Privateisenbahn: Technische Aufrüstung allein reicht nicht

Auf Kurzstrecken sind Schwarzfahrer mehr als nur geduldet

Donnerstag, 17. Januar 2013

40 Triebwagen verkehren allein in der Westregion auf den von Regiotrans betriebenen Strecken. Fahrgäste können im Falle stichhaltiger Argumente über den Fahrplan mitentscheiden. Foto: Zoltán Pázmány

Leichte Züge, nur aus zwei Triebwagen bestehend, verkehren auf mehr als eintausend Kilometern Eisenbahngleis allein in den westrumänischen Verwaltungskreisen Arad, Karasch-Severin, Hunedoara und Temesch. Die Züge befahren Strecken, die die Nationale Eisenbahngesellschaft CFR als „unrentabel“ bezeichnet und mit einem jeweils fünf Jahre währenden Mietvertrag an private Unternehmer weitergibt. Ein Großteil der Kurzstrecken werden von Zügen der Gesellschaft Regiotrans, mit Hauptsitz in Kronstadt, befahren. „Mit den leichten Zügen können wir wirtschaftlicher und auch schneller fahren, als wenn eine Diesellok zwei Waggons hinter sich herziehen würde“, erklärt der erfahrene Eisenbahner Florin Nita, Direktor der Temeswarer Regiotrans-Filiale. Meist sind es ehemalige Eisenbahner, die heute als Zugführer und Schaffner bei Regiotrans eingestellt sind. Zumindest die Gepflogenheiten der Schaffner haben sich auch im privaten Unternehmen über weite Strecken nicht geändert: Sie machen noch immer massiv Geld auf Kosten ihrer eigenen Institution, auf Kosten des Staates und nicht zuletzt auch zum Nachteil der Bürger. Dabei ist Nita darauf bedacht, Mängel im Verkehr zu beheben und „Bürger erneut für das Zugfahren zu begeistern“.

 

 

Schwarzfahrt vom Schaffner gefördert

Begeistert waren bestimmt welche an jenem 30. November 2012, die am Vortag des Nationalfeiertages auf der Strecke Temeswar – Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare unterwegs waren. Anstandslos kassiert der Schaffner die zwischen 1 – 5 Lei Kleingeld, die er einsteckt, um mindestens die Hälfte aller Reisenden ohne Ticket zu belassen. Manche scheint er – den Gebaren nach – bereits zu kennen, in seltenen Fällen fragt er nach der Destination, doch eine abweisende Geste gegen Bestechung macht er nicht. Als ihm dann doch letztendlich die Ausfolge einer Fahrkarte gefordert wird, ist er damit recht unglücklich. Gereizt meint er, „Sie kriegen ja ihre Fahrkarte“. Auf ausdrückliche Forderungen nach einem Fahrschein ist nicht nur der Schaffner verblüfft, sondern auch die meisten Reisenden. Von „jeder fährt doch schwarz“, über „mir reicht das Geld für ein Ticket nicht“, bis hin zu „ich sah eine gute Gelegenheit, was einzusparen“, gehen im Waggon die Meinungen. Ob dem Schaffner nun am Ende Ärger droht, interessiert niemanden. Jeder ist sich selbst der Nächste und will ungenannt davonkommen. Von horrenden Summen Verlust hatte kürzlich ein Verantwortlicher aus dem Verkehrsministerium durch Schwarzfahren mit der Eisenbahn gesprochen. Dass durch ungelöste Tickets auf privat betriebene Strecken Steuergelder an den Staatshaushalt verloren gehen, scheint bisher niemand so richtig wahrzunehmen. Ohnehin sind da eher die privaten Betreiber betroffen. „Wir kontrollieren unser Personal, verpflichten die Schaffner bei Dienstantritt die mitgeführten Geldsummen zu deklarieren, drohen mit Strafen und Entlassungen“, spricht Florin Nita über vorbeugende Maßnahmen. Im gleichen Atemzug gibt er jedoch zu: „Die Schaffner haben viele Tricks auf Lager“. Wohl auch mit ein Grund, dass zu gewissen Uhrzeiten die Weiterfahrt des Zuges von Großsanktnikolaus bis zur Endhaltestelle nach Tschanad/Cenad gestrichen ist.

 

Eisenbahn: Nostalgie und Infrastruktur-Realität

 1035 Kilometerstehen unter der Obhut von Direktor Nita. Dazu kommen 1349 Brücken und Überführungen. All diese müssen gewartet werden. Solche aufwendigen Arbeiten sind ebenfalls ein Grund, warum Regiotrans zumindest momentan keinen Anlass sieht, touristisch attraktive Strecken wie jene zwischen Anina und Orawitza zu befahren. „Die Schneeräumung entlang der Strecke ist extrem mühsam und aufwendig“, sagt der Regionalleiter des privaten Eisenbahnunternehmens. Bei der anstehenden Problematik kann er leicht die Tatsache übergehen, dass in den Waggons keine Abfallbehälter angebracht sind, oder dass es kaum Bahnhöfe gibt, in denen sich das Betreiberunternehmen einen Fahrkartenschalter leisten kann. Auch deshalb nicht, weil manchmal das ehemalige Bahnhofsgebäude auf den Dörfern anderweitig vermietet ist.

Um Kunden heranzuziehen, baut Regiotrans auf eine Flexibilität, die bei der Nationalen Eisenbahngesellschaft CFR nicht gegeben ist. Stehen nämlich Warteschlangen vor den Fahrkartenschaltern, können Passagiere das Ticket direkt beim Schaffner lösen, und das ohne den in solchen Fällen gängigen Zuschlag. Dazu kommt, ein etwas gehobener Komfort, der sonst bei Ortszügen nicht gegeben ist. Komfort heißt für Nita auch kürzere Fahrtzeiten, doch die sind nur bedingt gewährleistet. Veraltete Infrastruktur, auf der keine hohen Geschwindigkeiten möglich sind, lässt nach wie vor viele Fahrgäste den Bus oder das Reisen per Anhalter vorziehen. Außerdem fehlt in vielen Bahnhöfen die Gelegenheit zu Ausweichmanöver, damit Gegenzüge aneinander vorbeikönnen. Das Angebot mit Dauerfahrkarten gilt auch beim privaten Zugunternehmen. „Das sind sichere Fahrgäste und sicheres Geld“, sagt Direktor Nita. Auf die Einnahmen seiner Schaffner durch täglichen Ticketverkauf kann er sich - wie bereits erwähnt – wohl nur bedingt verlassen. 

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