Radfahren in der Stadt

Kronstädter Radfahrer werden selbstbewusster

Sonntag, 01. Dezember 2013

Die „Kritische Masse“ bildet sich vor dem Bürgermeisteramt auf der ersten Radfahrerbahn in Kronstadt.

Keine gute Lösung: Radweg am Gehsteig in der Bahnhofgegend.

Robert Lazar – ein Vorreiter für Kronstädter Radfahrer-Interessen.

Radfahrer werden zu Konzertbesuchern bei „Musica Barcensis“ in Honigberg.
Fotos: www.brasovulpedaleaza.ro

„Radfahren macht uns Spaß. Wenn es möglich wäre, würden wir möglichst viele Angelegenheiten radfahrend erledigen. Wir sind fast ständig auf zwei Rädern unterwegs. So sparen wir Geld, das ansonsten für den Sprit gedacht wäre. Wir halten die Luft rein und, vor allem, uns gesund.“

Diese Begrüßung kann man auf der Webseite des Kronstädter Vereins „Braşovul pedalează“ lesen, ein Verein, der seit gut zwei Jahren besteht. Von dort und aus Gesprächen mit dem Vereinsvorsitzenden Robert Lazar erfahre ich, wer diese Radfahrer sind und was sie für sich in Kronstadt/Braşov wünschen.

Wurde die kritische Masse erreicht?

Die „Kritische Masse“ in Sachen Radfahren – das ist der harte Kern der Radfahrer, der sich regelmäßig an jedem letzten Freitag im Monat vor dem Kronstädter Rathaus trifft, um auf einer vorher festgelegten Tour durch die Stadt zu fahren. Es sind so um die 150 Personen. Manchmal mehr, manchmal weniger, was von den Wetterbedingungen abhängt. In den Wintermonaten wird Pause gemacht. Die „Kritische Masse“ ist seit 2007 in Kronstadts Stadtbild präsent. Die Radfahrer wollen für rund eineinhalb Stunden als kompakte Gruppe im Stadtverkehr auftauchen, um als gleichberechtigte Verkehrspartner von den anderen Verkehrsteilnehmern und von den Behörden der Stadtverwaltung wahrgenommen zu werden.

Mit ihrem zweirädrigen Protestmarsch wollen sie nicht den Verkehr stören oder ein Hupkonzert provozieren – sie wollen zeigen, dass sie da sind, dass sie dazugehören. Niemand soll sie übersehen. Dasselbe verfolgen übrigens auch ihre Kollegen in anderen rumänischen Städten wie Bukarest, Jassy/Iaşi, Klausenburg/Cluj-Napoca, Temeswar/Timişoara, Arad, Neumarkt/Târgu Mureş, oder in anderen Ländern. Denn die „Kritische Masse“ gibt es seit dem 25. September 1992, als in San Francisco erstmals diese unkonventionelle, aber friedliche und umweltfreundliche Form einer Massendemonstration zustande kam.

Der junge Robert Lazar (25), der selbst auch einen Pkw fährt, glaubt, dass diese kritische Masse in Kronstadt erreicht wurde, dass also die Radfahrer etwas bewegen können. Allerdings halten sich die Veranstalter des Bummelzugs durch die Stadt auch an die Spielregeln, die sich nicht nur auf Verkehrsregeln beschränken. Die rund 13 Kilometer lange Strecke muss rechtzeitig mitgeteilt werden, um auch von den Behörden bewilligt zu werden. Flankiert wird der Radfahrerpulk von zwei Polizeiwagen. Bisher gab es keine ernsten Zwischenfälle.

Allerdings war das nicht immer so selbstverständlich. Die Webseite der Kronstädter Radfahrer erinnert an einen Radfahrerzug der „kritischen Masse“, der 2008 von Polizisten gestoppt wurde, damit die Radler sich ausweisen. Damit sollten wohl solche Veranstaltungen gestoppt und ihre Teilnehmer eingeschüchtert werden. So etwas ist nicht gelungen, denn etwas später gaben die Stadtväter persönlich grünes Licht fürs Radfahren. Der damalige und gegenwärtige Bürgermeister George Scripcaru, sein damaliger Vize Miklos Gantz und der Pressesprecher schwangen sich höchstpersönlich in den Fahrradsattel und traten in die Pedale, als Teil der „kritischen Masse“. Da hatte wohl auch der letzte Verkehrspolizist mitbekommen, dass Radfahrer nicht verscheucht werden sollen und dass auch ihnen ein Stück Fahrbahn zusteht.

Wer sind die Radfahrer und wie viele gibt es?

Lazar kann keine Zahlen nennen. Eine Zählung nahm man sich vor im Verein, dessen Stärke in der großen Zahl der Sympathisanten steckt. Es kam aber letztendlich noch nicht dazu. Auch zu einer Schätzung lässt sich der für einen lokalen Fernsehsender arbeitende Amateur-Radfahrer nicht überreden. Das sei schwierig, denn es gebe auch Personen, die zwei Fahrräder besitzen, lautet eines seiner Argumente. Und da fällt mir auf: Was soll man eigentlich zählen? Die Fahrradbesitzer, die Zahl der Drahtesel oder vielleicht all jene Personen, die im Stande sind, sich ohne Motor auf zwei Rädern fortzubewegen, selbst wenn sie kein eigenes solches Vehikel besitzen? Für Robert und seine zwei Kollegen im Vorstand (Alexandru Solomon – Vize, Cristian Stasisin – Sekretär) wäre es aber gut, eine möglichst große, doch reelle Radfahrerzahl nennen zu können. Denn es wäre ein stichhaltiges Argument, um für eigene Projekte zu werben, Geldmittel zu beantragen, bei den Behörden vorzusprechen.

Ein mit einer Zählung verbundener Vorschlag wäre die Einführung von Nummernschildern an den Fahrrädern. Der Verein könnte das zunächst mit seinen eigenen Mitgliedern durchführen und neben der eigentlichen Nummer auch das Vereinslogo (ein radelnder Bär) anbringen und damit gleichzeitig Eigenwerbung machen. Zumindest so hieß es  im Diskussionsforum, wo es aber – das muss man nicht verschweigen –  auch Meinungen gibt, die sich gegen eine Registrierung aussprechen. Wahrscheinlich hat das etwas mit dem Freiheitsgefühl des Einzelnen zu tun. Registrierte Fahrräder, wobei auch die gestanzte Seriennummer am Fahrradrahmen festgehalten wird, könnte hingegen mehr Sicherheit gegen Diebstahl bedeuten, glaubt Lazar. Ab und zu verschwindet ein Fahrrad, was allerdings kein Massenphänomen sei.

Die eigentlich nebensächliche Frage der Fahrradsicherheit bringt uns zum Problem der Fahrradständer, wo die Fahrräder geparkt werden. So viele gibt es davon in Kronstadt noch nicht – aber ein Anfang wurde gemacht, selbst vor dem Bürgermeisteramt. Wir wissen auch von einer diesbezüglichen Initiative des Mathelehrers Mihai Pârvulescu, der einen Ständer vor oder neben dem Honteruslyzeum haben wollte, für jene Schüler, die mit dem Fahrrad zu Schule kommen. Robert Lazar nennt ein Mut machendes Beispiel: Als er 2007 beim Eintragen des Vereins mit seinem Fahrrad am Parkplatz des Amtsgerichtes ankam, durfte er es dort nicht abstellen, weil das der Wächter nicht zuließ und weil es auch keine eigens dafür vorgesehene Stelle gab. Also appellierte Lazar an die klassische Methode: einen Baum oder eine Mülltonne suchen und das Fahrrad daran anketten. Damals war es eine Mülltonne – heute ist es ein Fahrradständer.

Ob die Radfahrer eher zu den älteren Semester gehören oder doch nicht nur junggeblieben sondern wirklich jung sind? Lazars und meine Feststellungen widersprechen sich nicht: Die Jugend ist etwas besser vertreten. Die Zahl der Radfahrer steigt, vor allem jener, die mit Mountainbikes am Wochenende nicht nur auf Asphaltwegen unterwegs sind. Das sind vor allem junge Familien mit ihren Kindern und Kleinkindern. Das sei sehr gut so, freut sich Lazar. Die Kleinen gewöhnen sich an Bewegung, freie Luft und Natur, wachsen gesund auf und werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch später dem Fahrrad und dem Radfahren treu bleiben. Aber: Manche junge Leute interessieren sich eher für teure, aufgemotzte Wagen, nicht fürs banale Zweirad. Letzteres kostet aber, wenn es ein verhältnismäßig gutes Modell sein soll, auch als Gebrauchtware an die 1000-1200 Lei. Ist das viel? Lazar, der Chauffeur, rechnet vor: fünf-sechsmal den Pkw volltanken kostet genau so viel. Und ist ungesunder – für die Umwelt und den Pkw-Eigentümer.

Was wollen die Radler noch?

Vor allem wollen sie eine Vernetzung der bestehenden Radwege. In Kronstadt gibt es rund neun Kilometer Radwege. Rechnet man auch die Gegenrichtung hinzu, kommt man auf 16 Kilometer. Nicht alle sind in einwandfreiem Zustand. Der Radfahrerweg gehöre auf die Fahrbahn und nicht auf den Gehsteig, wo man mit Fußgängern kollidieren kann, äußert Robert Lazar seine persönliche Meinung. Überhöhte Kanaldeckel oder Kanalgitter in Fahrtrichtung sind manchmal gefährliche Fallen, parkende Wägen störende Hindernisse. Der erste, mehr demonstrative Radweg auf dem breiten Gehsteig entlang des Zentralparks und vor dem Bürgermeisteramt wurde inzwischen ergänzt, durch ebensolche auf der Carierei-Straße, auf dem Saturn-Boulevard, auf der Maniu-Straße, auf der Băilor-Straße im Schei-Viertel, im Tractorul-Viertel. Architekt Rareş Drăgoiu arbeitet an einem Konzept für ein fahrrad-freundliches Kronstadt, so wie er es in vielen westeuropäischen Großstädten kennenlernen konnte.

Die Downhill-Fahrer würden sich Sonderbusse zur Schulerau wünschen, um von dort leichter mehrere Abfahrten durchzuführen. Der öffentlichen Verkehrsregie scheint so etwas eher ein Verlustgeschäft zu sein. Außerhalb Kronstadts sollen Radwege abseits der vielbefahrenen Straßen entstehen, z.B. in Richtung Neustadt/Cristian und Rosenau/Râşnov und, warum nicht, bis zu „Draculas Schloss“ in Törzburg/Bran. Da will auch das Kronstädter Deutsche Forum mithelfen und eventuell Knowhow aus Deutschland vermitteln. Die „Kritische Masse“ ist übrigens an einem Sommer-Freitag aus der Stadt in die Provinz – und zwar nach Honigberg – entwichen. Steffen Schlandt hatte den Vorschlag gemacht und Robert Lazar, der auch als „Kirchenburg-Botschafter“ unter den Kronstädter Radfahrern gelten könnte, war sofort davon begeistert. So kam es, dass zum Eröffnungskonzert der Musica-Barcensis-Reihe in der Honigberger Kirche auch ein Radfahrerpublikum anwesend war, das die Kombination Radfahren-Orgelmusikhören (oder Protest und Besinnliches?) gar nicht als Widerspruch empfand, sondern im Gegenteil, als gelungene Ergänzung.

Die Radfahrer würden sich gegenseitig auch Hilfe leisten. So gibt es Überlegungen, alte oder nicht gebrauchte Fahrräder jenen zu spenden, die sich kein eigenes Rad leisten können. Wenn sie dann bei der Reparatur mithelfen, kommt es zu einer engeren persönlichen Bindung mit dem fremden Fahrrad. Und ein eigenes Fahrrad zu haben ist wohl besser, als mit einem gemieteten unterwegs zu sein, wobei gesagt werden muss, dass vor allem für Studenten günstige Fahrrad-Verleihstellen in Kronstadt eingerichtet wurden. Eine eigene Service-Stelle und Ersatzteilbörse gibt es vorläufig nur als Entwurf und Vorschlag in den Diskussionen auf www.brasovulpedaleaza.ro

Was die Kronstädter Radfahrer nicht wollen, ist als politische Manövermasse betrachtet zu werden. Derartige Versuche habe es schon gegeben, sagt Robert Lazar. Da haben wohl manche inzwischen begriffen, dass die Radliebhaber recht zahlreich und über soziale, berufliche sowie Altersgrenzen hinweg zu finden sind. Die meisten Radler haben aber nicht nur einen gesunden Körper, sondern auch einen gesunden Verstand. Sie begrüßen es, wenn per Fahrrad auch Wahlwerbung gemacht wird (wie es das Forum bereits in Hermannstadt und Kronstadt getan hat). Aber sie wollen unabhängig bleiben – wie ein Fahrrad, das ohne Sprit und Motor auskommt und selbst auf holprigen Wegen vorankommt.

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