ProEtnica – diesmal mit starker Friedensbotschaft

Überraschungsauftritt Reuven Moşcovitz: „Das Festival hier ist eine Art Modell. Das braucht die Welt!“

Sonntag, 04. September 2016

Nur zufällig in Schäßburg: Reuven Moşcovitz

Historische Feinde, heute Freunde: tatarische Tanzgruppe in Schäßburg

Der pittoreske Burgplatz: passende Kulisse für das Trachtenspektakel

„Afrika“ heißt nur der Song. Die Mädchen gehören zum Ensemble Alegrijah des Vereins Soziale Initiative Ruth Zenker.

Jeden Abend ein Konzert: hier die Bucharest Klezmer Band
Fotos: George Dumitriu

Zum 14. Mal jährte sich vom 18.-22. August in Schäßburg/Sighişoara das multiethnische Festival ProEtnica, auf dem sich Rumäniens Minderheiten mit künstlerischen Darbietungen vier Tage lang vor einem vielfältigen Publikum präsentierten. Samstags auf dem Burgplatz: Trachtenparade, Tänze, Musik, ausgelassene Fröhlichkeit. Wir warten auf das allabendliche Rockkonzert. Auf einmal erklimmt überraschend ein einfacher Mann die Bühne. Stadttrommler Dorin Stanciu, der das Festprogramm moderiert, reicht ihm bereitwillig sein Mikrofon. Ein Lied für den Frieden würde er gerne spielen, verkündet der Unbekannte in die gespannte Stille hinein. Denn da, wo er herkommt, gibt es keinen Frieden... Und keine Freundschaft zwischen den Ethnien, so wie hier in Rumänien, so wie hier auf diesem Fest. Entschlossen setzt er die Mundharmonika an. „Ein Stück ist von Mikis Theodorakis, weil der auch Pazifist ist“, erklärt der alte Mann später, das andere von George Enescu. Wer ist dieser Tourist aus Israel, der so mutig und ein wenig anrührend auf der riesigen Festbühne steht und von Frieden und Liebe spricht? Ein wohlverdienter Applaus für eine starke Botschaft, dann beginnt das Rockkonzert...

Der Zufall hätte nicht passender sein können - denn Frieden zu fördern ist die eigentliche Idee, die hinter ProEtnica steckt, wie der Initiator des multiethnischen Festivals, Volker Reiter, Leiter des Interethnischen Bildungszentrums für Jugendliche (IBZ) und des Burghostels in Schässburg, verrät. „Nicht unbedingt das Bewahren von Traditionen oder das Fördern kultureller Aktivitäten, sondern das gegenseitige Kennenlernen und Anerkennen steht im Vordergrund. Und dass man Minderheiten als Ressourcen sieht und nicht als Gefahr.“

In einer Gasse holen wir den Unbekannten und seine beiden Begleiterinnen ein. „Wir waren im Hotelzimmer, da wehte uns Essensgeruch um die Nase und die laute Musik störte uns. Wir hatten keine Ahnung, was hier los ist“, lächelt der 88-Jährige. 1949 aus Boto{ani nach Jerusalem ausgewandert, kehrt er jedes Jahr mit seiner Frau nach Rumänien zurück. Schnell auf ein Blitzgespräch ins Burghostel - und wir können es kaum glauben: Ausgerechnet Reuven Moşcovitz, Pazifist, Gründer einer jüdisch-arabischen Dorfgemeinschaft in Israel, der „Oase des Friedens“, Autor zweier Bücher zum Thema israelisch-palästinensicher Frieden und Träger des Aachener Friedenspreises, haben wir an der Angel! Was ihn zu ProEtnica führte? Der Zufall. Das Schicksal.

Längst gilt ProEtnica als nationales Brand für ein multiethnisches Rumänien. Trotzdem wäre das Festival dieses Jahr beinahe ins Wasser gefallen. Erst im letzten Augenblick - zwei Tage vor Beginn - kamen die finanziellen Zusagen. Wirren nach den Lokalwahlen, schmunzelt Volker Reiter. Erstmals wurde für dieses Jahr die Schirmherrschaft von Staatspräsident Klaus Johannis beantragt - die hat das Festival vermutlich auch gerettet. „Wenn man bedenkt, dass der Präsident heuer nur vier Veranstaltungen seine Schirmherrschaft gewährt hat, dann ist das schon ermutigend“, freut sich Reiter. Auch die deutsche Botschaft und das Departement für Interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung (DRI) unterstützen die Initiative. Zur Eröffnung war Präsidialberater Sergiu Nistor erschienen, das Kulturministerium wurde von Unterstaatssekretärin Irina Cajal-Marin und Carol König vertreten, die Lokalbehörden repräsentierten der Präfekt Lucian Goga und der Schäßburger Bürgermeister Ovidiu Mãlãncrãvean.

ProEtnica wird auch weiterhin ein nationales Fest bleiben, erklärt Volker Reiter, doch die Sichtbarkeit im Ausland soll erhöht werden. Für den wissenschaftlichen Konferenzteil im nächsten Jahr will man daher erstmals internationale Fachleute einladen, auch „um Rumänien als Modell für Minderheitenschutz und ProEtnica als Instrument für interethnischen Frieden zu präsentieren“, so Reiter. Über 600 Teilnehmer und Vertreter von 19 Minderheitenorganisationen waren dieses Jahr zugegen, aber auch Journalisten, die die Festivalsidee in die Gesellschaft tragen. Hinzu kommen etwa 15.000 Besucher. Doch wie jedes Jahr erfolgt die eigentliche Aufmerksamkeit erst nach dem Fest, wenn nationale Sender verstärkt über Minderheiten berichten, weiß Reiter aus Erfahrung.

Neben Tanz- und Gesangsdarbietungen, Konzerten, Ausstellungen und Dokumentarfilmen zum Thema Minderheiten gibt es auch einen wissenschaftlichen Vortragsteil, dessen Höhepunkt eine Konferenzdebatte über interethnische und interreligiöse Beziehungen darstellte. Unter der Moderation von Aurel Vainer, dem Vertreter der jüdischen Gemeinschaft mosaischen Glaubens, diskutierten die Abgeordneten Drago{ Zisopol (Vertreter der griechischen Minderheiten, orthodox), Adrian Merka (Vertreter der Tschechischen und Slowakischen Minderheit, katholisch) und Amet Aledin, Leiter des DRI, von der tatarischen Minderheit und Muslim. Aus der Debatte ging hervor, dass für die meisten Minderheiten die Religion eine Schlüsselrolle beim Erhalt der ethnischen Identität spielte.

Zisopol berichtet zudem über das Erfolgskonzept von Städtepartnerschaften zwischen Lokalitäten mit griechischer Minderheit in Rumänien und rumänischer Minderheit in Griechenland, die zu außergewöhnlich lebhaften Kooperationen führten. In Rumänien sei eine starke Grecophilie zu beobachten: Aktivitäten der griechischen Minderheit sind auch unter Nicht-Griechen sehr beliebt - und diese herzlich willkommen. Merka machte auf die Problematik der Abwanderung aufmerksam: Die Regierung hat die Minderheiten seit den 90er Jahren stets unterstützt und durch Stabilisierung derselben auch nationale Stabilität erzielt. Doch fragt er sich, wird es langfristig eine multiethnische Zukunft für Rumänien geben? Vainer wies auf die tiefe Verwurzelung der jüdischen Gemeinschaft in Rumänien hin: Juden habe es schon zur Zeit der Römer und Daker gegeben, sogar als Söldner in den Truppen von Decebal. Der Arzt von Stefan dem Großen sei Jude gewesen und Juden hätten die Marktwirtschaft eingeführt.

Gelobt wurde der gute Dialog zwischen den Ethnien, ProEtnica sei der beste Beweis dafür. „Wir sind stets präsent bei bei ProEtnica- auch, um zu zeigen, wer wir waren und wer wir sind“, versichert Vainer. Merka streicht den Beispielcharakter Rumäniens vor dem europäischen Hintergrund heraus: „Es gibt viele, die sich wundern, wie frei wir uns hier ausdrücken können und wie groß die Diversität ist.“ Erwähnt wurde auch die Bedeutung eines transnationalen osteuropäischen Projekts, „Brücken der Toleranz“ (Podurile tolerantei), das dieses Jahr - ebenfalls unter der Schirmherrschaft des Präsidenten - in Rumänien stattfand. Hauptziel ist die Förderung einer Kultur der Toleranz, der Kampf gegen Diskriminierung und Antisemitismus. Schließlich unterbreitete Vainer den Vorschlag, obsolet gewordene jüdische Synagogen in Zentren für den interkulturellen Dialog zu transformieren und damit eine Tribüne für den kulturellen Austausch unter den Minderheiten zu schaffen.

Reuven Moskovitz erzählt. „Wir kamen nicht wegen ProEtnica her. Wir haben ein paar gute Freunde besucht - Idealisten, die wie wir den Frieden lieben. Die an Liebe und Recht glauben - vor allem an die Liebe! Wir glauben an eine Welt, die man retten kann - doch nicht mit Geld oder Krieg.“ „Wer ist ein Held?“ fährt er fort, und gibt die Antwort auf seine Frage gleich selbst: „Wer seine bösen Instinkte beherrschen kann und uneingeschränkt versucht, den Feind in einen Freund zu verwandeln.“ In Israel sei dies schwierig und mühsam, „leider haben wir wenig Glück...“

Stationen seines Lebens: Aus dem Kibbuz rausgeflogen, weil mit der Politik nicht einverstanden; die Stelle als Professor am Gymnasium verloren, weil er geschrieben hatte: ‚Es gibt auch ein Deutschland, das liebenswert ist‘. „Das Festival hier, das ist eine Art Modell“, bekräftigt Moşcovitz. „Ein Land mit vielen Minderheiten, und jede muss sich ausdrücken dürfen. Das braucht die Welt!“

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