„Politische Couleur sollte nur bei den Wahlen wichtig sein“

ADZ-Gespräch mit Ionel Fliundra, Vizebürgermeister der Stadt Weidenbach, über die einst sächsische Gemeinde

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Bereitwillig beantwortete Vizebürgermeister Ionel Fliundra unsere Fragen. Fotos: Dieter Drotleff

Der alte Stadtkern von Weidenbach soll ein mittelalterliches Gepräge annehmen.

Im Jahr 2002 wurde Weidenbach/Ghimbav , dessen erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1342 stammt, zur Stadt erklärt. Bekannt geworden ist die Ortschaft durch die starke wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren, durch den zukünftigen Kronstädter Flughafen, der auf dem Gelände der Ortschaft gebaut werden soll, durch die da befindliche mittelalterliche Basilika und als Ausgangspunkt zum touristischen Umfeld des Burzenlandes. Die Geschicke der Stadt leitet seit einigen Monaten als Vizebürgermeister Ionel Fliundra (PNL), ein waschechter Weidenbacher, mit dem man sich auch Deutsch unterhalten kann. Fliundra wurde Bürgermeister, nachdem gegen seinen Vorgänger gerichtliche Verfahren eingeleitet worden sind und dieser seines Amtes zeitweilig enthoben wurde. Ionel Fliundra (51) hat Wirtschaftswissenschaften studiert, ist Masterand, verheiratet, hat eine Tochter und eine Enkeltochter. Seit Jahren ist er im Gemeinderat, von 2012 – 2016 war er Mitglied des Kreisrates. Fliundra stellte sich bereitwillig den Fragen des Journalisten Dieter Drotleff über das heutige Weidenbach.


Weidenbach wurde in seiner Jahrhunderte alten Geschichte von Türkeneinfällen (1422, 1658) verheert, von Feuerkatastrophen (1469, 1586) heimgesucht, von Gabriel Bathory 1611 überfallen. Die Bewohner haben alle diese Ereignisse durch Fleiß und Mut immer wieder überwunden. Ende des 19. Jahrhunderts zählte die Gemeinde rund 1500 Einwohner, davon 950 Sachsen (gegenwärtig noch etwas über 60). Heute ist es somit ein ganz anderes Verhältnis. Wie würden Sie heute Weidenbach nicht nur dem Ortsfremden vorstellen?

Bezüglich seiner Lage ist Weidenbach eine der bestens situierten Ortschaften im Kronstädter Kreisgebiet. Nur 5 Kilometer von der Stadteinfahrt zu Kronstadt/Brașov gelegen, hatte die Ortschaft auch vor 1989 eine gute wirtschaftliche Entwicklung und ist nachträglich zu einem großen Anziehungspunkt, besonders für ausländische Investoren, geworden. Wir verfügen über einen Industriepark in Richtung Flugplatz, der über 7000 Arbeitsplätze sichert, weitere fast 20 Unternehmen haben ihre Standorte in Richtung Kronstadt.

Was die Bevölkerungsanzahl betrifft, zählte Weidenbach 2011 bei der letzten Volkszählung 6200 Einwohner. Gegenwärtig sind es um 1500 mehr, da viele der da lebenden Personen in den neuen Wohnvierteln ihre Personalausweise noch nicht auf die neuen Anschriften ausstellen ließen. Wir konfrontieren uns mit einer fantastischen Immobilienentwicklung zwischen der Nationalstraße DN1 und der DN 73A. Da wird ein neues Wohnviertel im Umfeld der neuen orthodoxen Kirche gebaut, wo wir auch 160 Grundstücke für junge Leute unter 35 Jahren zur Verfügung gestellt haben. Wir freuen uns, dass so viele Menschen sich für unsere Stadt entschieden haben. Zudem ist ein Neubauviertel von Familienhäusern und Villen an der Straße in Richtung Neustadt/Cristian entstanden. Ich benenne diese Stadtteile Neu- und Alt-Weidenbach. Was den sozialen Stand betrifft, sind wir eine begnadete Ortschaft mit nur geringen Problemen. Mit Hilfe des Ministeriums für Entwicklung und des Gemeinderates wurden zwei Wohnblocks mit 45 Sozialwohnungen gebaut. Bisher sind 39 Familien eingezogen, die die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen.

Leider verfügt die Stadt über kein Krankenhaus. 2016 wurde aber der Bau von fünf ärztlichen Praxen im Hof des Bürgermeisteramtes genehmigt, die wir als Ambulatorium umgestalten wollen, da Weidenbach unbedingt ein medizinisches Zentrum benötigt. Gegenwärtig sind drei Hausärzte für die Bewohner zuständig, was aber unzureichend ist.

In der Ortschaft gibt es eine Gymnasialschule mit den Klassen I - VIII sowie einen Kindergarten. Gibt es an der Schule auch eine deutsche Abteilung?

Leider noch nicht, obwohl es mein persönlicher Wunsch wie auch der des Stadtrates ist, eine solche zu gründen. Bisher haben wir nicht die erforderlichen Lehrkräfte ausfindig machen können. Mit Unterstützung des Kreisschulamtes wollen wir eine Lösung finden. Gegenwärtig sind es mehrere Kinder, die deutsche Kindergärten oder Schulen in Kronstadt, Rosenau/Râșnov oder Zeiden/Codlea besuchen und dorthin pendeln. Genehmigt wurde uns vom Ministerium für regionale Entwicklung das Projekt zum Bau eines Kindergartens, der dringend benötigt wird.

Weidenbach baut auch auf eine reiche Kulturtradition. Erinnert sei nur an die ehemalige sächsische Blaskapelle. Was geschieht mit dem Kulturhaus?

Wir haben ein Kulturhaus, oder besser gesagt wir hatten eines. Im Jahre 1992 wurde dieses einer Firma mit italienischem Kapital vermietet, die dieses zum Handelszentrum umgestaltete. Die Firma gab dann auf, doch können wir das Gebäude wegen den damals für uns ungünstig abgeschlossenen vertraglichen Bestimmungen 25 Jahre nicht benutzen. Meiner Ansicht nach ist dieser Bau von allen Standpunkten her heute nicht mehr zweckentsprechend. Daher haben wir im Stadtrat bestimmt, im Gebiet der neuen orthodoxen Kirche ein Mehrzweck-Kulturzentrum zu errichten. Gegenwärtig wird an der neuen Stadtplanung gearbeitet und wir haben einen Antrag an den Architektenverband für ein Projekt gestellt, um das modernste Kulturzentrum im Kreisgebiet da zu errichten.

Der Saal soll 750 Plätze umfassen und mit mobilen Wänden ausgestattet sein. Das Zentrum wird über einen Ausstellungssaal, ein Planetarium, Konferenzräume verfügen. Auch wollen wir die Tradition der Blasmusik wieder aufnehmen und eine Weidenbacher Kapelle gründen. Diesbezüglich haben wir die Verbindung mit der Weidenbacher Heimatortsgemeinschaft in Deutschland aufgenommen. Wir baten sie, uns mit Instrumenten zu unterstützen, die sie nicht mehr benötigen. Wir wollen erstmal das Interesse von Schülern und Jugendlichen an der Gründung einer Blaskapelle testen.

Welches sind die Kontakte und Bindungen zu den ausgesiedelten und den hiesigen Sachsen?

Gelegentlich treffen wir uns hier bei den Tagen der Stadt Weidenbach oder auch in Deutschland. Die zweimal jährlich erscheinende Publikation der HOG erwarte ich immer mit Interesse. Hier sehe ich ehemalige Freunde wieder und erfahre auch Informationen über die Probleme aus der Heimat.

Mit der hiesigen Gemeinschaft stehen wir mit Pfarrer Uwe Seidner und Kuratorin Anneliese Paiuc in Kontakt. Der Stadtrat hat auch Gelder für die Reparatur der Gotteshäuser, darunter auch der evangelischen Kirche, zur Verfügung gestellt.
Diesbezüglich wurde auch eine Machbarkeitsstudie von Architekt Johannes Bertleff bezüglich der Reparaturen an Kirche und Kirchenburg ausgearbeitet. Um die Kirche zu restaurieren, würde es etwa zwei Millionen Lei benötigen. Diesbezüglich wird auch in Erwägung gezogen, eine europäische Finanzierung zu beantragen, was noch nicht gelungen ist. Dieses Projekt ist leider noch nicht über den technischen Stand gelangt. Wir hatten eine Begegnung mit Vertretern des Kronstädter Evangelischen Kirchenbezirkes, um Wege zu finden, damit wir eine solche Restaurierung einleiten können.

Wir dürfen nicht zulassen, dass ein solches Kulturgut weiteren Schaden erleidet. Wir benötigen nur eine Zustimmung mit vertraglichen Bestimmungen, um die Restaurierung einzuleiten, und warten darauf, dass dieser Vertrag mit dem Kirchenbezirk zustande kommt. Man muss etwas tun, damit dieses einmalige Denkmal die Zeit weiterhin überlebt, als Symbol unserer Ortschaft dient und natürlich auch Touristen und Besucher anlockt. Dabei denke ich auch an die Orgel der Kirche. Leider können wir keine Investition vornehmen, da die Kirche und die Burg nicht Eigentum der Stadt sind, und bis nicht ein Vertrag mit dem rechtmäßigen Eigentümer abgeschlossen wird, können wir auch nicht investieren.

Das Bürgermeisteramt stellt 250.000 Lei für eine Machbarkeitsstudie zur Verfügung, die darauf abzielt, das alte Zentrum zum mittelalterlichen Stadtgebiet zu gestalten. Dadurch soll die Kirchenburg besser zur Geltung kommen. Dabei möchten wir dem ganzen Gebiet das Aussehen eines alten Stadtzentrums, wie beispielsweise in Augsburg geben. Gegenwärtig ist die Kirchenburg nur teilweise und aus gewissen Winkeln zu bewundern. Im Umfeld befindet sich auch das älteste Haus der Ortschaft, in dem Kaiser Franz Joseph übernachtet hat. Gedacht wird an eine Pflasterung der Straßen, Fußgängerzonen, Springbrunnen, Grünflächen usw.

Weidenbach ist nicht nur ein touristischer Anziehungspunkt, sondern auch für Investoren besonders attraktiv. Könnten Sie einige Unternehmen nennen, die ihre Standorte hier angelegt haben?

Ich würde die deutsche Firma „Preh“ nennen, die Autobestandteile herstellt. Dann „Continental“, die ebenfalls in diesem Bereich tätig ist. Weiter sind Unternehmen aus Dänemark da angesiedelt. Ich hatte Gelegenheit, mit dem Generaldirektor von Preh zu sprechen, und habe ihn betreffend eine mögliche Partnerschaft zwischen Weidenbach und ihrem Standort in Deutschland, Bad Neustadt, angesprochen. Ich bin von dieser Ortschaft sehr angetan. Bad Neustadt ist etwas größer als Weidenbach, hat eine besondere Infrastruktur, verfügt über ein Kardiologiezentrum. Wir haben auch einen schriftlichen Antrag an die Stadt gemacht, doch die Antwort war etwas ausweichend. Eine Zusammenarbeit einleiten, das wäre möglich, aber Bad Neustadt hat schon mehrere Partnerschaften. Wir wollten dadurch auch auf die hiesigen sächsischen Traditionen von Weidenbach aufmerksam machen. Weidenbach hat bisher noch keine Partnerschaft mit einer Ortschaft in Deutschland oder in einem anderen Land abschließen können.

Wie steht es um den Kronstädter Flughafen, ein langersehntes Projekt der Kreis- und Lokalbehörden, der Bewohner aus dem Umfeld?

Sowohl die Stadt als auch deren Bewohner haben das Projekt unterstützt. Dafür haben wir 270 Hektar Fläche unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Wir hoffen, dass der Kronstädter Kreisrat, das Bürgermeisteramt der Stadt unter der Zinne, die Nachbarkreise, die das Projekt unterstützen und finanzieren, dieses nun endlich zum Abschluss bringen. Die 2950 Meter lange und 45 Meter breite Flugpiste steht bereit. Die Arbeiten wurden wieder aufgenommen und wenn keine unvorhergesehenen Hürden auftauchen, könnte der Flughafen bis 2021 den Betrieb aufnehmen.

Wie ist die Zusammenarbeit im Stadtrat, nachdem der gewählte Bürgermeister seit Monaten sein Amt nicht wahrnehmen kann?

Der Stadtrat ist ziemlich bunt. Darin haben wir je fünf Vertreter der Liberalen, der PSD, je zwei von den Ökologen und den Grünen, und einen Unabhängigen. Ich bin Vizebürgermeister, der seit fünf Monaten mit den Aufgaben des gewählten Bürgermeisters beauftragt ist. Alle Mitglieder des Stadtrates wollen, dass die Dinge ins richtige Lot kommen und die Ortschaft sich weiterentwickelt. Die Mittel dazu haben wir.

Ich glaube, die politische Couleur ist nur bei den Wahlen wichtig. Nachträglich muss man in der Praxis die Programme umsetzen, wofür die Wähler gestimmt haben. Weidenbach ist eine Stadt mit einem guten Haushalt und auch mit einem Überschuss, der für unsere Projekte dienlich ist.

Auch im Namen unserer Leser danken wir Ihnen für diese Ausführungen!




Kommentare zu diesem Artikel

Joachim, 11.10 2018, 11:15
Dieser Flughafen gibt ein Millionengrab, denn er kommt zu spät. Es sind ausreichend Flugplätze in der näheren Umgebung vorhanden. Ich bin nicht gegen Flughäfen, aber sie müssen Wirtschaftlich und ohne Subventionen betrieben werden können. Auch der Fluglärm und die Abgase werden die Touristen nicht begeistern. Und wer will schon in einem Ort wohnen wollen, wo man vor Fluglärm nicht schlafen kann.

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