Premiere: Erasmus – Europa für alle

Goethe-Institut zeigt Dokumentarfilm

Freitag, 24. Mai 2019

Foto: cosmindragomir.info

Das Goethe-Institut Bukarest hat die anstehende Europaparlamentswahl am 26. Mai zum Anlass genommen, das Dokumentarprojekt „Citizen Europe“ der beiden Filmemacher Angeliki Aristomenopoulou und Andreas Apostolidis in seiner Erstvorführung zu präsentieren. Das Werk zeigt junge Erasmus-Teilnehmer, die quer durch Europa reisen, um in anderen Regionen zu arbeiten, zu studieren oder Freiwilligendienste zu absolvieren. Die Protagonisten verlassen zum ersten Mal ihre Heimatstädte, um sich in fremder Umgebung zu beweisen. Sie stammen aus Frankreich, Deutschland, Polen, Bulgarien und Äthiopien und begeben sich nach Litauen, Finnland, Griechenland und Irland. Hier sehen sie sich mit den Herausforderungen unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten konfrontiert.


Diese Erfahrungen werden den Erinnerungen der ersten Teilnehmer am Erasmus-Programm gegenübergestellt. Dieses ambitionierte Vorhaben wurde im Jahre 1987 ins Leben gerufen und hat seitdem zahlreiche Leben in profunder Weise beeinflusst. So zeigt der Film Paare, die sich im Rahmen des Programms kennen- und lieben gelernt haben, aus einer Beziehung sind gar drei Kinder hervorgegangen.


Die 70-minütige Dokumentation spielt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise in Europa, welche von der Jugendarbeitslosigkeit und Einwanderung Flüchtender befeuert und von Populisten politisch instrumentalisiert wird. So wird die Frage nach den Vor- und Nachteilen von Reisefreiheit, kulturellem Austausch und Mobilität diskutiert, es kommen Lehrer, Historiker und Politologen zu Wort, manch einer, wie der kroatische Philosoph Srecko Horvat, fürchtet beim derzeitigen Aufwind, den die rechten Parteien erfahren, die aktuelle Freizügigkeit innerhalb der EU könnte in zehn Jahren wie Science Fiction anmuten. Es kommen Verantwortungsträger zu Wort, die vor einer Vereinheitlichung der Bildungssysteme warnen. Timothy Garton Ash, anerkannter Geschichtswissenschaftler und Schriftsteller, verweist darauf, dass zahlreiche Regionen Europas jahrhundertelang multikulturell geprägt waren, bis Faschismus und Totalitarismus einen künstlichen Monokulturalismus installierten, der nun wiederum nach dem Ende des Kalten Krieges vor 30 Jahren einem neuen Multikulturalismus weicht. Diesem sind nicht alle Gesellschaften gewachsen, Fremdenfeindlichkeit ist ein virulentes Thema, welches in diesem Werk nicht ausgeklammert wird. So gibt es beispiels-weise eine Szene in einem Lokal in der griechischen Stadt Serres. Hier treffen sich Einwohner, um die Zukunft ihres Landes zu diskutieren. Mit Blick auf die Kriegsflüchtlinge, die vor den Toren der Stadt unter erbärmlichen Umständen ihr Dasein in Containern fristen, lassen sich die Bewohner zu xenophoben Aussagen hinreißen, vom Ausverkauf der eigenen Kultur und dem Hurenhaus Europa ist da die Rede.


Ein weiteres Problem, auf welches der Film das Augenmerk richtet, ist die massive Auswanderung, mit der sich einige Staaten konfrontiert sehen. Bulgarien und Rumänien etwa laufen Gefahr, ihre jungen Talente, die künftige Intelligenzia, dauerhaft ans Ausland zu verlieren.
All den Schwierigkeiten, mit denen Europa sich zur Stunde auseinanderzusetzen hat, zum Trotz kommen die Regisseure letztlich zu dem Schluss, dass eine bessere Gesellschaft nur durch Diversität zu erreichen ist. In der Krise kann etwas Positives gesehen werden, sie hat zu einer Auseinandersetzung mit dem „anderen“, dem unbekannten Nachbarn geführt, sie zwingt gewissermaßen zu Verständnis und zu einer besseren Selbstkenntnis.


Im Anschluss an die Vorführung wurde eine Fragerunde veranstaltet, an der – bezeichnenderweise – gerade die etwa 20 jugendlichen Gymnasiasten und potenziellen Nutznießer des Erasmus-Programms unter den Zuschauern nicht mehr teilnehmen wollten. So diskutierte das ältere Publikum Fragen nach der Bedeutung und Wichtigkeit der bevorstehenden europäischen Parlamentswahlen. Man kam überein, dass der Urnengang zwingend notwendig sei, um nicht destruktiven Kräften die Entscheidung zu überlassen, wie es mit Europa weitergehen soll. Die derzeitige Selbstverständlichkeit Europas gelte es zu hinterfragen, damit sich letztlich nicht die Haltung „Was nichts kostet, ist nichts wert“ etabliert.


In diesem Sinne müsse die Bedeutsamkeit und Einzigartigkeit dieses permeablen Europas hervorgehoben werden, es fehle jedoch derzeit in Rumänien eine ausgefeilte Staatsbürgerkunde an den Schulen, die Lehrer seien demotiviert und es mangle ihnen an effizienten Zugängen, um ihre Schülerschaft zu erreichen, so die einhellige Meinung des Plenums. Ein probates Mittel, um das Interesse junger Leute an Europa und den damit verbundenen politischen Prozessen zu stimulieren, seien kleine, gewitzte Filmclips zum Thema. So hat das rund zweiminütige Werk „Die Oma hat es so gesagt“ / „Așa a zis bunica“ des Vloggers Mircea Bravo innerhalb kürzester Zeit auf YouTube Millionen von Klicks bei der hauptsächlich jungen Zuschauerschaft generiert. In dem Filmchen erklärt eine Oma ihrem Enkel in gewitzter Weise, wie wichtig es ist, sich an der Wahl am 26. Mai zu beteiligen.

 

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