Radiografie der rumänischen Grafikerszene

Nationale Grafikausstellung in Bukarest

Freitag, 16. November 2012

Iuri Isar: „Memories From the Immediate Reality“

Ein behaartes Gesicht, mit Stacheln übersät, der Mund zum Schrei geöffnet... Dann weiße Galaxien auf tiefschwarzem Grund, Engelslocken und Spiralen, ein paar hingehauchte Sternbilder. Der nackte Rücken eines Mannes, mit Seilen gefesselt, seine Haut wird zur Landschaft. Furchen, Falten, Fingerabdrücke, dazwischen ein gezielt platzierter Farbklecks.

Alles ist erlaubt, wenn es um Grafik geht – sogar der Computer, „auch wenn diese Technik hierzulande immer noch schüchtern angewandt wird“, bemerkt Grafikkünstler Ioan Cuciurcă auf der Vernissage der zweiten nationalen Ausstellung von „Grafica Românească 2012“, die noch bis zum 3. Dezember in den Galerien Simeza und Căminul Artei zu sehen ist. Rumänische Künstler aus 20 Städten sind vertreten – Bukarest, Klausenburg/Cluj, Konstanza, Deva, Miercurea Ciuc, ja sogar Lugosch und Oberwischau/Vişeu de Sus –, aber auch aus Deutschland, Italien, Mazedonien.

Dieses Jahr sind es 30 Aussteller mehr als im Vorjahr, die ihrer Kreativität in völlig unterschiedlichen Stilen freien Lauf lassen. Es gibt kein vorgegebenes Thema, keine festgelegte Technik. Realismus, abstrakte Kunst, Expressionismus... eine Radiografie der rumänischen Grafikerszene.

Auch wenn Kunst so alt ist wie die Menschheit, die in der Höhlenmalerei ihre erste Ausdrucksform fand, gilt die Grafik in Rumänien immer noch als Stiefkind der bildenden Künste, beklagt Kunstkritiker Dr. Adrian-Silvan Ionescu. „Kaum jemand legt sein Vermögen in Grafiken an, die der Ausdrucksstärke von Öl auf Leinwand von vornherein nachstehen.“ Grafik kann winzig sein, das Material oft ganz einfach. Ein Stück Papier mit Tusche. Bunte Schnipsel, aufgeklebt. Wie Gedankenfragmente, die der Künstler nur anreißt. Durch sein Werk wirft er sie dem Betrachter zu: Hier, fang!

„Es ist nur ein Traum in einem größeren“, steht unter einem Bild von Dragoş Ioan Pătraşcu. Ein alter Mann hält einen Rahmen, in der Mitte ein winziges, offenes Fenster. Schlicht und schwarz-weiß fesselt „Arbore II“ von Constantin Răducan: Ein Baum, dessen ätherische Zweige mal in den Himmel zerfließen, mal sich verknäueln, verdichten, zu fester Materie kondensieren. Grafiken fangen Ideen ein, die die Dimension der Sprache verlassen haben – doch ohne die Augen in einem Feuerwerk an Farben zu blenden. Im Schatten der Malerei stehend, vielleicht – und  dennoch einen Blick wert.

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