Quo vadis, Journalist?

Dienstag, 18. September 2012

Foto: sxc.hu

Ich wollte als Jugendlicher die Welt verändern, und zwar mit jedem gedruckten Wort aufs Papier. Heute vermisse ich meine naiven Schulartikel, in denen sich viel zu viele Adjektive und viel zu wenig Fakten finden. Es mag sein, dass die Artikel im professionellen Gewerbe nicht durchgehen würden. Dafür aber hatten sie Attitüde. Ich setzte mir ganz arrogant und selbstbewusst den Stempel „Journalist“ auf und schrieb dann einfach los, nach Gefühl. Meinungen wurden ausgedrückt, Standpunkte wurden vertreten. 

Inzwischen werden große Kämpfe gefochten, nur um einen Beistrich zu retten. Meine Waffe, die Sprache, stumpft ab. Das spüre ich in der alltäglichen Arbeit: Man klammert sich verzweifelt an den Duden fest, während man allmählich erblindet. Es mag an der Routine liegen, weil man kaum jeden Tag originell sein kann und muss. Doch als Minderheiten-Journalist muss man oft auch die Aufgaben eines Übersetzers erfüllen und gerade hier scheint das größte Problem zu liegen. Ich muss mir oft die Frage stellen, wie „Direcţia de Investigare a Infracţiunilor de Criminalitate Organizată şi Terorism“ auf Deutsch heißen könnte. Wenn man ständig zwischen mehreren Sprachen wechseln muss, dann verliert man irgendwann das Gefühl für beide. Früher hätte ich problemlos deutsche Ausdrücke aus dem Ärmel gezaubert. Heute muss ich spekulieren, ob es den Ausdruck auf Deutsch überhaupt gibt oder ob es eine rumänische Übersetzung ist.

Die Rettung der deutschen Sprache in Rumänien wird zunehmend zum Problem. Denn sie wird immer seltener gesprochen. Sie kämpft gestrandet um ihr Überleben. Doch kann sie sich durch die deutschen Schulen und die deutschen Medien überhaupt noch in Sicherheit wiegen? Sind wir ihre Retter? Oder sind wir mit dem sinkenden Schiff untergegangen?

Jedes Mal wenn ich einen Artikel von mir nach der Korrektur durchlese und ich die Sprachfehler erkenne, bin ich über zwei Sachen enttäuscht: Wieso konnte mir der Fehler unterlaufen und wieso habe ich ihn nicht bemerkt.
Wir leiden wirklich an einer Form von Identitätslosigkeit. Zum Teil auch weil wir unsere Leser nicht mehr wirklich kennen. Oft habe ich das Gefühl, dass ich für mich selbst schreibe. Der Kontakt zur Leserschaft fehlt. Weil wir sie nicht kennen, fehlt auch eine thematische Richtung.

Wir können nicht alle zufriedenstellen und wir können auch nicht von einer völlig vagen Zielgruppe sprechen. Ich kann mir meinen Leser nicht vorstellen: Ist er alt, jung, Mann, Frau, Deutscher, Rumäne oder beides? Diese Frage müsste man sich dauernd stellen und gleichzeitig müsste man sich über seine eigene Arbeit als Journalist und in unserem Fall Übersetzer/Sprachenretter Gedanken machen. Was möchte und was muss ich sein? Nicht nur die eigenen Fähigkeiten müssen gestärkt werden, sondern auch das Bewusstsein für unsere Aufgabe. Auch wenn es schwer ist, müsste man nur eine Antwort auf die Frage „Quo vadis, Journalist?“ haben.

Kommentare zu diesem Artikel

Szand, 25.09 2012, 11:37
Das ist nicht nur in einstigen deutschen Sprachinselgebieten Rumäniens so in denen es sich ausgeinselt hat.

Die deutsche Sprache ist überall außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebietes als Umgangssprache von Menschen unter 40 bis 60 und mehr (je nach "Insel") verschwunden. Sie teilt dort das Schicksal kleiner und kleinster europäischer Sprachen wie - um einen Zusammenhang mit dem rumänischen (südosteuropäischen vulgärlateinischen) Sprachgebiet herzustellen - z.B. der istrorumänischen.

Die Sache geht jedoch viel weiter und es zeigt sich, dass auch die meisten deutschen Dialekte sehr stark in den Hintergrund bis hin zum Verschwinden gepresst werden.

Geht man von der - zugegeben sehr romantischen - Ansicht aus, dass Deutsch die Summe der deutschen Dialekte darstellt und die Schriftsprache eben nur des leichteren Verstehens wegen zwischen den unterschiedlichen deutschen Dialektsprechern Sinn macht dann sieht der so Denkende den Bestand der deutschen Sprache als solcher gefährdet.

Dies umso mehr als ganz offenkundig ist, dass bereits so gut wie überall im deutschen Sprachraum jedes zweite zur Stabilhaltung der deutschsprachigen Population erforderliche Kind aus deutschfamiliensprachigen Familien fehlt. Die Substitution dieses Fehlbestandes durch nichtdeutschfamiliensprachige Zuwandererkinder ist sicher überaus problematisch und wird auf Sicht möglicher Weise zu einer Veränderung der deutschen Sprache führen können. In 50 Jahren werden das schon wissen ...

In Zusammenhang mit einer sehr starken Überfrachtung des deutschen Wortschatzes durch angelsächsische Ausdrücke die zu Missverständnissen und damit verbunden zu einem "Präzisionsverlust" der deutschen Sprache führen kann die Sache als überaus bedenklich verstanden werden ...
Raimar Wagner, 19.09 2012, 11:01
Halb so schlimm. Habe mir diese Fragen auch gestellt. Man kann es auch anders sehen: Es ist schön zwischen den Sprachen zu "spielen". Es ist eben so, manchmal ist man der Erste, der irgendeine neue rum. gegründete Institution übersetzen muss. Dann bist eben Du der Autor der Quelle auf die sich ab nun alle Übersetzer und Kollegen beziehen werden....Patzer sind unvermeidbar, man sollte es eben mit Humor nehmen können.
Ich hab mich auch mal gefragt, wer meine Artikel überhaupt liest....bis ich bei irgndeinem Fest mich mal vorstelle und jemand sagte: Ach Sie sind der wr. Es gefallen mir Ihre Kommentare, Sie müssten öfters mal schreiben....Es hattte mir als Antwort auf meine Frage gereicht. Die Zeit bei der ADZ gilt auch heute noch für mich als eine der schönsten.

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