Prämierte Jugendbuchautorin las im Goethe-Institut

Martina Wildner über Leistungsport, Jugend und Literatur

Samstag, 22. Oktober 2016

Martina Wildner (links) und Gabriel H. Decuble (rechts) im Gespräch über ihren Jugendroman „Königin des Sprungturms“
Foto: Michael Marks

Bekanntlich geht der Bukarester bei schlechtem Wetter nicht vor die Tür. Wenn dann noch die Präsentation eines Jugendromans auf dem Programm steht, der eine Wassersportart thematisiert, wird es kritisch. Unter diesen Umständen kann das Goethe-Institut Bukarest durchaus zufrieden mit der Resonanz des Bukarester Publikums sein, das seiner Einladung an diesem verregneten Dienstagabend zu einem Gespräch mit der Erfolgsautorin Martina Wildner und dem erfahrenen Übersetzer und Moderator Gabriel H. Decuble über ihren mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman „Königin des Sprungturms“ folgte. Zumal die Leiterin des Instituts, Dr. Evelin Hust, anmerkte, dass es noch eine Lesung im Goethe-Kolleg Bukarest gäbe, bevor die Autorin nach Temeswar zu ihrer abschließenden Lesung weiterreise. Martina Wildner hat diesen ersten Besuch in Rumänien aber nicht nur für eine Lesereise zur Präsentation ihres Buches genutzt, sondern sich auch an dem Übersetzerworkshop beteiligt, der ihren Roman zum Thema hatte.

Kritisch anzumerken bleibt an dieser Stelle, dass Jugendliteratur in Rumänien selbst keine allzu große Beachtung findet, wenig durch Verlage oder auch den Staat gefördert wird. Eine Klage, die schon vielfach durch junge rumänische Autoren geäußert wurde und auch hier von Decuble bedauernd eingeräumt werden musste. Im Rahmen der rumäniendeutschen Literatur kann man hier, um nur ein Beispiel zu nennen, auf die Kinder- und Jugendbuchautorin Karin Gündisch verweisen, die sich sowohl in Deutschland als auch in Rumänien einen Namen gemacht hat. Aber etwas verwundert nimmt man diese Aussage über die Jugendliteratur schon zur Kenntnis, denn wenn man sich Bestsellerlisten anschaut, führen da Autoren wie Joanne K. Rowling mit ihren Potterromanen, aber auch Cornelia Funke oder der Klassiker Michael Ende, die mittlerweile durch Verfilmungen ihrer Bücher internationale Anerkennung finden. Wenn es um Fantasy-Literatur geht wie von J.R.R. Tolkien, verschwimmen die Grenzen zwischen Erwachsenen- und Jugendliteratur gänzlich. Womit man wieder bei dem alten Dilemma ankommt: Auf der einen Seite die spannenden, beliebten Bücher, die aber pädagogisch und literarisch kaum Anerkennung finden, und dann die hochgelobten und preisgekrönten, die niemand freiwillig liest und daher als Zwangslektüre an den Schulen landen.

Martina Wildner sieht hier ihre Herausforderung, denn ihre Jugendromane behandeln die realen Lebenswelten von Jugendlichen. Tatsächlich gibt es ihren Roman „Königin des Sprungturms“ samt Lehrerhandreichung für den Unterricht, und sie bekennt, dass sie gerne in Schulklassen geht, wo sie mit einem Publikum konfrontiert wird, das nicht freiwillig zuhört und vielleicht gar nichts für das Lesen übrig hat. Diese Jugendlichen zu begeistern, empfindet sie als ausgesprochen lohnend. Dass sie dabei den richtigen Ton trifft, verdankt sie nicht zuletzt der Tatsache, dass sie mit ihren drei Kindern in Berlin lebt. Geschichten von Klassenkameraden, der aktuelle Musikgeschmack, aber auch die Themen, die Jugendliche bewegen, bieten ihr immer wieder Inspiration für ihre Bücher. Wie sie über Umwege zu diesem Metier gekommen ist – ursprünglich studierte sie Islamwissenschaften, dann Grafikgestaltung mit dem Schwerpunkt Illustration, bis sie sich dazu entschloss, selbst zu schreiben –, empfindet sie als geradezu typisch für die meisten Jugendbuchautoren, die vorher einen anderen Beruf ausgeübt haben. Ab und zu gibt es schon kleinere Anleihen in ihren Büchern beim Fantastischen oder Gruseligen, so bei dem Roman „Das schaurige Haus“, für den sie auch eine Fortsetzung plant, wie sie später erwähnt.

Aber das bildet allenfalls den Rahmen für einen tiefergehenden Themenkomplex, bei dem es um Migration, Ausgrenzung und Anpassung an veränderte Lebensumstände geht.
Einen genauen Plan verfolge sie beim Schreiben nicht, denn sie möchte, dass ihre Figuren vielleicht sogar ein Eigenleben entwickeln, das sie dann aber immer wieder zurechtstutzt im Sinne der Geschichte. Genaue Recherchen zu dem jeweiligen sozialen, aber auch geo-grafischen Hintergrund sind aber unerlässlich. Oder wie im Fall der „Königin des Sprungturms“ genaue Kenntnisse des Milieus. So ist sie selbst begeisterte Hobby-Turmspringerin, demonstriert ihre Insiderkenntnisse auch an Fotos und plastischen Demonstrationen der verschiedenen Sprungarten: Was ist ein Delphinsprung, und wie kann man sich dabei verletzen. Selbst das Berliner Schwimmbad, der Ort, am dem ihr Roman aus dem Leistungsspringermilieu hauptsächlich spielt, ist ihr bestens vertraut. Und wenn der Name Berlin nie explizit in ihrem Roman auftaucht, so genügen wenige Hinweise auf Plattenbauten oder S-Bahnfahrten, um die Stadt als Ort der Handlung zu identifizieren. Dass es ihr aber gelungen ist, über die Welt des Leistungssports zu schreiben, das sich dem Interesse der meisten Autoren – abgesehen von Klassikern wie „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (Peter Handke) oder einigen Gedichten von Ringelnatz – eher entzieht, darüber ist sie sichtlich und zu Recht stolz. Dabei bieten sich Themen aus dem Leistungssport wie Versagensängste, Konkurrenzdenken, Neid, aber auch Glücksgefühle und der Zuwachs an Selbstbewusstsein oder auch nur Selbsterkenntnis als Hintergrund für eine Entwicklungsgeschichte nahezu an. Den Gedanken, dass es sich dabei um das Abbild der deutschen Leistungsgesellschaft per se handele, wie Decuble vermutet, betrachtet sie etwas verblüfft eher als ein Zufallsprodukt.

Vielleicht auch weil ihre Protagonistin einer etwas klischeehaft geschilderten deutsch-russischen Familie entstammt. Die Mutter – laut Wildner wie die meisten russischen Mütter in Berlin – ist sehr ehrgeizig und möchte für ihre Kinder nur das Beste, bisweilen wird sie als recht mitleidlos gegenüber Versagern geschildert. Nadjas Nachbarin in mehrfacher Beziehung, Carla, die höchst ambivalent beschrieben wird, ja, nicht einmal Haar- oder Augenfarbe lassen sich eindeutig bestimmen, lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter, einer Krankenschwester zusammen, die wenig Interesse oder gar Ehrgeiz für ihre Tochter entwickelt. Dennoch landen beide Mädchen im gleichen Verein und entwickeln dort beachtliches Talent als Turmspringerinnen, wobei Carla eben sich zur titelgebenden „Königin des Sprungturms“ entwickelt. Die Geschichte der Freundschaft dieser beiden Mädchen, worauf sie beruht, aber auch woran sie schließlich scheitert, wird rückblickend von Nadja erzählt. Welche zum Teil dramatischen Ereignisse während eines Sommers schließlich eine Entwicklung in Gang setzen , die für beide eine entscheidende Veränderung hervorruft, wird spannend geschildert und auch bei dieser Veranstaltung lässt es Wildner sich nicht nehmen, ihre Lesung mit einem Cliffhanger zu beenden, der bei den meisten Zuhörern sichtlich das Bedürfnis nach mehr erkennen lässt.

Auf die Frage von Evelin Hust, ob sie denn Kinder durch dieses Buch auch zum Turmspringen animiert habe, erklärt sie, dass sie bei aller offensichtlichen Faszination für den Sport und seine Ästhetik durchaus die Schattenseiten schildern wollte. Allerdings würden sich viele Kinder, die sich eben auch in solch einer Situation befänden, hier wiedererkennen. Ein Sportgymnasium ist durchaus schon eine Vorstufe zum Erwachsenenleben und ein Scheitern, zum Beispiel aus gesundheitlichen oder psychischen Gründen, hat wesentlich dramatischere Konsequenzen als für normale Schüler. Auch diese Lebensumstände verdeutlicht Wildner sowohl mit Passagen aus ihrem Buch als auch durch Erläuterungen aus ihrem Erfahrungsschatz. Nichtsdestotrotz möchte sie Leistungssport nicht diffamieren, sondern stellt es dem Einzelnen anheim, sich hier zu positionieren. Eine Lanze bricht sie für Team- oder Funsportarten, aber auch akrobatische wie Kunstturnen oder eben Turmspringen, da hier weniger gedopt werden könne. Ein Übel, das jeglichen rekordorientierten Sportarten wie der Leichtathletik über kurz oder lang ein Ende bereiten könnte. Denn gerade hier wäre die Frustration besonders hoch, wenn Rekorde, die unter Dopingeinfluss erreicht wurden, praktisch mit legalen Mitteln nicht mehr zu brechen wären.

Gerade in den ehemaligen Ostblockstaaten, so auch in Rumänien, merkt Decuble an, sei mit dem Zusammenbruch der alten Ausbildungssysteme ein dramatischer Einbruch, was die Förderung des Leistungssports durch den Staat, aber auch das Interesse in weiten Teilen der Bevölkerung angeht, zu verzeichnen. Könne der Sport vielleicht sogar durch die Literatur gerettet werden? Die Frage bleibt im Raum stehen, auch deutet Wildner an, dass sie hier keine Fortsetzung plane, da ja von ihrer Konstruktion her diese Geschichte als abgeschlossen betrachtet werden müsse. Dass aber hier Denkanstöße vorliegen, die eventuell auch über die Jugendliteratur hinaus durchaus einmal weiter literarisch verfolgt werden müssten, den Eindruck konnte das Bukarester Publikum durchaus mit nach Hause nehmen.

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