Polizeiliche Vernehmung

Samstag, 17. März 2012

Bild: sxc.hu

Seit dem Turmbau zu Babel herrscht weltweit babylonische Sprachverwirrung. Verschiedene Völker verstehen einander oft nicht, und dann reden sie mit Händen und Füßen oder sie brauchen einen Dolmetscher.
Ich bin Dolmetscher und kürzlich dolmetschte ich bei einer Polizeivernehmung. Ein junger Mann aus Rumänien hatte ein Paar Marken-Tennisschuhe in einem Kaufhaus anprobiert und sie derart prima gefunden, dass er sie gleich angelassen hat und damit das Weite suchen wollte, ohne dafür zu bezahlen. An der Ausgangstür ertönte jedoch das Alarmsignal und der ihm auf den Fuß folgende Kaufhausdetektiv setzte seinem Unterfangen ein jähes Ende. Er brachte ihn in sein Büro, holte die Polizei und nun saß der Mann auf einem Stuhl in einem Büro des Polizeipräsidiums vor mir und sollte von zwei jungen Kommissarinnen vernommen werden. Die eine führte die Befragung durch und tippte das Protokoll in den PC, die andere hörte aufmerksam zu. Der Mann war Mitte zwanzig, hatte schwarze Augen, kurzes, dunkles Haar, trug ein T-Shirt, das irgendwann mal hell gewesen sein musste, und machte einen ziemlich verdutzten Eindruck.

„Wie heißen Sie?“, fragte die Kommissarin.
„Cum vă cheamă?“, dolmetschte ich.
„Pe mine?“, fragte der Mann.
„Dar pe cine?“, sagte ich.
„Was hat er gesagt?“, fragte die Kommissarin.
„Er hat gefragt, ob ich ihn meinte, als ich ihn fragte, wie er hieß. Und ich habe ja gesagt..“
„Ion Gheorghe“, sagte der Mann.
„Ion Gheorghe“, sagte ich. „Das ist sein Name.“
„Wie es hier im Ausweis steht?“, fragte die Kommissarin und streckte ihm den Ausweis entgegen. Ich dolmetschte. Der Mann beugte sich über den Tisch und nahm seinen Ausweis aufmerksam unter die Lupe.
„Da“, antwortete er nach einer Weile.
„Ja“, dolmetschte ich.
„Wohnsitz in Rumänien? Wie es hier im Ausweis steht?“
Der Mann begann erneut den Ausweis zu studieren.
„Da“, sagte er. „Brăila, strada Luminii, nr. 8.“
„Ja“, dolmetschte ich. „Brăila, Luminii-Straße 8.“
Die Kommissarin tippte.
„Domnu’ şef, când îmi dă drumul?“, fragte er. 
Ich dolmetschte: „Chef, wann darf ich wieder gehen?“
„Das wissen wir noch nicht“, sagte die Kommissarin. „Was haben Sie für einen Beruf?“
„Wie Beruf?“, fragte Ion Gheorghe überrascht.
„Ja. Was Sie für einen Beruf haben“, wiederholte ich auf Rumänisch.
Der Mann sah mich unschlüssig an.
„Sunt Ţigan, domnu’ şef! “, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Ich bin Zigeuner, Chef!“
„Okay, aber das ist kein Beruf“, sagte ich und musste kurz lachen.
„Was hat er gesagt?“, fragte die Kommissarin.
„Er hat gesagt, er sei Zigeuner.“
Die Kommissarin sah mich verständnislos an. Was gibt’s denn da zu lachen?, fragten mich ihre Augen.
„Also, Beruf!“, sagte ich zu Ion Gheorghe.
„Was soll ich denn darauf antworten?“, fragte mich Ion Gheorghe.
„Tja... Denken Sie mal gut nach! Womit beschäftigen Sie sich?“
„Cumpăr lucruri şi pe urmă le vând. Dar nu prea câştig nimic“, sagte Ion Gheorghe.
„Ich kaufe allerhand Dinge, und dann verkaufe ich sie wieder. Aber damit verdiene ich so gut wie gar nichts“, dolmetschte ich.
Die Kommissarin nickte.
„Er ist also Geschäftsmann“, sagte sie.
„Genau“, antwortete ich.
Sie tippte es in den PC.
„Verheiratet?“
„Ja.“
„Seit wann?“
Ich dolmetschte.
„Seit einem Monat.“
„Also seit März.“
„Genau.“
„Kinder?“
„Nu“, sagte Ion Gheorghe. „Nein.“ Und er fügte hinzu: „Chef, fragen Sie bitte die beiden, ob sie nicht vielleicht eine Zigarette für mich haben!“
Ich dolmetschte.
„Hier wird leider nicht geraucht. Und wo wohnen Sie hier in Deutschland?“, fragte die Kommissarin.
„Aici fumatul este interzis. Unde locuiţi în Germania?“, fragte ich.
„Cine?“, fragte der Mann.
„Dumneavoastră.“
„Eu?!“
„Păi cine?“
Ich kicherte. Die zwei Kommissarinnen schauten mich irritiert an.
„Was hat er gesagt?“, fragte die eine.
„Er hat gefragt, wer mit der Frage gemeint sei. Und ich habe ihm erklärt, dass er gemeint sei. Daraufhin hat er sich gewundert.“
„Păi locuiesc într-o casă..., pe-o stradă...“, sagte der Mann. 
„Ich wohne in einem Haus..., auf einer Straße...“, dolmetschte ich.
„Wie heißt diese Straße?“, fragte die Kommissarin.
Ich dolmetschte.
Der Mann begann nachzudenken. Er kratzte sich am rechten Ohr, sah konzentriert zu Boden, dann blickte er hoch, zur Decke.
„Am uitat“, sagte er schließlich.
„Ich hab’s vergessen“, sagte ich.
Die Kommissarin tippte die Antwort in den PC.
„Domnu’ şef, întrebaţi vă rog când îmi dă drumul!“
„Chef, fragen Sie bitte, wann sie mich laufen lassen!“
„Das wissen wir noch nicht. Er soll bitte erstmal die Fragen beantworten!“
Ich dolmetschte.
„Ich hätte eine Bitte, Chef!“, sagte der Mann. „Eine sehr dringende Bitte. Ich würde die beiden Damen ganz herzlich bitten, mir eine Zigarette zu geben!“
Ich dolmetschte.
„Hier wird nicht geraucht“, sagte erneut die Kommissarin.
„Aici nu se fumează“, dolmetschte ich.
„Şi afară?“, fragte Ion Gheorghe.
„Und draußen?“, fragte ich.
Die Kommissarin seufzte und warf ihrer Kollegin einen ziemlich ratlosen Blick zu.
„Beantworten Sie bitte die Fragen! Seit wann sind Sie in Düsseldorf?“, sagte sie.
„Seit gestern. Aber nachdem ich die Fragen beantwortet habe, darf ich dann rauchen? Bitte!“
„Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?“
„Ich bitte Sie, Chef! Fragen Sie bitte die beiden, ob ich rauchen darf! Darf ich das?“
Ich dolmetschte.
„Okay“, sagte die Kommissarin. „Sagen Sie ihm bitte, er soll zuerst die Fragen beantworten, danach bekommt er eine Zigarette. Und dann darf er auf dem Hof rauchen.“
Ich dolmetschte.
„Wie kamen Sie also nach Deutschland?“, fragte die Kommissarin erneut.
„Cu autobuzul.“
„Mit dem Bus.“
„Und was wollten Sie hier tun?“
Der Mann begann drauf los zu erzählen, und ich dolmetschte:

„Ich wollte eigentlich nach Spanien fahren, nicht nach Deutschland. Nach Madrid. Aber unterwegs schlief ich im Bus ein, in Ungarn oder in Österreich. Ich schlief und schlief, und als ich wieder aufwachte, hielt der Bus plötzlich an, und ich dachte, nun seien wir endlich in Spanien angekommen. Also stieg ich aus, der Bus fuhr sofort wieder los, und dann erst merkte ich, dass ich doch nicht in Spanien war, sondern in Düsseldorf“, dolmetschte ich und musste schon wieder lachen. Die Kommissarin sah mich derart strafend an, dass ich so tat, als ob ich gehustet hätte.

„Und was wollten Sie in Spanien tun?“, fragte die Kommissarin.
„Ich wollte das Land besuchen.“
Die Kommissarin tippte die Antwort in den PC.
„Als Tourist?“, fragte sie überrascht.
„Da“, sagte der Mann.
„Ja“, dolmetschte ich.
Die Kommissarin blickte kurz zu ihrer Kollegin.
„Okay“, sagte sie dann zu mir. „Fragen Sie ihn bitte, wieso er uns diesen Schwachsinn erzählt! Er hält uns wohl für dumm!“
Ich dolmetschte, und Ion Gheorghe zuckte mit den Schultern.
„Wieso denn Schwachsinn?“, sagte er. „Spanien ist ein schönes Land. Wieso soll ich es nicht besuchen!“
„Sie haben doch gesagt, Sie seien frisch verheiratet“, sagte die Kommissarin.
Ich dolmetschte.
„Da“, sagte Ion Gheorghe.
„Ja“, dolmetschte ich.
„Sie sind also frisch verheiratet, wollten als Tourist nach Spanien reisen, aber Ihre Frau haben Sie nicht mitgenommen!“, fuhr die Kommissarin säuerlich fort. „Wem wollen Sie das erzählen?!“
Ich dolmetschte. Ion Gheorghe sah mich fragend an und schwieg. Dann zuckte er hilflos mit den Schultern.
„Wieso soll ich denn meine Frau mitnehmen?!“, sagte er.
Ich kicherte und begann zu husten.
Die Kommissarin sah mich verständnislos an und schüttelte irritiert mit dem Kopf. Ion Gheorghe sah die Kommissarin an. Was wollte sie eigentlich von ihm? Es war doch seine Sache, ob er seine Frau nach Spanien mitnahm oder nicht. Und letztendlich hatte die Frau zu Hause zu bleiben, es reichte doch, wenn er verreiste, oder?

Für die Kommissarin wiederum war nun alles klar. Ion Gheorghe war im Bus eingeschlafen, irgendwo in Ungarn oder in Österreich, okay, das klang glaubwürdig. Danach war er erst in Deutschland aufgewacht, wieso auch nicht? Er war in Düsseldorf statt in Spanien ausgestiegen. Kann schon mal vorkommen, wenn man von so weit her kommt und über keinerlei Ortskenntnisse verfügt. Aber frisch verheiratet zu sein und bei einer Urlaubsreise die Frau zu Hause sitzen zu lassen, wer tat denn so etwas? Entweder log der Vernommene wie gedruckt, oder er war ein widerwärtiges Monster.

Trotz heftiger Irritationen wurde die Befragung fortgeführt, auf einfache Fragen folgten knappe Antworten. Was Ion Gheorghe dabei durch den Kopf ging? Ich vermute, nur eins: Er wollte nach wie vor endlich eine Zigarette rauchen. Aber das durfte er erst eine halbe Stunde später, als die Vernehmung zu Ende war, und man ihn wieder laufen ließ, wegen Geringfügigkeit. Die Kommissarin griff in ihre Handtasche und, wie versprochen, händigte sie ihm einen Glimmstengel aus, trotz seiner Abreise ganz ohne Ehefrau.

Nun ja, so ist das eben. Menschen aus dem Osten und Westen sprechen manchmal verschiedene Sprachen. Und dadurch entstehen Verständigungsprobleme, trotz des Dolmetschens.

Kommentare zu diesem Artikel

Lumi, 20.03 2012, 03:14
Danke für die nette Wiedergabe des Dialogs, welcher sicher -mit geringen Abweichungen- in Europa schon tausende Male geführt wurde.
Man muss halt immer reden und dann versteht man sich schon. Über die Konsequenzen sagt das allerdings noch gaaaaar nichts.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*