„Pflüget ein Neues“

Evangelische Pfadfinder aus Deutschland auf Erkundungsfahrt in Siebenbürgen

Samstag, 09. November 2013

Gruppenfoto der VCP-Mitglieder in Wolkendorf

Eines der ältesten siebenbürgisch-sächsischen Baudenkmäler, die Basilika in Michelsberg, fehlte nicht im Reiseprogramm der deutschen Pfadfinder.
Fotos: Ingrid Groth

Wie ist das Leben der in ihrer Heimat verbliebenen Siebenbürger Sachsen als kleine Minderheit in einer multi-ethnischen Gesellschaft? Wie sind Situation und Zukunft der Evangelischen Kirche? Was geschieht mit den Kirchenburgen und dem gesamten historischen Erbe? Können Pfadfindergruppen aus Deutschland gemeinsam mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen in Siebenbürgen etwas unternehmen?

Das waren einige der Fragen die neun Mitglieder vom Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) aus Deutschland in diesem Sommer dazu bewegten, einen zweiwöchigen Aufenthalt in Rumänien zu planen.  Auf ihrer Reise, die in der evangelischen Diaspora-Gemeinde Semlak bei Arad begann, besuchte die deutsche Gruppe vor allem die Kreise Hermannstadt und Kronstadt und übernachtete in kirchlichen Gästehäusern. Aus einem ausführlichen Reiseberichtm den Rolf Baiker der KR zur Verfügung stellte und von dem wir einen Auszug veröffentlichen, ist ersichtlich, wie umfassend und gründlich vorbereitet diese Informationsreise war.

Es kam zu Begegnungen und Gesprächen mit Kuratorinnen und Kuratoren aus Michelsberg (Michael Henning), Alzen (Rosemarie Müller), Eibesdorf (Regina Wagner), Bonnesdorf (Regina Weber), Reichesdorf (Johannes Schaas) und aus anderen Ortschaften. Über die deutsche Minderheit in Rumänien, ihre Geschichte und ihre Lage heute, sprachen die deutschen  Gäste mit Prof. Dr. Paul Philippi, Ehrenvorsitzender des Landesforums in Hermannstadt, mit Wolfgang Wittstock, Vorsitzender des Kronstädter Kreisforums, mit Journalisten der deutschsprachigen Presse in den beiden Städten. Von Interesse für die Pfadfindergruppe war auch die Art und Weise wie die Jugend, die zum größten Teil nicht mehr aus deutschen Familien stammt, an Veranstaltungen der evangelischen Kirche und des Forums herangezogen wird oder wie der deutschsprachige Schulunterricht hierzulande gestaltet wird.

Die Zukunft des stolzen geschichtlichen und kulturellen Erbes der Siebenbürger Sachsen z.B. die Bemühungen um den Erhalt der Kirchenburgen aber auch die beispielhafte Arbeit des Mihai-Eminescu-Trust und deren Rumänien-Vertreterin, Caroline Fernolend, in Deutsch-Weißkirch mit Einbeziehung der Mitbewohner aus den Reihen der Roma – auch das waren Themen, die die Gäste aus Deutschland aus erster Hand dokumentieren wollten. (RS)



Junge evangelische Pfarrer gehen neue Wege

Wir erleben auf unserer Fahrt die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien als eine zahlenmäßig kleine Gemeinschaft, die – obwohl schon bisweilen totgesagt – mit großer Zuversicht Kirchen und Orgeln einweiht, würdige Feste veranstaltet und auf sozialem und kulturellem Gebiet weit in die Gesellschaft hineinwirkt.

Den Abschluss unserer Reise verbringen wir im Burzenland im umgebauten Pfarrhaus der Gemeinde Wolkendorf/Vulcan bei Pfarrer Uwe Seidner. Dort erleben wir einen Pfarrer, der mit seinen Gästen aus Deutschland ins Gebirge auf den Kleinen Königstein wandert, unterwegs Pilze sammelt und diese dann abends im Hirtenkessel zur schmackhaften Suppe kocht, wobei die bayerischen Semmelknödel die Gäste beisteuern. Gleichzeitig organisiert der Pfarrer wichtige Aufgaben in der Gemeinde und ist überall anwesend, wo er gebraucht wird. Wo gibt es das sonst? Oder: Junge Erwachsene aus der Gemeinde fahren mit ihrem Pfarrer ins Donezk-Becken in die Ukraine und suchen Orte auf, wo ihre Großeltern nach dem Krieg Zwangsarbeit in den Kohlegruben leisten mussten. So können sie sich ein Bild darüber machen, was den Großeltern in den schweren Nachkriegsjahren widerfahren ist. Hinzu kommen Kontakte zu dort heute noch lebenden deutschen und rumänischen Minderheiten. Sponsoren für solche Reisen findet der Pfarrer immer wieder.

Die Abende im Pfarrgarten dauern bis weit in die Nacht mit Gesprächen, Singen, heftigem Diskutieren und vielen Fragen. Am letzten Abend unseres Aufenthaltes feiern wir in der Kirchenburg Wolkendorf einen feierlichen Gottesdienst in der siebenbürgisch-sächsischen Form mit der Vergebungsbitte des Pfarrers vor dem gemeinsamen Abendmahl und dem Segen für unsere Rückreise. Die Glocken der Kirchenburg läuten dazu.

Einige touristische Eindrücke

Bei unserer Erlebnis- und Begegnungsreise kommen die touristischen Höhepunkte Siebenbürgens nicht zu kurz. Wir erleben ein Land zum Entdecken und Erkunden, in dem das Staunen ein ständiger Begleiter ist. Bei der Fahrt über das Land sehen wir Hunderte von weißen Störchen auf Dächern und Wiesen, die eine intakte Natur nachweisen, dazu bewaldete Kuppen, terrassierte Hänge, breite Talauen mit Wiesen und Feldern und das Panorama der Südkarpaten. Auf einer Almweide können wir einem Senner beim Verpacken des Käses in Fichtenrinde zusehen und vom Frischkäse probieren. Wir sehen Pferdefuhrwerke und Gespanne mit Ochsen, mit der Sense mähende Kleinbauern und durch das Dorf zuckelnde Rinder oder Gänse.

Im Gegensatz dazu sehen wir neben Ruinen der Misswirtschaft aus der Ceauşescu-Zeit die neuen Industriegebiete bei Hermannstadt oder Kronstadt mit modernen Niederlassungen vieler deutscher und europäischer Firmen und schließlich am Stadtrand die überall gleichen riesigen Einkaufsmärkte. So sind die Gegensätze: Auf dem Land steht der renovierte und farbenfreudige Hof neben einer verfallenden Bruchbude, die trotzdem bewohnt ist, und in den Städten der triste Plattenbau neben dem schicken Neubau oder dem restaurierten Barockgebäude.

Was steht am Schluss?

„Pflüget ein Neues“ (Hosea 10,12). Wir haben es versucht mit dieser Fahrt ins siebenbürgische Sachsenland. Ja, wir haben etwas gesehen vom „Land des Segens, Land der Fülle und der Kraft“ (Siebenbürgenlied) und auch von der „grünen Wiege einer bunten Völkerschar“. Aber wie sieht es aus mit „der Eintracht Band“, das sich um „alle deine Söhne“ schlingen soll? Werden die unterschiedlichen Volksgruppen in Siebenbürgen und in Rumänien erkennen, dass sie nur gemeinsam stark sind, dass ihnen gemeinsam eine wichtige Rolle in Europa zukommen könnte? Die ethnische und sprachliche Vielfalt der Völker, die Begabungen und Fertigkeiten der Bewohner und die Geschichte des Landes im Karpatenbogen könnten eine Brücke sein zwischen den Völkern des Westens und des Ostens in Europa.

Wir haben Einblicke in Kirche und Gesellschaft, in Kultur und Wirtschaft erhalten, wir haben von den Freuden und von den Nöten der Menschen erfahren. Das Land im Karpatenbogen mit seinen Kirchenburgen und dem einfachen Leben auf den Dörfern hat uns sehr beeindruckt. Für die große Gastfreundschaft sind wir allen von ganzem Herzen dankbar.

Mit vielen neuen Erfahrungen kehren wir zurück nach Deutschland. Wir werden auch in unserem Pfadfinderbund über die Reise berichten. Vielleicht können dadurch andere Gruppen – jüngere Pfadfinder, Jugendliche, junge Erwachsene – motiviert werden, das Siebenbürger Sachsenland und die Südkarpaten zu besuchen.

Was wird sonst aus all diesen Eindrücken werden, welche Früchte werden wachsen, nachdem der Pflug den Boden bearbeitet hat? Wird der Same aufgehen, wird Neues entstehen oder deckt der Alltag die gepflügte Furche nach einiger Zeit wieder zu?

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