Rapunzel oder Umweltschutz mal umgekehrt

Donnerstag, 05. Oktober 2017

Bloß das einzige Biosphärenreservat Rumäniens, das Donaudelta, verfügt über größere unter Schutz gestellte Flächen als das Banater Bergland. Nur 38 der 77 Ortschaften des Banater Berglands haben keine unter Naturschutz gestellten Flächen, was auch heißt, dass für 39 Ortschaften allerhand Entwicklungsrestriktionen geltend gemacht werden. Nicht mit eingerechnet sind dabei die Ur- und Quasi-Urwälder des Banater Berglands, die selten ins Verwaltungsgebiet einer Ortschaft, sondern in der Regel in die Verantwortung der staatlichen Forstbehörde Romsilva fallen.

Allerdings kommen noch die Gebiete hinzu, die – wie der Bergstock des }arcu im Norden oder der grenzüberschreitende rumänisch-serbische Naturpark Eisernes Tor I/Djerdapp sowie die vier Naturparks des Banater Berglands – einen eigenständigen Status im Rahmen des EU-Programms Natura 2000 haben. Infolge der Beschränkungen, die der Schutzstatus auferlegt, spricht man im Banater Bergland gern vom „schönen Rapunzel, das in seinem Turm eingemauert ist“. Von einem „Juwel, das nur durchs Schaufenster erlebt werden kann“.

Ein Ausgleich zwischen Naturschutz und Wirtschaftsentwicklung – und sei es auch bloß durch den seit 25 Jahren heraufbeschworenen Massentourismus – ist in Südwestrumänien bislang noch nicht gefunden worden. So sind die Naturschutzgebiete vorwiegend Restriktionsgebiete und die Kommunen fühlen sich in ihren Entwicklungsmöglichkeiten durch Schutzgebiete eher beengt als gefördert. Das Vorhandensein großflächiger Naturschutzgebiete bewirkt, dass sowohl der Kreisrat, als auch die Kommunen diese nicht vorbehaltlos gutheißen. Auf alle Fälle haben sie sich – auch durch lückenhafte Gesetzgebung und rechtliche Freiräume, die als Interpretationssache gehandhabt werden – zur Entwicklungsbehinderung entwickelt. Oder werden als solche empfunden.

Fakt ist, dass in der Praxis jede Wirtschaftsinitiative in geschützten Arealen unweigerlich Zusatzerklärungen und zusätzliche Genehmigungen sowie Zusatzverpflichtungen des vom Initiativgeist Erfassten erforderlich macht, weil sich die Schutzgebietsverantwortlichen in solchen Fällen mangels klarer Gesetzgebung doppelt und dreifach absichern.
Wen soll´s dann wundern, dass der Verwaltungskreis Karasch-Severin heute nur noch mit 0,25 Prozent zum Brutto-Inlandsprodukt beiträgt – wobei seit den Lohnerhöhungen im Gesundheitswesen das Notfallkrankenhaus in Reschitza zum größten Beitragszahler des Banater Berglands wurde, durch die hier zurückbehaltene Lohnsteuer – und dass das Banater Bergland ein Verwaltungsgebiet wurde, wo ein massiver Bevölkerungsschwund stattfindet? Fakt ist, dass zu den Argumenten junger Leute, die aus dem Banater Bergland abwandern, auch jenes gehört, sie suchten sich Siedlungsgebiete aus, wo Initiativen weniger Restriktionen unterworfen sind.

Währenddessen wird verstärkt an der Schrumpfung der Schutzgebiete „gearbeitet“, nachdem alle NGOs, die sich mit Umwelt- und Naturschutz befassen, melden, dass im Banater Bergland nach wie vor gnadenlos abgeholzt wird, sodass sich bereits abzeichnet, dass der Verwaltungskreis Rumäniens mit der zweitgrößten bewaldeten Fläche diesen Ehrenrang bald abtreten muss. Andrerseits: im Nordosten des Banater Berglands soll ein Plan umgesetzt werden, aufgrund dessen ein 50.000 Hektar großes „Verwilderungsgebiet“ entstehen soll, wo menschliches Eingreifen praktisch verboten werden.

Überdenkt man diese grundsätzlich einander widersprechenden Entwicklungen, wird zumindest eines klar: Es gibt im Banater Bergland keine vernünftige, keine durchdachte Strategie, mittels derer der Reichtum an erhaltenswerten Naturschätzen mit den Chancen gegenwärtiger Entwicklungen auf allen Gebieten austariert wird.

Respekt für die Natur muss mit Respekt für die Gesellschaft einhergehen können. Nur so kann Rapunzel befreit werden.

Und heiraten.

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