Pferdewagen am Tihuţa-Pass, Baumkuchen in Bistritz

Viel Geduld ist auf Rumäniens Straßen angesagt, aber ein Seitenblick lohnt sich immer

Dienstag, 22. November 2016

Des öfteren kreuzt die Fernstraße 17 die Eisenbahnlinie 502 im Kreis Suceava, hier auf der Strecke zwischen Vatra Dornei und Poiana Stampei.

Ein romanisches Juwel: die ursprünglich als Benediktinerabteikirche gebaute evangelische Kirche in Mönchsdorf

Der Turm der Bistritzer Stadtpfarrkirche brannte im Sommer 2008 ab, wurde jedoch aufwendig wiederaufgebaut. Die Kirche stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.
Fotos: der Verfasser

Der 1. November, 10 Uhr, Suceava, ein Parkplatz hinter dem Justizpalais an der Ştefan-cel-Mare-Straße. Eine neue orthodoxe Kirche mit merkwürdiger Architektur, für den Baustil neuer orthodoxer Kirchen hierzulande gar nicht üblich, steht hinter dem Gerichtsbau. Ich schaue sie mir kurz an, tippe dann das Ziel der Reise in das Navigationsgerät – Timişoara – und trete meine Heimreise an. Das Navi berechnet: 594 Kilometer, neuneinhalb Stunden, der kürzeste Weg führt über Vatra Dornei, Bistritz/Bistriţa, Luduş, Karlsburg/Alba Iulia, Deva. Geduld ist gefragt, höchste Konzentration natürlich auch, denn eine knapp 600 Kilometer lange Fahrt auf Rumäniens Straßen gleicht einem kleinen Abenteuer.

Um Suceava, die 100.000- Einwohner-Stadt mit der mittelalterlichen Burg, mit vielen alten und neuen orthodoxen Kirchen und Klöstern, einem k.u.k.-Verwaltungspalais und einer Nepomuk-Kirche im Zentrum zu verlassen, braucht man zwanzig Minuten, die Ausfallstraße in Richtung Gura Humorului (DN 17) ist stark befahren. Vorbei führt sie an zahlreichen neu gebauten Häusern, die man in verschiedenen Größen, aber meist in ähnlicher Architektur, in vielen Gemeinden der Bukowina sieht. Viel ist hier in den vergangenen zehn Jahren gebaut worden. Auch der Vorort Şcheia macht da keine Ausnahme, nur mühsam schlägt sich der Vormittagsverkehr durch die Gemeinde durch.

Hinter Ilişeşti führt die Nationalstraße durch einen Wald, in dessen Mitte biegt eine Kreisstraße nach links ab, in das Dorf Ciprian Porumbescu. Der berühmte Komponist wuchs dort auf, geboren wurde er in der Nordbukowina, in der heutigen Ukraine. Und schon ist man in Gura Humorului, der Kleinstadt mit altösterreichischem Flair. Ähnlich präsentieren sich Câmpulung Moldovenesc und Vatra Dornei: k.u.k.-Rathäuser, -Schulen, katholische Pfarrkirchen schmücken die Mitte der drei Städte. Ein einziger Haken: Der gesamte Fernverkehr müht sich auf den engen Innenstadtgassen, Umgehungsstraßen gibt es nicht. In Vatra Dornei müssen zwar Lkw einen Umweg nehmen, eine echte Lösung ist das nicht. Langgezogene Dörfer, mit stattlichen, einstöckigen Häusern mit Schindeldächern, mit großen Kirchen, Holzzäunen und noch weidenden Kühen bieten ein angenehmes Bild. Die Bukowina lässt sich sehen, auf großformatigen Plakaten werben zwischen Gura Humorului und Vatra Dornei zahlreiche Hotels, Pensionen und Wirtshäuser, in Gura Humorului lockt das berühmte Kloster Voroneţ. Floßfahrten werden auf der Moldau veranstaltet, Reithöfe gibt es auch.

Doch zurück zur Fernstraße 17, zwischen Vatra Dornei und der Gemeinde Coşna kreuzt die elektrifizierte Eisenbahnlinie 502, die Siebenbürgen mit der Moldau verbindet, viermal die Fernstraße. Und jedes Mal fällt die Schranke, ein Güterzug des Grupul Feroviar Român fährt nur langsam vorbei. Und dann, hinter Coşna, beginnt die Straße langsam zu steigen, bei Poiana Stampei verabschiedet sich die Bukowina mit einem großen Holztor. Hoch oben am Tihuţa-Pass, auch Borgo-Pass genannt, bei 1200 Metern Höhe, passiert man die Grenze zwischen dem ehemaligen Kronland Bukowina und dem Großfürstentum Siebenbürgen. Hohe, teils beschneite Berge, Tannen- und Mischwälder weit und breit, erfreuen die Blicke. Die Straße ist neu asphaltiert, es fehlen die Markierungen, aber man kommt relativ schnell voran. Auf dem Pass selbst gibt es einige Pensionen, ein neues Kloster und ein Riesenhotel mit dem Namen „Castel Dracula“. Angeblich ist es weltweit bekannt, denn just nachdem ich an Draculas Bettenburg vorbeifahre, meldet der öffentlich-rechtliche Rundfunk, dass zu Halloween ein paar Dutzend Amerikaner im „Castel Dracula“ bewirtet worden sind.

Radio România begleitet einen dann weiter, etwa 40 Kilometer sind es noch bis Bistritz, dreieinhalb Stunden bereits vergangen. Der Rundfunk feiert seinen 88. Geburtstag, jede Stunde sendet er alte Tonaufnahmen, sodass mich bei der Fahrt berühmte Stimmen ansprechen: Ionel Brătianu, Nicolae Iorga, Liviu Rebreanu, Tudor Arghezi, aber auch Nicolae Ceauşescu mit seiner Rede vom 21. August 1968 oder Ion Caramitru und Mircea Dinescu, die Revolutionäre von 1989. Dicht aneinander gereiht sind die Borgo-Dörfer bis Bistritz, allzu schnell kann und darf man da nicht fahren. Außerdem ist ja Allerheiligen, zahlreiche Menschen gehen zum Friedhof, riesige Blumensträuße in den Armen. Und dann sind da noch die Pferdewagen, es sind so viele unterwegs, dass man sich fragen muss, ob das Verbot solcher Fuhrwerke auf Europa- und Fernstraßen überhaupt noch gilt. Vor allem, wenn ein Lkw beim Überholen eines Pferdewagens derart nahe an ein anderes, aus der Gegenrichtung fahrendes Fuhrwerk kommt, dass man automatisch auf die Bremse drückt.

Zwischenstopp Bistritz, die alte sächsische Stadt mit der wundervollen evangelischen Pfarrkirche, den relativ gut instandgehaltenen Altstadtgassen, dem Stadtpark und den sanierten Plätzen. Im Keller des 1896 errichteten Gebäudes des Bistritzer Gewerbevereins in der Albert-Berger-Gasse, dem heutigen städtischen Kulturpalais, lässt sich in der „Crama Veche“ gut essen. Traditionell siebenbürgisch. Auf dem Marktplatz verkaufen Szekler leckeren Baumkuchen, auch der Nachtisch bleibt siebenbürgisch. Noch einen Blick auf die Reste der mittelalterlichen Burgmauer und schnell weiter. Zunächst über Mönchsdorf/Herina mit seinem romanischen Kleinod, der 1250 bis 1260 gebauten Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei, einer späteren evangelischen Kirche, auf die heute bloß ein braunes Schild an der Fernstraße hinweist. Die abzweigende Straße ist zwar sehr eng, aber in gutem Zustand. Hinter der Kirche gibt es einen kleinen Parkplatz. Die Mönchsdorfer Kirche ist geschlossen, der Blick über den Obstgarten davor auf das Dorf und die Hügellandschaft des Nösnerlandes lohnt sich aber.

Hinter Mönchsdorf biegt eine Kreisstraße nach Lechnitz/Lechinţa ab, einem Zentrum des von Sachsen bewohnten Nösnerlandes, das Navi empfiehlt diese Strecke. Knapp 100 Kilometer sind es bis Luduş im Kreis Mureş, die Straße führt über kleine, abgelegene Dörfer. Ab und zu rast ein Lkw vorbei, Pferdewagen sind auch hier ein fester Bestandteil der Landschaft. Auf den Friedhöfen brennen die obligatorischen Kerzen zum 1. November. Merk-würdigerweise ist die Kreisstraße 151 in einem guten Zustand. Eine schnelle Suche bei Google klärt auf: Im Jahre 2012 wurde sie saniert, Bistritzer Lokalzeitungen berichten über einen Finanzierungsskandal. Aber diese Kreisstraße kürzt die Reise nach Temeswar um etliche Kilometer und um mindestens eineinhalb Stunden ab. Sonst müsste man über Dej und Thorenburg/Turda nach Karlsburg fahren. In Sărmaşu, einer Kleinstadt im Kreis Mureş, in der Mitte des erdgasreichen Siebenbürgischen Beckens, weht eine Riesenflagge vor dem Rathaus. Überhaupt gibt es viele rumänische Fahnen hier, sie schmücken Kirchtürme, Rathäuser, kleinere Parkanlagen. Hinter Zau de Câmpie fährt die Straße an zahlreichen künstlichen Stauseen vorbei, errichtet entlang des kleinen Flusses Zau. „Întreprinderea piscicolă de stat” ist auf einem verrosteten Gittertor zu lesen, bei Tăureni bietet ein Romajunge frische Karpfen zum Verkauf an.

In Luduş ist die Europastraße 60 erreicht, doch kurz hinter der Kreisgrenze zu Klausenburg führt eine andere Kreisstraße, diesmal in einem schlechten Zustand, nach Unirea, einer Großgemeinde vor Straßburg am Mieresch/Aiud. In der Kleinstadt lässt sich die Ortsmitte sehen, prächtig ist das Rathaus saniert, die reformierte Kirche mit den dicken Burgmauern ebenfalls. Mit der ungarischen Trikolore geschmückte Blumenkränze wurden an einer Mauer niedergelegt, eine Inschrift erinnert an die Revolution von 1848 - 1849. Und das Bethlen-Gábor-Lyzeum erstrahlt in neuem Glanz; das mächtige Schulgebäude blickt auf eine stolze Vergangenheit, die bis ins 17. Jahrhundert reicht. Heuer wurde es mit EU-Geldern einer umfangreichen Sanierung unterzogen.

Von Straßburg am Mieresch nach Mühlbach/Sebeş dauert die Fahrt eine Stunde. Dicht aneinander reihen sich hier zahlreiche Fabriken, die Strecke ist zu einem Industriezentrum geworden. Die Bauarbeiten an der Autobahn zwischen Thorenburg und Mühlbach schreiten voran, doch ein Kellner im „Astoria“-Restaurant der Unternehmensgruppe Florea, kurz vor Karlsburg, verrät: „Auf dem letzten Abschnitt der Strecke, zwischen Karlsburg und Mühlbach, haben diese Italiener noch keinen Quadratmeter Erde ausgehoben, sie haben überhaupt noch keine Genehmigung. Und wir warten alle auf diese verdammte Autobahn.” In der Tat, sie ist dringend notwendig. Der Feierabendverkehr auf den etwa 10 Kilometern zwischen Karlsburg und Mühlbach stockt des öfteren. Es ist bereits dunkel und die A1 bei Mühlbach wirkt wie eine Erlösung. Wie im Nu ist Deva erreicht und von da sind es nur noch 150 Kilometer bis Temeswar. Bei Coşava und bei Margina blockieren die Lkw der italienischen Bauausführer der Autobahnteilstrecke Lugosch - Deva die Nationalstraße. Wieder einmal ist Geduld angesagt, aber nach neun Stunden Fahrt zählt eine zusätzliche Viertelstunde kaum. Kurz nach acht ist der Temeswarer Jagdwald in Sicht. Suceava ist 594 Kilometer entfernt. Nächstes Mal ziehe ich das Fliegen vor.

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