Pressefreiheit in Rumänien – Wahrheiten und Lippenbekenntnisse

Konsumentenverhalten zeigt: eher emotionaler Komfort als objektive Berichterstattung gefragt

Samstag, 15. März 2014

In Printmedien am häufigsten erwähnte Politiker (Quelle: KAS)

Am häufigsten erwähnte Politiker in vier untersuchten TV-Kanälen im Vergleich

(Quelle: KAS)

Zum Thema diskutierten (v. li.) Gelu Trandafir (Freedom House Romania), Ion M. Ioniţă („Adevărul“, „Historia“), Christian Spahr (KAS) und Ioana Avădani (ZIJ).
Foto: die Verfasserin

Wie oft spricht man von Pressefreiheit als Synonym eines Anspruchs auf objektive Berichterstattung im Vergleich zu tendenzieller Meinungsmache? Von der Freiheit, zu schreiben, ohne im Falle unliebsamer Wahrheiten Repressalien befürchten zu müssen. Doch was ist „die Wahrheit“? Gibt es sie – die eine und reine, die sich als hehres Ideal über ihr geschmähtes Pendent, die Lüge, erhebt? Oder gibt es genauso viele Wahrheiten wie Standpunkte? Können wir tatsächlich eine freie Presse im Sinne von Wahrheitsfindung erwarten? Und – wollen wir das überhaupt? Oder sind Forderungen nach einer freien, objektiven Presse Lippenbekenntnisse, denen das Konsumverhalten krass entgegensteht?

Dass sich Wahrheit nicht nur über den Inhalt eines dargestellten Sachverhalts, sondern auch über langfristig gesetzte Akzente des Berichterstatters definiert – einseitig zugunsten oder auch zum Nachteil einer öffentlichen Person, durch Weglassen von O-Tönen oder Gegenstimmen – macht der Ansatz einer Studie der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) in Kooperation mit dem Zentrum für unabhängigen Journalismus (CIJ) im Rahmen des Programms für Medien in Südosteuropa deutlich, die unter dem Titel „Monitorisierung der Massenmedien: Tendenzen im politischen Journalismus und Wahrnehmung der Presse durch die Öffentlichkeit in Rumänien“ am 20. Februar in Bukarest vorgestellt wurde.
Für die Studie wurden Inhalte von jeweils vier wichtigen Tageszeitungen („Adevărul“, „Evenimentul Zilei“, „Jurnalul Naţional“, „România Liberă“) und TV-Sendern (Antena1, ProTV, Realitatea, TVR1) analysiert, durch statistische Messung der Häufigkeit der Erwähnung von Politikern, Parteien und Institutionen in reinen Nachrichtensendungen. Ergänzend wurde eine Umfrage unter 1000 Bürgern aus unterschiedlichen Regionen und Altersgruppen über das Vertrauen der Rumänen in die Massenmedien durchgeführt.

Die Auswahl der genannten Medien wurde nach den Kriterien Relevanz, verschiedene Hintergründe und unterschiedliches Publikum getroffen. Obwohl nur politische Nachrichten eingingen – im Falle der TV-Sender die News zwischen 19 und 21 Uhr, ohne politische Talkshows – sollte mindestens einer der Sender ein breiteres, nicht nur auf Politik fokussiertes Profil aufweisen (Antena1).
Hierfür wurden zwischen dem 1. September bis Ende Dezember 2013 insgesamt 2275 Sendungen und Artikel gesichtet. Die Auswertung zeigt jüngste Entwicklungen und prägnante Tendenzen auf, die auf der Pressekonferenz vorgestellt und diskutiert wurden. Die Präsentation der Studie übernahmen Christian Spahr (KAS-Programmdirektor für Medien in Südosteuropa), Ioana Avădani (CIJ) und Dobromir Zhivkov (Business Development Manager und Medienanalyst des Market Links Instituts).

Was Statistik an die Oberfläche bringt

Der streng objektive Ansatz der Studie – das Zählen bestimmter Hit-Words pro Medium – bringt bereits ein deutliches Ungleichgewicht in der Berichterstattung zutage. Als erstes (Diagramm 1) wurde verglichen, welches Medium welche politischen Persönlichkeiten am häufigsten erwähnt, ungeachtet vom Kontext. Gemittelt über alle Medien trafen die meisten Erwähnungen: Premierminister Ponta (1084 Nennungen), Präsident B²sescu (833), Crin Antonescu (520). Schlusslicht der 20-Personen-Liste ist Monica Macovei (44) – verwunderlich laut Zhivkov, sei sie doch die aktivste aller Europaparlamentarier. Prozentual auf die untersuchten TV-Sender aufgeteilt und auf 10 Personen beschränkt, zeigt die nächste Statistik (Diagramm 2) klar Präferenzen der einzelnen Sender: Frappierend der überragende Vorsprung von Gigi Becali bei Antena1, mit über 25 Prozent weit vor Ponta und Băsescu! Ungleich häufiger als die anderen erwähnt der Sender auch Sorin Oprescu, während Daniel Chi]oiu kein einziges Mal vorkommt. Auch Liviu Dragnea wird von Antena 1 kaum beachtet. Ponta ist auf allen Kanälen stark präsent, am wenigsten jedoch bei Antena1. Obwohl die Statistik nicht zwischen positiven und negativen Erwähnungen unterscheidet, kommt die ungleiche Verteilung der Aufmerksamkeit deutlich zutage.
Betrachten wir hingegen positive und negative Erwähnungen separat, schneiden sowohl Ponta (Media Rating - 12,4), als auch Băsescu (- 3,8) und Antonescu (- 6,0) schlecht ab. Der Premierminister wird, obwohl er die häufigsten Erwähnungen verzeichnet, von der rumänischen Presse am negativsten behandelt.

In Bezug auf öffentliche Institutionen sind die Erwähnungen (ohne Wertung) wie folgt verteilt: An der Spitze die Regierung (386 Nennungen), nach großer Lücke folgen Parlament (360), USL (360), PSD (304), PNL (288), Staatsanwaltschaft (271), PDL (245), Bukarester Rathaus (180), Verfassungsgerichtshof (128), Senat (98), Internationaler Währungsfonds (89), Justizministerium (88), Gesundheitsministerium (84), EU-Kommission (77), Abgeordnetenkammer (76), Präsidialamt (66),   Chevron USA (66), DNA (60), Transportministerium (59) und Polizei (57). Hier sei laut Zhivkov die schlechte Platzierung der sehr aktiven Staatsanwaltschaft auffällig.
Beim Vergleich der Erwähnungen in TV-Sendern fällt auf, dass Antena1 dem Bukarester Rathaus mit Abstand die größte Aufmerksamkeit verleiht, an zweiter Stelle der Regierung, an dritter der Staatsanwaltschaft und erst dann dem Parlament; die PNL hingegen existiert über-haupt nicht.
Derselbe Vergleich, bezogen auf die Zeitungen: „Adev²rul“ berichtet am meisten zur Regierung, am wenigsten zum Senat. „Jurnalul Na]ional“ erwähnt im Vergleich zu den anderen die Staatsanwaltschaft deutlich häufiger. „Evenimentul Zilei“ berichtet mehr als andere zu USL, PDL, PNL und PSD.
Eine weitere Fragestellung betraf die Häufigkeit, mit der die Meinung einer politischen Person oder öffentlichen Institution als Einflussträger von der Presse übernommen wird. Hier führt im Gegensatz zu vorher Präsident B²sescu (333 Fälle) deutlich vor Ponta (256), gefolgt von Antonescu (229), Protestlern (184), PDL (113), PNL (101), Bürgern (89), Staatsanwaltschaft (89), Gewerkschaften (57), Elena Udrea (38), Parlament (32), Regierung (32), Liviu Dragnea (32), Valeriu Zgonea (30), Dan Voiculescu (28), Opposition (27), Justizministerium (27), Vasile Blaga (24) und Verfassungsgerichtshof (24). Prägnanteste Erkenntnis: Die Opposition ist mit ihren Aussagen fast nicht präsent. Und: Elena Udrea wird häufiger zitiert als Regierung oder Parlament.

Konsumverhalten reflektiert Vertrauen

Aus der Umfrage ergaben sich folgende Erkenntnisse: In die Unabhängigkeit der Medien haben nur 20 Prozent der Befragten Vertrauen, 52 Prozent glauben nicht an Pressefreiheit. Ebenfalls 52 Prozent gaben als ihre Hauptquelle für politische Informationen das Fernsehen an, gefolgt von Online Medien (29 Prozent), Radio (8) und Zeitungen (7). Auf die Frage, welchem Medium man am meisten vertraue, nannten 30 Prozent das Fernsehen, 27 Prozent das Internet (ohne Spezifikation abgerufener Informationsquellen – hier mögen auch soziale Netzwerke eine Rolle spielen), gefolgt von Radio (13 Prozent) und Zeitungen (11). Interessant: Die Vertrauensbilanz reflektiert das Konsumverhalten – also Menschen, die viel fernsehen, schreiben auch dem TV die größere Glaubwürdigkeit zu. Zeitungen hingegen sind nur noch für Menschen in Entscheidungsfunktionen relevant, weil dort Zusammenhänge komplexer dargestellt werden als im „schnellen“ Fernsehen. Überraschend ist, dass die Sparte der über 60-Jährigen das größte Vertrauen dem Internet schenkt, weil es sich bei diesen nicht um die typische Facebook-Generation handelt, sondern aktive Informationssuche vermuten lässt.
Im Vergleich zwischen Stadt und Land spielt auf dem Dorf nahezu ausschließlich das Fernsehen eine Rolle. Bedenklich in Anbetracht der Tatsache, dass Fernsehsender in Bezug auf Objektivität der Berichterstattung dramatisch schlechter abschneiden als die gedruckte Presse. Dazwischen liegen die News im Radio, die jedoch deswegen eine geringe Rolle spielen, weil Radiosender nach Musikangebot ausgewählt und Nachrichten eher zufällig mitkonsumiert werden.

Emotionale Politik und Bestätigung vorgefasster Meinungen

An der Diskussion der Ergebnisse beider Studien beteiligten sich Gelu Trandafir, Direktor für Kommunikation bei Freedom House Romania, Ion M. Ioniţă, Senior Editor der „Adevărul“ und Chefredakteur von „Historia“, und Ioana Avadani. Trandafir bezeichnet die Medien als sehr polarisiert und sieht deutliche Defizite in der Pressefreiheit, obwohl Parteien und Politiker kritisch betrachtet würden, zumal es sich nicht um zielgerichtete Kritik handele, sondern „jeder jeden kritisiert, alle kritisieren – und die Leute schauen das, was ihre eigene Meinung bestätigt“. Im Vergleich zu den qualitativ besseren Printmedien seien die TV-Sender deutlich parteiisch und böten schlechte Informationsqualität. Die Konsumenten allerdings zeigten zunehmende Abhängigkeit vom TV. Bei vielen läuft der Fernseher als Dauerberieselung im Hintergrund. Avadani bezeichnete das geringe Vertrauen in die rumänischen Medien als wenig überraschend. Seit 2009 seien rumänische TV-Sender von tendenziellen Berichterstattern zu politischen Akteuren avanciert. Trandafir ergänzt: Es geht nicht um legitime politische Wertehintergründe, spürbar als Tendenz in der Berichterstattung – konservativ, national oder liberal –, sondern um eine Entwicklung, die sich von der EU-Presse immer mehr entfernt und bald an das Diktat des Kommunismus heranreicht. „Ein Angriff auf die Menschenwürde, der jede Schwelle überschritten hat“, formuliert der Experte harsch.

Ioniţă bestätigt: Das Fernsehen macht Wahlkampagne. Früher jedoch waren für die Bürger BBC und ähnliche Sender Referenzen, heute sind es Talkshows und Sendungen wie „România te iubesc“, emotionale Politik und durch Stars vermittelte Meinungen. Avadani hält vor allem Talkshows für Meinungsbildner, aber auch für reine Unterhaltungssendungen, die den Konsumenten dazu dienen, die eigene Präferenz emotionell zu bestätigen und sich mit ihrer Ansicht wohl zu fühlen. „Die Leute schauen ihren Politiker wie ihren Lieblingsschauspieler an“, fasst sie zusammen. Doch gerade diese Sendungen seien alles andere als ausgewogen. Interessant auch die Frage, warum Talkshows das Fernsehen immer mehr dominieren. Weil der Dorfklatsch nun im Fernsehen stattfindet? Weil sie den Produzenten wenig kosten und viel Geld einbringen?

Fazit: Die rumänische Presse ist nicht objektiv. Sie ist auch nicht frei. Doch was ist „freie Presse“? Ioni]² gibt zu bedenken, allein der Anspruch darauf sei bedenklich: „Jeder Sender, jedes Medium hat ein bestimmtes Werteset: demokratisch, national, sozial, liberal... Diese Werte sollen der Bevölkerung ‚verkauft‘ werden und das ist bekannt. Es ist gefährlicher zu sagen, ‚wir sind neutral‘, als zu sagen, ‚wir sind aus dieser oder jener politischen Sphäre‘.“ Die Konsumenten, fährt er fort, könnten sehr gut unterscheiden, „ach, das sind die Leute von B²sescu“, und sagten sich dann vielleicht, „nun will ich aber mal sehen, was die andere Seite dazu sagt2. Ein logischer Denkansatz. Doch das Konsumverhalten der Menschen spricht dagegen. Auch in Bulgarien wurde eine ähnliche Umfrage durchgeführt, verrät Spahr. Dort sei der Bürger noch skeptischer in Bezug auf Medienfreiheit, die Verquickung Politikmache und Fernsehen noch deutlicher. Und doch dominiert dort das Fernsehen noch stärker als hier das Konsumverhalten und genießt noch mehr Glaubwürdigkeit...
„Mit eigenen Augen sehen“ – wenn auch nur im Flimmerkasten und dort, wo die Kamera gerade hinschaut – galt schon immer als Synonym für die Wahrheitsfindung. Umso mehr, wenn es das ist, was man auch sehen will...

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