Plattform für Völkerverständigung mit Bildungsauftrag

ADZ-Gespräch mit Karl Rosner, Geschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks DJH, Landesverband Baden-Württemberg, und Volker Reiter, Vorstand des Jugendherbergsverbands in Rumänien, über den Aufbau eines Jugendherbergsnetzes in Rumänien

Mittwoch, 05. September 2018

Volker Reiter, Vorstand des Jugendherbergsverbands in Rumänien

Karl Rosner, Geschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks DJH
George Dumitriu

Jugendherbergen sind nicht einfach nur billige Unterkünfte. Hinter der Idee, die von Deutschland ausgeht und der Wandervogelbewegung von 1896 entspringt, steckt eine klare Philosophie: Jugendherbergen sind Plattformen für internationale Kontakte, haben einen Bildungsauftrag und basieren auf Volontariat. Heute gibt es ein weltweites Netzwerk, das im Dachverband Hostelling International (HI) organisiert ist. Zweck des Vereins ist die Förderung von Jugendhilfe, Völkerverständigung, Umwelt- und Landschaftsschutz. In Deutschland gibt es das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) mit 14 Landesverbänden. Karl Rosner fungiert als Geschäftsführer des Verbandes Baden-Württemberg mit 47 Jugendherbergen. 2004 lernte er Volker Reiter kennen, der in Schäßburg/Sighi{oara die Jugendherberge Burghostel und das Interethnische Jugendbildungszentrum (IBZ) betreibt und außerdem das ProEtnica Festival organisiert. Ihre Pläne zum Aufbau eines Jugendherbergsverbandes in Rumänien erläutern sie im Gespräch mit Nina May.

Herr Reiter, wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, eine Jugendherberge zu gründen?

Ich kam 2001 als Kulturassistent des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart (ifa) nach Schäßburg. Die beiden Gebäude des heutigen Burghostels, die der evangelischen und der katholischen Kirche gehören, standen damals fast leer. Als der Stabilitätspakt für Südosteuropa ins Leben gerufen wurde, habe ich bei der ifa - die damals nach aus Mitteln des Auswärtigen Amtes zu finanzierenden Projekten gesucht hat - angefragt, ob ich auch einen Antrag einreichen könne. Dieser wurde dann mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Bukarest genehmigt. Das Burghostel, 2001 gegründet, ist die älteste private Jugendherberge Rumäniens. Heute ist sie ein wichtiges Standbein für uns, um die Finanzierung des Vereins IBZ zu generieren. Außerdem ist sie Sitz des Jugendherbergsverbands, dem ich in Rumänien vorstehe. Nicht zuletzt: Ohne sie würde es ProEtnica nicht geben!

Herr Rosner, was bewegte Sie zu dieser Zusammenarbeit?

Ich bin seit 2003 Geschäftsführer des Baden-Württemberger Landesverbands. Damals war der alte Verband Youth Hostel Romania im Werden. Doch dem alten Verband fehlte die strukturelle Power, die jetzt beim neuen existiert, und so lief das allmählich aus. Als ich dann Volker Reiter kennengelernt habe, haben wir  – dazu gehört auch unser Hauptgeschäftsführer, Bernd Dohn, der ein noch größerer Rumänien-Fan ist als ich – gesagt, wir müssen eine neue Struktur schaffen, die der Idee der Jugendherbergen, Fortbildung und Begegnung stärkere Schwerpunkte setzt. Mit den ideellen Werten, Internationalität und Abbau von Vorurteilen sind wir, glaube ich, auf dem richtigen Weg.

Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?

Rosner: Zum einen spenden wir Möbel – keinen Schrott, sondern gute, brauchbare Sachen, die bei uns aus nicht mehr rentablen Jugendherbergen ausgemustert werden. Herr Reiter gibt sie dann kostenlos oder für einen kleinen Betrag an seine Häuser weiter, um mit dem Erlös den Verband zu organisieren. Zum anderen gibt es die ideelle Komponente, dafür bin ich jetzt hier: Derzeit sind wir dabei, ein Projekt zu erarbeiten, um Qualitätsschulung für die rumänischen Freunde zu machen. Wir laden im November Betreiber von rumänischen und deutschen Jugendherbergen nach Stuttgart oder Rottweil ein, um den Rumänen zu zeigen, wie wir das machen - ohne oberlehrerhaft aufzutreten. Wie sie das dann umsetzen, muss der Verband in Rumänien entscheiden. Im Februar kommt dann der Weltverband ins Spiel: Die schicken jemanden nach Rumänien, der im Qualitätsmanagement kompetent ist – Küche, Service, Marketing und so.

Wir haben auch Praktika organisiert, zum Beispiel für den Mitarbeiter von Volker Reiter. Der war in Stuttgart, kommt demnächst wieder, will arbeiten, Geld verdienen. Wir haben diese Stellen. Ich biete jedes Mal an, wenn ich herkomme, jemanden zu vermitteln. Rumänen sind bei uns sehr fleißig und zuverlässig, wir haben gute Erfahrungen gemacht und das kommuniziere ich auch weiter.

Wie weit ist die Infrastruktur des Verbands in Rumänien bisher gediehen?

Reiter: Den Verein Romanian Hostelling gibt es seit 2012, wir sind inzwischen assoziiertes Mitglied im internationalen Jugendherbergsverband. Wir wollen probieren, eine geeignete Infrastruktur für Jugendtourismus in Rumänien aufzubauen. Einige Partnerhäuser haben wir schon: Seligstadt, wo die wunderbaren Ferienlager stattfinden, Bekokten, dann eins in der Nähe von Bran und eins in der Nähe vom Königstein. Wir suchen weiterhin nach Partnerhäusern und wollen hierzu auch mit den zuständigen Ministerien Kontakt aufnehmen.

Welche Anforderungen werden an Partnerhäuser gestellt?

Reiter: Häuser, die Mitglied im Verband werden wollen, müssen eine geeignete Infrastruktur für Bildungsprojekte haben – Gemeinschaftsräume, Seminarräume, Möglichkeiten zur Verpflegung.

Rosner: Das ist wie Franchising: Partnerhäuser tragen unseren Namen und arbeiten nach unseren Grundsätzen, aber wir haben nichts zu melden. In Deutschland haben wir keine Partnerhäuser mehr, weil sie vom Standard her nicht so gut waren. Wir haben reine Regiehäuser mit Direktzugriff, für die wir verantwortlich sind. Aber in Rumänien ist das schwieriger: Da gibt es staatliche Jugendheime mit staatlichem Bildungsauftrag. Diese als Partnerhäuser aufzubauen und zu nutzen, ohne dass sich die Identität der Jugendherberge verliert, ist nun die Herausforderung. Unser Traum wäre eigentlich, eine eigene Jugendherberge des Verbands zu gründen, vorzugsweise in einer Stadt, damit der Verband die Innovations- und Finanzkraft hat, sich weiterzubringen.

Erfüllt nicht das Burghostel diese Funktion?

Rosner: Das ist die private Jugendherberge von Herrn Reiter, die gehört nicht dem Verband. Aber in Hermannstadt/Sibiu gab es mal den Versuch, ein 1,464 Millionen-Euro-Projekt mit ca. 80 Betten durchzuführen. Die Stadt hätte mitgemacht – doch es fehlte der große Block Spenden, das wurde nicht gewuppt. Das war dann auch der Abgang des alten Vereins, denn da wurden Erwartungen geschaffen in der Politik und das ist dann baden gegangen. Mein Traum ist immer noch, in Hermannstadt eine Jugendherberge des Vereins einzurichten – im Theresianum, das wäre wunderbar geeignet! Sie müssen heute den großen Wurf bringen – in Sibiu, Brașov oder Temeswar muss man anfangen.

Reiter: Oder in Bukarest, da gibt es kein einziges vernünftiges Tagungszentrum.

Warum sollte eine Stadt an so einem Projekt interessiert sein?

Reiter: Weil Jugendherbergen für Städte eine ganz wichtige Investition sind. Lokalpolitiker verstehen das meist nicht.
Rosner: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass der Gast im Schnitt ca. 80 Euro zurücklässt - in der Jugendherberge, aber auch indirekt durch Zufahrt, Einkauf, etc. Dann kommen Handwerker und Dienstleistungen für die Jugendherberge hinzu. Das ist  auch für die Stadt Wertschöpfung.

Reiter: In Deutschland kann der Verband gut überleben, denn es gibt eine gute Kooperation mit den Behörden, die ungenutzte Gebäude zur Verfügung stellen, oder öffentlich-private Partnerschaften.

Wie groß sind Jugendherbergen in Deutschland im Schnitt und was kostet die Übernachtung?

Rosner: Unsere neue Jugendherberge in Heilbronn hat 180 Betten, ansonsten liegt der Schnitt zwischen 60 und 120. Die Übernachtung mit Frühstück kostet um die 20 Euro. Für Erwachsene mehr, denn für die müssen wir Steuern zahlen. Ansonsten sind wir wegen des Bildungsauftrags davon befreit. Was die Juristen des Gaststellenverbandes, der uns als Konkurrenz sieht, stark beäugen! Wir bekommen auch vom Land Subventionen, und das ist rechtens, denn wir haben einen Gemeinwohlauftrag. Den haben wir der Gesellschaft auch in der Flüchtlingskrise 2015/16 demonstriert, als wir fast 600 Flüchtlinge in unsere Häuser aufgenommen haben. Das hätte die Hotellerie nicht gemacht.

Es gibt übrigens von der Wirtschaftsuniversität Sankt Gallen (Schweiz) eine Untersuchung, welche Einrichtungen für das Gemeinwohl in Deutschland den höchsten Rang einnehmen. Die Feuerwehr liegt auf Platz 1, der Jugendherbergsverband auf Platz 8, also sehr weit vorne. Wir genießen eine hohe Anerkennung in Deutschland. Dies in Rumänien zu vermitteln, ist eine unserer Aufgaben.

Reiter: Aber das dauert, sagen wir, bestimmt zehn Jahre, bis wir so mit Behörden zusammenarbeiten. Bei ProEtnica haben wir es geschafft, nun probieren wir es wieder.

Wie kann man sich den Bildungsauftrag vorstellen?

Rosner: Wir haben verschiedene Profile, zu denen wir Programme anbieten: Umwelt und Naturerlebnis, Bildung und Kultur, Gesundheit und Umweltschutz. Es gibt deutschlandweite Kataloge, aber die Regionalverbände haben auch eigene Angebote. Wir schreiben das aus, versuchen, das zentral zu vermarkten. Zielgruppe sind Jugendliche, Schulklassen, auch Familien sind uns willkommen. Und wenn Firmen ausbilden, ist das auch gut abgedeckt, weil unsere Satzung Bildung und Fortbildung umfasst. Das ist der Unterschied zwischen Jugendherberge und Hostel. Ansonsten bieten beide günstige Übernachtungen und Räume für die Begegnung, im Gegensatz zum anonymen Hotel.

Reiter: Hostels sind für Rucksackreisende, die mit anderen sozialisieren wollen. Das steht aber manchmal im Gegensatz zu Jugendgruppen, die Bildungsprojekte machen. Eigentlich geht das fast gar nicht zusammen.

Und was haben Sie in Rumänien in Richtung Bildung geplant?

Reiter: Wir wollen hier nicht unbedingt als Verband Bildungsprojekte durchführen, sondern die Infrastruktur dafür anbieten. Eine Kategorie von Mitgliedern wären Anbieter von Ferienlagern, die sie dann über uns bekannt machen können. Es gibt in Rumänien eine staatliche Infrastruktur, die heißt „tabere“ (Ferienlager) und ist beim Jugendministerium angesiedelt. Es sind aber eigentlich Jugendherbergen, vergleichbar mit den Pionierheimen der ehemaligen DDR. Sie werden von den Kreisdirektionen für Jugend und Sport verwaltet, manche wurden auch den Lokalbehörden zurückgegeben. Da ist vieles im Umbruch, es wechseln auch dauernd die Minister, man würde sich ein wenig mehr Kontinuität wünschen. Wir wollen uns auch an das Bildungsministerium wenden und an das Ministerium für Jugend und Sport, um mit denen in Sachen Schulausflüge zusammenzuarbeiten. Unsere Strategie ist, ein Netzwerk für geeignete Häusern aufzubauen und dann mit den Ministerien zu kooperieren.

Meinen Sie, dass dafür Offenheit besteht? Würde Ihr Verein nicht als Konkurrenz empfunden?

Reiter: Nein, man findet diese „tabere“ ja kaum, sie werden kaum vermarktet.

Rosner: Das zentrale Problem in Rumänien ist die Qualitätsentwicklung. Das andere ist Marketing, Kommunikation, Vertrieb. Deshalb hoffen wir, dass bei dieser Fortbildungsreise  im November auch jemand von den Ministerien mitkommt, um zu sehen, wie das ist in Deutschland, was man machen kann. Entscheidender Punkt aber wird sein: Womit locke ich Jugendliche nach Rumänien?

Und womit könnte man sie locken?

Rosner:  Durch gute Qualität der Übernachtung, Freundlichkeit, Lächeln – Willkommen heißen, das ist ganz wichtig. Auch das Essen muss stimmen. Die Landschaft in Rumänien ist unbezahlbar!

Ich würde Jugendlichen erst mal Einblicke in Siebenbürgen geben: Städte wie Schäßburg, Hermannstadt, Dörfer wie  Viscri. Dann muss man den alpinen Fun-Pass, den Transfogarasch, einmal gefahren sein. Auch die „Dracula Burg“ (Törzburg/Bran) muss man einmal gesehen haben. Dann Bukarest, Cluj-Napoca, Hermannstadt auch wegen dem Nachtleben. In Hermannstadt ist Puls, jedes Wochenende ein Fest, das mögen Jugendliche. Oder Biken in den Karpaten. Rumänien übt so viel Faszination aus! ProEtnica ist natürlich auch so ein Highlight: kulturelle Vielfalt, Konzerte, Zigeunermusik. Ich glaube, dass Jugendliche nicht einfach nur so in der Welt rumeiern wollen. Sondern dass sie wieder nach Werten suchen – und Halt suchen in Werten.

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