„Pflegefall“ zwischen Eros und Thanatos

Das DUO BASTET mit der Premiere seines neuesten Stücks in Kronstadt

Freitag, 25. April 2014

Am ersten Aprilwochenende fand in Kronstadt ein wissenschaftlicher Kongress statt, der von der Germanistikabteilung der Kronstädter Transilvania Universität veranstaltet wurde und an dem zahlreiche germanistische Sprach-, Literatur- und Übersetzungswissenschaftler aus mehreren Ländern mit einem breiten Spektrum von Vorträgen teilnahmen. Das Thema des Kongresses lautete: „Einmal von Eros zu Thanatos und zurück, bitte!“, und alle Kongressteilnehmer begaben sich in ihren Vorträgen und Diskussionen auf Spurensuche nach dem solchermaßen umschriebenen Zusammenhang von Liebe und Tod in der deutschen Kultur, Sprache und Literatur.

Ein besonderer künstlerischer Höhepunkt des Kongresses war die Uraufführung des Zweipersonenstücks „Pflegefall“, das aus der Feder der beiden Kronstädter Germanisten Carmen Elisabeth Puchianu und Robert Gabriel Elekes stammt und das von ihnen beiden, die gemeinsam seit 2008 als deutschsprachiges Theaterensemble DUO BASTET schauspielerisch auftreten, am Abend des 4. April im Kronstädter Studentenkomplex „Memo“ vor einer zahlreich erschienenen Zuhörerschaft, nicht nur vor Kongressteilnehmern, sondern auch vor einem jüngeren, studentischen Publikum, mit großem Erfolg aufgeführt wurde.

Erfrischend und für manchen Zuschauer gewiss auch gewöhnungsbedürftig an dem exzellent komponierten Text des deutschsprachigen Stückes war, dass er unkonventionell, ja antikonventionell, also gerade nicht politisch korrekt daherkam, sondern die oftmals verschwiegenen oder heuchlerisch umschriebenen Dinge im Zusammenhang mit der Pflege alter Menschen beim Namen nannte und sie mit entwaffnender Deutlichkeit aussprach.

Eros und Thanatos, Liebe und Tod, sind die beiden Pole, um die das Drama jener älteren Schriftstellerin kreist, die, durch einen Schlaganfall zu einem Pflegefall geworden, die letzte Nacht in ihrem eigenen Haus in Kronstadt verbringt, bevor sie in ein Pflegeheim eingewiesen oder, wie sie selbst undeutlich artikulierend hervorstammelt, „abgeschoben“ wird.

Der Sohn der Schriftstellerin, der seiner Mutter jenen teuren Platz im besten Pflegeheim der Stadt verschafft hat, wird nun selbst in das Elternhaus einziehen, aus dem er die Spuren des Lebens seiner Mutter schon beinahe gänzlich getilgt hat. In großen Umzugskartons, die auf der Bühne gruppiert sind, befinden sich, zum Abtransport bereit, Wäsche und Kleider, aber auch die literarischen Werke der Mutter in Buch- und Manuskriptform, Tagebuchaufzeichnungen, Gedichte, Romane, Erinnerungen, ihr Nachlass zu Lebzeiten.

Mit- und Gegenspieler der Protagonistin ist aber nicht ihr Sohn, sondern ein Pfleger, der sich schon seit Längerem um die hilflose, kaum des Sprechens fähige, betreuungsbedürftige alte Dame kümmert und der durch ihre Einweisung in ein Pflegeheim nun diesen seinen lukrativen Job verliert. Einen ersten Schock erlebt man als Zuschauer, wenn die halbseitig gelähmte Schriftstellerin von ihrem Betreuer auf die Bühne geführt, besser gesagt: gezogen, gezerrt und geschleppt wird, wie eine Gliederpuppe, deren Arme und Beine unnatürlich auseinanderstreben und kaum zu bändigen sind.

Der Betreuer entkleidet dann seinen ‚Pflegefall’ und macht ihn bettfertig, enthüllt gleichzeitig aber auch in flapsig-salopper Diktion die Situation der Schriftstellerin zwischen Eros und Thanatos, nicht ohne sich dabei über ihre Werke, indem er aus ihnen vorliest, lustig zu machen, während die im Bett Liegende jenen liebevollen Verhöhnungen lauscht und dabei einzelne Wortreste undeutlich wiederholt und nachstammelt. Zur Feier der letzten Nacht im eigenen Hause drückt ihr der Pfleger mit grober Herzlichkeit eine Bierbüchse in die linke Hand und eine Zigarette in den rechten Mundwinkel.

Während man sich als Zuschauer noch Gedanken macht, wie der ‚Dialog’ dieses ungleichen Paares weitergehen soll, wechselt plötzlich das dramatische Register. Mit dem Erklingen abgehackter, stockender, diskontinuierlicher musikalischer Sequenzen – ein barockes Pendant dazu wäre etwa die berühmte Frost-Arie aus Purcells Oper „King Arthur“ – fährt plötzlich Leben in die gelähmten Glieder der Bettlägerigen und in einem grandiosen Tanz voller Zuckungen und Konvulsionen erhebt sie sich und gewinnt nach und nach ihre frühere Existenz, die Wärme, die Liebe, ihre Jugend wieder.

Nun ist es der Pfleger, der mit einem Male völlig abwesend wirkt und, gänzlich in ein Buch vertieft, gleichsam aus dem Bühnengeschehen heraustritt. Jetzt wird er zur Puppe, die, von der Schriftstellerin als „mein Mädchen“ apostrophiert, geschminkt und eingekleidet wird, und lässt all dies willig mit sich geschehen. Gleichsam unbeteiligt wird er zum Zeugen grandioser Monologe der Schriftstellerin, die mit viel Wortwitz, sprühender Formulierungskunst und unverblümter Offenheit über ihr Dasein und auch über ihr Liebesleben berichtet. Wie „die vielen Lacis, die vielen Hänse und die vielen Nicus“ ihr erotisch nachgestellt haben und wie sie als „Erotomanin“ doch bei keinem von diesen zu bleiben vermochte! Wie sie sich erotisch „aufgetischt, aufgebettet, verausgabt“ hat und dann doch zu der Erkenntnis kommen musste: „Der Sex im Kopf ist der beste!“
Ein Mädchenhüpfspiel aus Kinderzeiten, ein Tanz mit dem Spiegel, ein Tango mit Krückstock ergänzen choreografisch den zwischen Tragik und Komik changierenden Monolog der Protagonistin.

Und dann erwacht auch der Pfleger aus seiner Versunkenheit wieder zu theatralischem Leben und legt nun gemeinsam mit seinem Pflegefall, zur Musik von Dmitri Schostakowitsch und Michael Nyman oder zu flotten Rhythmen aus Bollywood-Filmen, wunderbare Tänze voller Ausgelassenheit, Humor und Lebensfreude auf das Parkett der Theaterbühne.

Doch das Unausweichliche des Schicksals stellt am Ende den Anfangszustand wieder her. Die Schriftstellerin liegt wieder gelähmt im Bett und der Pfleger reißt wieder seine Witze über die alte Dame, die er insgeheim doch ins Herz geschlossen hat. Beim Versuch, die Gehbehinderte über die Bühne zu geleiten, stürzen beide, der Pflegefall fällt über den Pfleger und kommt auf ihm zu liegen. Mit der morbiden Frage des Pflegers, ob er, begraben unter diesem leblos auf ihm lastenden Körper, nun selber sterben müsse, geht das Stück zu Ende, und der Beifall setzte in Kronstadt gerade rechtzeitig ein, um das Gelächter über den humorigen Schluss nicht in ein Schweigen des Grauens über die hoffnungslose Situation der gelähmten Schriftstellerin umschlagen zu lassen.

Ein witzig-ernstes Stück, mit viel trauriger Heiterkeit und gespannter Gelöstheit, ein textgetreu extemporiertes Sprachkunstwerk voller absurd-realistischer Ideen, mit einem Wort: ein empfehlenswertes Stück, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Weitere Aufführungen von „Pflegefall“ sind in der zweiten Jahreshälfte in Hermannstadt, Temeswar und Bukarest geplant.

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