Priesterseminar als korruptes Unterdrückungssystem

Daniel Sandus Spielfilmdebüt in den rumänischen Kinos

Freitag, 20. Oktober 2017

Daniel Sandu schafft mit seinem neuen Streifen ein beachtliches Spielfilmdebüt.

Der 1977 in Piatra Neamţ geborene rumänische Regisseur und Drehbuchautor Daniel Sandu ist, nach mehreren Fernsehserien und Kurzfilmen, erstmals mit einem Spielfilm an die Öffentlichkeit getreten. Sein zweieinhalb Stunden dauernder Debütfilm trägt den Titel „Un pas în urma serafimilor“ (Einen Schritt hinter den Seraphim) und wird seit Ende September in den rumänischen Kinos gezeigt, u. a. auch im Rahmen des derzeit laufenden Filmfestivals „Les Films de Cannes à Bucarest“.

Der Film spielt in einem Priesterseminar der rumänisch-orthodoxen Kirche, in dem die Zöglinge theologisch ausgebildet und auf ihren späteren kirchlichen Dienst als Popen vorbereitet werden. Man spürt bereits in den ersten Sequenzen des Films, dass der Regie führende Drehbuchautor, der sein Filmprojekt vor Beginn der Dreharbeiten bereits mehr als zehn Jahre mit sich herumtrug, genau wusste, worüber er schrieb und wovon sein Film handeln sollte, denn Daniel Sandu besuchte selbst in seiner Jugend das Theologische Seminar „Sfântul Gheorghe“ in der im moldauischen Norden Rumäniens gelegenen Stadt Roman. Trotz zahlreicher Probleme erlebte er seinen damaligen Aufenthalt im Priesterseminar als „wunderbare Jahre“, wie er in einem Interview jüngst bekannte: als Zeit der Reifung, der Metamorphose, des Ausschlüpfens aus dem Kokon, der Beflügelung und der Ausbildung seiner eigenen Persönlichkeit.

So hat Daniel Sandu dem jugendlichen Protagonisten seines Films, dem von [tefan Iancu hervorragend gespielten Zögling Gabriel, gewiss viel von seinen damaligen authentisch erlebten eigenen Erfahrungen mitgegeben. Damit wird zugleich von vornherein deutlich, dass es in diesem Film nicht in erster Linie um eine Kritik an der rumänisch-orthodoxen Kirche geht, die darin gleichwohl negativ genug gezeichnet ist, sondern um den, wenn man es pathetisch formulieren will, Überlebenskampf eines jungen Menschen mit besten Absichten und festen Überzeugungen innerhalb eines Erziehungs- und Ausbildungssystems, das ihn desillusioniert, ihn demütigt und seine Hoffnungen aufs bitterste enttäuscht. Unterdrückung, Unterjochung, Unterwerfung im institutionellen Erziehungsprozess sind also die Themen dieses Films, wie sie etwa auch in der deutschsprachigen Literatur um 1900 intensiv behandelt wurden, man denke nur an Hermann Hesses „Unterm Rad“, Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ oder Rainer Maria Rilkes „Die Turnstunde“, wobei es in allen diesen Erzählungen um die zerstörerische Wirkung einer pädagogischen Institution auf deren Zöglinge geht, sei dies nun eine Klosterschule, ein Internat oder eine militärische Erziehungsanstalt.

Durchgehende Spannung gewinnt Daniel Sandus Film durch den zunächst latenten, dann manifest werdenden und immer größere Ausmaße annehmenden Grundkonflikt zwischen dem Seminaristen Gabriel und dem Ausbildungspriester und späteren Direktor des Theologischen Seminars Ivan, verkörpert durch den grandiosen Vlad Ivanov, der den gesamten Film durch sein exorbitantes Können schauspielerisch trägt. Ivan führt den gutgläubigen Gabriel nach und nach in seine eigene Welt ein, in der Kontrolle alles ist, in der kein Ehrenwort gilt, in der süßes Umgarnen abrupt mit brutaler Züchtigung alterniert, in der Moral, Glaube und Anstand leere Worte sind, in der sadistische Demütigung zum Alltag gehört, in der Korruption und Egoismus regieren. So erscheint Ivans Reich nicht als heile Welt religiösen Rückzugs, sondern als Spiegelbild der Gesellschaft, als deren Zerr- und Brennspiegel, in dem der deplorable Zustand dieser Gesellschaft zur Entzündung und zum Aufflammen gebracht wird.

Selbstverständlich steht Gabriel nicht nur unter der Knute Ivans, sondern in einer Reihe weiterer menschlicher Beziehungen, in deren Machtgefälle er sich behaupten muss: im Verhältnis zu den Eltern, die ihren Sohn in der Zukunft unbedingt als Priester sehen wollen; im Verhältnis zu seinen Mitseminaristen, vor allem zum unangefochtenen Alphamännchen Olah (Toto Dumitrescu) oder auch zu seinem besten Freund Aid (Ali Amir); im Verhältnis zu seiner streng verbotenen und deshalb heimlichen Freundin in der Stadt oder im Verhältnis zu anderen Erziehern oder Respektspersonen des Theologischen Seminars. So sucht sich Gabriel einen Weg durch den Dschungel von Verrat und Erpressung, durch das Dickicht von Vertrauensbruch und Demütigung, indem er zwar einerseits an dem losen Treiben der Jugendlichen teilnimmt, andererseits aber zugleich Distanz wahrt und vor allem etwas beherrscht, wozu die anderen nicht fähig sind: „nein“ zu sagen, nicht nur angesichts ihn bedrohender Autoritäten, sondern auch gegenüber seinen Kameraden. Dieser Widerstand gegen die Macht, diese „Tapferkeit vor dem Freund“ (Ingeborg Bachmann) zeichnen den jungen Gabriel aus, der sich damit auch über den Priester Ivan erhebt, welcher dadurch nur noch mehr dazu angestachelt wird, Gabriel zu quälen. Dass Ivan am Ende als Direktor des Theologischen Seminars seinen Hut nehmen muss, ist nicht nur das Verdienst Gabriels, sondern letztlich auch das einzige Hoffnungszeichen in einem bis ins Mark korrupten und völlig pervertierten Erziehungs- und Gesellschaftssystem.

Der englisch untertitelte Film besticht nicht nur durch die Qualität seiner Schauspieler und den Realismus des Dargestellten, sondern auch durch seinen situativen und sprachlichen Humor, durch seine beeindruckenden Bilder (George Dăscălescu), durch seine die Handlung begleitende Musik (Marius Leftarache), die den ganzen Film mitträgt. Unvergesslich die Szene, in der Gabriel inmitten einer Maskenprozession, die an seiner künftigen Dorfpfarrei vorbeizieht, plötzlich die Fratze des Teufels erkennt und dabei schlagartig in die Abgründe seiner gegenwärtigen Erziehungs- und Ausbildungssituation blickt! Unvergesslich ebenso die Szene, wo zwei hübsche junge Frauen im vollen Bewusstsein ihrer umwerfenden Wirkung auf die Priesterzöglinge am vergitterten Zaun vorbeidefilieren, hinter dessen Stäben die Seminaristen wie wilde Tiere in Gefangenschaft den unerreichbar entrückten Objekten ihrer Begierde verge-bens nacheilen! Wie hier als junge Männer, so bleiben die Seminaristen auch als priesterliche Aspiranten immer einen, gleichwohl entscheidenden, Schritt hinter den von Gott geschaffenen und glühend verehrten himmlischen Engeln zurück.

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