„Positive und zukunftsfähige Neuorientierung der Heimatkirche“

Gespräch mit Pfarrer Christian Reich, anlässlich des Abschlusses seines diesjährigen Vertretungsdienstes in Kronstadt

Donnerstag, 10. September 2015

Pfarrer Christian Reich in Kronstadt, am Honterushof.
Foto: privat

Am Sonntag, dem 30. August, hielt Pfarrer Christian Reich im Rahmen eines Gottesdienstes in der Schwarzen Kirche für die Honterusgemeinde und die Kirchengemeinde Bartholomä seine Abschiedspredigt zu Ende seines diesjährigen Vertretungsdienstes. Pfarrerin Adriana Florea dankte ihm im Namen der Honterusgemeinde für seinen Einsatz. Anschließend gab es im Hof des „Blauen Hauses“ zum selben Anlass Kaffee und Kuchen. Nächstes Jahr, „mit Gottes Wille“ fügt Pfarrer Reich hinzu, wird er erneut nach Kronstadt kommen. Darauf freue er sich bereits jetzt. Im folgenden Interview beschreibt Pfarrer Reich sein Wirkungsfeld und seine Eindrücke.  

Sie sind nun seit fünf Jahren in den Sommermonaten in Kronstadt und im Kronstädter Kirchenbezirk als Pfarrer im Vertretungsdienst tätig. Was bedeutet Ihnen dieser Einsatz der der Ergänzung „im Ruhestand“ eigentlich widerspricht?

Zunächst einmal die geläufige Erklärung zu meiner Bezeichnung  „Pfarrer i.R.“ (in Ruhe): d.h. „in Reichweite“. Zum anderen bin ich das sechste Mal im Vertretungsdienst hier. Mein Wirkungsbereich erstreckt sich  auf Kronstadt, die Gemeinden des Burzenlandes, der Repser, Leblanger und Fogarascher Diaspora, sowie des Haferlandes. Gerne kehre ich auch wieder an meine ehemalige Wirkungsstätte nach Bukarest zurück, das  mit seinen sechs Diasporagemeinden schon eine geraume Zeit zum Kirchenbezirk Kronstadt gehört. Ich wohne in Kronstadt und bin vornehmlich in der gut funktionierenden und freundlichen Atmosphäre der Honterusgemeinde tätig. Mein Einsatz hier ist neben dem Gefühl der Verbundenheit mit heimatlichen Gefilden auch ein Zeichen von Erkenntlichkeit, etwas von dem Empfangenen der Studienzeit in Klausenburg und Hermannstadt sowie den 30 Jahren Amtszeit in der Evangelischen Landeskirche A.B. zurückzugeben.

Wie schätzen Sie das Kronstädter Kirchengemeindeleben ein?

Kronstadt hat zurzeit vier funktionierende Kirchen, eine Diakoniestation, eine Sozialstation, ein Altenheim mit der Einrichtung „Essen auf Rädern“. In der Honterusgemeinde besteht ein gut funktionierender Verwaltungsapparat und ein Presbyterium mit viel Kompetenz und Professionalität. Viele haupt- und nebenamtliche Leute sorgen für einen lebendigen Kirchenbetrieb mit Perspektiven. Bibelstunden (deutsch und rumänisch), Kindergottesdienst, Krabbelgruppe, Kinderklub, Jugendstunde, Altenarbeit und die  vielfältige und herausragende Kirchenmusik, sind attraktive Angebote und zeugen von einer lohnenswerten Investition.

Welche Aufgaben übernehmen Sie während der Vertretung? Beschränken sie sich ausschließlich auf kirchliche Belange?

Neben den Sonntagspredigten, Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Andachten im „Blauen Haus“, dem Altenheim Blumenau oder im Hospiz „Casa speranţei“, gehören mit dazu: Geburtstagsbesuche und -feiern im Altenheim, Krankenabendmahl und Gespräche. Ich nehme an den Pfarrkonferenzen im Bezirk und an Gesamtkonferenzen in Hermannstadt teil. Eine Religionsstunde in der Honterusschule hat mich interessiert, bin im Jungscharlager oder bei Rüstzeiten von „Canzonetta“ dabei, ich begleitete  Gemeindeausflüge der Honterusgemeinde und von Bartholomä, führte selber zwei Reisegruppen durch die Stadt und war bei der Mitgestaltung des Gemeindefestes beteiligt. Beiträge für den Gemeindebrief, und jedes Jahr ein „Wort zum Sonntag“ für die ADZ gehörten ebenso dazu. Dann singe ich gerne noch im Bach-Chor mit.

Aus dem Bericht Ihrer Vertretungstätigkeit für 2014 zitiere ich folgende Aussage: „Ich wünsche, dass wir unsere alte Heimat nicht aufgeben, Vergangenheit mitnehmen, um das Heute besser zu verstehen.“ Wie sollte das Heute verstanden werden und was für eine Rolle spielt Heimat und Vergangenheit dabei? Gilt dieser Wunsch nur denjenigen die ausgewandert sind?

Ich versuche auf alle Fragen einzugehen. Die alte Heimat nicht aufgeben und Vergangenheit mitnehmen heißt für mich, dass mein Einsatz hier, neben einem persönlichen Engagement in einer heimatlich-wohlvertrauten Region auch nach dem Grundsatz des „Hilfskomitees der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD e.V.“ geschieht: „…die Heimatkirche in Solidarität zu begleiten, im Glauben und in der Hoffnung Geschwisterlichkeit zu üben“. Und wie ich schon sagte, als ein Zeichen der Verbundenheit und des Dankes für Studium und 30-jährige Wirksamkeit in der „Evangelischen Kirche A.B. Rumänien“.

Wie ich das „Heute“ verstehe, gibt es ein Hin und Her. Ohne die Hilfe der verschiedenen Werke der Diakonie, des Hilfskomitees, von  Partnergemeinden, HOG´s und privaten Personen aus dem Ausland, wäre ein gesicherter und geordneter Fortbestand des kirchlichen Lebens hier in Siebenbürgen kaum denkbar. Bischof Reinhart Guib ist darin wegweisend und setzt neue Maßstäbe. Es gilt darauf zu achten, mit Liebe und Feingefühl zu finden, was uns untereinander zur Ergänzung dient, um Zukunft besser zu gestalten. Heimat und Vergangenheit bezieht sich auf beide Seiten. Neues ist hier wie dort entstanden. Auch wenn zu viele „Ausgewanderte“ sich in Deutschland nicht mehr mit der Kirche identifizieren, gibt es doch schöne Zeugnisse von aktivem Dabeisein mancher siebenbürgischer Landsleute im Bereich der evangelischen Kirche.

Es gibt siebenbürgische Dekane, Vertreter in der EKD, einen Oberkirchenrat, Theologiestudenten/Innen, Religionslehrer/Innen, Mitarbeiter/Innen in der kirchlichen Gemeindearbeit, in kirchlichen Gremien und der Diakonie. Die ausgewanderten Pfarrer sind ein Segen und Brückenbauer für die oft verunsicherten Landsleute geworden. Der gemeinsame „Siebenbürgische Kirchentag 2017“  in Kronstadt wird hoffentlich zu einer weiteren Annäherung auf beiden Seiten beitragen.Und was die Heimatkirche hier in Siebenbürgen betrifft, gibt es ebenso positive und zukunftsfähige Neuorientierung. Sie setzt Zeichen ihrer Präsenz in der Gesellschaft, ist öffentlich geworden, wo sich Menschen anderer Ethnien und Konfessionen in unserer Kirche wohlfühlen und Heimatrecht darin haben. Gottesdienste finden gelegentlich zweisprachig statt.  Agenden und Gesangbuch nehmen darauf Rücksicht.

Was bereitet Ihnen in Ihrem hiesigen Einsatz große Freude und was nehmen Sie eher mit Bedenken wahr?

Freude habe ich einmal an der vertrauten Umgebung mit den  Wäldern, Flüssen, Bergen und den wohlvertrauten Silhouetten der Gebirge. Gott hat uns eine wunderbare Landschaft geschenkt, in der wir geboren wurden, wohnten und lebten. Dann die positiven Begegnungen mit Menschen, die einen annehmen und auch brauchen.  Ich möchte helfen,  Mangel auszugleichen und Erfahrungen aus einem langen Pfarrerdienst weiterzugeben nach dem Bibelwort:  „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder“ (Ps. 71,17). Es ist einfach die Freude an meinem Dienst selbst.

Nicht zuletzt habe ich Freude am Mitmachen und Zuhören  bei der vielfältigen und herausragenden Kirchenmusik mit beneidenswerter Aktivität. Selbstverständlich verschließe ich die Augen nicht  über Unzulängliches, Mangel, Ängste, Sorgen und Befürchtungen.  Trotz manch erfreulicher Bilanz gibt es erhebliche Sorgen, vornehmlich im ländlichen Bereich:  Die Überforderung mit Verwaltungsarbeit bei rückgegebenen Immobilien und Grundstücken, Verfall von Kirchen, Pfarrhäusern und kirchlichen Gebäuden; Die Vernachlässigung von Altären und Orgeln sowie des gesamten kirchlichen Inventars wird zunehmend ein Problem. Geschrumpfte Gemeinden, aufgelöste Ortschaften, wenig Gottesdienstbesucher –  sind zu oft Grund einer frustrierten Stimmung.

Als Außenstehender, der uns Kronstädtern doch so nahe steht, bitte ich Sie in zwei wichtigen Fragen um Ihre persönliche Meinung: Wie sehen Sie die Zukunft einer eigenständigen Bartholomäer Kirchengemeinde?

Soweit ich das einschätzen kann, weil ich neben der Bartholomäer Kirche wohne und regelmäßigen Kontakt dazu habe, gibt es ein verhältnismäßig reges Gemeindeleben mit eigenen Veranstaltungen, wo besonders das Bartholomäusfest im August zu erwähnen ist und wo dann alle evangelischen Kirchen der Stadt daran teilnehmen, die bisher eigenständigen gutbesuchten kirchenmusikalischen Veranstaltungen von „Musica Barcensis“, die monatlichen Frauentreffen mit Gesang, Geburtstagsfeiern und Planungen der Events, die regelmäßigen Männerrunden, an denen ich teilnehme und wo man nicht nur isst und trinkt, die Initiative des Kirchenvorstandes, mal verwaiste Gemeinden zu besuchen und mit ihnen Gottesdienst zu feiern, die Besuche alter und kranker Menschen und letztlich die eigenverwalteten Arbeiten an kirchlichen Gebäuden (neues Kirchendach u.a.), erlauben mir diese Einschätzung.  

Wie soll es weitergehen mit der Gestaltung des Honterushofes, wenn Stadt und Staat und EU keine Finanzierung der geplanten Arbeiten zusichern können?

Was ich dazu sagen kann, sind die bleibenden offenen Fragen, wo nach der großen Freilegung von über 200 Gräbern um die Schwarze Kirche herum, jetzt nach der Ausschreibung ein Architekt feststeht, der seine Vorstellungen hat und auf Entscheidungen der zuständigen Gremien wartet. Es sollen keine Platten wie auf dem Rathausplatz gelegt werden und es besteht die Hoffnung, dass eine gute Lösung für alle historischen, kirchlichen und auch schulischen Aspekte gefunden wird. Das Ergebnis ist noch abzuwarten und scheint zu dauern.

Die Fragen stellte
Ralf Sudrigian

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In Schäßburg 1936 geboren als zweiter Sohn von fünf Kindern des Pfarrers Otto Reich und der Anna geb. Nementz. Lyzeum in Kronstadt, Theologiestudium in Klausenburg und Hermannstadt. Vikariat in Baaßen, wo er seine spätere Frau Ilse Maria Reich geb. Chrestel kennen lernte. Pfarrstellen in Trappold, Burgberg und Bukarest. 1988 Auswanderung zusammen mit den beiden Söhnen in die Bundesrepublik Deutschland, Pfarrer in Landshut und Rottenburg a.d. Laaber. Nach seiner Pensionierung mit 65 Jahren begann sein Vertretungsdienst: zunächst drei Jahre in Bukarest mit seinen sechs Diasporagemeinden, dann August 2005 – August 2006 Pfarrer von Kreta und im sechsten Jahr nun der je vier Monate dauernde Vertretungsdienst in Kronstadt und dem Kirchenbezirk.

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