Projekte unterstützen und Ideengeber sein

ADZ-Gespräch mit der ifa-Regionalkoordinatorin Cornelia Hemmann

Mittwoch, 27. Februar 2019

Cornelia Hemmann ist ifa-Regional-koordinatorin für Rumänien, Serbien und Ungarn. Foto: Zoltán Pŕzmány

Seit September 2018 ist die aus Gera in Thüringen, Deutschland, stammende Cornelia Hemmann (34) als ifa-Regionalkoordinatorin für Rumänien, Serbien und Ungarn in Temeswar/Timișoara aktiv. Nach Abschluss der Kulturwissenschaften in Hildesheim arbeitete sie bei der Stadt Braunschweig, wo sie zum Aufbau eines regionalen Netzwerkes für Laienmusiker beitrug. Für ein klassisches Musikfestival, die Niedersächsischen Musiktage, baute sie das Vermittlungsprogramm auf, engagiert war sie auch beim Aufbau eines Internationalen Chorzentrums für Kinder- und Jugendchöre in Hannover. Diese Erfahrung kam Cornelia Hemmann u. a. im siebenbürgischen Fogarasch/Făgăraș zu Gute, wo sie zweieinhalb Jahre als ifa-Kulturmanagerin tätig war. In einem Gespräch mit ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu erzählt die ifa-Regionalkoordinatorin für Rumänien, Serbien und Ungarn unter anderen, worin ihre Tätigkeit besteht und mit welchen Herausforderungen sich Kulturmanager und Gastinstitutionen auseinandersetzen.


Wann und wie kamen Sie das allererste Mal nach Rumänien?

Während meines Studiums war ich schon einmal in Temeswar, als Praktikantin beim Deutschen Kulturzentrum, als Johanna Holst die Leitung innehatte. Mich hatte damals Osteuropa interessiert und eben auch die Kulturarbeit, die auswärtige Kulturpolitik. Ich war nur drei Monate da und habe tolle Erfahrungen gesammelt, aber dann hat es trotzdem noch fast zehn Jahre gedauert, bis ich wieder gekommen bin. 2016 habe ich dann die ifa-Ausschreibung für die Stelle einer Kultur- und Bildungsmanagerin in Fogarasch gesehen und da dachte ich mir: „Ja, warum nicht? Wann, wenn nicht jetzt?” Zu Rumänien hatte ich sowieso schon eine kleine Liebe. So bin ich in Fogarasch als Kulturmanagerin gelandet.

Es gibt schon einen Unterschied zwischen Fogarasch und Temeswar, was ja eine Großstadt ist. Wie haben Sie sich dort eingelebt?

Fogarasch ist eine Stadt, die kein großes Kulturangebot hat, aber ganz reizvoll von der Lage her ist. Es liegt nicht weit von Hermannstadt, von Kronstadt, am Fuße der Fogarascher Berge, und in meiner Gastinstitution, bei der Evangelischen Kirchengemeinde, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Einfach, weil dort sehr viel Engagement war und viel Raum für Ideen. Die Kirchengemeinde betreibt ein Jugendzentrum, das Jugendzentrum Seligstadt/Seliștat. Standort dafür sind die beiden Kirchenburgen in Bekokten und Seligstadt. Dort wurde und wird kontinuierlich viel Energie in den Ausbau und in die Erweiterung gesteckt. Jedes Jahr findet die Kinderspielstatt statt, die sehr groß ist und jedes Jahr wächst, eine Kinderuniversität, und das hat mir einfach viel Raum für eigene Ideen gegeben, aber auch zum Unterstützen von dem, was schon läuft.

Sie waren zweieinhalb Jahre in Fogarasch. Wie kamen Sie dann nach Temeswar?

Als die Stelle der Regionalkoordination im vergangenen Jahr ausgeschrieben wurde, bewarb ich mich. Ich finde diesen Posten sehr spannend, auch die Zusammenarbeit mit den anderen Ländern, Ungarn und Serbien. Ich dachte mir, dass ich den Kulturmanagern etwas aus meiner bisherigen Erfahrung geben kann, in Sachen Beratung beispielsweise.

Worin besteht Ihre Arbeit als ifa-Regionalkoordinatorin für Rumänien, Ungarn und Serbien?

Die Arbeit ist breit gefächert. Das ifa hat seinen Sitz in Stuttgart und im Rahmen des Entsendeprogramms gibt es zwei regionale Koordinationsbüros, jenes in Temeswar und jenes in Oppeln, Polen. Wir sind „Auge und Ohr“ in der Region. Es ist z. B. eine Aufgabe, informiert zu sein über das aktuelle Geschehen in der deutschen Minderheit, was passiert politisch, was sind gerade die Themen. Dazu kommt regelmäßiger Kontakt mit den Partnern, die jährlichen Planungstreffen, sich auszutauschen, und das, was passiert, wieder nach Stuttgart zu kommunizieren. Auf der anderen Seite ist eine der wichtigsten Aufgaben, die Kulturmanager zu betreuen. Wir haben vier Entsandte in Rumänien, eine in Sombor, Serbien, und eine in Fünfkirchen/Pécs in Ungarn. In Rumänien gibt es Kulturmanager beim Deutschen Forum in Sathmar (Arthur Glaser), beim Funkforum in Temeswar (Florian Kerzel), in Hermannstadt ist Aurelia Brecht sowohl für das Deutsche Forum als auch die Stiftung Kirchenburgen tätig. Meine Nachfolgerin in Fogarasch ist Constanze Thielen. Meine Aufgabe ist es, die Kulturmanager während ihrer Entsendung zu betreuen, mit den Gastinstitutionen in Kontakt zu bleiben, sie in ihren Projekten zu beraten, usw. Darüber hinaus stehe ich natürlich auch mit weiteren Vertretern der deutschen Minderheit in Kontakt, wo keine Kulturmanager entsandt sind und berate bei Projektanträgen oder werbe für unsere anderen Programme wie z. B. das Kulturassistenten- und Hospitationsprogramm. Hinzu kommen auch einige Eigenprojekte. Ich organisiere einmal pro Jahr eine Mitarbeiterwoche, das Regionaltreffen, das in diesem Jahr im April in Hermannstadt stattfinden wird. Im Rahmen dessen findet beispielsweise ein Netzwerktreffen und eine Fortbildung für die Kulturmanager statt.
Monica Kovats hatte in den letzten drei Jahren das Projekt „InterKultural“ angestoßen, wo es um den Austausch von Jugendlichen aus den verschiedenen Minderheiten zu aktuellen Themen geht. Diese erfolgreiche Initiative möchte ich gern fortführen.

Es ist viel Verwaltungsarbeit dabei. Das ist sehr unterschiedlich zu dem, was Sie bisher gemacht haben. Wie empfinden Sie diese Arbeit?

Es stimmt, es ist mehr Verwaltung. Auf der anderen Seite habe ich doch die eine oder andere Möglichkeit, Dinge zu bewegen, Richtungen anzustoßen oder Themen zu setzen, weil ich auf einer anderen Ebene Ansprechpartner für die Institutionen der deutschen Minderheit bin. Manchmal fehlt mir schon der direkte Kontakt z. B. zur Jugend, aber den wird es durch Projekte sicherlich auch wieder geben. Es ist aber auch schön, andere Projekte zu unterstützen und Ideengeber zu sein, und dann zu sehen, dass manches davon umgesetzt wird.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Entsandten in Serbien und Ungarn?

Ich habe bisher alle Kulturmanager besucht, mit der Ausnahme der Entsandten in Fünfkirchen, aber dafür war ich in Budapest auf einer Konferenz, wo ich viele Partner und Akteure getroffen habe. Heutzutage funktioniert natürlich vieles einfacher, über Telefon, Skype, u. Ä. Ich merke trotzdem, dass es natürlich etwas anderes ist, wenn man mit jemandem direkt sprechen und sich ein direktes Bild schaffen kann. Deswegen bin ich auch nach Sathmar gefahren, zum Beispiel. Ich war beim Deutschen Kulturabend dabei und habe mit einigen Aktiven vor Ort sprechen können. Das ist wichtig. Sonst entwickelt man eine Vorstellung von einem Standort und es ist nicht unbedingt die Realität. Ich bemühe mich, vor Ort zu sein.

Stichwort Jugendarbeit: Wie schwer ist es überhaupt, junge Leute für deutschsprachige Projekte zu begeistern?

Ich würde nicht sagen, dass es besonders schwer ist. Ich habe das Gefühl, dass gerade hier, in Rumänien, mit dem bestehenden Schulsystem, so wie es ist, Schüler ganz froh sind, wenn es mal etwas anderes gibt, was nicht so formal ist. Sie freuen sich wahnsinnig über Austausche mit anderen. Alle Projekte, die international sind, oder sei es auch innerhalb des Landes, bringen eine solche Motivation. Das funktioniert sehr gut. Eine Schwierigkeit ist aber in Rumänien das Schulsystem. Die meisten Schüler, gerade wenn sie dann älter sind, sind so ausgelastet mit dem, was sie für die Schule leisten müssen, mit Nachhilfestunden zum Beispiel, dass man nicht einfach mal etwas am Nachmittag oder am Wochenende unternehmen kann. An manchen Orten gibt es sogar ein Überangebot.

Grundsätzlich, würde ich sagen, sind die Kinder und Jugendlichen aufgeschlossen, auch mit der Sprache, das funktioniert gut. Die größte Herausforderung ist, sie längerfristig zu binden. Wenn ich persönlich Kinder- und Jugendprojekte mache, sage ich, dass ich ihnen ein Angebot zur Persönlichkeitsentwicklung bieten kann. Egal, was sie später machen, werden sie irgendwie davon profitieren und als starke Persönlichkeit oder Mensch mit eigenen Interessen in die Welt gehen. Man kann sie nicht zwingen, sich dort zu engagieren, wo sie das herbekommen haben. Das wäre ein Einkauf-Verkaufsverhältnis. Daher bleibt trotzdem die Herausforderung für die Institutionen, Wege zu finden, wie man Jugendliche längerfristig binden kann und das ist eben die Schwierigkeit. Aber ich denke, wenn man die Jugendlichen mitnehmen möchte, muss man ihnen auch Verantwortung übertragen. Dass man sie in die Gremien miteinbezieht, dass man sie ernst nimmt.

Wie empfinden Sie Temeswar, die Europäische Kulturhauptstadt 2021?

Als ich das erste Mal 2008 hier war, habe ich mich in die Stadt verliebt. Aber es hängt vielleicht mit dem Alter oder damals mit der Jahreszeit, dem Frühling, zusammen (lacht). Das habe ich jetzt nicht mehr ganz so empfunden. Was mich doch ein bisschen überrascht: Wenn man durch die Innenstadt läuft und überhaupt durch das innenstädtische Gebiet, so ist z. B. der Domplatz wunderschön hergerichtet, aber es gibt noch so viel zu tun. Es ist schade, denn diese Stadt hat so viel Schönheit, eine tolle Geschichte und so viel zu bieten. Ich habe Temeswar damals als sehr westlich, sehr modern empfunden. Auf der anderen Seite hat man das Gefühl, es zerfällt alles, es fehlt anscheinend überall an Geld. Ich habe das Gefühl, da ist noch viel Luft nach oben, denn es ist schon 2019 und es gibt nicht mehr viel Zeit bis 2021. Aber ich möchte nicht nur meckern: Temeswar ist nach wie vor eine sehr schöne und attraktive Stadt. Als ich das erste Mal hier war, habe ich mich gefragt, wieso man dieses Bega-Ufer nicht ausbaut, dass man dort vernünftig spazieren oder Radfahren kann und in der Zwischenzeit wurde es gemacht. Darüber war ich sehr positiv überrascht. In der Innenstadt ist sehr viel investiert. Und natürlich ist Temeswar auch sehr lebendig, es gibt ein großes Kulturangebot. Es ist absolut toll und einzigartig, drei Staatstheater in drei verschiedenen Sprachen zu haben. Aber auch die vielen kleinen Initiativen und Engagierten, die es vor Ort gibt. Mein persönlicher Plan ist, ab Frühjahr auch die Region mehr zu entdecken.

Welche Projekte stehen in diesem Jahr an?

Unser größtes Projekt ist das Internationale Sommercamp für Jugendliche der deutschen Minderheit, eine Kooperation mit dem Goethe-Institut, dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien und der ADJ. Bei dem Sommercamp kommen Jugendliche aus mehreren Ländern zusammen. Der Austragungsort rotiert zwischen Polen, Tschechien und Rumänien und dieses Jahr ist Rumänien an der Reihe. Das Treffen wird in [umuleu Ciuc veranstaltet. Im Moment laufen die Ausschreibungen für die Deutschlehrkräfte und Workshopleiter. Wir freuen uns über viele kreative Ideen und Bewerbungen!

Das ifa hat im vergangenen Herbst eine internationale Jugendkonferenz veranstaltet und eines der Feedbacks von den Teilnehmern war, dass sie es wertschätzen, Kontakt zu anderen deutschen Minderheiten zu haben. Das möchten wir fördern und Anschlussprojekte anbieten.

Und wie schon erwähnt, soll das Projekt meiner Vorgängerin „InterKultural“ weitergeführt werden. Ebenso geht es darum, einen Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr zu entwickeln.

Neben all dem stehen natürlich auch die vielfältigen Projekte der Kulturmanager an, z. B. Lesereihen mit deutschsprachigen Autoren, Workshops zur Vermittlung von Medienkompetenzen oder alternative Stadtführungen und Erkundungsapps in deutscher Sprache. Projekte, die die Organisationen der deutschen Minderheit als zivilgesellschaftliche Akteure stärken, sollen gefördert werden, so wie wir es beispielsweise mit den Hermannstädter Gesprächen bereits tun. Dialog und Wertevermittlung stehen für uns im Zentrum. Und ich freue mich darauf, diese Vielfalt an Ideen und Projekten zu unterstützen und zu begleiten!

 

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 02.03 2019, 14:51
Deutschland entsendet "Experten" die keine oder wenig Ahnung haben von den Gegebenheiten vor Ort.
Sie kennen meist weder die Geschichte, noch die Eigentümlichkeiten vor Ort.
Es wird so getan, als wenn da was getan wird, und die Arbeit mehr Bürokratie ist.
Im Grund aber wird nach dem Gieskannenprinzip verfahren... zufällig kommt jemand zufällig an einen Ort, wo es mal eine deutschen Minderheit gab...

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