Raum und Licht in Edelstahl

Constantin Lucaci-Museum in Bokschan eröffnet

Freitag, 15. Juni 2012

Constantin Lucaci liebt es, ganz nach an seinen Werken fotografiert zu werden

Der Meister wird am 7. Juli 89 Jahre alt. Physisch wirkt er zerbrechlich, kann schwer Treppen steigen, bewegt sich langsam. Vorsichtig. Geistig ist er rege wie eh und je. Der Herder-Preisträger auf das Jahr 1984, der nach eigenen Aussagen ein einziges Thema hat -  die Gestaltung des Raums durch Licht – und dafür konstant schwere Edelstähle benutzt, die er im Raum scheinbar schweben lässt, um durch Lichtreflexe und Spiegelungen einer perfekten Hochglanzpolitur der Plastiken den Raum und die Besucher zu vervielfältigen und zu relativieren, im Vakuum aufzulösen und neu zu schaffen, hat jüngst seiner Geburtsstadt Bokschan 17 meterhohe Metallplastiken und sieben großformatige Graphiken geschenkt.

Mit dieser Schenkung hat das Rathaus Bokschan mitten im Zentrum von Deutsch-/Montanbokschan/Bocşa Montană das „Museum Constantin Lucaci. Raum und Licht“ eröffnet. Es ist auf Anhieb zum Bezugpunkt moderner Gegenwartskunst im Banater Bergland geworden und sollte künftig aus keinem Besuchs- und Reiseprogramm im Verwaltungskreis Karasch-Severin fehlen. Denn es hat Format und Niveau.

Edel-Stahl im öffentlichen Raum

Die geballte Ladung von Metallplastiken, die schräg gegenüber dem Bokschaner Rathaus als Teil des städtischen Kulturhauses zu sehen ist (ein Posten als Museumskustos ist geschaffen worden, dieser kann aber wegen der Postensperre für öffentliche Institutionen nicht besetzt werden...), ist nicht nur raumgestaltend und –prägend, es ist auch ein Schulbeispiel für die Wirkung moderner Kunst. Auf die Ausstellung aufmerksam macht eine größere Edelstahlplastik des Meisters, die direkt an der Nationalstraße 58B Temeswar-Reschitza am Straßenrand steht. Und sich auch an dieser scheinbar abwegigen Stelle gut macht.

Denn die Edelstahlplastiken von Constantin Lucaci sind vorwiegend für den öffentlichen Raum gedacht. Lucaci`s Springbrunnen oder Plastiken im Innenhof der Nationalen Fernsehanstalt TVR sind Blickfänge – und, eigentlich befremdlicherweise, sie haben selbst zu Zeiten des sozialistischen Realismus mit ihrer abstrakt-glatten Schönheit und angestrebt-sichtbaren Perfektion der Materialbehandlung bis hin zur Suggerierung von Immaterialität weder bei Zensoren noch bei den „größten Persönlichkeiten“ der Zeit Anstoß erregt.

Hochstreben und Schweben

„Man vergleicht mich immer wieder mit Constantin Brâncuşi“, sagte Lucaci bei der Einweihung des ihm gewidmeten Museums. „Das ehrt mich, grenzt mich aber als Künstler auch ein, begrenzt mich. Denn in meinen Augen hat der Nordoltenier Brâncuşi zeitlebens damit gekämpft, seine Plastiken von der Bodenhaftung des Materiellen zu befreien, sie Höhen zuzuführen. Denken Sie an die „Erschaffung der Welt“, an die „Pasărea Măiastră“, auch ans „Fräulein Pogany“ – die haben trotz allen Höhenstrebens und der Formperfektion eine - zumindest minimale - Bodenhaftung. Kein perfektes Ei kann irgendwo stehen oder liegen, ohne eine minimale Stützfläche zu haben. Bodenkontekt. Mein Streben ist durch das verwendete Material – Chrom-, Nickel-, Molybdänstahl – gegenüber dem Streben von Brâncuşi vor allem vom verwendeten Material her bevorteilt: die Lichtreflexe und Spiegelungen, die hochglanzpolierter Edelstahl schafft. Das weitet Räume aus, vertieft sie, vervielfältigt sie. Seit ich ihn gelesen habe, fühle ich mich Einstein nahe.“

Constantin Lucaci ist in rumänisch-Bokschan/Bocşa Română geboren. Seine Kindheit war, eigenen Aussagen nach, geprägt von einer Nachbarin, die gern auf der Hausterrasse am Klavier klassische Stücke spielte (viele Kritiker sehen im Werk von Constantin Lucaci eine bis zur Intimität gehende Nähe zur Musik und deren Gesetzmäßigkeiten), vom Metallbauwerk – damals noch ein Werk für landwirtschaftliche Maschinen – und dem Geruch des industriell bearbeiteten Metalls, der die ganze Ortschaft beherrschte und von der frühen Bekanntschaft mit Tibor von Bottlik, jenem Bohémien, der die letzten 25 Jahre seines Lebens als freischaffender, bitterarmer Maler und Bildhauer in Bokschan verbracht hat und den Lucaci seinen „ersten und einzigen Lehrmeister“ nennt. Bottlik hat ihn auf Ivan Mestrojic aufmerksam gemacht – wie Bottlik entstammte dieser dem heute serbischen Banat und beide hatten Jugend- und Lehrjahre im Paris des Beginns des 20.Jahrhunderts verbracht, wo sie in der Gesellschaft eines Picasso die Kneipen und Bistros durchstreiften und sich am seinerzeitigen Künstlergetränk Absinth inspirierten.

Ewigkeit durch Kunst

Altersweise glaubt Lucaci nun, Bottliks Anregungen weiterdenkend: „Ich habe immer geschaffen, was ich gefühlt habe. Mein Werk wurde dabei, durch das Licht und die Formen, zum Wunder. Und als Wunder ist es ein Geheimnis des Universums. Und wenn es ein Geheimnis ist, dann ist es Religion. Ich habe vor niemand ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich ein tiefgläubiger orthodoxer Christ bin. Wenn mich aber die katholische Kirche als Künstler so offen aufgenommen hat, dass sie mir eigene Ausstellungsräume in einer ihrer wichtigsten Pinakotheken zur Verfügung gestellt hat – im Wallfahrtsort San Francisco di Paola, im Jahr 2007 – dann darf ich wohl - bei aller Bescheidenheit, derer ein Künstler so fähig ist - mit einiger Glaubhaftigkeit behaupten, dass mein Werk als universell angesehen werden darf. Und ich bin jenem Kardinal unendlich dankbar, der bei der Einweihung meiner Ausstellung in San Francisco di Paola meinte: indem es mir auf meine Art gelingt, das Licht in Edelstahl zu bannen, gelingt es mir, dem Augenblick Ewigkeit zu verleihen. Und Ewigkeit ist dann wieder jenes Element, das uns Menschen Gott näherbringt, ob wir nun Orthodoxe oder Katholiken oder Muslime sind! Da hat der ehrenwerte Kardinal recht!“

Freiheit und Glücklichsein

Lucaci gibt seinen Werken keine Namen/Titel. „Mein Thema ist das Universum. Namen beschränken die Interpretationsfreiheit, sie kanalisieren das Denken des Betrachters in eine einzige, vielleicht vom Künstler allein gewollte Richtung. Das will ich nicht. Kunst muss befreien, darf keinen Fokus auf Intentionen richten, darf Denkanstöße nicht eingrenzen. Nur dann ist sie frei. Die Betrachter meiner Kunst müssen frei sein, zu sehen, was sie sehen können in meinem Werk. Jeder mit seinem Wissen, jeder mit seiner Persönlichkeit, jeder mit seiner Freiheit. Kunst, wenn sie wirklich wirkliche Kunst ist, hat keine Grenzen, hat nichts mit politischen Systemen zu tun, hat nicht einmal ihre eigene Zeit. Kunst ist Ewigkeit. Zeit-los.“

Constantin Lucaci hält sich für einen glücklichen Menschen. „Wenn ich Rückschau halte, stelle ich fest, dass ich zeitlebens ein glücklicher Mensch war, denn die Kunjunkturen der Zeit waren mir immer gegenläufig. Verneint wurde ich nie, marginalisiert fast immer. Meine Kunst war immer für  die Entscheidenden unbequem. Das war während des sozialistischen Realismus` so, später im Kommunismus, sogar nach der Revolution von 1989 war es so. Mir hat das immer enorm genutzt. Das zwang mich zum Kämpfen, mich selbst zu übertreffen. So konnte ich ein Sieger werden. Und Zeitüberdauerndes schaffen. Das wieder hat mich einen Becher Ewigkeit kosten lassen.“

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