Radeln, Rudern und Reiten in Gottes weiter Natur

Ökotourismus - ein neuer Trend zu umweltfreundlichem Aktivurlaub in Rumänien

Freitag, 23. März 2012

Auf dem Rücken der Pferde die Natur entdecken
Foto: Parcul Naţional Călimani

Mit dem Mountainbike durch die Bergwelt „reiten“
Foto: Victor Muşat

Das „Canotca“ ist eine Erfindung von Ivan Patzaichin zur umweltfreundlichen Entdeckung der Wasserwelt
Foto: Rowmania

Auf Schusters Rappen in den Frühling - hier in Moeciu
Foto: My Romania

Rumänien ist das Land mit einer der größten Population an Bären, Wölfen und Luchsen auf diesem Kontinent. Das Land mit der größten Vielfalt an biogeografischen Formationen und den besterhaltenen lokalen Traditionen in ganz Europa. Reiter aus aller Welt schwärmen, dass man hier stundenlang durch die Landschaft galoppieren kann, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Wanderer sind begeistert von der wildromantischen Natur und den unberührten Bergkämmen. Im Delta gleitet man mit dem Ruderboot sanft durch zweigeverhangene Kanäle, bis man auf den endlosen silbernen See stößt, wo Pelikankolonien auf schwimmenden Schilfinseln in der Sonne hocken. Rumänien ist das Land mit dem größten Potenzial für Ökotourismus in Europa. Doch es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Ein Wettlauf gegen knallbunte Protzvillen, Ungetüme aus Stahl und Glas, die neben authentischen Holzhäuschen in der Maramuresch aufragen. Ein Wettlauf gegen knatternde Motorboote, mit Touristen, die in einem Tag das ganze, weite Delta sehen wollen und am Abend mit einem Kofferraum voller Fisch in die Stadt zurückkehren.

Für die lokalen Bewohner bleibt nichts von solchen Stippvisiten. Außer den Plastikflaschen und Ölpfützchen, die vor armseligen Fischerhütten auf der Wasseroberfläche dümpeln. Heimische Naturschutzorganisationen kämpfen schon lange um das Naturerbe dieses wunderschönen Landes. Die paar wirklich traditionellen Pensionen leiden unter dem Lärm der Quads und dem Müll in der Umgebung. Wirte schütteln den Kopf, wenn der ausländische Gast Țuica statt Whisky verlangt, und die Tomaten kommen oft notgedrungen vom Großmarkt statt vom Bauern. Nur wenige wissen, was Ökotourismusüberhaupt bedeutet. Und wer sich des Potenzials für Ökotourismus in Rumänien bewusst ist, leidet unter der mangelnden Infrastruktur. Die Infrastruktur aber krankt am fehlenden Bewusstsein - ein fataler Teufelskreis.

Ein Lichtblick am Horizont

Noch ist es nicht zu spät, auch wenn die Zeituhr tickt, meint Andrei Blumer, Leiter der „Asociaţie de Ecoturism din Romania” (AER), einer partnerschaftlichen Dachorganisation für Tourismus-Anbieter und Naturschutz-NGOs, mit dem gemeinsamen Ziel der Entwicklung einer nachhaltigen Infrastruktur für Ökotourismus bei minimalem Eingriff in das lokale Umfeld. Das bedeutet, möglichst wenig Beeinflussung der Lebensweise der Dorfbewohner, ihrer traditionellen Beschäftigungen, des lokalen architektonischen Stils oder der Art der Grundstücksnutzung in der Region.

Es bedeutet aber auch Bevorzugung der örtlichen Produkte, Nutzung der Dienstleistungen Einheimischer und Förderung lokaler Kleinunternehmen. Also Käse, Eier und Tomaten vom Nachbarn und nicht glanzverpackt aus dem Kaufhaus. Eines der wichtigsten Anliegen ist die Bewahrung  des nationalen Natur- und Kulturerbes und die Schaffung eines Bewusstseins für Naturschutz, sowohl in der lokalen Bevölkerung, als auch unter den Touristen.

Dieses Wertekonglomerat definiert den wesentlichen Unterschied zwischen „ökologischem Tourismus” und echtem Ökotourismus, erklärt AER Manager Bogdan Papuc aus Kronstadt/Braşov: Ökologischer Tourismus interessiert sich nur für die Auswirkung auf die Umwelt und kann überall betrieben werden. Beim Ökotourismus hingegen stehen Outdoor-Aktivitäten im Vordergrund, bei denen Mensch und Natur eine Synergie eingehen – und die Schaffung einer geeigneten Infrastruktur. Genau das also, was Rumänien bitter nötig hat, denn die Nachfrage nach Ferien in der Natur ist groß, vor allem aus dem Ausland. Für einen einzelnen Unternehmer jedoch ein unmögliches Unterfangen.

Gewinnkonzept für alle

AER promoviert diese Ziele landesweit, berät, macht auf Missstände und Erziehungsbedarf aufmerksam, holt rechtliche Informationen ein und wirbt gleichgesinnte Akteure in den für Ökotourismus geeigneten Regionen, doch die konkrete Umsetzung erfolgt mithilfe lokaler Kooperateure. Dies können dort ansässige Naturschutzorganisationen sein, oder interessierte Kleinunternehmen, die Verpflegung, Unterkünfte, diverse Freizeitaktivitäten, Führungen, Souvenirs und vieles mehr anbieten.

Die Idee, die erst langsam zu greifen beginnt, entstand vor fast einem Jahrzehnt auf der Basis eines erfolgreichen lokalen Projektes in Zărneşti. Im Rahmen des dortigen Raubtier-Forschungsprojektes reisten innerhalb von  fünf Jahren über 100 ausländische Gruppen an, um in der Region nördlich des Königsteins Wölfe und Bären  zu beobachten. Wenn diese Art Tourismus in einem Städtchen, fernab der üblichen Pfade, mit einer Arbeitslosenrate von über 40 Prozent und massiven sozialen Problemen möglich ist, so dachten die Gründer damals, dann funktioniert sie auch anderswo. So begann die Suche nach Gleichgesinnten, bis 2003 unter der Ägide des AER die Marke „Descoperă  Eco-Romania” (entdecke Öko-Rumänien)  lanciert wurde. Der heulende Wolf im Logo erinnert an das Anfangsprojekt.

Doch noch waren  nicht alle Hürden beseitigt. Ein Problem bestand darin, im eigenen Land Interesse zu wecken. Denn der typische Ökotourist kommt nicht aus Rumänien, und Werbung im Ausland können sich die meisten Anbieter nicht leisten. Wie überzeugt man den Pensionswirt, sein strohgedecktes Holzhaus nicht in eine Villa mit Pool, Disco und ATV-Park zu verwandeln, wenn er sieht, wie die des Nachbarn sich mit Gästen füllt, während er leer ausgeht?

Denn statistischen Erhebungen zufolge bevorzugen Rumänen immer noch Hotelkomfort und passiven Urlaub, Ausländer hingegen suchen Traditionelles, einfache Unterkünfte und sind an Aktivurlaub interessiert.  Wichtig für sie ist allerdings, dass der Service stimmt. Eine der Aufgaben des Dachverbandes besteht also darin, Rumänien als Öko-Urlaubsziel im Ausland bekannt zu machen. Damit erschließt sich für Mitglieder ein kolossaler Vorteil, weil kleine Pensionen oder Reiterhöfe damit Zugang zu ausländischen Kunden bekommen. Andererseits entsteht gleichzeitig der Bedarf an einem System, das flächendeckend einen gewissen Standard garantiert.

Öko-Qualitätssiegel

So wurde 2006 ein Zertifizierungssystem in Betrieb genommen, das kleine Touroperatoren und Pensionen mit maximal 25 Zimmern mit dem Qualitätsgarantie-Label für Ökotourismus „ECO-certified Romania” auszeichnet. Die Registrierung erfolgt auf freiwilliger Basis. Für die Einleitung der Prozedur füllt der Interessent ein Formular zur Selbsteinschätznug auf der Webseite www.eco-romania.ro aus, wonach eine kostenlose Beratung erfolgt, auf deren Basis der Kandidat entscheiden kann, ob er sich dem Qualitätstest unterziehen möchte. Dieser kostet 180 Euro zur Abdeckung der Spesen und Unkosten, die bei der Anreise eines unabhängigen Prüfers anfallen. Nach Abschluss der Prüfung tritt eine Kommission zusammen, die über die Verleihung des Zertifikates für eineinhalb oder drei Jahre entscheidet.

Kultverdächtiger Freizeitspaß

Einer der Hauptunterschiede zwischen AER und anderen Ruraltourismus-Netzwerken liegt darin, dass AER-Mitglieder nicht nur Unterkünfte und Verpflegung anbieten, sondern mit dem Öko-Gedanken kompatible Freizeitaktivitäten -  Rudern und Birdwatching im Donaudelta, Reiten im Apuseni-Gebirge, Radfahren  im Kockelgebiet /Târnava Mare oder die Bärensafari im Königstein-Gebiet. Das gesamte Spektrum umfasst Radsport, Reiten, Wassersport, Alpin- und Skilanglauf, Schneeschuh-Wandern, Eisklettern, Beobachtung von Wildtieren und Vögeln, Naturwanderungen, Fotoexkursionen, Höhlenerkundungen, gastronomische Aktivitäten und Kulturtourismus.

Unterstützte Regionen sind bisher das Dornaland mit dem Călimani Nationalpark, Haţeg mit Dinosaurier-Geopark und Retezat, die Gegend um die Törzburg mit den Nationalparks Königstein und Bucegi, der Nationalpark des Măcingebirges im Norden der Dobrudscha und natürlich das Donaudelta. Dazu gehört auch die Entwicklung von Karten- und Informationsmaterial.

In Partnerschaft mit Zenith-Maps wurden daher eigens „Discover Eco-Romania” Karten entwickelt, die sich durch Aktualität, Präzision (GPS-Messungen), Wetterfestigkeit dank Spezialbeschichtung und einen Mini-Reiseführer auf der Rückseite auszeichnen. Eine nationale Arbeitsgruppe erschließt ständig neue Gebiete, legt Wander-, Rad- und Reitpfade an oder arbeitet geführte Themenpfade durch Nationalparks und Ruderboot-Routen durch das Delta aus.

Auch wenn es vielleicht noch ein bisschen dauert, Ökotourismus ist kultverdächtig! Sicher werden auch bald die einheimischen Urlauber vom Outdoorvergnügen angesteckt. Das Beste aber: den Vergnügungspark hierfür muss man nicht erst schaffen, nur ein wenig pflegen. Er heißt - Rumänien!

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