Projektunterricht: Mehr Action im Schulalltag

Schüler machen vor, wie es im Klassenzimmer zugehen sollte

Dienstag, 08. Mai 2012

„Arbeit in Gruppen: An nur einem Nachmittag mussten die Schüler ein Projekt erarbeiten.“ Foto: Rolf Willaredt

Von einem Vorbereitungsprojekt für das deutsche Sprachdiplom zur wissenschaftlichen Diskussion über Unterrichtsmethodik: Das Projekt der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) zum Thema „Unterrichtstheater“ wurde in Mediasch mit einem Präsentationsseminar abgeschlossen. Die Fachberater Dr. Rolf Willaredt und Monika Nienaber nutzten die Veranstaltung als Plattform, um dem rumänischen Deutschunterricht neue Impulse zu geben.

Wenn Dr. Rolf Willaredt jedes Jahr in Mediasch auf die Bühne tritt, horchen über 100 Schüler und Dutzende Deutschlehrer auf. Für den Fachberater ist es inzwischen Routine. Er unterstreicht die Langlebigkeit der ZfA-Projekte, die jedes Jahr mit einem Präsentationsseminar in Mediasch abgeschlossen werden. Er betont ihre Tragweite, indem er die Herkunftsstädte der Teilnehmer kurz aufzählt: Suceava, Craiova, Jassy/Iaşi, Temeswar/Timişoara, Arad, Reschitza, Sathmar/Satu Mare, Oberwischau/Vişeu de Sus, Chişinău und viele mehr. Trotz des leichten Zahlenrückgangs in diesem Jahr steht für Dr. Willaredt fest: Die DSD-DFU-Projekte sind groß angelegte Ereignisse für Lehrer und Schüler. Für die Veranstaltungen hat sich Mediasch bereits als Mekka etabliert. Hier liegt der Sitz des Zentrums für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache. Von hier aus koordiniert Willaredt die alljährigen Projekte der ZfA. Schüler aus allen Ecken Rumäniens nehmen mehrstündige Anfahrten für die Präsentationsseminare der Projekte in Kauf. Für die Teilnahme mussten in diesem Jahr einige Gruppen „kleine Weltreisen“ unternehmen. Eine Schülergruppe aus der Republik Moldawien war 19 Stunden lang unterwegs.

Viele der teilnehmenden Schulen fallen gar nicht in den Zuständigkeitsbereich von Dr. Rolf Willaredt, der seit 2005 als Fachberater der Zentralstelle für das Auslandschulwesen nur für Nord- und Westrumänien zuständig ist. Zwei weitere Kollegen betreuen die anderen Regionen des Landes. Zum ersten Mal seit sieben Jahren konzipierte Rolf Willaredt das DSD-DFU-Projekt in Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Monika Nienaber aus Bukarest, die erst seit 2011 in Rumänien ist. Vom Sprachniveau her waren die Schüler gemischt: Von Muttersprachlern aus Traditionsschulen wie das Nikolaus-Lenau-Lyzeum bis hin zu Fremdsprachlern aus Gebieten, wo die deutsche Minderheit kaum bis gar nicht vertreten ist.

Das Sprachdiplom im Vordergrund

Oft verhalten sich die Schüler eher wie passive Mitruderer. Ein Schlagwort genügt jedoch, um ihre Teilnahme – und für manche die weite Anreise – zu rechtfertigen: das deutsche Sprachdiplom. Wer das Sprachzertifikat in der Tasche hat, hat einen leichteren Einstieg an deutschen Universitäten. Die meisten der teilnehmenden Schüler, oft handverlesen von ihren Lehrern, streben ein Auslandsstudium an. Durch die Projekte können sie sich auf die Anforderungen der Sprachdiplomprüfung vorbereiten.

Für die Begleitlehrer sind die ZfA-Projekte pädagogische Fortbildungen, Prüfsteine für ihre Kompetenz als Deutschlehrer und wichtig für den späteren Karriereaufstieg.

Dr. Rolf Willaredt stellt alle diese Punkte in den Vordergrund. Dennoch gibt es ein weiteres Thema, das im Hintergrund die Gemüter bewegt. Es geht um die wissenschaftliche Erprobung einer lang anhaltenden pädagogischen Debatte: die Gegenüberstellung zweier Lehrmethoden, deren Effizienz im Vergleich getestet wird. Der Fachberater erweist sich dabei als Fürsprecher für den Projektunterricht als Alternative zum klassischen Frontalunterricht. Auch das Bildungsministerium zeigt sich inzwischen an alternativen Unterrichtsmethoden interessiert. Zumindest augenscheinlich, meint der Fachberater, der die Projektwoche „Schule anders“ als gescheitertes Beispiel bezeichnet. Die Schweigsamkeit des Publikums, bestehend aus Lehrkräften und Schülern, untermauert seine Einschätzung.

Ohnehin wird in Mediasch seit über fünf Jahren praktiziert, was das Ministerium erst jetzt ansatzweise anstrebt. Und dies in nur einem Bruchteil der Zeit, nämlich in den zweitägigen Projekten, die während des Präsentationsseminars durchgeführt werden. Für Dr. Rolf Willaredt sind diese jährlichen Seminare längst eine feste Institution.

Rollenspiel statt Theater

Das diesjährige Arbeitsthema „Unterrichtstheater“ hat an Schüler und Lehrkräfte neue Anforderungen gestellt. Diesmal ging es weniger um die kreative Bearbeitung eines Themas als um die Gestaltung des Arbeitsprozess selbst. Die Wie-Frage also sollten die Schüler beantworten. Mit Theater im eigentlichen Sinne hat dies wenig zu tun, was jedoch offenbar missverstanden wurde. Dies unterstrich das gescheiterte Projektergebnis einer Schülergruppe aus Sathmar, die ein lupenreines Theaterstück vorstellte, das schnell zum Publikumsrenner avancierte. Prompt folgte allerdings die Frage: Wo ist der Unterrichtsstoff? Mit Klassenunterricht hatte es wenig zu tun und wirkte bei dem Projekt fehl am Platz. Auch andere Gruppen stellten vorwiegend ihre Arbeitsergebnisse vor. Gefragt war statt dessen die Methodik der Erarbeitung. Der Begriff „Theater“ hatte wohl für Verwirrung gesorgt. Tatsächlich handelt es sich bei Unterrichtstheater um ein Rollenspiel, das in Pädagogik und Psychotherapie Anwendung findet. Das wurde schließlich im Rahmen der zweitägigen Vorstellung der Projektergebnisse und den daraus resultierenden Gesprächen klargestellt.

Ziel war eine Definierung und Redefinierung des Lehrermodells. Dadurch, dass Schüler sich die Rolle des Lehrers aneigneten, sollte es zu einem besseren Verständnis hinsichtlich der Lehrer-Schüler Beziehung kommen, was in den meisten Fällen auch gelang. Besonders für die anwesenden Lehrkräfte waren viele Vorstellungen Augenöffner. So spielte eine Schülerin aus Arad eine autoritäre Lehrerin, die sich nur mit viel Gebrüll durchsetzen kann. Sie meint wohl, nur so motivieren zu können, erklärte sie nach der Vorführung die Einstellung der karikierten Figur. Der Fachberater wurde besonders von dem Film einer Gruppe aus Oberwischau angesprochen, der einen bestimmten Lehrertyp darstellte. Es spräche Bände, wie der fiktive Lehrer seine Stunde abhielt: stets mit dem Rücken zur Klasse, endlos an der Tafel schreibend, bis darauf kein Platz mehr ist. Ein Paradebeispiel für den klassischen Frontalunterricht, dem es oft misslingt, die Schüler zu motivieren. Auch Dr. Willaredts Kollegin Monika Nienaber zog aus den Präsentationen der Schüler den Rückschluss, man wünsche sich allgemein mehr Action. Dafür müsse man als Lehrer den Mut aufbringen, „Kontrolle abzugeben“, rät Dr. Willaredt. Gerade das fällt vielen Lehrern schwer. Hinzu kommt die „Sucht“ einiger Lehrer nach „guten Ergebnissen“. Die Fachberater hingegen empfehlen Mut zum Fehlermachen: „Durchhalten, auch wenn man scheitert“.

Produktive Unruhe

Den Unterschied zwischen einem Projekt, das eigenständig von Schülern erarbeitet wurde, und einem, wo der Lehrer selbst den kleinsten Ablauf kontrollierte, erkannte man sofort. Der Drang, alles richtig zu machen, wirkte bei vielen der teilnehmenden Lehrkräfte geradezu zwanghaft.

Das wurde auch bei der Gruppenarbeit der Lehrer ersichtlich. Eine von drei Gruppen bestand ausschließlich aus DSD-Lehrkräften. Mit dem Werbeslogan des deutschen Lebensmittelherstellers „Du darfst“ trafen sie den Nagel auf den Kopf, was die Lehrermentalität belangt: „Ich will so bleiben, wie ich will.“
Gerade dagegen möchten Rolf Willaredt und Monika Nienaber ein Zeichen setzen. Es geht auch anders, predigt der Fachberater seit Jahren und erbringt den Beweis. Schüler können selbstständig Leistungen erbringen, der Lehrer muss aus dem Mittelpunkt rücken und auch andere zu Wort kommen lassen. „Wissen Sie, wie viele Fragen ein Lehrer in einer normalen Unterrichtsstunde stellt?“ fragt der Fachberater. Im Durchschnitt müssten es zwischen 10 und 15 Fragen sein. Die Realität sieht anders aus: „Über 150 Fragen in nur einer Stunde.“ Und das müsste man dann noch mit sechs bis sieben Unterrichtsstunden täglich multiplizieren. Der Schüler geht mit mehr Fragen nach Hause als mit Antworten.

„Es wird gesagt: Schulleiter wollen Ruhe im Haus und Lehrer wollen Ruhe im Klassenzimmer“, zitiert Dr. Willaredt. „Man müsse sich aber darauf einlassen, dass es auch eine produktive Unruhe geben kann.“

 

Anmerkung der Redaktion: Der Fachberater Dr. Rolf Willaredt wurde hinsichtlich seiner Stellung zur Projektwoche „Schule anders“ vom Redakteur fälschlich zitiert. Dr. Willaredt geht in der folgenden Erklärung auf seine Auffassung über das Projekt des Bildungsministerium näher ein:

 

„Vielmehr meine ich, dass die nationale Projektwoche „Schule anders“ eine Gelegenheit bietet, eigenverantwortliches, themenorientiertes und fächerübergreifendes Arbeiten der Schüler/-innen aller Altersgruppen zu ermöglichen. In vielen Schulen wurde dies auch vorbildlich umgesetzt. Um ein Gelingen auf breiterer Basis zu erreichen, müssten jedoch im Vorfeld Fortbildungen zielgerichtet auf eine Unterrichtsgestaltung für eine solche Projektwoche erfolgen. Bei der DaM-Olympiade in Reschitza habe ich darauf hingewiesen, dass in pädagogischer und schulorganisatorischer Hinsicht bedacht werden sollte, ob die Olympiaden in die Woche „Schule anders“ richtig platziert sind. Es fehlen nämlich wegen der Teilnahme an den Olympiaden die erfahrenen Lehrkräfte ausgerechnet dann in den Schulen, wenn das Gelingen der komplizierten Schulorganisation und Unterrichtsgestaltung in einer Projektwoche besonders herausfordernd ist.“

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