Pose, Positur, Position

Călin Peter Netzers preisgekrönter Film in den rumänischen Kinos

Freitag, 05. April 2013

Der 1975 im rumänischen Petroşani geborene Regisseur Călin Peter Netzer, der seine Schulzeit in Deutschland verbrachte und erst als Erwachsener zum Studium an der Theater- und Filmhochschule Bukarest wieder nach Rumänien zurückkehrte, wurde im Februar bei den 63. Internationalen Berliner Filmfestspielen mit dem Hauptpreis bedacht. Sein jüngstes kinematografisches Werk mit dem rumänischen Originaltitel „Poziţia copilului“ wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären für den besten Film ausgezeichnet und hatte vor wenigen Wochen auch seine rumänische Kinopremiere. Auf der Berlinale war der preisgekrönte Film unter dem englischsprachigen Festivaltitel „Child’s Pose“ zu sehen.

Der Filmtitel „Poziţia copilului“ ist in der Tat nicht so leicht in eine andere Sprache zu übertragen. Bei einer Übersetzung ins Deutsche etwa stößt man schnell auf Schwierigkeiten. ‚Kindslage’ klänge zu obstetrisch, ‚Position des Kindes’ zu soziologisch, ‚Stellung des Kindes’ zu akademisch und ‚Standpunkt des Kindes’ zu wenig altersgemäß. Andererseits ist das ‚Kind’ Barbu, das im Mittelpunkt von Netzers Film steht, de facto ein erwachsener Mann, was auf den vielsagenden Sprachgebrauch der Rumänen anspielt, zumindest junge Erwachsene noch als ‚Kinder’ (copii) zu bezeichnen.

Ein weiteres Kind, genauer gesagt ein Jugendlicher von 14 Jahren, der aber im Film nie gezeigt wird, spielt ebenfalls eine Hauptrolle in Netzers prämiertem Werk. Es handelt sich um das Todesopfer eines Verkehrsunfalls, welcher von besagtem Barbu verursacht wurde. Der gesamte Film kreist um die Konsequenzen dieses Ereignisses für die betroffenen Familien, um die Unfallfolgen und um die Versuche ihrer Eindämmung oder gar Bereinigung,
Die eigentliche Hauptgestalt des Filmes ist aber Barbus Mutter Cornelia.

Sie ist es, die durch die Überbehütung ihres Sohnes diesen permanent in die Pose, Positur und Position des Kindes zwingt, ihn darin festhält, ihm die Luft zum Atmen benimmt und ihm buchstäblich keinen Ausweg lässt. Kein Wunder, dass der Sohn infolge dieses Übermaßes an Fürsorge – im englischen Sprachraum hat sich dafür der Begriff ‚helicopter parents’ eingebürgert – Manien und Phobien entwickelt, angefangen von der panischen Angst, eine Infektion durch irgendwelche Bakterien und Keime zu erleiden, bis hin zur obsessiven Furcht, selbst Vater eines eigenen Kindes zu werden.

Der Kunstgriff der beiden Drehbuchautoren – neben dem Regisseur selbst zeichnet Răzvan Rădulescu für das Filmskript verantwortlich – besteht nun darin, in der Extremsituation jenes Unfalls mit Todesfolge die erstickende Dominanz der überbeschützenden Mutter zunächst als Hilfe und Unterstützung für das eigene und einzige Kindes zu kaschieren. Die Mutter wirft ihr gesamtes gesellschaftliches, finanzielles, psychologisches und menschliches Gewicht in die Waagschale, um den Sohn vor den Folgen seiner Tat zu bewahren. Als erfolgreiche Architektin und Angehörige der Oberschicht lässt sie sofort ihre Kontakte spielen, greift selbst in die Ermittlungen ein und schreckt auch vor sträflichen Handlungen wie Einschüchterung, Bedrohung und Bestechung nicht zurück, was nebenbei auch ein bezeichnendes Licht auf die rumänische Gesellschaft und Justiz wirft, die solche Kavaliersdelikte als Privileg der Mächtigen und Reichen stillschweigend duldet.

Einer der Höhepunkte des mit exzellenten Schauspielern besetzten Films ist die Szene, wo sich die Mutter Cornelia, beeindruckend verkörpert von Luminiţa Gheorghiu, mit dem Unfallzeugen Dinu Laurenţiu (Vlad Ivanov) in einem Café trifft, um den Preis für die Änderung seiner Zeugenaussage zugunsten ihres Sohnes auszuhandeln. Eine andere Szene von vergleichbarer Intensität ist die Begegnung der Mutter Cornelia mit der Mutter des getöteten Kindes (Tania Popa). In diesem Gespräch, eigentlich einem Monolog, steigert sich der Narzissmus und Egoismus Cornelias ins Unermessliche. 

Ihr vom schweren Schicksal ihres immerhin noch lebenden Sohnes herrührender Schmerz lässt den Anlass ihres Kondolenzbesuches, die Trauer über den getöteten Jungen, völlig in den Hintergrund treten. Ein Geldkuvert soll für dessen Verlust entschädigen und möglicherweise sogar bewirken, dass die betroffene Familie ihre Klage gegen Barbu fallen lässt.

Ein Nachteil des Filmes ist gewiss der, dass er über weite Strecken realer Dramatik entbehrt und diese nur in einzelnen Szenen aufblitzen lässt. Gezeigt wird nämlich nicht der Kampf der Mutter um Suprematie, sondern ihre absolute Dominanz nach ihrem totalen Sieg. Ihr Ehemann, Barbus Vater, überzeugend dargestellt von Florin Zamfirescu, spielt im Familiengeschehen so gut wie keine Rolle, ebenso wenig respektiert sie Barbus Freundin Carmen (Ilinca Goia) oder andere Bezugs- bzw. Amtspersonen, die der Mutter-Kind-Dyade im Wege stehen.

Auch und gerade der Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache) selbst hat mit dem Kämpfen schon längst aufgehört: Außer kindlichem Trotz und der mehrfach geäußerten flehentlichen Bitte, ihn gehen, frei und alleine zu lassen, hat er der Übermacht der Mutter nichts entgegenzusetzen. Symptomatisch dafür ist die Szene, in der er die Mutter bittet, die Innenverriegelung ihres BMW zu lösen, um endlich aussteigen und sich beim Vater des Unfallopfers (Adrian Titieni) entschuldigen zu können. Eine andere Szene, bei der Cornelia ihren auf dem Bauch liegenden Sohn hingebungsvoll massiert, legt außerdem die inzestuösen Wurzeln von Cornelias ‚Overprotection’ bloß.

Eine interessante Filmepisode ist der Gesangskurs, den die berühmte rumänische Sopranistin Leontina Văduva, verkörpert durch sie selbst, einem jungen Paar von Canto-Studenten zuteil werden lässt. Ihre gekonnte Art, die beiden künstlerisch zu instruieren und dramatisch in Szene zu setzen, symbolisiert im Film die Lebens- und Erziehungsmaxime Cornelias, alles unter ihrer Regie und Kontrolle behalten zu wollen. Bezeichnenderweise ereilt sie die Nachricht vom Unfall ihres Sohnes just während dieses Meisterkurses, aus dem sie dann von einer Freundin herausgerufen wird.

Störend wirkt in Netzers Film der übertriebene Einsatz der Handkamera, der offenbar Unmittelbarkeit und Authentizität, ja vielleicht dokumentarische Echtheit erzeugen soll. Statt Dramatik entsteht dadurch jedoch bloß Unruhe. Die schwankenden Bilder täuschen darüber hinweg, dass Cornelias Welt nicht für einen Moment ins Schwanken geraten ist. Selbst in ihren Schmerzausbrüchen vermeint man noch ihren berechnenden Charakter wahrnehmen zu können, dessen höchstes Ziel in der Sicherung des Sohneswohles besteht.

Als nachteilig erweist sich in diesem Netzerschen Streifen außerdem, wie in so vielen hervorragenden rumänischen Filmen jüngeren Datums, die mangelnde Tonqualität. Sind die Aufnahmegeräte so schlecht, sind die Tontechniker so wenig fähig, sind die Schauspieler so unaufmerksam, ist der Ton für den Regisseur gar eine ‚quantité négligeable’? Man wünscht sich für die Zukunft, dass zum mit Recht international prämierten Sehgenuss im rumänischen Film der Gegenwart auch der entsprechende Hörgenuss zur Abrundung des gelungenen Kinoerlebnisses hinzutreten möge.

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