Privatkliniken zittern um Patienten und Personal

Neue Reformabsichten im Gesundheitsministerium

Mittwoch, 23. Januar 2013

In einem Flügel des ehemaligen Krankenhauses in Busiasch (siehe Foto) ist heute eine Privatpoliklinik untergebracht. Diese hat mit dem medizinischen Zentrum einen Vertrag der Zusammenarbeit geschlossen. Foto: Zoltán Pázmány

Die Debatte um das rumänische Gesundheitssystem ist in diesen Tagen intensiver als je zuvor. Es geht nicht nur um die Finanzierung von der Krankenkasse der öffentlichen bzw. privaten Spitäler, sondern auch um den Sinn der Auflösung vor nahezu zwei Jahren mehrerer Krankenhäuser in Kleinstädten und Gemeinden. Die damals als Reform angesehene Initiative von Minister Attila Cseke, gilt heute als Schlag ins Wasser. In den öffentlichen Krankenhäusern soll die Patientenbetreuung in Zukunft besser werden, verspricht der derzeitige Ressortminister Eugen Nicolăescu. Dafür will er bereits in Kürze die Mitfinanzierung von privaten Kliniken aus den Geldern der Krankenkasse stornieren. Die Meinungen in dieser Hinsicht gehen weit auseinander: Die Privaten finden es als Verlust für Patient und Medizin in Rumänien, im öffentlichen Gesundheitswesen wird es als „korrekte Maßnahme“ und als „Häppchen Sauerstoff“ gewertet.


„Früher hatten die Patienten hier ihre Betreuung und regelmäßig ihre Medizin, heute kommen sie erst dann, wenn es ihnen ganz schlecht geht“, heißt es in der Notaufnahme des sogenannten Medizinischen Zentrums in der Kleinstadt Busiasch im Verwaltungskreis Temesch. Es ist nur eine von vielen Krankeneinrichtungen, die im Frühjahr 2011 ihren Status einbüßten und umgewandelt wurde. Im besten Fall blieben sie medizinische Zentren, andere wurden sogar komplett zweckentfremdet und sind heute Altenheime. Etwa 15 Patienten kommen derzeit im Tagesdurchschnitt in die Notaufnahme nach Busiasch. In Notfällen mit dem Rettungswagen; wer aus eigener Initiative das Zentrum aufsuchen möchte, reist an, womit er kann – manchmal auch mit dem Heuwagen. Insgesamt 20.000 Einwohner im Kurortstädtchen und aus den Dörfern der Umgebung hatten im Krankenhaus in Busiasch ihre Ansprechpartner.

 

In einer Notaufnahme können einzelne Fälle nicht systematisch verfolgt werden, heißt es beim medizinischen Personal in Busiasch. Idee bei der Schließung der kleinen Krankenhäuser war, den Bürgern die Alternative in einem großen und weitaus besser ausgestatteten Krankenhaus zu bieten. Im Falle der Bevölkerung im Raum Busiasch wäre das das Kreiskrankenhaus in Temeswar, doch einen Aufenthalt in der 30-40 Kilometerentfernten Großstadt versuchen viele zu umgehen. Für sie ist das Kreiskrankenhaus in Temeswar „weit entfernt und mit Kosten verbunden“, vermutet so mancher. Die medizinische Betreuung sei für den Bürger unter den derzeitigen Gegebenheiten mit weitaus höheren Kosten verbunden, sagt Dr. Liviu Dăescu, Leiter des medizinischen Zentrums in Busiasch, der BZ gegenüber. Für chronisch Leidende war das Krankenhaus in Busiasch ausreichend gut, so D²escu. Fakt ist, dass sich Patienten zu Hause nicht ausreichend versorgen, glaubt das Personal vor Ort, egal ob Ärztin, Krankenschwester oder Pflegepersonal. Seit der Schließung des Krankenhauses hat sich der Gesundheitszustand der Patienten, in vielen Fällen ältere Semester, angeblich verschlimmert. Nicht zuletzt war damals das Krankenhaus in Busiasch als Erstversorgung in Notfällen auch für Bürger aus dem anrainenden Verwaltungskreis Karasch-Severin da. „Bei einem Notfall sind Patienten aus manchen Dörfern aus dem Randgebiet des Kreises Karasch-Severin eher nach Busiasch, als in der Kreishauptstadt Reschitza gefahren. Heute kommen welche, um sich zu überzeugen, dass das Krankenhaus im Ort nun wirklich geschlossen ist“, sagt der Bürgermeister von Busiasch, Viorel-Alger Ila{. Der Gesundheitsminister Eugen Nicol²escu glaubt, die Krankenhäuser seien im Frühjahr 2011 „aufgrund von politischen Entscheidungen geschlossen worden, die realitätsfremd sind“. Den einzigen Grund, den Nicol²escu für die unüberlegte Schließung der Krankenhäuser in den ländlichen Gegenden sieht, sei der Drang gewesen, „dem IWF zu zeigen, dass eine gewisse Anzahl an Betten und gleichzeitig Summen gestrichen wurden“, sagt Nicol²escu. Der Minister gibt zwar zu, dass eine Reform im Gesundheitswesen notwendig ist, doch müsse eine solche auf genauen Analysen fußen und auf einen gemeinsamen Nenner mit den Kommunalverwaltungen kommen. „Es wäre absurd, wenn das Gesundheitsministerium nun in mehr als 350 Krankenhäusern entscheiden will, was, wie gemacht werden soll. (...) Das Ministerium ist keine Dorfhebamme“, so Minister Nicolăescu.

Kassenpatienten dürften sich grundsätzlich freuen

Um ganz andere Summen geht es beim Disput zwischen den öffentlichen und privaten Krankenhäusern. Zwischen 6 – 17 Prozent liegen die Anteile, die das Ministerium derzeit privaten Kliniken in Rumänien zukommen lässt. Bereits zum 1. März soll diese Mitfinanzierung wegfallen. Während staatliche Einrichtungen bei solcher Art Voraussetzungen frohlocken, zeigen sich private Krankenhäuser von der Maßnahme recht betroffen. Die Gelder, die die Nationale Krankenkasse einnimmt, könnten nicht „durch das ganze Land gestreut werden“, sagt der Arzt Mircea Beuran aus dem Bukarester Notfallkrankenhaus Floreasca. Er setzt auch noch einen drauf: Es gäbe kein privates Krankenhaus, das nicht schon mal komplizierte Fälle, wegen dem Krankheitszustand des Patienten, oder wegen eines technischen Versagens, in die Notaufnahmen der öffentlichen Krankenhäuser geschickt habe. Im Gegenzug gibt es massive Unzufriedenheit aus dem Lager der Privatmedizin. Zunächst stünden höhere Tarife für die Privatpatienten an, danach folge der „Exodus“ an Ärzten und Patienten, heißt es im westrumänischen Arad. Der Direktor des Privatkrankenhauses „Sfântul Gheorghe“ in der Kleinstadt Chişineu Criş, Dr, George Preotescu, glaubt, bei einer angekündigten Streichung der Gelder aus dem Haushalt der Krankenkasse für die privaten Einrichtungen würden die Tarife für die Patienten in ihren Einrichtungen um 25 – 30 Prozent steigen. Dies würde dann die Patienten veranlassen, sich in anderen Ländern der Europäischen Union behandeln zu lassen. Im Endeffekt käme es dazu, dass die Krankenhäuser aus anderen EU-Staaten danach aufgrund der Formulare vom Typ E sich die Kosten aus Rumänien vergüten lassen würden, sagt Preotescu, „was den rumänischen Staat viel teurer zu stehen kommen wird“. Mit Zahlen belegt Preotescu den Aufwand aller Art in seiner Klinik: Die Einrichtung hat 140 Betten, zwölf Fachausrichtungen, 112 Mitarbeiter und hat im Jahr 2012 etwa 10.000 Patienten behandelt. In Entbindungskliniken gibt es ebenfalls massiv Kritik an dem Versuch, die staatlichen Gelder zu streichen. Der Gründer der privaten Gesundheitseinrichtungen „Regina Maria“, Dr. Warga Enayati, Facharzt in Kardiologie, glaubt, dass die angesagte Maßnahme des Gesundheitsministeriums die Patienten stark treffen werde. Jedes Jahr werden in der Entbindungsklinik seiner Einrichtung allein in Bukarest etwa 2500 Kinder geboren. Man werde im „Regina Maria“ versuchen, sich nach der eventuellen Kürzung der Summen vom Staat so orientieren, dass die Auswirkungen langfristig gering bleiben. Auf jeden Fall würden jedoch die finanziellen Beteiligungen der Patienten angehoben, so der Mediziner. Bei einer Geburt bezahle derzeit die Krankenkasse etwa 20 Prozent der Eingriffskosten, sagt Enayati.



Exodus der Mediziner prophezeit

„Patienten, die zuvor hochwertige medizinische Dienstleistungen im Inland suchten, werden sich in Zukunft im Ausland behandeln lassen“, sagt Dr. Ionela Laz²r, medizinische Leiterin des privaten Gesundheitszentrums „Laser System“ in der Kreishauptstadt Arad. Sie ist aber auch überzeugt, dass Ärzte, die ihre Patienten und Einkommen verlieren, ebenfalls ins Ausland ziehen und man so auch mit „einer Welle von Auswanderungen der Ärzte rechnen muss“. In Europa seien Finanzierungen vom Staatshaushalt völlig normal, auch im Falle von Privatkliniken. Man müsse davon ausgehen, dass die Patienten jene sind, die die Krankenversicherungen bezahlen, sagt sie. „Die Versicherten müssen frei wählen können, für welche Dienstleistungen sie sich entscheiden“, so Ionela Lazăr. Im Kreis Arad wird eine eventuelle Umorientierung bei der Geldverteilung von der Krankenkasse insgesamt vier Krankenhäuser treffen. Aus Daten der Arader Kreiskrankenkasse ist zu entnehmen, dass die insgesamt elf Spitäler des Kreises im vergangenen Jahr einen Gesamthaushalt von 119 Millionen Lei hatten, 9,5 Millionen davon flossen auf das Konto der Privaten.

Auf der Gegenseite steigt der Optimismus in den öffentlichen Krankenhäusern. So sagte die Leiterin des nationalen Instituts für Endokrynologie „C.I. Parhon“ in Bukarest, Dr. Diana P²un, dass die Finanzierung für öffentliche Krankenhäuser in den letzten beiden Jahren erheblich gesunken ist. Unterdessen seien immer mehr Patienten geneigt, sich an Letztere zu wenden. Auch die vermeintliche Aussagekorrektur von Minister Eugen Nicolăescu konnte weder die Sachlage klären, noch die Gemüter beruhigen. Er wies darauf hin, dass in einigen Fällen private sanitäre Einrichtungen auch nach dem Stichtag des 1. März Finanzierungen von der Krankenkasse erhalten. Dabei gehe es um Notaufnahmen und  Unfallkliniken, ließ Nicol²escu verstehen. Dies sofort ein Grund für die private Einrichtungskette MedLife, sich gegen eine solche Variante auszusprechen. Prinzipiell sprach sich MedLife als Betreiber von insgesamt sechs Krankenhäusern mit 550 Betten neutral dem Vorschlag der Subventionsstreichungen aus, unterstrich jedoch, dass eine Stornierung der Fonds für Privatmedizin einheitlich und ohne Ausnahmen durchgeführt werden müsse. Um keine Unterschiede zu machen, müsse entweder jedem privaten Spital die Finanzierung gestrichen werden, oder ein eventueller Zuschuss müsse auf klarer Transparenz sowohl in den verschiedenen Verwaltungskreisen, als auch in Bukarest fußen. Die nationale Krankenkasse bezuschusst die Spitäler in Rumänien jährlich mit 1,6 Milliarden Euro, 45 Millionen Euro davon gehen an Privatkliniken. Bei einer Streichung dieser Summe will das Ministerium diese 45 Millionen in Programme für Intensivtherapien, Herzleiden und Kreislaufstörungen investieren. Die Notwendigkeit für solcher Art Behandlungen liegt bei 200 Millionen Lei.

Auch in Patientenvereinigungen chronisch Leidender wird die Intention von Minister Nicolăescu als „Einschränkung der Rechte der Patienten gewertet, was deren freie Wahl des medizinischen Dienstleisters betrifft“. Der Minister seinerseits sagt, dass eine Privatinitiative nicht auf öffentlichen Geldern beruhen dürfe. Mediafax zitiert ihn, indem er sagt, Manager von privaten Krankenhäusern müssten ihre Investitionen so konzipieren, dass diese sich selbst tragen können und nicht auf das bauen, „was sie vom Staat klauen oder durch Beeinflussung zu beschaffen versuchen“.

 

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