Quo vadis Kronstadt?

DWK-Tagung zu fehlenden Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt

Dienstag, 28. November 2017

DWK-Vizevorsitzender Cristian Popescu, Botschafter Cord Meier-Klodt, DWK-Vorsitzender Werner Braun, AHK-Vorsitzender Dragoş Anastasiu und Dragoş Pîslaru (v.l.n.r.) bei der Tagung in Kronstadt.
Foto: Ralf Sudrigian

Vor gut einem Jahrzehnt hieß es noch, Kronstadt sei attraktiv für ausländische (insbesondere deutsche) Investoren, weil es dort gut ausgebildete Facharbeiter gebe, manche von ihnen mit Deutschkenntnissen. Die Zeiten haben sich geändert: Die Facharbeiter aus den inzwischen verschwundenen sozialistischen Großbetrieben haben Kronstadt verlassen oder sind in Rente gegangen; neue Berufe sind gefragt, für die sich zu wenige Arbeitnehmer ein- oder umschulen lassen. Es muss leider von einer Personalkrise auf dem Arbeitsmarkt gesprochen werden, deren Folgen auch in Kronstadt immer deutlicher und schmerzlicher zu spüren sind. Das Problem ist erkannt und benannt – nun sind Lösungen gefragt.

Der Deutsche Wirtschaftsklub Kronstadt (DWK) hatte Mitte November nicht nur sein 10. Gründungsjubiläum festlich begangen, sondern zu diesem Anlass auch zu einer Tagung zum Thema „Personalkrise am Arbeitsmarkt“ in das Kronwell-Hotel eingeladen. Mit ihrem Titel „Quo vadis Kronstadt“ sollte ein Signal gesetzt und gezeigt werden, wie wichtig eine schnelle und richtige Lösung dieser Frage für die Wirtschaft und somit für die Zukunft Kronstadts ist.

Mit dem früheren Arbeitsminister des Cioloş-Kabinetts, dem Wirtschaftsanalysten Dragoş Pîslaru als Keynote Speaker, dem Vorsitzenden der AHK Rumänien, Dragoş Anastasiu, mit Regierungsberater Stelian Fedorca sowie dem deutschen Botschafter in Bukarest Cord Meier-Klodt als Ehrengast, hatte der DWK Personen eingeladen, die sich aus verschiedenen Perspektiven (Wirtschaft, Politik, Investoren, Bildungswesen) zu den angesprochenen Fragen äußerten. Alle unterstrichen die Verdienste, die dem DWK  durch die Gründung der ersten dualen Fachschule nach deutschem Modell in Rumänien zukommen.

Seitens des DWK stellten dessen Vertreter (z.B. der Vorsitzende Werner Braun und der stellvertretende Vorsitzende, der Generaldirektor von „Stabilus“, Cristian Popescu) klar, dass der Mangel an Fachkräften ein Problem sei, das nicht mehr ignoriert werden könne. Die Nachfrage sei da, das entsprechende Angebot leider nicht. Eine der Folgen beschrieb Popescu sehr plastisch: Früher suchten sich die Firmen ihre Mitarbeiter aus; jetzt scheint es umgekehrt zu sein. Die Arbeitgeber müssen sich mehr bemühen, junge Leute zu finden, die sie nachträglich einschulen und auch an sich binden wollen. Es entstehen dabei neue Kosten durch Anwerbung, Ausbildung und Entlohnung des Personals. Bei letzterem Punkt überbieten sich inzwischen die Arbeitgeber mit zusätzlichen Sonderangeboten (z.B. eigener Kindergarten der Firma, warmes kostenloses Mittagessen, Fitness-Abo) und unkontrollierten, einseitigen Lohnsteigerungen, ohne dass die Arbeitnehmer über zusätzliches Fachwissen verfügen. Es sei inzwischen auch nicht so leicht, gute Fachkräfte zu behalten, vor allem wenn es sich um junge Leute handle, die sich in Kronstadt auch niederlassen wollen. Als Einsteiger in die Berufslaufbahn können sich diese selten eigene Wohnungen oder hohe Mieten leisten, gab Popescu zu bedenken.

Kronstadt, so der Tenor der Tagung, könnte gut eine zweite duale Fachschule gebrauchen. Wenn diese auch über ein eigenes Internat verfüge (z.B. mit einer Unterkunftskapazität von 300 Plätzen), könnten leichter Schüler von außerhalb Kronstadts herangezogen werden. Der DWK könne aus eigenen Kräften jedoch nicht alles selbst bestreiten und sei auf Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden und/oder mit dem Unterrichtsministerium angewiesen. Werner Braun schlug vor, in den Industrieparks mehr als nur zu vermietende Hallen mit oder ohne die nötige Infrastruktur anzubieten. So könnten hier auch Berufsschulen und Heime errichtet werden, wie dies in Großwardein/Oradea oder im Kreis Kronstadt bei Electroprecizia Săcele der Fall ist. Der DWK-Vorsitzende weiß aus eigener Erfahrung, dass potenzielle Investoren gleich aufmerksamer ein Angebot prüfen, wenn auch die Existenz einer Berufsschule erwähnt wird.

In Bukarest wolle man dem dualen Ausbildungsmodell künftig mehr Aufmerksamkeit widmen, versicherte Regierungsberater Stelian Fedorca. Er stellte die Gründung einer Landesbehörde für berufliche Grundausbildung nach dualem Modell in nächster Zukunft in Aussicht. Das sind sicher gute Nachrichten, aber in Kronstadt will man sich wohl nicht nur auf solche Versprechen verlassen, sondern auch vor Ort etwas für die Lösung dieser Personalkrise unternehmen. In diesem Sinne schlug der DWK vor, eine Arbeitsgruppe zu gründen, in der gemeinsam Lösungen gefunden und umgesetzt werden sollen.

Denn zur Zeit sind auch die im DWK eingeschriebenen Unternehmen mit den von der Regierung initiierten Änderungen betreffend der Steuerpolitik voll beschäftigt. Diese seien ohne vorherige Absprache mit den Arbeitgeberverbänden getroffen worden und sorgen für Ärger und Unsicherheit. AHK-Präsident Dragoş Anastasiu sprach in diesem Zusammenhang von einer Schadensbegrenzung, die nun im Eiltempo betrieben werden müsse, „nachdem der Zug bereits abgefahren ist“. Die AHK will mit den deutschen Wirtschaftsklubs in Zukunft besser zusammenarbeiten, um mit einer stärkeren Stimme in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Zur Personalkrise sagte Anastasiu, dass dieses Problem gleich mehrere Facetten aufweise: Es sei sowohl eine Frage der Quantität als auch der Qualität der Arbeitskraft, wobei auch an deren Einstellung oder Mentalität manches zu verbessern sei.

Botschafter Meier-Klodt bezeichnete den DWK als einen der aktivsten Wirtschaftsklubs des Landes, dessen Initiative zur Gründung der dualen Fachschule ihn landesweit zu einem Vorreiter und Beispiel von Best Practice auftreten lasse. Der nächste Schritt sei, dieses Modell auf Landesebene zu übertragen. Duale Ausbildung sorge für Stabilität und diese sei nun, zusammen mit Vorhersehbarkeit und Transparenz, eine Voraussetzung, um das so notwendige Vertrauen „in das, was kommt“ zu sichern.

Eine komplexe Analyse der Faktoren, die zur Personalkrise geführt haben sowie Mittel und Methoden zu ihrer Überwindung lieferte Dragoş Pîslaru. Einleitend zu seiner Ansprache, die er als „persönliche Überlegungen“ bezeichnete, vermerkte er, dass diese Krise keine Überraschung bedeuten sollte. Pîslaru wies auch daraufhin, dass die duale Ausbildung nicht alles heilen könne, wie zum Beispiel strukturelle Probleme der rumänischen Gesellschaft. Er ging mit Zahlenbeispielen auf die nicht genutzten Ressourcen am Arbeitsmarkt ein, auf die Rolle der Familie (von ihr könne man erwarten, den Kindern manche Kompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität, Teamgeist zu vermitteln), auf die Rolle der Kommunen. Eine Gemeinschaft müsse sich selber ihrer Probleme bewusst werden, deren Mitglieder müssen gegenseitig mehr Solidarität und Empathie aufbringen. Marginalisierung komme die Gesellschaft teuer zu stehen; jeder solle seine Chance erhalten und wahrnehmen können. Selbstverständlich setzte das voraus, dass die Schule, die Fortbildung, einen entsprechenden Stellenwert erhält und nicht, wie bei manchen Entscheidungsträgern noch als Kostenfaktor und nicht als Investition betrachtet wird.

„Quo vadis Kronstadt“ war eine gelungene und willkommene Tagung auf der, wie anfangs von Werner Braun auf einer Pressekonferenz angekündigt, der Akzent auf die Benennung von Problemen und das Identifizieren von Lösungsvarianten gesetzt wurde, nicht jedoch auf Klagen und Anklagen.

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