Pferdewagen und Geistesporsche

Mittwoch, 09. Oktober 2013

Unsere Politiker meinen, ihre Meinung sei Öffentliche Meinung. Das sahman beim Hearing, das sie mit den Wortführern der Bukarester „Anti-Roşia-Montană-Protestbewegung“ durchführten. Was über ihre Meinung hinausging oder davon abwich,war Verschwörungstheorie: „Wer bezahlt Sie für ihre Proteste?“ war eine der harmlosen Fragen in diese Richtung.

Die Medien und das Volk leiden unter einer neuen Polarisierung: der Mystifizierung der allgegenwärtigen Illusion von Verschwörungstheorien. Was man als öffentliche Meinung ausgibt ist total konturen- und substanzlos, so dass im Zentrum der Verschwörungstheorien immer die „străinii“ stehen. Gemeint sind mit „străinii“ ausnahmslos alle Ausländer, für die das Rumänische spontan den Begriff für „Fremde“ benutzt, was  eine mentale Grundhaltung zeigt, die schon lange nicht mehr bewusst ist. Allein die Begriffsnutzung offenbart die Polarisierung zwischen „eigen“ und „fremd“, „uns“ und „denen“ (Fingerzeig auf „die“ inbegriffen).

Dieser unterbewusste Bruch zwischen „Wir“ und „Ihr“ zieht sich durch alle Themen des Gegenwartslebens. Immer ist die Wahrheit „meine Wahrheit“, vielleicht und ausnahmsweise auch „die Wahrheit der Anderen“ – die „wir“ nie akzeptieren (können). Grundsätzlich sind immer „die anderen“ diejenigen, die falsch liegen, die sich getäuscht haben, die allein schon, weil sie „die anderen“ sind, nicht Recht haben können, weil sie zu dumm, zu feige, zu voller Geheimnisse sind – einfach die Verschwörer, die „uns“ Böses antun wollen. Man höre sich mal Texte der „manele“, der „neuen Volkskultur“, an: nirgends gibt es so viele Feinde (auch in der oder „meiner“ Liebe), wie man mit „manele“ vorgesetzt bekommt!

Mit der Vergangenheit ist es einfacher: die manipuliert man, indem man die Historiker vorschiebt. „Unsere Historiker“. Und die Zukunft interessiert niemand. Denn warum Pläne ausarbeiten, wenn eine Legislaturperiode eh nur vier Jahre dauert und danach sowieso alles umgeworfen und neugemacht wird!? Von den „anderen“.

Der Bruch zwischen „uns“ und „denen“ erklärt teilweise auch das Schwinden des Interesses an Wahteilnahme und die Eintönigkeit der Farbe der sich (wie bei einem Pakt) abwechselnden rumänischen Führungsschichten („der politischen Klasse“, wie man sich gerne nennen hört).

Genau betrachtet, tanzt im Parlament Rumäniens nur der grüne Remus Cernea aus der Reihe – weil er in Auftreten und öffentlichen Stellungnahmen allzu oft zu „denen“ gehört. Sind „die“ an der Macht, nutzen „wir“ die vier Jahre bis zur nächsten Wahl, um „ihre“ verborgenen Beweggründe ans Tageslicht zu zerren, alles, was im Zusammenhang mit „ihnen“ im Dunkeln liegt. Sind „wir“ an der Macht, tun „die anderen“ das Gleiche.

Vernunft, Objektivität, Gesprächskultur, zivilisierter Umgang miteinander, Logik – alles Opfer von Emotionalität, Folklore, Aberglaube, vormittelalterlicher Mystik, moralischer Besudelung. Der geistige Fortschritt zuckelt in Rumänien im Pferdewagen hinter dem porschefahrenden geistigen Europa her.

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