgel in Chendu einzubauen. Ein Organist, ein Lehrling und Barbara  sollten ihn begleiten. Der Schwarm für Nadia Comăneci war zwar längst passé,  „doch lernte ich jetzt wenigstens, wie man ihren Namen richtig ausspricht“, scherzt die Schweizerin, die heute nahezu perfekt Rumänisch spricht. In Kronstadt/Braşov begegneten sie dem Organisten Steffen Schlandt, der vom desolaten Zustand der kostbaren alten Orgeln in Siebenbürgen erzählte - nicht ohne zu bemerken, dass auch die kleine Chororgel der Schwarzen Kirche seit zwölf Jahren unbespielbar sei. Stemmer fasste den spontanen Entschluss, das Instrument zu restaurieren, wenn die Kirchengemeinde einverstanden sei.

„Um Gelder hierfür zu sammeln, buken wir einmal im Monat am Samstag auf dem Markt in Zumikon Pfannkuchen“, erinnert sich Barbara Dutli an diese aufregende Zeit. Sie beschafften einen Crepes-Wagen und mussten erst mal lernen, mit dem hauchdünnen Teig umzugehen. „Ich habe an einem Nachmittag 500 Eier zerschlagen“, lacht sie und erinnert sich: „Wir hatten verschiedene Füllungen: Die mit Rosinen, Quark und Cointreau nannten wir ‚Braşov‘; dann gab es noch ‚Tricolore‘ mit Tomaten, Käse und Spinat, oder ‚Cluj‘ mit Apfelmus und Zimt.“ Um Spender zu werben, schrieb Barbaras Vater einen Brief, der an über 1000 Freunde und Bekannte versandt wurde. Die Briefmarken mussten sie aus eigener Tasche bezahlen...

Das idealistische Projekt trug Früchte. Von 1998 bis 2001 folgten weitere Restaurierungsarbeiten an der großen Buchholz-Orgel unter Mithilfe von Schülern und Studenten. Ob er nicht junge Rumänen zu Orgelbauern ausbilden könne, wurde Ferdinand Stemmer gefragt, doch die Idee scheiterte schnell an der Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz. 1999 enstanden daher die ersten Pläne zum Aufbau einer Orgelbau-Lehrwerkstatt in Rumänien nach dem Schweizer dualen Ausbildungssystem. Weil Barbara die einzige Orgelbauerin mit Lehrerqualifikation war, kam nur sie als Ausbilderin infrage. Ob sie bereit wäre, für einige Jahre nach Honigbergzu ziehen, wo Internatschule und Werkstatt entstehen sollten? „Ich habe  wohl ja gesagt“, wundert sie sich, „doch an dieses Ja kann ich mich bis heute nicht erinnern!“. Dann überschlugen sich die Ereignisse. „Im Sommer 2002, das Dach wurde gerade auf dem Montagesaal aufgerichtet, schaute ich von weitem zu und fragte mich plötzlich: ‚Ja, spinnst du denn vollkommen?’”

Eine neue Generation Orgelbauer entsteht

Ziel war, eine Generation von Orgelbauern auszubilden, um die bestehende Expertenlücke der letzten 60 Jahre zu füllen. Eine Schweizer Stiftung, gegründet von Ferdinand Stemmer, sorgte für die Finanzierung. Im Oktober 2003 wurde dann die Lehrwerkstatt in Honigberg im Beisein von 200 Gästen feierlich eröffnet. Aus dem Abenteuer war plötzlich Ernst geworden.

Doch die wahren Herausforderungen begannen erst jetzt: Eine Schule musste gegründet werden, kompatibel mit dem rumänischen Ausbildungssystem - für einen Beruf, den es schon lange nicht mehr gab, der nicht einmal mehr als solcher eingetragen war! An welchem Faden man auch zupfte, um das bürokratische Knäuel zu entwirren, es schien sich nur fester zuzuschnüren. Auch die Umsetzung des Schweizer Lehrplans durch die als Kooperationspartner gewonnene Holzbaufakultät der Universität Kronstadt gestaltete sich zur Pionierarbeit.

Dann mussten Lehrlinge geworben werden. „Wir hielten Vorträge an Schulen im ganzen Land“, erinnert sich Barbara Dutli. Die dreijährige Lehre konnte in Rumänien nur als postlyzeale Ausbildung angeboten werden, sodass die Uni ein ständiger Konkurrent war. Kandidaten, die schon zugesagt hatten, sprangen plötzlich ab, weil sie doch noch einen Platz an einer Fakultät ergattert hatten.

Herausfordernd war auch die Gestaltung des Lehrplans. Nach Vorgaben aus Deutschland und der Schweiz mussten sich die Professoren an der Uni ihre eigenen Lehrbücher erarbeiten. Vier Tage die Woche unterrichtete Barbara Dutli Praxis in der Werkstatt, ein Tag war Theorie. In der angegliederten Orgelbaufirma, die einen Teil der Ausbildungskosten wieder einbringen sollte, konnten die Lehrlinge ihre Kenntnisse an echten Projekten erproben.

Nicht nur für die angehenden Orgelbauer, auch für Barbara Dutli war dies eine spannende Zeit. Aufträge im ganzen Land, gelegentlich auch in Ungarn oder in der Schweiz. Lehrlingsaustausche hin und her mit Orgelbaufirmen im Ausland. In schwindelnden Höhen turnte die einstige Sportlerin nun auf barocken Orgelprospekten und Balustraden sächsischer Kirchen, balancierte frisch gegossene Pfeifen oder quetschte sich Seite an Seite mit ihren Schülern in enge Hohlräume zur Montage. Windladen oder Lederbälgchen wurden originalgetreu rekonstruiert - stets nach dem Vorbild der alten Meister, wie es die Regeln der Restauration erfordern.

So manches Mal fanden sich beim Auseinandernehmen der Orgeln Inschriften früherer Restaurateure oder gar wertvolle historische Dokumente: Katholische Messen, mit denen nach der Reformation einfach die Bälge abgedichtet wurden. „Eine Inschrift veriet, die letzte Restauration habe sechs Monate gedauert – und wir haben acht gebraucht! Da bekommt man Ehrfurcht vor den alten Meistern“, staunt Barbara Dutli. Zimperlich darf man nicht sein in diesem Beruf, denn beim Abbau einer alten Orgel treten noch ganz andere Überraschungen zutage. Mumifizierte Mäuse, in die Orgelpfeifen gefallen und jämmerlich verhungert. „Wir nannten sie ‚Ötzis‘“, lacht sie. „Oder ein ganzes Lammbein, mumifiziert, das ein Marder dort hineingeworfen hatte und nicht mehr herausbekam!“

Eine Zeit auch, die das bunte Team zusammenschweißte. Nur anfangs knirschte es manchmal wegen interethnischen Allüren:  Die Ungarn isolierten sich am Mittagstisch; ein Lehrling wollte nicht mit einem Roma zusammen essen. Barbaras lakonische Reaktion – „Dann kannst du ja gehen“ -– brachte rasche Heilung.  Bald war der Umgang im Internat von Toleranz und Respekt geprägt.   

Bleibendes in einer schnelllebigen Welt

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. 17 Orgelbauer und fünf Schreiner wurden ausgebildet, der Nachwuchs des Landes gesichert. Neue Lehrlinge sollen ab jetzt nur noch nach Bedarf im laufenden Betrieb ausgebildet werden. Für Dutli und Stemmer nähert sich die Zeit, sich langsam zurückzuziehen, denn von Anfang an war geplant, das Projekt eines Tages in rumänische Hände abzugeben. Drei Lehrlinge der ersten Generation sind schon vorbereitet und werden noch begleitet, solange nötig. Auch die Schweizer Stiftung bleibt erhalten, obwohl die Spenden seit Rumäniens EU-Beitritt deutlich zurückgegangen sind.

Barbara Dutli muss sich nun bald neu orientieren. Zehn Jahre sind im Flug verstrichen – wer hätte geahnt, dass sie überhaupt so lange bleiben würde? Die Schweizer Stiftung hatte ihren Vertrag nach den ersten drei Jahren immer nur für ein weiteres verlängert, weil die Finanzierung der  Stipendien für die Lehrlinge stets im Vordergrund stand. Doch weder ihren anstrengenden Beruf, noch die lange Zeit in Rumänien betrachtet die Schweizerin als Opfer. „Es war spannend, dieses Land kennenzulernen“, bekennt sie. Und strahlt: „Es ist eine Genugtuung, wenn  du einen erfüllenden Job hast, und  in dieser kurzlebigen Zeit etwas Bleibendes schaffen kannst!“

Ihre Spuren hat sie nicht nur in den Orgeln hinterlassen – säuberlich datierte Zettel mit den Unterschriften aller an der Restauration beteiligten Lehrlinge. Sondern vor allem in den Herzen der jungen Leute, deren Chance nun darin besteht, das Lebenswerk ihrer Schweizer Lehrerin weiterzuführen.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 09.06 2014, 02:04
Pfannkuchen sagt kein echter Einheimischer, das ist ein Importwort. Die Sachsen sagen entweder rumänisch Clatite, oder österreichisch Palatschinken.

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