Quo vadis, Rumänien?

Eine Radiografie der rumänischen Gesellschaft über die letzten fünf Jahre

Dienstag, 21. Februar 2012

Die Statistik zum Schlüsselfaktor Optimismus (drei Alterskategorien, Rumänien und Bulgarien im Vergleich) zeigt, dass der stärkste Einbruch für die rumänische Jugend zwischen 2008 und 2010 stattfand, gefolgt von Oszillationsbewegungen als Indikator für möglichen sozialen Aufruhr.
Bildquelle: Prof. Dumitru Sandu

Rumänien belegt im Vergleich mit anderen EU-Ländern ein paar nachdenklich stimmende Spitzenplätze: Umfragen zufolge haben wir die meisten Jugendlichen zwischen 15 und 29 Jahren, die sich bereits um ihre Gesundheit sorgen, sind das Volk mit dem geringsten Vertrauen in die eigene Regierung und verzeichnen seit drei Jahren den stärksten Rückgang an Optimismus. Was Zufriedenheit im Leben allgemein betrifft, aber auch speziell auf die finanzielle Situation bezogen,  landet Rumänien zusammen mit Griechenland auf dem – immerhin – vorletzten Platz. „Das Land entwickelt sich in die falsche Richtung“, das meinen gar 70 Prozent aller befragten Rumänen. Nach Griechenland, dem Spitzenreiter mit 82 Prozent, und Slowenien mit 74 Prozent bringt uns dies den wenig ehrenwerten dritten Platz unter den 27 EU-Ländern ein. Ist dies der Grund für die Demonstrationen vom Januar 2012? Warum gibt es so wenig Hoffnung in einem Land mit so viel Potenzial? Quo vadis, Rumänien – und wie kann man das Steuer ohne gewaltsame Kollisionen sanft in eine andere Richtung lenken?

Ein paar Denkanstöße zu diesen Fragen lieferte der Bukarester Soziologieprofessor Dumitru Sandu anlässlich der Konferenz „Rumänien in der EU. Fünf Jahre seit dem Beitritt” (ADZ, 9.2.2012: „Gürtel enger schnallen reicht nicht“) in  Form einer Radiografie der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen in Rumänien in den letzten fünf Jahren. Die zugrunde liegenden Daten entstammen dem Eurobarometer Standard vom Herbst 2006 bis zum Frühling 2011. In der Gesellschaft brodelt es schon lange, gibt der Soziologe in Bezug auf die öffentlichen Unmutsbekundungen Anfang des Jahres zu verstehen, nur achtet man zu wenig auf die Alarmzeichen. Zwar seien Prognosen über mögliche Reaktionen in der Zukunft schwierig, doch gibt es eine Reihe von Schlüsselfaktoren, deren Analyse die aktuellen Geschehnisse zumindest im Nachhinein verstehen helfen.

Rumänen mit Auslandserfahrung sind kritischer

Vor allem vier Faktoren haben die Stimmung der Rumänen in den letzten Jahren entscheidend beeinflusst: Erstens der EU-Beitritt mit anfangs hohem Hoffnungspotenzial, das jedoch 2008 dramatisch abnahm. Zweitens die Wirtschaftskrise, die sich in Westeuropa seit 2008 und hier vor allem seit 2009 bemerkbar machte. Drittens die politische Instabilität, und viertens, als einer der stärksten und unvorhersehbarsten Einflussfaktoren auf die Gesellschaft, der Zugang zu Auslandserfahrung. Seit viele Rumänen im Ausland arbeiten oder über dort lebende Familienmitglieder Zugang zu dieser Erfahrung haben, hat sich unter diesen eine spürbar kritischere Haltung entwickelt. Die im Ausland aus Solidarität parallel stattgefundenen Proteste im Januar 2012 zeigen zudem, dass es keine zweigeteilte rumänische Gesellschaft gibt. Es existiert kein Bruch zwischen der rumänischen Gesellschaft in der Fremde und der in Rumänien. In Anbetracht der Tatsache, dass derzeit fast drei Millionen Rumänen im Ausland leben, die hier Freunde und Angehörige haben, darf dieser Einfluss nicht unterschätzt werden. Es gibt zum Beispiel seriöse Daten, die zeigen, dass in Kreisen mit Zugang zur Auslandserfahrung anders gewählt wird.

Optimismus als Schlüsselfaktor für Reformbereitschaft

Wichtige soziale Barometer sind Optimismus und Zufriedenheit. Optimismus ist der Schlüsselfaktor, der anzeigt, wie bereit die Bevölkerung ist, sich einzubringen. Reformen oder Kapitalismus kann man nicht mit einer Gesellschaft machen, die nicht an die Zukunft glaubt. Seit 2008 ist jedoch der Grad an Optimismus in Rumänien von 44 Prozent auf 20 Prozent gefallen – und dies, obwohl die Rumänen historisch als Volk der Optimisten gelten! Rumänien ähnelt in dieser Tendenz übrigens eher den südlichen Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland und Italien als den ehemaligen Ostblock-Mitgliedstaaten. Was die Zufriedenheit betrifft, so nahm diese 2010 stark ab, mit einer leichten Erholungstendenz gegen Jahresende, dann folgt wieder ein Fall in der ersten Hälfte 2011. Ein solcher statistischer Zickzack-Kurs sei ein wichtiger Indikator für Unruhepotenzial, so Professor Sandu. Ein sozialer Seismograf für die Eruptionen, die  Anfang 2012 folgten.

Anspruch auf Lebensstandard steigt mit Bildungsgrad

Interessant ist auch, dass es in Rumänien eine gegenläufige Entwicklung zu der in den alten EU-Ländern gibt, wo die Tendenz gilt, „je höher die Bildung, desto geringer die Sorge über Preissteigerungen“. In Rumänien ist es genau umgekehrt: Mit dem Bildungsgrad steigt die Besorgnis über die Entwicklung der Preise. Daten zeigen jedoch, dass dies nicht, wie man anfangs vermuten könnte, an der schlechteren Bezahlung intellektueller Berufe liegt, sondern an mit dem Bildungsgrad steigenden Erwartungen an den Lebensstandard. Wer mehr vom Leben erwartet, sorgt sich darum, wie er dies finanzieren soll. Hier aber kommt essentiell die Auslandserfahrung ins Spiel, denn wer einmal mit einem höheren Lebensstandard konfrontiert war, hat dieselben Ansprüche auch zuhause. So erklärt sich, dass wird weder 2008, als die Krise im Ausland begann und die Arbeitsplätze weniger wurden, noch 2009 mit einem signifikanten Rückkehrerstrom zu tun hatten. Wer im Ausland arbeitslos wurde, kehrte nicht zurück, sondern versuchte, lieber dort einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Viele vertraten die Meinung, lieber in der Fremde unter schwierigen Bedingungen weiterschuften und „leiden“, aber wenigstens bei einem hohen Gehalt. Diejenigen hingegen, die mit Geld zurückkehrten, um in Rumänien ein Geschäft zu gründen, sahen sich mit der Situation unzureichend funktionierender Infrastruktur, mangelnder Transparenz wegen Korruption und schlechten Gewinnchancen konfrontiert. Und doch würden die meisten Rumänen, so die Statistik, bei der Aussicht auf ein vernünftiges Gehalt und funktionierende Behörden lieber heute als morgen zurückkommen...

Warum die Gesundheitsreform Wellen schlug

Es lohnt auch, einen Blick auf die Probleme mit dem Gesundheitssystem zu werfen: Die Sorge um die Gesundheit steht in der EU insgesamt an dritter Stelle, hinter der Sorge um die Preisentwicklung und die zur Einkommenssituation. Anfang 2011 waren 27 Prozent aller befragten Rumänen um ihren Gesundheitszustand besorgt, im alten Europa hingegen nur 15 Prozent der Bevölkerung. Und nun die Überraschung: Seit 2010 läuft die Kurve „Sorge um die Gesundheit“ in Rumänien ebenfalls im Zickzack! Es ist daher wohl kein Zufall, dass sich der Unmut der Bevölkerung auch zum Thema Gesundheitsreform stark entlud. Als unglücklich kritisiert Professor Sandu auch das im Zusammenhang mit der Gesundheitsreform häufig verwendete Schlüsselwort „Privatisierung“, das  in einem von Armut, Korruption und Arbeitsplatzproblemen geprägten Land automatisch eine negative Perzeption erhält. Die Bevölkerung hat ein ausgeprägt sensibles Gespür für in den Medien wiederholte Schlüsselbegriffe und reagiert stets prompt darauf. Hinzu kommt, dass während in Westeuropa das Vertrauen in die eigene Regierung im Vergleich zu Institutionen der EU zunimmt, in Rumänien das krasse Gegenteil der Fall ist – und dies mit steigender Tendenz. Wie hoch kann schon die Bereitschaft der Gesellschaft für Reformen sein, wenn diese von einem als nicht vertrauenswürdig erachteten Initiator kommen?

Druck von unten durch mündige Bürger

Ausdrücklich positiv interpretiert der Soziologe jedoch die Tatsache, dass die öffentlichen Unzufriedenheitsbekundungen im Januar 2012 weitgehend friedlich vonstatten gingen. Gewaltfreie Demonstrationen, so Professor Sandu,  seien ein Zeichen für das Erwachen des kritischen Denkens – ein essentieller Ausgangspunkt für tiefgreifende Veränderungen. Denn mit einer zunehmend kritischen Haltung der Bürger wächst die Bereitschaft, positiven Druck  zur Beseitigung  gewisser Missstände auszuüben. Die Unzufriedenheiten an sich seien schon lange sichtbar gewesen, beklagt der Wissenschaftler, nur hätte man sie bisher nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn offen diskutiert. Anstatt den Bürger in seiner Meinungsbildung mit Informationen zu unterstützen, seien von politischer Seite vor allem simple Losungen bedient und in den Medien wiedergegeben worden.

Quo vadis, Rumänien? Wohin wird das Steuerrad sich drehen? Die Zukunft des Landes, so scheint es, hängt also nicht nur davon ab, was die Regierung von oben verordnet. Der Druck von unten, aus der Basis einer mündigen Gesellschaft, scheint mindestens ebenso wichtig zu sein, um nachhaltige Veränderungen einzuleiten. Eine Herausforderung auch für die Medien, die Meinungsbildung mit Fakten und Informationen zu unterstützen. Und die wichtigste Erkenntnis aus der Präsentation? Der Schlüsselfaktor zur Reformbereitschaft ist – Optimismus.

Kommentare zu diesem Artikel

Irma, 23.02 2012, 12:14
In der Tat findet man unter den einfachen rumänischen Menschen sehr viel mehr Gelassenheit und Freude, weil sie nicht an sozialem Aufstieg interessiert sind. Es gab früher eine Tendenz gerade diese einfachen Menschen für den 'Nachholbedarf' Rumäniens verantwortlich zu machen. Erst in letzter Zeit gibt es eher eine Einsicht, dass die einfache Lebenskunst noch immer der Anker des Volkes ist.

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